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Das neugeborene Kind

Letzte Aktualisierung: 16.6.2021

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Ein reifes Neugeborenes wird zwischen vollendeter 37. und Ende der 42. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren. Bei drohender Frühgeburt mit Wehen kann zwischen der 24. und 34. SSW medikamentös eine Wehenhemmung (Tokolyse) durchgeführt werden, um die Schwangerschaft zu verlängern. Ist die Schwangerschaftsdauer unklar, kann der Kinderarzt nach der Geburt das Reifealter des Neugeborenen durch die vorhandenen Reifezeichen abschätzen. Der klinische Zustand des Neugeborenen wird jeweils 1, 5 und 10 Minuten nach der Abnabelung standardisiert mit Hilfe des sogenannten APGAR-Scores bestimmt. Der Score berücksichtigt Herzfrequenz, Atmung, Hautfarbe, Muskeltonus und Gesichtsbewegungen des Neugeborenen.

Generell gilt: Je geringer das Geburtsgewicht und je kürzer die Schwangerschaft, umso höher ist das Risiko für die genannten Komplikationen!

  • Körpergröße: ca. 50 cm
  • Körpergewicht: ca. 3–3,5 kg
  • Kopfumfang: ca. 35 cm
  • Atemfrequenz: ca. 40/min
  • Herzfrequenz: 120–160/min
  • Blutdruck (jeweils 50. Perzentile)[2]
    • Systolisch: 60 mmHg
    • Diastolisch: 35 mmHg
  • Direktes Bilirubin: <1 mg/dL
  • Gesamt-Bilirubin
    • Bei Frühgeborenen
      • Aus Nabelschnurblut: <2 mg/dL
      • Alter <24 Stunden: 1–6 mg/dL
      • Alter 1–2 Tage: 6–8 mg/dL
      • Alter 3–5 Tage: 10–12 mg/dL
    • Bei Reifgeborenen
      • Aus Nabelschnurblut: <2 mg/dL
      • Alter <24 Stunden: 2–6 mg/dL
      • Alter 1–2 Tage: 6–7 mg/dL
      • Alter 3–5 Tage: 4–12 mg/dL
  • Nabelschnur-pH [3]
    • Bestimmung: Wird postnatal aus der Nabelschnurarterie abgenommen
    • Bewertung
      • ≥7,30: Normal
      • 7,20–7,29: Leichte Azidose
      • 7,1–7,19: Mittelgradige Azidose
      • 7,0–7,09: Fortgeschrittene Azidose
      • <7,0: Schwere Azidose (ein Kriterium der Asphyxie)
    • Maßnahmen: Je nach klinischem Zustand des Neugeborenen und pH-Wert abwägen
      • Kinderarzt hinzuziehen
      • BGA-Kontrolle beim Kind
      • Blutzucker-Kontrolle (perinataler Stress stellt ein Risiko für Hypoglykämien dar)
  • Erste Urinausscheidung innerhalb von 24 Stunden nach Geburt
  • Mekoniumabgang (erster Stuhl des Neugeborenen) innerhalb von 48 Stunden nach Geburt

Es gibt somatische und neuromuskuläre Reifezeichen des Neugeborenen. Zur Bestimmung des Reifegrades und Abschätzung des Gestationsalters nach Geburt stehen verschiedene Scores zur Verfügung. [4]

Reifezeichen

  • Somatische Reifezeichen
    • Haut: Rosig
    • Körperbehaarung: Wenig bis keine Lanugobehaarung
    • Ohrknorpel: Voll ausgebildet
    • Brustwarzen: Gut erkennbar
    • Hoden: Deszendiert
    • Labien: Kleine von großen Labien bedeckt
    • Fußsohlen: Querfalten überall
    • Nägel: Bedecken oder überragen Fingerkuppen
  • Neuromuskuläre Reifezeichen

Scores zur Reifegradbestimmung und Abschätzung des Gestationsalters [5][6][7]

