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Multisystem Inflammatory Syndrome in Children

Letzte Aktualisierung: 8.6.2022

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Das Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS‐C) oder auch Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome temporally associated with SARS-CoV-2 (PIMS-TS) ist nach aktuellem Kenntnisstand eine postinfektiöse, hyperinflammatorische Immunreaktion, die Überschneidungen mit dem Kawasaki-Syndrom und toxischen Schocksyndromen zeigt. In der Regel äußert sich das MIS-C ca. 2–6 Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion durch anhaltendes Fieber, gastrointestinale, kardiale, pulmonale, dermatologische, renale, hämatologische und zentralnervöse Symptome. Laborchemisch zeigen sich neben erhöhten Entzündungswerten häufig erhöhte Werte für NT-proBNP und Troponin als Ausdruck einer kardialen Beteiligung. Meist lässt sich serologisch eine zurückliegende Infektion mit SARS-CoV-2 nachweisen oder aufgrund einer stattgehabten Exposition vermuten. Einige Kinder und Jugendliche entwickeln ein schweres Krankheitsbild mit Anomalien der Koronargefäße, schwerer linksventrikulärer Funktionseinschränkung und Multiorganversagen. Therapeutisch kommen je nach Krankheitsschwere Immunglobuline, Corticosteroide und ASS zum Einsatz. Bei Therapieresistenz ist der Einsatz von Biologika möglich. In vielen Fällen ist eine intensivmedizinische Betreuung mit kreislaufstabilisierenden Maßnahmen und einer maschinellen Beatmung notwendig. Überwiegend kommt es zu einer vollständigen Ausheilung, jedoch sind auch Fälle mit dauerhaften Folgeschäden und tödliche Verläufe beschrieben. Bei Erwachsenen wurde eine vergleichbare Symptomatik beobachtet, die als Multisystem Inflammatory Syndrome in Adults (MIS-A) bezeichnet wird.

Da es sich bei dem MIS-C um ein völlig neues Krankheitsbild handelt, müssen alle hier genannten Daten als vorläufig betrachtet werden!

Nach DGPI [1]

Zusätzliche Einteilung nach Überschneidungen mit dem Kawasaki-Syndrom [2]

Nach CDC [3]

  • Alter <21 Jahre
  • Fieber ≥24 h
  • Nachweis einer akuten oder zurückliegenden SARS-CoV-2 Infektion (laborchemisch oder epidemiologisch)
    • Positive RT-PCR, Serologie oder Antigen-Nachweis
    • Oder Exposition gegenüber nachgewiesenem oder vermutetem COVID-19-Fall innerhalb von 4 Wochen vor Symptombeginn
  • Laborchemischer Hinweis auf Inflammation
  • Mind. 2 beteiligte Organsysteme
  • Schlechter Allgemeinzustand mit Notwendigkeit der Hospitalisierung
  • Ohne gleichzeitiges Vorliegen anderer plausibler Diagnosen

Nach WHO [4]

In Deutschland werden alle MIS-C-Fälle durch eine zentrale Datensammlung erfasst. Voraussetzung dafür sind die Definitionskriterien der DGPI! [2]

  • Häufigkeit
    • Ca. 3–4,5/10.000 mit SARS-CoV-2 infizierten Kindern [5]
    • Deutschland: 631 Fälle [2][6][7]
    • USA: 6.431 Fälle [8]
  • Alter
    • Median ca. 8–11 Jahre [9][10][11]
  • Geschlecht
    • Jungen häufiger betroffen (in Deutschland Stand Januar 2022 ca. 64%, weltweit ca. 55%) [9][10][12]
  • Weiteres
    • In ca. 15% der Fälle Vorerkrankungen (überwiegend Trisomie 21, Adipositas, Asthma bronchiale) [2][7][12]
    • Steigende Inzidenz mit steigendem Alter (>6 Jahre) [13]
    • Überproportional hoher Anteil von Kindern aus afroamerikanischen, afrokaribischen und hispanischen bzw. lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppen [10][11][12][14]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ein großer Teil der MIS-C-Fälle tritt nach asymptomatischer Infektion mit SARS-CoV-2 auf!

Persistierendes Fieber und gastrointestinale Symptome in zeitlichem Abstand von 2–6 Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 sind die häufigsten initialen Symptome des MIS-C!

