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Alkohol (Intoxikation und Abhängigkeit)

Letzte Aktualisierung: 20.3.2023

Abstracttoggle arrow icon

Die Abhängigkeit von der Substanz Ethanol ist eine Erkrankung, an der ca. 2 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Alkoholbezogene Störungen gehören zu den am häufigsten vergebenen Krankenhausdiagnosen. Die individuelle Alkoholverträglichkeit variiert stark. Für die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit beziehen die ICD- und DSM-Kriterien daher Abhängigkeitsmerkmale wie Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und die Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Alkoholkonsums mit ein. Diagnostisch können neben einer genauen Alkoholanamnese Screening-Tests wie der AUDIT oder der CAGE-Test sowie die Bestimmung von CDT und Transaminasen wegweisend sein.

Klinisch sind mehrere Krankheitsbilder auf den Konsum der toxischen Substanz zurückzuführen, die unter den Verlaufs- und Sonderformen beschrieben werden. Während die akute Intoxikation, der pathologische Rausch und die Alkoholhalluzinose durch eine vermehrte Aufnahme entstehen, ist das Entzugssyndrom mit gefürchteten Komplikationen wie einem Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens) Folge eines absinkenden Alkoholspiegels. Die zahlreichen Folgeerkrankungen (z.B. Leberzirrhose, Wernicke-Korsakow-Syndrom, periphere Polyneuropathie) führen zu einer deutlichen Einschränkung der Lebenserwartung der Patienten. Im klinischen Entzug kommt neben symptomorientierter medikamentöser Therapie mit Benzodiazepinen oder Clomethiazol der Substitution von Vitamin B1 eine wichtige Bedeutung zu. Nach dem körperlichen Entzug steht therapeutisch die postakute Langzeitentwöhnung in zugelassenen Rehabilitationseinrichtungen mit individueller Nachsorge im Vordergrund.

WHO: Global status report on alcohol and health 2014 [1]

  • Global
    • Alkohol-assoziierte Mortalität: 5,9% aller Tode, entsprechend 3,3 Millionen Menschen/Jahr
    • Große globale Varianz
      • Globale Spitzenposition Europa
        • Höchste Konsumrate
        • Höchste Rate Alkohol-assoziierter Todesfälle, jährlich ca. 74.000 Fälle
      • Niedrigste Konsumraten: Südostasiatische Region und östliche Mittelmeerregion
  • Deutschland

Häufigkeit alkoholbezogener Störungen im Krankenhaus [2]

  • Zweithäufigste Diagnose
  • Unter Männern sogar häufigste Diagnose

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit ist multifaktoriell. Vereinfachend gesagt, hängt sie vom stoffeigenen Suchtpotenzial, der individuellen Disposition (also Vulnerabilität) und der Konsummenge ab.

  • Stoffspezifisches Suchtpotenzial von Alkohol
    • Neurobiologische Anpassungsvorgänge → Toleranzentwicklung
  • Disposition
    • Allgemeine Risikofaktoren
    • Persönlichkeitsbezogene Risikofaktoren [3]
    • Genetische Risikofaktoren [5]
      • Ca. 50%
      • Multigenetischer Einfluss
    • Psychosoziale und umweltbedingte Risikofaktoren
      • Sozialer Stress
      • Dysfunktionale Familienstrukturen
      • Kritische Lebensereignisse (z.B. Missbrauch, Gewalterfahrungen)
  • Exposition

Generelles

Allgemeine körperliche Symptome

Psychische Symptome

Neurologische Symptome

Häufige psychiatrische Komorbiditäten

Die Alkoholabhängigkeit kann unterschiedliche Verlaufsformen annehmen. Dazu gehören:

Allgemein

  • Definition: Vorübergehendes Zustandsbild nach Alkoholaufnahme, das u.a. durch Störung von Bewusstsein, Kognition und Affekt geprägt ist
  • Pathophysiologie
    • Individuelle Toleranz gegenüber Alkohol, Blutalkoholkonzentrationen >5‰ sind i.d.R. letal
    • Resorption kleiner Mengen Alkohol über die Mund- und Magenschleimhaut sowie den Ösophagus, der Großteil im proximalen Dünndarm
    • Resorptionsrate abhängig von vielen Faktoren

