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Cannabis (Intoxikation und Abhängigkeit)

Last updated: 15.1.2020

Abstract

Cannabis stellt die in Deutschland am häufigsten konsumierte illegale Droge dar. Die Hauptwirkstoffe THC und Cannabidiol werden aus der Hanfpflanze gewonnen und i.d.R. inhalativ als gedrehte Zigaretten (Joints) oder oral, z.B. in Form von Keksen (sog. Spacecookies), konsumiert. Bei etwa 1% der deutschen Bevölkerung liegt ein Cannabismissbrauch bzw. eine -abhängigkeit vor.

Cannabis besitzt eine euphorisierende und sedativ-anxiolytische Hauptwirkung. Je nach Züchtung können unterschiedlich stark ausgeprägte halluzinogene und psychotische Wirkungen hinzukommen.

In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten bei schwerkranken Patienten unter bestimmten Bedingungen möglich. Die Evidenzlage ist hier noch gering, wobei aufgrund der erleichterten Verordnung in den kommenden Jahren eine Verbesserung der Datenlage zu erwarten ist.

Epidemiologie

  • Lebenszeitprävalenz des Cannabis-Konsums [1]
    • Jugendliche (12–17 Jahre): Ca. 10%
    • Erwachsene: Ca. 35%
  • Prävalenz des regelmäßigen Konsums [1]
    • Jugendliche (12–17 Jahre): Ca. 1%
    • Erwachsene: Ca. 4%
  • Prävalenz von Missbrauch/Abhängigkeit: Ca. 1% der erwachsenen Gesamtbevölkerung [2]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Herstellungs- und Konsumformen

  • Herstellungsformen
    • Marihuana (sog. „Gras“): Getrocknete Blätter und Blüten der Hanfpflanze
    • Haschisch (sog. „Dope“, „Shit“): Harz der Blütenstände der Hanfpflanze
  • Konsumformen
    • Inhalativ: Als selbst gedrehte Zigaretten (sog. „Joints“), in Wasserpfeifen (sog. „Bongs“) oder mit Verdampfer (sog. „Vaporizer“)
    • Oral: Verarbeitung des in Öl gelösten THC, z.B. in Kuchen oder Plätzchen (sog. „Space-Cookies“)

Wirkstoffe und Wirkmechanismus

  • Wirkstoffe [2]
    • Tetrahydrocannabinol (THC): Hauptwirkstoff
    • Cannabidiol (CBD): Weiterer Wirkstoff, der die THC-Wirkung moduliert und damit für viele angenehme Effekte verantwortlich ist
  • Wirkmechanismus: Bindung an die spezifischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1, CB2 → U.a. Hemmung eines GABAergen Interneurons → Hemmung des inhibitorischen Effekts auf nachgeschaltete dopaminerge Neurone → Erhöhung der Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens des mesolimbischen Belohnungssystems [2]

Wirkungen und Nebenwirkungen

Wirkungen

  • Initial: Euphorie (oft mit sog. „Lachflashs“), Entspannung und halluzinogene Effekte
  • Im Verlauf: Passivität, Antriebshemmung und gesteigerter Appetit/Heißhungerattacken
  • Zeitlicher Ablauf
    • Inhalativer Konsum: Wirkeintritt innerhalb weniger Minuten, Wirkmaximum nach 20–30 Minuten, insg. Anhalten der Wirkung über 2–3 Stunden
    • Oraler Konsum: Wirkeintritt nach ca. 30 Minuten, Wirkmaximum nach 2–3 Stunden, insg. Anhalten der Wirkung über 3–6 Stunden

Nebenwirkungen/Komplikationen

  • Körperlich
  • Psychisch
  • Langzeitfolgen bei chronischem Konsum
    • Pulmonale Folgeerkrankungen des inhalativen Konsums
    • Erhöhtes Risiko für komorbide psychische Erkrankungen, insb.
      • Affektive Störungen [5]
      • Bei entsprechender Disposition: Auslösung schizophrener Psychosen bzw. Verschlechterung einer bestehenden Schizophrenie [6]
    • Neurotoxische Effekte mit Beeinträchtigung kognitiver Funktionen [7] [8] [9]
    • Assoziation mit geringerem Bildungserfolg (insb. frühzeitiger Schulabbruch und Arbeitslosigkeit) [10] [11]