Labordiagnostik

Erregerdiagnostik

Apparative Diagnostik

Da es sich bei MIS-C um eine postinfektiöse Immunreaktion handelt, ist bei positivem Antikörpernachweis die PCR häufig negativ!

Vergleich von Symptomen und Laborwerten bei MIS-C, Kawasaki-(Schock‑)Syndrom und toxischen Schocksyndromen
Symptom MIS-C Kawasaki-Syndrom Kawasaki-Schock-Syndrom Toxische Schocksyndrome

Alter (im Durchschnitt)

Schulkinder Kleinkinder Kleinkinder Erwachsene
Arterielle Hypotonie (✓) ✓✓ ✓✓
Hautausschlag Typischerweise Erythrodermie
Schuppung
Schleimhautbeteiligung (✓) (✓)
Veränderter mentaler Status oder Enzephalopathie Selten

GI-Symptome

✓✓ Selten
Dyspnoe Selten (✓)
Myalgie
Leukozyten Neutrophilie, Lymphopenie Neutrophilie Neutrophilie Neutrophilie
Thrombozyten

↓, ↔︎ oder ↑

INR/PTT ↔︎ ↔︎ oder ↑
Fibrinogen ↓, ↔︎ oder ↑ ↔︎ ↔︎ oder ↑
D-Dimere ↔︎ ↔︎ oder ↑
ALT ↔︎ oder ↑ ↔︎ oder ↑ ↔︎ oder ↑ ↔︎ oder ↑
Kreatinin ↔︎
Troponin ↔︎ oder ↑ Unklar

NT-proBNP

↑↑ ↔︎ oder ↑ Unklar
Ferritin ↔︎ oder ↑ ↔︎ oder ↑ ↔︎
CRP ↑↑ ↑↑
Dilatation oder Aneurysmen der Koronararterien ✓✓
Ventrikuläre Dysfunktion (✓) Selten
Herzklappeninsuffizienzen ✓✓ Selten
Legende: ✓✓ (Fast) immer vorkommend, ✓ Häufig vorkommend, (✓) Gelegentlich vorkommend, — Nicht typisch, ↑ Erhöht, ↑↑ Stark erhöht, ↓ Erniedrigt, ↔︎ Normal

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Management

  • Stationäre Aufnahme, ggf. intensivmedizinische Behandlung
  • Kreislaufmanagement je nach Zustand
  • Frühzeitige interdisziplinäre Betreuung

Medikamentöse Therapie [11][23]

Immunmodulation mit Biologika bei MIS-C
Medikament Applikationsform Dosierung Dauer Besonderheiten
Körpergewicht Dosis
Anakinra s.c. 2–6 mg/kgKG alle 12 h, max. 100 mg als Einzeldosis Repetitive Gaben bis zur klinischen Besserung, dann Reduktion um 10–30% pro Tag und Absetzen ab 48–72 h nach klinischer Besserung Zulassung ab dem Alter von 8 Monaten und einem Körpergewicht von 10 kg (für die Rheumatologie)
Tocilizumab i.v. <30 kg 12 mg/kgKG Einmalgabe; ggf. Wiederholung nach 12–24 h Zulassung ab dem Alter von 2 Jahren (für die Rheumatologie; Dosierung analog Cytokine Release Syndrome)
≥30 kg 8 mg/kgKG, max. 800 mg
Infliximab i.v. 5 mg/kgKG 1× pro Woche i.v. über 2 h Zulassung ab dem Alter von 6 Jahren (für Colitis ulcerosa und Morbus Crohn)

Die wichtigste medikamentöse Therapie des MIS-C ist eine antiinflammatorisch wirkende Kombination aus Immunglobulinen und Corticosteroiden!