Symptome in Abhängigkeit zur Promillekonzentration

  • Dosisabhängige biphasische Wirkung
    • Leicht (ca. 0,5–1,5‰): Stimulierende Wirkungen stehen im Vordergrund
      • Gesteigerter Antrieb, Euphorisierung (Enthemmung, Rededrang), mangelnde Kritikfähigkeit
      • Hautrötung
      • Tachykardie
      • Gang- und Standunsicherheit
    • Mittelschwer (ca. 1,5–2,5‰): Übergang von stimulierender zu zunehmend sedierender Wirkung
      • Benommenheit, evtl. amnestische Lücken
      • Übelkeit und Erbrechen
      • Zunahme der Gangunsicherheit und lallender Sprache
      • Einschränkung des Sehens und der Schalllokalisation
      • Erhebliche Reduktion von Aufmerksamkeit und Reaktion
      • Ausgeprägte Enthemmung
    • Schwer (ab ca. 2,5‰): Sedierende Wirkung mit starken Bewusstseinsstörungen

Vorgehen bei akuter Alkoholintoxikation

Aufgrund der verzögerten Resorptionszeit (ca. 40 Minuten) können alkoholisierte Patienten im Verlauf eine gefährliche Verschlechterung ihrer Vitalfunktionen entwickeln!

Verlauf

  • Beginn: Meist innerhalb weniger Stunden nach Dosisreduktion/Alkoholabstinenz [8]
  • Dauer: Ca. 3–7 Tage

Typische Alkoholentzugssymptomatik

Schweregrade der Alkoholentzugssymptomatik [10]
Schweregrad Klinische Symptomatik
Unkompliziertes Alkoholentzugssyndrom
Kompliziertes Alkoholentzugssyndrom (unvollständiges Alkoholentzugsdelir)
Delirium tremens bei Alkoholentzugsdelir

Ein zunächst unkompliziertes Alkoholentzugssyndrom kann in ein Alkoholentzugsdelir übergehen!

Diagnostik

Therapie des Alkoholentzugssyndroms [12]

Stadienunabhängige, allgemeine Therapie

Beim Alkoholentzugssyndrom sollte immer eine Thiaminsubstitution erfolgen!

Medikamentöse Empfehlungen bei Alkoholentzugssyndrom [12]

  • Nutzen
  • Indikation
    • Bei leichten Alkoholentzugssymptomen optional
    • Bei mittelschweren und schweren Entzugssymptomen oder bei Komplikationen in der Vergangenheit empfohlen
  • Symptomgesteuerte Medikationsgabe vs. festes Dosierschema: Score-Systeme dienen der Objektivierung der Schwere des Entzugssyndroms, z.B. indem Punkte für vorhandene Entzugssymptome wie Tachykardie oder Tremor vergeben werden
    • Vor- und Nachteile der symptomgesteuerten Gabe
      • Vorteile: Geringer Medikationsverbrauch, oft kürzere Behandlungsdauer
      • Nachteile: Engmaschige Überwachung und Kenntnis in Handhabung notwendig

Symptomgesteuerte Medikationsgabe anhand etablierter Score-Systeme

  • Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol Scale (CIWA-Ar)
    • Beschreibung: 10-Item-Fragebogen, der die Ausprägung typischer Symptome des Alkoholentzugssyndroms erfragt und somit die Schwere des Entzugssyndrom objektiviert
    • Durchführung
      • Durch geschulte Pflegekraft oder ärztliches Personal
      • Alle 4–8 Stunden, bis die Entzugssymptomatik mehr als 24 Stunden lang unter 8 Punkten liegt
    • Auswertung: Schweregrad des Entzugssyndroms nach Gesamtscore
    • Medikamentöse Empfehlungen: Je nach Klinikstandard [13]
  • Alkohol-Entzugssyndrom-Skala (AES)
    • Beschreibung
      • Scoring-System, das aus Symptomen vegetativer und psychischer Symptomatik zwei Teilscores errechnet, die zu einem Gesamtwert addiert werden
      • Je höher der Wert, desto ausgeprägter das Alkoholentzugssyndrom
      • Die medikamentöse Therapie orientiert sich am Punktwert
    • Durchführung
      • Durch geschulte Pflegekraft oder ärztliches Personal
      • Stündlich in den ersten 36 Stunden oder so lange Score-Wert ≥6 Punkte
      • Zweistündlich ab Score-Wert <6 Punkten
    • Auswertung
      • Teilscore „Psychische Störungen“
      • Gesamtscore (Addition beider Teilscores)
        • <6 Punkte: I.d.R. keine Medikation erforderlich
        • ≥6 Punkte: Gabe von Clomethiazol oder Diazepam oder Lorazepam bis bei stündlicher Reevaluation AES-Gesamtscore <6 Punkten liegt