Therapie bei Intoxikation

Cannabisabhängigkeit

Diagnosekriterien

Entzugssymptome [12] [2]

  • Häufige körperliche Symptome [4]
    • Appetit- und Gewichtsverlust
    • Schlafstörungen
    • Motorische Unruhe, Tremor
  • Häufige psychische Symptome
  • Medikamentöse Therapieoptionen

Therapie der Cannabisabhängigkeit

  • Therapieangebote
    • I.d.R. als ambulante Entzugs- und Entwöhnungstherapie
    • Teilstationäre und stationäre Entzugs- und Entwöhnungstherapien insb. bei starker Entzugssymptomatik, schwieriger sozialer Situation oder psychiatrischen Komorbiditäten sinnvoll
    • Selbsthilfegruppen
    • Internetbasierte Entwöhnungsprogramme : Siehe Tipps & Links
  • Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

Medizinische Verwendung von Cannabis

  • Voraussetzungen zur Verordnung: [13] [14] In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten bei schwer kranken Patienten unter bestimmten Bedingungen möglich
    • Verpflichtende Begleiterhebung
    • Klärung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse
    • Verschreibung im Rahmen eines BtM-Rezepts
    • Keine anderen verfügbaren Behandlungsoptionen oder
    • Andere Behandlungsoptionen sind aufgrund zu erwartender Nebenwirkungen oder im Hinblick auf den Krankheitszustand des Patienten nicht möglich
  • Verfügbare Präparate [13]
    • Getrocknete Cannabisblüten und ölige Cannabisextrakte
    • Fertigarzneien / Isolierte Einzelsubstanzen
      • Nabilon (Handelsname: Canemes®, vollsynthetisches Derivat, als Kapseln)
      • Nabiximols (Handelsname: Sativex®, Extrakt aus Cannabispflanze als Sublingualspray)
      • Dronabinol (Handelsname: Marinol®, vollsynthetisches Derivat, als Kapseln)
  • Anwendungsgebiete: z.B. [13]
  • Nebenwirkungen: z.B.
  • Kontraindikationen: z.B.
  • Evidenzlage [17] [18]
    • Geringe Evidenz für viele Indikationen
    • Verbesserung der Datenlage in den kommenden Jahren aufgrund der erleichterten Verordnung zu erwarten

Rechtsmedizinischer Nachweis

  • Urin: Je nach Konsumhäufigkeit kann die Nachweisbarkeit zwischen ca. 3 Tagen (Gelegenheitskonsum) bis zu mehreren Wochen (starker Konsum) liegen [2]
  • Blut [2]
    • Nachweis von aktivem THC ca. 12–72 h nach Konsum (je nach Konsummuster)
    • Nachweis von THC-Metaboliten bis zu mehrere Wochen (je nach Konsummuster)

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2021

F12.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide

  • F12.0: Akute Intoxikation [akuter Rausch]
    • Rausch o.n.A.
    • Trance und Besessenheitszustände bei Intoxikation mit psychotropen Substanzen
    • “Horrortrip“ (Angstreise) bei halluzinogenen Substanzen
    • Exklusive: Intoxikation im Sinne einer Vergiftung (T36-T50)
  • F12.1: Schädlicher Gebrauch
  • F12.2: Abhängigkeitssyndrom
    • Nicht näher bezeichnete Drogensucht
  • F12.3: Entzugssyndrom
  • F12.4: Entzugssyndrom mit Delir
  • F12.5: Psychotische Störung
    • Exklusive: Durch Alkohol oder psychoaktive Substanzen bedingter Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F10-F19, vierte Stelle .7)
  • F12.6: Amnestisches Syndrom
  • F12.7: Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
  • F12.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
  • F12.9: Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

T40.-: Vergiftung durch Betäubungsmittel und Psychodysleptika [Halluzinogene]