Petrussa-Index

  • Definition: Häufig angewandter einfacher Score anhand somatischer Reifezeichen
  • Anwendung: Umso genauer, je höher das Reifealter; anwendbar ab der 30. SSW
  • 5 Kriterien: Haut, Mamillen, Ohr, Fußsohle, Genitale
  • Auswertung: Je 0–2 Punkte pro Kriterium, Ergebnis 0–10 Punkte, die Summe addiert mit 30 ergibt die Gestationswoche
Petrussa-Index
0 1 2
Haut durchsichtig (hellrot, durchscheinend, verletzlich, sehr dünn) dünn (rosig, zunehmend Fältelung, etwas fester) rosig und fest (deutlich sichtbare Falten, Hautabschilferungen)
Mamillen roter Punkt (kaum Drüsengewebe) Areola <5 mm (Drüsengewebe tastbar, Mamille und -hof erkennbar) Areola >5 mm (Brustdrüsen über dem Hautniveau, Drüsenkörper und -hof palpabel)
Ohr ungeformt (geringes Profil, weich, kaum Knorpelgewebe) weich (Knorpel in Tragus und Antitragus, zunehmendes Profil) fest (ausgebildeter Helixknorpel, spontanes Rückstellphänomen)
Fußsohle kaum Falten (glatt, Fältelung nur vorderes Drittel) distale Falten (Fältelung vorderes und mittleres Drittel) Fältelung der gesamten Fußsohle
Genitale Labia majora < minora / Hoden nicht tastbar (inguinal) Labien gleich groß / Hoden inguinal oder hoch im Skrotum Labia majora überragen Labia minora / Hoden deszendiert

Finnström-Score

  • Definition: Zuverlässigster und genauester Score zur Berechnung des Gestationsalters
  • Anwendung: Zwischen der 28. und 43. SSW
  • 7 Kriterien: Hautdurchsichtigkeit, Ohrmuschelknorpel, plantare Hautfältelung, Durchmesser des Brustdrüsengewebe, Brustwarzenbildung, Fingernägel (Daumen), Kopfhaar
  • Auswertung: Je 1–4 (teils nur 1–3 oder 1–2) Punkte pro Kriterium, Ergebnis 7–23 Punkte, 7 Punkte entsprechen der 27+2 SSW, 23 Punkte entsprechen 42+1 SSW

Ballard-Score [8]

  • Definition: Score zur Berechnung des Gestationsalters anhand somatischer und neuromuskulärer Reifezeichen
  • Synonyme bzw. ähnliche Begriffe: Dubowitz/Ballard-Score, neuer Ballard-Score, Dubowitz-Farr-Score
  • Anwendung: Alle Neu- und Frühgeborenen 20.–44. SSW, besonders hilfreich <30. SSW
  • Kriterien
    • 6 somatische Kriterien: gleiche Kriterien wie Petrussa plus Lanugobehaarung, detaillierter eingeteilt in 6 Stufen
    • 6 neuromuskuläre Kriterien (Position und Flexionsmöglichkeit der Extremitäten; das Frühgeborene zeigt einen geringen Muskeltonus, der mit der Reifung zunimmt)
      • Körperhaltung
      • Hypothenar-Vorderarm-Winkel
      • Zurückschnellen des Armes
      • Popliteal-Winkel
      • Halstuch-Zeichen
      • Ferse-Ohr-Abstand
  • Auswertung:
    • Für die Auswertung benötigt man eine Punktetabelle mit Zeichnung der jeweiligen Körper-/Extremitätenpositionen (zu finden in neonatologischen Fachbüchern).
    • Bei der Addition der somatischen und neuromuskulären Punktzahl entsprechen -10 Punkte der 20. SSW, 50 Punkte der 44. SSW.
  • Der APGAR-Score wurde von der Anästhesistin Virginia Apgar erfunden (1953) und nach ihr benannt (Eponym) – gleichzeitig ist er aber auch ein Akronym! [9]
  • Beurteilung des klinischen Zustands des Neugeborenen: Jeweils 1, 5 und 10 Minuten nach der Geburt
  • Aussagekraft: Der Apgar-Scores ist ein subjektiver Score, der nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern immer in der Zusammenschau mit weiteren Befunden dazu dient, zügig auf eine Asphyxie in der Perinatalperiode reagieren zu können [10]
APGAR 0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte
Appearance (Aussehen, Hautfarbe) Blass/blau Stamm rosig, Extremitäten blau Rosig
Pulse (Herzaktion) Kein Puls <100/min >100/min
Grimace (Gesichtsbewegung, Reaktion aufs Absaugen) Keine Grimassieren Schreien
Activity (Muskeltonus) Schlaff Träge Flexionsbewegungen Spontane gute Eigenbewegung
Respiration (Atmung) Keine Langsame, unregelmäßige Atmung bzw. Schnappatmung Regelmäßig (40/min)