Substanzklassen

Therapie des Alkoholentzugsdelirs [10][14]

Ohne Behandlung geht ein Alkoholentzugsdelir mit einer hohen Letalität einher (ca. 30%). Zudem ist der Übergang in eine Wernicke-Enzephalopathie möglich, weshalb immer eine Thiaminsubstitution (prophylaktisch) erfolgen sollte.

Allgemein

Beim Alkoholentzugsdelir sollte immer eine Thiaminsubstitution erfolgen!

Medikamentös [15]

Die nachfolgend aufgeführten Dosisempfehlungen entsprechen den Angaben der Fachinformation. In der S1-LeitlinieDelir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir“ finden sich teils abweichende Dosisempfehlungen.

Da Haloperidol die Schwelle für epileptische Anfälle senkt, ist beim Alkoholentzugsdelir die Kombination mit Benzodiazepinen oder Clomethiazol empfohlen! [8]

Allgemein

Anamnese

  • Etablierte Screeningtests
    • AUDIT: Alcohol Use Disorder Identification Test [23]
      • Von der WHO entwickelter Screening-Test
      • Ziel: Früherkennung von riskantem Alkoholkonsum
      • Kurz- und Langversion mit 10 bzw. 8 Items/Fragen
      • Dauer ca. 5–10 Minuten
      • Sehr gute psychometrische Eigenschaften [24]
    • CAGE: Einfacher Alkoholismus-Test, der der groben Orientierung dient
      • C (Cut down drinking): „Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
      • A (Annoyed): „Ärgert Sie die Kritik Ihres Umfelds an Ihrem Alkoholkonsum?
      • G (Guilty): „Empfinden Sie Schuldgefühle aufgrund ihres Trinkverhaltens?
      • E (Eye opener): „Brauchen Sie morgens nach dem Aufwachen Alkohol, um leistungsfähig zu werden?
      • Auswertung
        • Jede positiv beantwortete Frage entspricht einem Punkt
        • Zwei oder mehr Positiv-Antworten: Wahrscheinlicher Alkoholmissbrauch bzw. Alkoholabhängigkeit
        • Gemischte Evidenz bzgl. der psychometrischen Güte des Tests [25][26][27][28]

„Weniger (Cut-down) Kritik (Annoyed) ist gewiss (Guilty) ein Muntermacher (Eye opener)“

  • Alkoholanamnese
    • Konsummenge
      • Riskante tägliche Alkoholmenge nach WHO: >24 g/Tag, >12 g/Tag
        • Beispiele: Das entspricht für Frauen mehr als 0,1 L Wein oder Sekt und mehr als 0,25 L Bier oder 4 cL Schnaps pro Tag, bei Männern ist ein Konsum entsprechend ab der doppelten Menge gesundheitsgefährdend
    • Häufigkeit/Trinkmuster
      • Einstiegsalter
      • Trinkmuster: Traditionelle Typologie Alkoholabhängiger nach Jellinek
        • Alpha- und Beta-Typ (sog. „Problemtrinker“ und „Gelegenheitstrinker“): Zwar suchtgefährdet, aber noch nicht abhängig
        • Gamma-Typ: Trinkmuster variabel, viele Räusche, dazwischen kurze Abstinenzphasen
        • Delta-Typ (sog. „Spiegeltrinker“): Konstant hoher Konsum ohne häufige Räusche
        • Epsilon-Typ (sog. „Quartalstrinker“): Phasen mit exzessartigen Räuschen und starkem Kontrollverlust, dazwischen lange abstinente Intervalle
    • Vergangene Entzüge
      • Wie viele stattgehabte Entzüge? Ambulant oder (teil‑)stationär?
      • Abstinenzzeiten?
      • Stattgehabte Komplikationen wie Delir oder Krampfanfall im Entzug?
    • Motivationsstatus bzgl. aktuellem Alkoholentzug
  • Drogenanamnese
  • Komorbiditäten
    • Psychiatrisch
    • Somatisch
  • Familien- und Sozialanamnese
    • Ressourcen?
    • Risikofaktoren?

