Zusammenfassung
Die Bauchwand umgibt die Bauchhöhle und die Beckenhöhle mit den enthaltenen Organen. Sie muss sich wechselnden Volumina anpassen, da die Organe abhängig von verschiedenen Faktoren (Nahrungsaufnahme, Schwangerschaft etc.) unterschiedlich viel Platz einnehmen können. Auch der intraabdominelle Druck ändert sich stetig bspw. durch Atemtätigkeit oder die sog. Bauchpresse. Die Bauchwand ist überwiegend aus Muskeln aufgebaut und gewährleistet somit gemeinsam mit den Rücken- und Hüftmuskeln eine Rumpfbewegung und -stabilisierung.
Muskeln
Vordere Bauchwandmuskeln
Muskel | Ursprung | Ansatz | Innervation | Faserverlauf | Funktion |
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M. rectus abdominis |
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M. pyramidalis |
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Der M. pyramidalis ist variabel und fehlt bei 10–25% der Menschen!
Modellansicht - Vordere Bauchwandmuskeln
Seitliche Bauchwandmuskeln
Ursprung | Ansatz | Innervation | Faserverlauf | Funktion | |
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M. obliquus externus abdominis |
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M. obliquus internus abdominis |
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M. transversus abdominis |
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Modellansicht - Seitliche Bauchwandmuskeln
Hintere Bauchwandmuskeln
Muskel | Ursprung | Ansatz | Innervation | Faserverlauf | Funktion |
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M. quadratus lumborum |
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M. psoas major |
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Modellansicht - Hintere Bauchwandmuskeln
Bauchpresse
- Beteiligte Strukturen: Bauchmuskeln , Zwerchfell, Kehlkopf
- Mechanismus: Kontraktion der Bauchmuskeln und des Zwerchfells sowie Verschluss der Stimmritze (bzw. Plica vocalis) des Kehlkopfes
- Wirkung: Steigerung des intraabdominellen Drucks mit Übertragung auf die Bauchorgane
- Funktion: Unterstützung der Austreibung des Inhalts der Bauchorgane (bspw. Defäkation, Geburt)
Sehnen und Faszien
Linea alba und Rektusscheide
Linea alba
- Definition: Sehnenstreifen in der Mitte der Bauchwand
- Entstehung: Verflechtung der Aponeurosen der seitlichen Bauchmuskeln
- Verlauf: Von der Symphyse zum Processus xiphoideus sterni
Am Bauchnabel ist die Haut ohne subcutanes Fettgewebe mit der Linea alba verwachsen, wodurch die sichtbare Nabelgrube entsteht!
Nabelhernie
Eine Nabelhernie (Nabelbruch) beschreibt eine Vorwölbung von Baucheingeweiden (Dickdarm oder Dünndarm) durch die Bauchwand im Bereich des Bauchnabels. Die mitgenommenen Bauchwandschichten (die nicht zerrissen sind) formen eine Hülle, die Bruchsack genannt wird. Im Bereich der Linea alba treten solche Hernien besonders häufig auf, da hier keine Muskeln, sondern nur Bindegewebsfasern die Bauchwand zusammenhalten. Besonders deutlich lässt sich der Inhalt des Bruchsacks bei Betätigung der Bauchpresse sehen. Die Patienten empfinden häufig keine Schmerzen, es kann allerdings zu Einklemmungen der Darmabschnitte im Bruchsack kommen, wodurch der betroffene Darmabschnitt minderdurchblutet werden kann, was zu Nekrosen bis hin zu einer Darmperforation führen kann. Eine Hernie muss daher i.d.R. operativ beseitigt werden.
Rektusscheide
- Definition: Hülle aus den Aponeurosen der seitlichen Bauchmuskeln, die den M. rectus abdominis umgibt und ober- und unterhalb des Bauchnabels lateral der Linea alba liegt
- Externusaponeurose: Aponeurose des M. obliquus externus abdominis
- Internusaponeurose: Aponeurose des M. obliquus internus abdominis
- Transversusaponeurose: Aponeurose des M. transversus abdominis
- Funktion: Verhindert ein Ausweichen des M. rectus abdominis nach lateral
- Aufbau: Vorderes und hinteres Blatt
- Oberhalb der Linea arcuata
- Vorderes Blatt: Externusaponeurose und vordere Fasern der Internusaponeurose
- Hinteres Blatt: Transversusaponeurose, hintere Fasern der Internusaponeurose, Fascia transversalis und Peritoneum
- Unterhalb der Linea arcuata
- Vorderes Blatt: Externus-, Internus- und Transversusaponeurose
- Hinteres Blatt: Fascia transversalis und Peritoneum
- Oberhalb der Linea arcuata
Rectusdiastase
Ist der intraabdominelle Druck über längere Zeit erhöht (bspw. bei einer Schwangerschaft oder starkem Übergewicht), kann es in Folge zu einem Auseinanderweichen der rechten und linken Hälfte des M. rectus abdominis kommen. Dies wird im Normalfall durch die Rektusscheide verhindert. Als Folge wölben sich die intraabdominellen Organe nach außen vor. Da allerdings keine Faszienlücke vorliegt und die Muskeln großflächig auseinanderweichen, besteht i.d.R. keine Gefahr einer Einklemmung der Organe. Aus diesem Grund wird definitionsgemäß nicht von einer Hernie gesprochen und zumeist konservativ, d.h. ohne eine Operation, therapiert (z.B. Physiotherapie).