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

Quellen

  1. Budney et al.: Review of the validity and significance of cannabis withdrawal syndrome. In: The American journal of psychiatry. Band: 161, Nummer: 11, 2004, doi: 10.1176/appi.ajp.161.11.1967 . | Open in Read by QxMD p. 1967-77.
  2. Batra, Bilke-Hentsch: Praxisbuch Sucht. Thieme 2016, ISBN: 978-3-131-49202-9 .
  3. Bechara: Decision making, impulse control and loss of willpower to resist drugs: a neurocognitive perspective. In: Nature neuroscience. Band: 8, Nummer: 11, 2005, doi: 10.1038/nn1584 . | Open in Read by QxMD p. 1458-63.
  4. FAQ-Liste zum Einsatz von Cannabis in der Medizin .
  5. Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften. Stand: 9. März 2017. Abgerufen am: 22. März 2018.
  6. Andreae et al.: Inhaled Cannabis for Chronic Neuropathic Pain: A Meta-analysis of Individual Patient Data In: The Journal of Pain. Band: 16, Nummer: 12, 2015, doi: 10.1016/j.jpain.2015.07.009 . | Open in Read by QxMD p. 1221-1232.
  7. Esposito et al.: Cannabidiol in Inflammatory Bowel Diseases: A Brief Overview In: Phytotherapy Research. Band: 27, Nummer: 5, 2012, doi: 10.1002/ptr.4781 . | Open in Read by QxMD p. 633-636.
  8. Cannabis: Potential und Risiken. Eine wissenschaftliche Analyse (CaPRis) .
  9. Allan et al.: Simplified guideline for prescribing medical cannabinoids in primary care. In: Canadian family physician Medecin de famille canadien. Band: 64, Nummer: 2, 2018, p. 111-120.
  10. Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015. Rauchen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends. BZgA-Forschungsbericht. .
  11. Jouanjus et al.: Cannabis-related hospitalizations: unexpected serious events identified through hospital databases. In: British journal of clinical pharmacology. Band: 71, Nummer: 5, 2011, doi: 10.1111/j.1365-2125.2010.03897.x . | Open in Read by QxMD p. 758-65.
  12. de Graaf et al.: Early cannabis use and estimated risk of later onset of depression spells: Epidemiologic evidence from the population-based World Health Organization World Mental Health Survey Initiative. In: American journal of epidemiology. Band: 172, Nummer: 2, 2010, doi: 10.1093/aje/kwq096 . | Open in Read by QxMD p. 149-59.
  13. D'Souza et al.: Cannabinoids and Psychosis In: Current pharmaceutical design. Band: 22, Nummer: 42, 2016, doi: 10.2174/1381612822666160826105628 . | Open in Read by QxMD p. 6380-6391.
  14. Meier et al.: Persistent cannabis users show neuropsychological decline from childhood to midlife In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band: 109, Nummer: 40, 2012, doi: 10.1073/pnas.1206820109 . | Open in Read by QxMD p. E2657-E2664.
  15. Gruber et al.: Age of onset of marijuana use and executive function In: Psychology of Addictive Behaviors. Band: 26, Nummer: 3, 2012, doi: 10.1037/a0026269 . | Open in Read by QxMD p. 496-506.
  16. Fontes et al.: Cannabis use before age 15 and subsequent executive functioning In: British Journal of Psychiatry. Band: 198, Nummer: 06, 2011, doi: 10.1192/bjp.bp.110.077479 . | Open in Read by QxMD p. 442-447.
  17. Macleod et al.: Psychological and social sequelae of cannabis and other illicit drug use by young people: a systematic review of longitudinal, general population studies In: The Lancet. Band: 363, Nummer: 9421, 2004, doi: 10.1016/s0140-6736(04)16200-4 . | Open in Read by QxMD p. 1579-1588.
  18. Fergusson, Boden: Cannabis use and later life outcomes In: Addiction. Band: 103, Nummer: 6, 2008, doi: 10.1111/j.1360-0443.2008.02221.x . | Open in Read by QxMD p. 969-976.