Körperliche Untersuchung

Labor

  • Labordiagnostik bei akutem Alkoholabusus
    • Ethanol in der Atemluft oder im Blut
    • Ethylglucuronid (EtG) und Ethylsulfat (EtS) im Urin
      • Ethylglucuronid und -sulfat werden meist zusammen in der Urinprobe bestimmt, um falsch-negative Befunde infolge der Aktivität bakterieller Glucuronidasen (→ Abbau von Ethylglucuronid) in besiedelten Urinproben zu vermeiden.
  • Labordiagnostik bei chronischem Alkoholabusus

Die Diagnosekriterien entsprechen den allgemeinen Kriterien des Abhängigkeitssyndroms (ICD-10) bzw. der Substanzgebrauchsstörung (DSM-5):

  • Nach ICD-10: Mind. 3 der nachfolgenden Kriterien bestehen zeitgleich über mind. 1 Monat oder wiederholt innerhalb von 12 Monaten [29]
    1. Substanzverlangen (Craving)
    2. Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren
    3. Körperliches Entzugssyndrom
    4. Toleranzentwicklung gegenüber der Substanz
    5. Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Konsums
    6. Anhaltender Substanzgebrauch trotz nachweislich schädlicher Folgen
  • Nach DSM-5 [30]: Substanzgebrauchsstörung durch Alkohol [30]
    • Kriterien: Mind. 2 der folgenden 11 Kriterien müssen innerhalb des letzten Jahres für die Diagnosestellung erfüllt worden sein
      • Kategorie „Verminderte Kontrolle“
        • Konsum von größeren Mengen und über einen längeren Zeitraum als ursprünglich beabsichtigt
        • Wunsch, den Konsum einzuschränken mit evtl. erfolglosen Versuchen
        • Hoher zeitlicher Aufwand für Beschaffung, Konsum und Erholung von der Rauschwirkung
        • Craving
      • Kategorie „Soziale Beeinträchtigung“
        • Wiederholter Konsum, der sich negativ auf wichtige Lebensbereiche wie Arbeit, Schule oder Familie auswirkt
        • Fortgeführter Konsum trotz daraus resultierender zwischenmenschlicher Probleme
        • Reduzieren oder Einstellen anderer Aufgaben und Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums
      • Kategorie „Riskanter Konsum“
        • Körperliche Schädigung/Gefährdung durch wiederholten Konsum
        • Fortgeführter Konsum trotz Vorliegen von körperlichen und psychischen Folgeschäden
      • Kategorie „Pharmakologische Aspekte“
    • Schweregradeinteilung
      • 2–3 Kriterien erfüllt: Leicht
      • 4–5 Kriterien erfüllt: Moderat
      • ≥6 Kriterien erfüllt: Schwer

Allgemeine Therapieziele

  • Primär: Abstinenz
  • Sekundär: Konsumreduktion

Mögliche Behandlungsangebote

Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

Früh- und Kurzinterventionen

  • Beschreibung: Interventionen von sehr kurzer Dauer , die auf Reduktion/Alkoholabstinenz abzielen
  • Bestandteile
    • Personalisiertes Feedback
    • Individuelle Zielfindung
    • Konkrete Ratschläge

Entgiftung

Qualifizierte Entzugsbehandlung

Hierbei handelt es sich um die Regelbehandlung der Alkoholabhängigkeit in der psychiatrischen Pflichtversorgung in Deutschland. Diese beinhaltet neben der Entgiftungsbehandlung interdisziplinäre Therapieansätze.