Faszien
- Oberflächliche Faszie: Fascia abdominis superficialis
- Überzieht die muskuläre Bauchwand von außen und stabilisiert sie
- Liegt direkt unter dem subcutanen Fettgewebe
- Verwachsen mit der Linea alba und im Leistenband
- Geht distal des Leistenbandes in die Fascia lata (Faszie des Oberschenkels) über
- Tiefe Faszie: Fascia transversalis
- Innere Faszie des M. transversus abdominis und innerer Überzug der vorderen und hinteren Bauchwand
Leistenband und Leistenkanal
Leistenband (Ligamentum inguinale)
- Verlauf: Von der Spina iliaca anterior superior zum Tuberculum pubicum
- Einstrahlende Strukturen
- Von außen: Externusaponeurose, Fascia abdominis superficialis, Fascia lata
- Von innen: Fascia transversalis, Fascia pelvis parietalis
- Arcus iliopectineus: Sehniger Ausläufer, der sich nach kaudal vom Leistenband abspaltet, wodurch zwei Lücken (Lacuna vasorum und Lacuna musculorum) entstehen, durch die Gefäße und Nerven vom Rumpf zum Bein ziehen
Leistenkanal (Canalis inguinalis)
Der Leistenkanal stellt eine Verbindung zwischen innerer und äußerer Bauchwand dar.
- Verlauf: Beginnt in der Bauchhöhle kranial/lateral und verläuft nach kaudal/medial in Richtung Bauchwand
- Länge: ca. 4–5 cm
- Lage: Zwischen der Fascia transversalis und der Externusaponeurose über dem Leistenband
- Inhalt
- N. ilioinguinalis
- R. genitalis des N. genitofemoralis
- Frau: Ligamentum teres uteri
- Mann: Samenstrang (Funiculus spermaticus)
- Begrenzungen
- Kranial: Unterrand des M. obliquus internus abdominis und des M. transversus abdominis
- Kaudal: Leistenband
- Ventral: Fascia abdominis superficialis mit Externusaponeurose
- Dorsal: Fascia transversalis und Peritoneum parietale
- Öffnungen
- Innerer Leistenring (Anulus inguinalis profundus): „Eingang“ des Leistenkanals
- Lage: Kranial/lateral in der inneren Bauchwand und lateral der A. und V. epigastrica inferior
- Bildende Strukturen: Ausstülpung der Fascia transversalis
- Begrenzungen
- Lateral/kranial: Unterrand des M. obliquus internus abdominis
- Lateral/kaudal: Leistenband
- Medial: Ligamentum interfoveolare
- Äußerer Leistenring (Anulus inguinalis superficialis): „Ausgang“ des Leistenkanals
- Lage: Kaudal/medial in der äußeren Bauchwand und medial der A. und V. epigastrica inferior
- Bildende Strukturen: Schlitz in der Externusaponeurose
- Begrenzungen
- Kranial: Crus mediale (Faserzug der Externusaponeurose)
- Kaudal: Crus laterale (Faserzug der Externusaponeurose)
- Lateral: Fibrae intercrurales
- Medial: Falx inguinalis (Sehnenplatte)
- Innerer Leistenring (Anulus inguinalis profundus): „Eingang“ des Leistenkanals
- Verstärkung des Leistenkanals: Die Fascia transversalis ist im Bereich zwischen äußerem und innerem Leistenring durch das Ligamentum interfoveolare verstärkt
Der äußere Leistenring (und beim Mann der ihn verlassende Samenstrang) ist von außen tastbar!
Schenkelhernie
Als Schenkelhernie bezeichnet man die Verlagerung von Eingeweiden durch die Lacuna vasorum. Der Bruchsack tritt unterhalb des Leistenbandes, medial des Durchtritts der A. und V. femoralis und lateral des Lig. lacunare aus und ist häufig schwer zu tasten. Die Betroffenen zeigen meist erst Symptome, wenn der ausgelagerte Darmabschnitt durch eine Einklemmung im Bruchspalt nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird.
Leistenhernie
Die Leistenhernie ist die häufigste Hernienform. Dabei kommt es zu einer Ausstülpung des Peritoneums und ggf. intraabdomineller Strukturen durch eine Schwachstelle der Bauchwand im Bereich der Leiste. Es wird eine direkte (mediale) von einer indirekten (lateralen) Leistenhernie unterschieden. Die direkte Leistenhernie liegt medial der Vasa epigastrica und verläuft von der Fossa inguinalis medialis (innere Bruchpforte) bis zum äußeren Leistenring (äußere Bruchpforte). Der Bruchsack durchbricht die Fascia transversalis direkt (ohne Beziehung zum Samenstrang). Die indirekte Leistenhernie liegt lateral der Vasa epigastrica und verläuft von der Fossa inguinalis lateralis (innere Bruchpforte) durch den Leistenkanal zum äußeren Leistenring (äußere Bruchpforte). Die körperliche Untersuchung ist das wichtigste Kriterium zur Diagnosestellung einer Leistenhernie. Beim Mann kann im Stehen durch die Skrotalhaut bis zum äußeren Leistenring getastet werden. Lässt man den Patienten dann husten, kann man den sog. Hustenanprall (Vorwölbung des Bruchsacks durch den intraabdominellen Druck beim Husten) ertasten.