Interpretation: normal: 9–10 Punkte; grenzwertig: 5–8 Punkte; vitale Bedrohung des Neugeborenen: <5 Punkte [10]

APGAR-Score (Rechner)

Lebendgeburt Vorhandensein von Lebenszeichen nach Entbindung
Fehlgeburt Fötus mit Gewicht unter 500 g ohne Lebenszeichen
Totgeburt Fötus mit Mindestgewicht von 500 g ohne Lebenszeichen
Frühgeborenes Geburt vor der vollendeten 37. SSW (≤36+6 SSW)
Reifes Neugeborenes Geburt zwischen vollendeter 37. und Ende der 42. SSW (37+0 SSW bis 41+6 SSW)
Übertragenes Neugeborenes Geburt ab vollendeter 42. SSW (≥42+0 SSW)
Hypotrophes Neugeborenes Geburtsgewicht <10. Perzentile
Eutrophes Neugeborenes Geburtsgewicht 10.–90. Perzentile
Hypertrophes Neugeborenes Geburtsgewicht >90. Perzentile
Perinatalperiode Beginn der 29. SSW bis vollendeter 7. Lebenstag
Neugeborenenperiode Erste vier Wochen postnatal (bis vollendeter 28. Lebenstag)
Säugling Bis zum vollendeten 1. Lebensjahr
  • Ziel: Frühzeitige Diagnose behandelbarer Erkrankungen bei präsymptomatischen Neugeborenen [11]
  • Epidemiologie: 519 bestätigte Erkrankungsfälle bei etwa 716.000 Untersuchungen, d.h. kumulative Inzidenz von 1 auf 1380 Neugeborene pro Jahr (2014)
  • Durchführung: Aufbringen von Blut (etwa Fersenblut) auf Spezialfilterpapier , Versand an Screeninglabor
  • Entnahmezeitpunkt: 36 bis 72 Stunden nach der Geburt
  • Tracking-Verfahren: Zur Gewährleistung von Diagnosesicherung bzw. -ausschluss (bisher nicht flächendeckend)
  • Screening auf folgende Erkrankungen
    • Hypothyreose (Prävalenz: ca. 1/3500)
    • Phenylketonurie (PKU) und Hyperphenylalaninämie (HPA) (Prävalenz für PKU bzw. HPA: ca. 1/5300)
    • Adrenogenitales Syndrom (Prävalenz: ca. 1/13.500)
    • Galaktosämie (Prävalenz: ca. 1/70.000)
    • MCAD-Mangel (Prävalenz: ca. 1/10.000)
    • Mukoviszidose (zystische Fibrose, Prävalenz: ca. 1/3.300) → siehe CF-Neugeborenenscreening
    • Ahornsirupkrankheit (Prävalenz: ca. 1/153.000)
      • Ursache: Aminosäurestoffwechselstörung (verzweigtkettige Aminosäuren)
      • Klinik: U.a. ZNS-Schäden
      • Therapie: Spezielle Diät
    • Biotinidasemangel (Prävalenz: ca. 1/23.000)
      • Ursache: Stoffwechseldefekt, der zu Biotinmangel führt
      • Klinik: Dermatitis, ZNS-Schäden
      • Therapie: Biotinsubstitution
    • Carnitinstoffwechseldefekte (Prävalenz: Je nach Defekt ca. 1/1.500.000–1/900.000)
      • Ursache: Fettsäurestoffwechselstörung
      • Klinik: Stoffwechselkrisen, Koma
      • Therapie: Spezielle Diät
    • Glutarazidurie Typ I (Prävalenz: ca. 1/133.000)
      • Ursache: Aminosäurestoffwechselstörung
      • Klinik: Motorische Störungen
      • Therapie: Spezielle Diät
    • Isovalerianazidämie (Prävalenz: ca. 1/97.000)
      • Ursache: Aminosäurestoffwechselstörung
      • Klinik: ZNS-Schäden
      • Therapie: Spezielle Diät
    • LCHAD-Mangel (Prävalenz: ca. 1/170.000), VLCAD-Mangel (Prävalenz: ca. 1/85.000)
      • Ursache: Stoffwechselstörungen der langkettigen Fettsäuren
      • Klinik: Skelett- und Herzmuskelschwäche
      • Therapie: Spezielle Diät
    • Tyrosinämie Typ I (Prävalenz: ca: 1/135.000)
      • Ursache: Aminosäurestoffwechselstörung, u.a. durch Fumarylacetoacetase-Mangel (Nachweis: Succinylaceton im Urin)
      • Klinik: Insb. Leber- und Nierenschäden sowie Gehirn- und Nervenschäden
      • Therapie: Spezielle Diät, die Gabe des Wirkstoffs Nitisinon kann die Progression verzögern
    • Schwere kombinierte Immundefekte (SCID, Severe combined Immunodeficiency) (Prävalenz: ca. 1/32.500) [12]