  • Ziel: Anlage eines Fundaments zur Abstinenz durch
    • Förderung von Problemeinsicht
    • Stärkung der Motivation zur Abstinenz
    • Vermittlung des Patienten in Nachbehandlungsangebote
  • Setting: In Deutschland i.d.R. stationär
  • Therapeutische Berufsgruppen: U.a. ärztlich, sozialdienstlich, psychologisch, ergo- und physiotherapeutisch, pflegerisch
  • Behandlungsdauer
    • I.d.R. bis zu 3 Wochen
    • Behandlungsdauer kann jedoch je nach Schweregrad, Komplikationen und Komorbiditäten variieren
  • Bausteine
    • Entgiftung
    • Einbezug/Therapie psychischer und somatischer Begleit- und Folgeerkrankungen
    • Motivationsarbeit: Bspw. gruppentherapeutische Programme, Wissensvermittlung, Rückfallprävention, Entspannung
    • Nachbehandlung: Bahnung von bzw. Vermittlung in spezifische Behandlungsangebote

Entwöhnung (Postakutbehandlung)

Die Entwöhnungsbehandlung kann als medizinische Rehabilitationsmaßnahme im Anschluss (möglichst zeitnah) an die qualifizierte Entzugsbehandlung erfolgen.

  • Ziel: Langfristige Aufrechterhaltung der Abstinenz verbessern
  • Setting: Ambulante, teilstationäre oder stationäre Angebote
    • Ambulante Angebote
      • Fach- oder Institutsambulanz einer psychiatrischen Klinik
      • Zugelassene ambulante Suchtberatungs- oder Behandlungsstellen
    • Teilstationäre Angebote: Tagesklinische psychiatrische Angebote
    • Stationäre Angebote: Anerkannte Fachkliniken zur suchtspezifischen Rehabilitation
  • Bausteine
  • Dauer: Individuell, je nach Erkrankungsstadium und Ressourcen
  • Angebotsübersicht: siehe: Tipps & Links

Adaptation

Die Adaptationsbehandlung, also der zweite Schritt der medizinischen Rehabilitation, kann Teil der Entwöhnungsbehandlung sein oder im Anschluss an selbige erfolgen.

  • Ziel: Reintegration in Beruf und Gesellschaft
  • Bausteine
    • Vorbereitung der selbstständigen Lebensführung
    • Vorbereitung der Rückkehr in den Beruf
    • Vorbereitung des Umfelds
    • Therapeutische Einzel- und Gruppentherapie
  • Zielgruppe: Insb. Patienten mit beruflicher und sozialer Desintegration

Nachbetreuung und Selbsthilfe

  • Optionen
    • Anbindung an Fachambulanzen oder Beratungsstellen
    • Allgemeine ambulante Psychotherapie
    • Selbsthilfegruppen
      • Lange Tradition und weite Verbreitung in der Behandlung der Alkoholabhängigkeit
      • Nachweisliche Verbesserung der Abstinenzdauer bei Anbindung an Selbsthilfegruppen [31]
  • Indikation: Ergänzend zu laufenden psychosozialen oder -therapeutischen Angeboten
  • Ziel: Rückfallvermeidung durch Minderung des Trinkverlangens
  • Mögliche Präparate
    • Wirkung über glutamaterges System
      • Acamprosat
    • Wirkung über opioiderges System
    • Aversions-Therapie
      • Disulfiram (in Deutschland nicht mehr zugelassen)
        • Indikation: Wenn andere Therapieformen nicht zum Erfolg geführt haben
        • Beachte
          • Bei Alkoholkonsum unter Medikation kann das resultierende Acetaldehyd-Syndrom im Extremfall zu Atemdepression, Krampfanfällen und Tod führen!
          • Differenzierte Aufklärung und Begleitung des Patienten wichtig

Bedeutung der Folgeerkrankungen bei der Alkoholabhängigkeit

Langjähriger Alkoholkonsum kann zu verschiedenen Folgeschäden in allen Organsystemen führen.

Die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit sollte immer auch die Suche nach Folgeerkrankungen einschließen! Umgekehrt sollte bei Patienten mit typischen Alkohol-Folgeerkrankungen immer ein Screening auf eine Alkoholabhängigkeit erfolgen!

