Zusammenfassung
Benzodiazepine werden wegen ihrer breiten therapeutischen Wirkung im Rahmen mehrerer Krankheitsbilder eingesetzt. Sie verstärken über eine Bindung am GABAA-Rezeptor die inhibitorische GABAerge Transmission und wirken dadurch anxiolytisch, hypnotisch, muskelrelaxierend und anfallssuppressiv. Verwendet werden sie vorwiegend bei Angst- und Spannungszuständen sowie bei Schlafstörungen und epileptischen Anfällen. Wichtige Nebenwirkungen sind Amnesien sowie Atemdepressionen. Im Alltag werden Benzodiazepine jedoch wegen ihres starken Abhängigkeitspotenzials gefürchtet (strenge Indikationsstellung erforderlich).
Für Informationen zu Benzodiazepinintoxikation und -abhängigkeit siehe: Sedativa (Intoxikation und Abhängigkeit)
Wirkung
Wirkmechanismus
- Mechanismus: GABA ist ein inhibitorischer ZNS-Transmitter → α-Untereinheit des GABAA-Rezeptors wird von den Benzodiazepinen gebunden → GABA-Wirkung↑ → Öffnungsfrequenz von Chlorid-Kanälen↑ → Inhibitorische GABAerge Wirkung↑ → Reduktion der neuronalen Erregbarkeit
- Folge: Demnach können Benzodiazepine vereinfacht als indirekte GABAA-Agonisten bezeichnet werden
Wirkungen und Indikationen
Wirkungen und Indikationen von Benzodiazepinen | ||
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Wirkungen | Indikationen | |
Anxiolytisch |
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Hypnotisch | Sedierend |
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Amnestisch |
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Zentral muskelrelaxierend |
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Anfallssuppressiv |
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Einteilung nach Wirkdauer
Einteilung der Benzodiazepine nach Wirkdauer | |||||
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Wirkdauer | Substanz | HWZ [1] | Indikationen | Abhängigkeitspotenzial | Weitere Hinweise zu Wirkstoff und Präparaten |
Kurz wirksam (HWZ: <5 h) | Midazolam | 1–3 h |
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Triazolam | 2–3 h | ||||
Mittellang wirksam (HWZ: 5–24 h) | Temazepam | 5–13 h |
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Oxazepam | 5–15 h | ||||
Lormetazepam | 8–16 h | ||||
Lorazepam | 10–18 h | ||||
Alprazolam | 12–15 h | ||||
Tetrazepam | 20 h | ||||
Lang wirksam (HWZ: >24 h) | Chlordiazepoxid | 10–18 h |
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Flunitrazepam | 10–25 h | ||||
Bromazepam | 15–28 h | ||||
Clonazepam | 40 h | ||||
Diazepam | 20–40 h |
Verschreibung von Benzodiazepinen
- Strenge Indikationsstellung, insb. bei Vorhandensein zusätzlicher komorbider Abhängigkeitserkrankungen
- Zeitlich begrenzte Verordnungsdauer
- Feste Einnahmeschemata statt Einnahme bei Bedarf
- Wenn notwendig Ausschleichschema beim Absetzen
- Aufklärung der Patienten über Suchtpotenzial
5Ks: Klare Indikation, Kleinstmögliche Dosis, Kurze Anwendung, Kein abruptes Absetzen, Kontraindikationen beachten
Im Prinzip gibt es keine Indikation für eine langfristige Therapie mit Benzodiazepinen. Über einen längeren Zeitraum sollten sie nur in Ausnahmefällen und nach individueller Abwägung der Risiken verordnet werden!
Nebenwirkung
- Affektabflachung
- Hang-over am Folgetag
- Atemdepression
- Muskelschwäche
- Amnesie
- Sturzrisiko bei älteren Menschen erhöht
- Paradoxe Erregung
- Appetitsteigerung
- Libidoverlust
Bereits nach wenigen Wochen kann es zu einer Benzodiazepin-Abhängigkeit kommen, sodass jede Indikation streng gestellt werden muss!
Benzodiazepine oder andere Sedativa beziehungsweise Hypnotika bei älteren Patienten sollen nicht als Mittel der ersten Wahl im Falle von Schlafstörungen, Agitation oder Delir eingesetzt werden. (DGIM - Klug entscheiden in der Geriatrie)
Für Informationen zu Intoxikation und Abhängigkeit siehe: Benzodiazepin-Intoxikation und Benzodiazepin-Abhängigkeit
Es werden die wichtigsten Nebenwirkungen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Benzodiazepinähnliche Substanzen
Benzodiazepinähnliche Substanzen (Z-Substanzen) besitzen andere strukturchemische Eigenschaften als Benzodiazepine, binden jedoch an eine vergleichbare Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABAA-Rezeptors und vermitteln so benzodiazepinähnliche Wirkungen. Aufgrund der ausgeprägten sedativen Wirkung bei geringerem Abhängigkeitspotenzial werden sie bei Schlafstörungen bevorzugt eingesetzt.
- Substanzen
- Zolpidem (Imidazopyridin)
- Zopiclon (Cyclopyrrolon): Kann zu Übererregbarkeit führen
- Zaleplon (Pyrazolopyrimidin)
- Wirkung
- Sedativ-hypnotisch
- Geringere anfallssuppressive und anxiolytische Wirkung als Benzodiazepine
- Indikation
- Schlafstörungen (insb. Einschlafstörungen)
- Nebenwirkungen
- Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung
- Nach längerem Einnahmezeitraum sollten benzodiazepinähnliche Substanzen durch schrittweise Dosisreduktion ausschleichend abgesetzt werden
- Seltener Medikamentenüberhang und Rebound-Effekte als bei Benzodiazepinen
- Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung
- Kontraindikation
Kontraindikation
- Neuromuskuläre Erkrankungen
- Ataxie
- Engwinkelglaukom
- Schwangerschaft
- Atemdepression
- COPD, respiratorische Insuffizienz
- Schlafapnoe-Syndrom
- Akute Vergiftungen mit Alkohol, Schlaftabletten, Schmerzmitteln oder Psychopharmaka (Antipsychotika, Antidepressiva, Lithiumsalze)
- Bekannte Abhängigkeit
- Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch sowie Polytoxikomanie (Ausnahme: Behandlung von akuten Entzugserscheinungen wie Tremor und Angstzustände bei Alkoholabhängigkeit)
Es werden die wichtigsten Kontraindikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Kinder und Jugendliche
Häufig verwendete Benzodiazepine
Benzodiazepine im Kindes- und Jugendalter | ||||
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Substanz | Zulassung [2][3] | Darreichungsformen | Typische pädiatrische Indikationen | Weitere Informationen |
Diazepam |
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Midazolam |
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Eine Überdosierung kann zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression führen!
Bei einer Überdosierung kann Flumazenil als Antidot verabreicht werden!
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 44-2018-3/3: Theorie und Praxis bei der Verordnung von Benzodiazepinen für geriatrische Patienten
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Benzodiazepine
Benzodiazepine – Teil 1
Benzodiazepine – Teil 2
Z-Substanzen (Benzodiazepinähnliche Substanzen): Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon
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