Anakinra sollte langsam ausgeschlichen werden, da es sonst zu einem Rebound-Effekt mit SIRS kommen kann! [11]

Nachsorge von Kindern mit MIS-C/PIMS-TS in Abhängigkeit von der klinischen Akutpräsentation
Woche 1–2 Woche 4–6 Monate 3–4 Monat 6 Monat 12 (+/- 1 Monat) Monat 24 (+/- 2 Monate)
Alle
Patient:innen mit kardialer Beteiligung oder unter medikamentöser Immunsuppression
Patient:innen mit gastrointestinaler Beteiligung
Patient:innen mit thrombotischem oder thromboembolischem Ereignis bzw. Thrombozytenaggregationshemmung und/oder Antikoagulation
  • Anti-Xa (falls Therapie mit NMH)
  • Faktor VIII, vWF-Antigen, vWF-Aktivität oder Kollagenbindungsaktivität (CBA) (falls in Woche 4–6 noch nicht normalisiert)
  • Sonografie der Gefäße mit Frage nach Thrombose (falls Thrombus in Woche 4–6 noch nachweisbar)
  • Angio-MRT (falls Thrombus in Woche 4–6 nicht mehr nachweisbar)

Insb. bei kardialer Mitbeteiligung sollte für mind. 3 Monate keine sportliche Aktivität betrieben werden und vor Wiederaufnahme ein Belastungstest erfolgen!

  • Letalität
    • Weltweit bis zu 1,5–2% [9][10][12][14][22]
    • In Deutschland bisher keine letalen Verläufe [2]
  • Outcome bei Entlassung

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U10.-: Multisystemisches Entzündungssyndrom in Verbindung mit COVID-19

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. Dionne et al.: An Update on Multisystem Inflammatory Syndrome in Children Related to SARS-CoV-2 In: Pediatric Infectious Disease Journal. Band: Publish Ahead of Print, 2021, doi: 10.1097/inf.0000000000003393 . | Open in Read by QxMD .
  2. PIMS Survey Update: 2022, Kalenderwoche 04. Stand: 30. Januar 2022. Abgerufen am: 31. Januar 2022.
  3. COVID-19-Fälle nach Altersgruppe und Meldewoche 14.01.2022. Stand: 27. Januar 2022. Abgerufen am: 31. Januar 2022.
  4. COVID-19 Survey-Update: 2022, Kalenderwoche 05. Stand: 12. September 2021. Abgerufen am: 9. Februar 2022.
  5. CDC PIMS Data Tracker. Stand: 3. Januar 2022. Abgerufen am: 27. Januar 2022.
  6. Feldstein et al.: Multisystem Inflammatory Syndrome in U.S. Children and Adolescents In: New England Journal of Medicine. Band: 383, Nummer: 4, 2020, doi: 10.1056/nejmoa2021680 . | Open in Read by QxMD p. 334-346.
  7. Belay et al.: Trends in Geographic and Temporal Distribution of US Children With Multisystem Inflammatory Syndrome During the COVID-19 Pandemic In: JAMA Pediatrics. 2021, doi: 10.1001/jamapediatrics.2021.0630 . | Open in Read by QxMD .
  8. Klinische Präsentation und medikamentöse Behandlung von Kindern mit COVID-19. Stand: 27. November 2020. Abgerufen am: 27. November 2020.
  9. Ahmed et al.: Multisystem inflammatory syndrome in children: A systematic review In: EClinicalMedicine. Band: 26, 2020, doi: 10.1016/j.eclinm.2020.100527 . | Open in Read by QxMD p. 100527.
  10. Abrams et al.: Factors linked to severe outcomes in multisystem inflammatory syndrome in children (MIS-C) in the USA: a retrospective surveillance study In: The Lancet Child & Adolescent Health. Band: 5, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1016/s2352-4642(21)00050-x . | Open in Read by QxMD p. 323-331.
  11. Godfred-Cato et al.: COVID-19–Associated Multisystem Inflammatory Syndrome in Children — United States, March–July 2020 In: MMWR. Morbidity and Mortality Weekly Report. Band: 69, Nummer: 32, 2020, doi: 10.15585/mmwr.mm6932e2 . | Open in Read by QxMD p. 1074-1080.
  12. S3-Leitlinie - Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19. Stand: 5. Oktober 2021. Abgerufen am: 28. Januar 2022.
  13. Stellungnahme zur Klinik, Diagnostik und Therapie von Kindern mit COVID-19 – Update Februar 2022. Stand: 14. Februar 2022. Abgerufen am: 3. März 2022.
  14. Fachinformation - Kineret. . Abgerufen am: 28. Januar 2022.
  15. Fachinformation - Roactemra. . Abgerufen am: 28. Januar 2022.
  16. Fachinformation - Inflectra. . Abgerufen am: 28. Januar 2022.
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