Folgeerkrankungen (Auszug)

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Die Alkoholabhängigkeit stellt für die meisten Patienten eine chronische Erkrankung mit einer lebenslangen Neigung zu Rückfällen dar
  • Eine langfristige Stabilisierung erreichen ca. 40–50% der Patienten [32]

Wichtige Begrifflichkeiten

  • Alkoholabbau: Eliminationsrate
  • Resorptionsdefizit
  • Restalkohol
  • Nachtrunk

Widmark-Formel

Die Widmark-Formel wird zur Schätzung des Blutalkoholspiegels genutzt.

  • Blutalkohol (Promille, ‰) = Alkoholmenge (Gramm) / (Körpergewicht (kg) × Reduktionsfaktor)
    • Alkoholmenge (Gramm, g) = getrunkenes Volumen (mL) × (Vol.% ) × 0,8 g/mL
    • Reduktionsfaktor: = 0,7 , = 0,6
    • Beispiel: Ein Mann von 75 kg hat sechs Flaschen Bier (500 mL, 5% Alkohol) getrunken
      • Alkoholmenge = 6 × 500 mL × 5/100 × 0,8 = 120 g
      • Blutalkohol = 120 g / (75 kg × 0,7) = 2,28‰

Unter Berücksichtigung des Resorptionsdefizits und des Alkoholabbaus über die Zeit entsteht folgende modifizierte Formel.

  • Berechnung des Blutalkohols: Blutalkohol (Promille, ‰) = Alkohol (Gramm) × (1 - Resorptionsdefizit ) / (Körpergewicht × Reduktionsfaktor) − (Eliminationsrate × Anzahl der Stunden (h) seit Trinkbeginn)
    • Beispiel: Ein Mann von 75 kg hat sechs Flaschen Bier (500 mL, 5% Alkohol) über vier Stunden getrunken
      • ((120 g × 0,7) / (75 kg × 0,7)) − (0,1‰ × 4 ) = 1,2‰
  • Rückrechnung des Blutalkohols (BAK) zur Beurteilung der Schuldfähigkeit während einer Straftat: BAK zum Tatzeitpunkt = BAK aus Blutprobe (Promille, ‰) + Eliminationsrate × Anzahl der Stunden (h) zwischen Tat und Blutentnahme
    • Maximal-BAK: Eliminationsrate pro Stunde = 0,2‰ + einmaliger Sicherheitszuschlag von 0,2‰
    • Mindest-BAK: Eliminationsrate pro Stunde = 0,1‰
    • Beispiel: Eine BAK von 1,65‰ wird in der Blutprobe vier Stunden nach einer Straftat nachgewiesen. Seitdem hat der vermeintliche Straftäter keinen weiteren Alkohol konsumiert
      • Maximal-BAK zur Tatzeit: 1,65‰ + 0,2‰ × 4 + 0,2‰ = 2,65 ‰
      • Mindest-BAK zur Tatzeit: 1,65‰ + 0,1‰ × 4 = 2,05 ‰

Blutalkoholnachweis (Ethanol)

Alkoholbestimmung post mortem

Die Entnahme der Blutprobe muss stets aus der Vena femoralis erfolgen. Herznahes Blut kann durch Diffusion von Alkohol aus dem Magen das Ergebnis verfälschen.

Alkoholkonsum im Straßenverkehr

  • Grenzwerte
    • Ab 0,5‰ Blutalkohol: Führen eines Kraftfahrzeugs verboten (Ordnungswidrigkeit)
    • Ab 1,1‰ Blutalkohol: Absolute Fahruntüchtigkeit
    • Ausnahme: 0‰-Grenze für Fahranfänger und berufliche Personenbeförderung
  • Relative Fahruntüchtigkeit: Bei alkoholbedingten Symptomen, die die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen, auch unabhängig vom Alkoholspiegel

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Alkohol

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F10.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol

T51.-: Toxische Wirkung von Alkohol

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2023, DIMDI.

  1. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
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  3. S1-Leitlinie Delir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir. Stand: 5. Mai 2020. Abgerufen am: 15. Juli 2021.
  4. Behandlung thermischer Verletzungen des Erwachsenen. Stand: 1. August 2018. Abgerufen am: 25. Juni 2020.
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