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APGAR-Score

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  1. Speer, Gahr: Pädiatrie. 4. Auflage Springer 2013, ISBN: 3-642-34268-x .
  2. Stauber et al.: Duale Reihe Gynäkologie und Geburtshilfe . Thieme 2007, ISBN: 978-3-131-25343-9 .
  3. Reifezeichen des Neugeborenen. Stand: 1. April 2016. Abgerufen am: 19. Februar 2020.
  4. Kainer et al.: Facharztwissen Geburtsmedizin. Urban & Fischer 2016, ISBN: 978-3-437-23752-2 .
  5. Roos et al.: Checkliste Neonatologie. 4. Auflage. Auflage Thieme 2010, ISBN: 978-3-131-25054-4 .
  6. Maier et al.: Neugeborenenintensivmedizin. 8. Auflage. Auflage Springer 2010, ISBN: 978-3-642-01068-2 .
  7. Singhal et al.: Accuracy of New Ballard Score in Small-for-gestational Age Neonates In: Journal of Tropical Pediatrics. Band: 63, Nummer: 6, 2017, doi: 10.1093/tropej/fmx055 . | Open in Read by QxMD p. 489-494.
  8. Apgar: A Proposal for a New Method of Evaluation of the Newborn Infant In: Anesthesia & Analgesia. Band: 120, Nummer: 5, 2015, doi: 10.1213/ane.0b013e31829bdc5c . | Open in Read by QxMD p. 1056-1059.
  9. S2k-Leitlinie Behandlung der neonatalen Asphyxie unter besonderer Berücksichtigung der therapeutischen Hypothermie. Stand: 1. Juni 2013. Abgerufen am: 23. Januar 2018.
  10. Gramer et al.: Neugeborenenscreening 2020: Perspektiven der Krankheitsfrüherkennung In: Monatsschr Kinderheilkd. 2017, doi: 10.1007/s00112-016-0233-5 . | Open in Read by QxMD .
  11. Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über das Screening von Neugeborenen zur Früherkennung von SCID (Kinder-Richtlinie). Stand: 22. November 2018. Abgerufen am: 5. März 2020.
  12. Sitzmann: Duale Reihe Pädiatrie. 3. Auflage Thieme 2006, ISBN: 978-3-131-25332-3 .
  13. Mayatepek: Pädiatrie. 1. Auflage Urban & Fischer 2007, ISBN: 3-437-43560-4 .
  14. Koletzko: Pädiatrie. 13. Auflage Springer 2007, ISBN: 978-3-540-48632-9 .
  15. Kerbl et al.: Checkliste Pädiatrie. 3. Auflage Thieme 2007, ISBN: 978-3-131-39103-2 .