Zusammenfassung
Rhythmische Bewegungsstörungen im Schlaf sind nach der American Academy of Sleep Medicine (AASM) gekennzeichnet durch wiederholte, stereotype, rhythmische Bewegungen der großen Muskelgruppen. Sie sind überwiegend schlafbezogen bzw. zeitlich gekoppelt an Tages- oder Nachtschlafperioden, abendliches Zubettgehen oder starke Müdigkeit. Neben Selbstverletzungen kann die Symptomatik insb. zu nicht-erholsamem Schlaf und in der Folge zu Einschränkungen der Tagesaktivitäten führen. Entscheidend für die Diagnose ist, dass die Symptomatik nicht durch andere Ursachen erklärt werden kann und tatsächlich mit klinischen Folgeproblemen einhergeht.
Transiente, schlafbezogene, rhythmische Bewegungen sind (insb. im Säuglingsalter) dagegen ohne Krankheitswert. Diese Symptomatik tritt typischerweise bei normal entwickelten Säuglingen und Kindern auf. Die Diagnose wird meist klinisch gestellt, nur in unklaren Fällen erfolgt eine Polysomnografie. Da es sich i.d.R. um einen selbstlimitierenden Verlauf handelt, ist abgesehen von der Einhaltung der Schlafhygiene meist keine Therapie notwendig. Bei schweren Verläufen können verhaltenstherapeutische oder medikamentöse Therapieversuche erfolgen.
Epidemiologie
- Prävalenz schlafbezogener rhythmischer Bewegung [1]
- Fast 60% der Säuglinge
- 33% der 18 Monate alten Kinder
- 5% der 5-Jährigen
- Alter: Säuglingsalter–5 Jahre
- Geschlecht: ♂ > ♀ 2–4:1 [2]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Ätiologie [2]
- Im Säuglingsalter: I.d.R. transientes Symptom der Selbststimulation ohne Krankheitswert
- Bei Persistieren oder späterem Manifestationszeitpunkt: Ggf. zugrundeliegende psychische oder neuropsychiatrische Störungen
Pathogenese [3]
- Genaue Pathogenese unklar
- Möglicherweise beruhigender Effekt der rhythmischen vestibulären Stimulation
Mögliche Auslöser
- Gestörte Regulation der zentralen motorischen Aktivitätsmustergeneratoren, die unbewusste automatische Bewegungsabläufe steuern
- Angst
- Depression
- Tagesschläfrigkeit
- Konzentrationsstörungen
- Nicht-erholsamer Schlaf
- Genetische Komponente: Familiär gehäuftes Auftreten ca. 20% [1]
- Assoziation mit
- Psychosozialen Traumatisierungen
- Restless-Legs-Syndrom, OSA, Narkolepsie und ADHS
- Intellektuellen Einschränkungen oder Autismus-Spektrum-Störungen (insb. bei älteren Kindern und Erwachsenen)
Symptomatik
- Klinisches Bild: Wiederholte rhythmische, stereotype Bewegungen großer Muskelgruppen, hauptsächlich beim Einschlafen und während des Schlafes [2]
- Dauer der Episoden i.d.R. <15 min
- Ggf. laute begleitende Vokalisation (bspw. monotones Singen oder Summen)
- Oft Sistieren der Symptomatik durch Umgebungseinflüsse oder Ansprechen
- I.d.R. Amnesie für die Ereignisse
- Varianten
- Kopfwerfen von vorn nach hinten (Headbanging)
- Kopfrollen seitlich (Headrolling)
- Körperschaukeln in Ellenbogen-Knie-Lage (Bodyrocking)
- Körperrollen in Bauchlage (Bodyrolling)
- Mögliche Folgesymptome
- Nicht-erholsamer Schlaf mit den daraus resultierenden körperlichen, psychosozialen und kognitiven Folgen
- Selbstverletzungen
Diagnostik
- Anamnese [2]
- Beschreibung der Symptomatik, ggf. mit häuslicher Videodokumentation
- Entwicklungsanamnese
- Schlafdiagnostik
- Schlafanamnese
- Schlafprotokolle
- Polysomnografie (PSG) mit Videoaufzeichnung: Rhythmische Bewegungen insb. in Einschlafphase und Non-REM-Stadien 1 und 2
- Neuropädiatrische Untersuchung
Insb. in EEG und PSG sollte differenzialdiagnostisch auf Zeichen eines epileptischen Anfalls geachtet werden!
Differenzialdiagnosen
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Allgemeine Maßnahmen [2][4]
- Schlafhygiene und Überprüfen der Schlafumgebung
- Bei erhöhtem Verletzungsrisiko: Maßnahmen zur Absicherung der Schlafumgebung (Abpolsterung, ggf. auch ein Schutzhelm)
Besondere Maßnahmen
- Bei Säuglingen: I.d.R. selbstlimitierender Verlauf ohne Therapienotwendigkeit → Vorrangig Beruhigen der Betreuungspersonen
- Bei schweren Verläufen: Sensorische Integrationstherapie
- Bei symptomatischen Formen
- Therapie der zugrundeliegenden Erkrankung
- In Ausnahmefällen: Therapieversuch mit Antipsychotika oder Benzodiazepinen
- Bei älteren Kindern: Psychotherapie und Entspannungsverfahren
Prognose
- Bei Säuglingen: I.d.R. selbstlimitierender Verlauf
- Bei älteren Kindern: Verlauf abhängig von der Ursache
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- F98.4-: Stereotype Bewegungsstörungen
- Exklusive: Abnorme unwillkürliche Bewegungen (R25.‑), Bewegungsstörungen organischer Ursache (G20-G25), Daumenlutschen (F98.88), Nägelbeißen (F98.88), Nasebohren (F98.88), Stereotypien als Teil einer umfassenderen psychischen Störung (F00-F95), Ticstörungen (F95.‑), Trichotillomanie (F63.3)
- F98.40: Ohne Selbstverletzung
- F98.41: Mit Selbstverletzung
- F98.49: Ohne Angabe einer Selbstverletzung
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.