Leitungsbahnen
Der größte Teil der Bauchwand wird durch die Leitungsbahnen des Thorax mitversorgt.
Gefäßversorgung | ||
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Seitliche Bauchwand | Vordere Bauchwand | |
Arteriell |
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Venös |
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Innervation | ||
Sensibel |
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Lymphabfluss | ||
Lymphstationen |
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Topografie der Bauchwand
Die Bauchwand wird in einen vorderen und einen seitlichen Bereich eingeteilt und erstreckt sich vom Rippenbogen bis zur vorderen Crista iliaca, dem Leistenband und der Symphyse. Die oberflächliche Bauchwand kann in vier Quadranten oder neun Regionen gegliedert werden.
Einteilung der Bauchwand
Einteilung in vier Quadranten
Durch zwei Linien, die im Bauchnabel senkrecht zueinander stehen, wird die Bauchwand in folgende Quadranten unterteilt:
- Rechter oberer Quadrant
- Linker oberer Quadrant
- Rechter unterer Quadrant
- Linker unterer Quadrant
- Zudem eine Periumbilicalregion
Neun Regionen
Durch zwei senkrechte und zwei waagerechte Linien wird die Bauchwand in folgende Regionen unterteilt:
- Regio hypochondriaca dextra
- Regio epigastrica
- Regio hypochondriaca sinistra
- Regio lumbalis dextra
- Regio umbilicalis
- Regio lumbalis sinistra
- Regio inguinalis dextra
- Regio pubica
- Regio inguinalis sinistra
Einteilung der Bauchwand im Rahmen der körperlichen Untersuchung
Die körperliche Untersuchung des Abdomens sollte immer in einer bestimmten Reihenfolge durchgeführt werden: Als erstes erfolgt immer die Inspektion, also die Betrachtung des Abdomens. Hierbei können eventuell schon einige Veränderungen wie Narben, Vorwölbungen o.ä. festgestellt werden. Im Anschluss erfolgt die Auskultation und erst dann die Perkussion und Palpation, um eine Verfälschung der Darmgeräusche durch eine vorherige palpatorische Anregung zu verhindern. Damit für die Ergebnisse aller Untersuchungsschritte anatomische Bezüge hergestellt werden können und im Anschluss eine nachvollziehbare Befundbeschreibung erstellt werden kann, wird das Abdomen im Rahmen der klinischen Untersuchung in Quadranten eingeteilt. So können Schmerzen im rechten oberen Quadranten für ein Geschehen in Leber oder Gallenblase und Schmerzen im rechten unteren Quadranten für eine Appendizitis („Blinddarmentzündung“) sprechen. Für eine noch differenziertere Beschreibung von Befunden bei der Untersuchung der abdominellen Organe kann das Abdomen zudem noch in neun Sektoren unterteilt werden. Dabei werden der Oberbauch (Epigastrium), der Mittelbauch (Mesogastrium) und der Unterbauch (Hypogastrium) jeweils gedrittelt betrachtet.
Projektion der Bauchorgane
- Magen: Regio epigastrica und z.T. Regio hypochondriaca sinistra
- Leber/Gallenblase: Regio hypochondriaca dextra, Regio epigastrica und z.T. bis zur Regio hypochondriaca sinistra
- Dünndarm: Gesamter Mittel- und Unterbauch
- Dickdarm
- Zäkum und Appendix: Rechter Unterbauch
- Kolon: Mittel- und Unterbauch
- Milz: Links zwischen 9. und 11. Rippe
- Harnblase: Regio pubica
Head'sche Zonen
Die sog. Head'schen Zonen sind Hautareale, die eine nervale Beziehung zu bestimmten Organen besitzen. Ist das Organ erkrankt, kann es dadurch zu Schmerzen in dem entsprechenden Hautareal kommen.
Wiederholungsfragen zum Kapitel Bauchwand
Muskeln
Wo entspringt der M. obliquus externus und wie verlaufen seine Fasern?
Was bewirkt eine einseitige Kontraktion des M. obliquus externus, was eine beidseitige?
Aus welchem Muskel spaltet sich der M. cremaster ab?
Was ist die Bauchpresse und welche Mechanismen ermöglichen sie?
Sehnen und Faszien
Aus welchen Teilen besteht das hintere Blatt der Rektusscheide?
Wo liegt die oberflächliche Faszie der Bauchwand?
Leistenband und Leistenkanal
Wo liegen in Bezug zu den epigastrischen Gefäßen der innere und äußere Leistenring?
Wo ist die Bruchpforte der direkten Leistenhernie? Wo die der indirekten?
Wo ist die Bruchpforte von Schenkelhernien?
Topografie
In welche neun Regionen kann die äußere Bauchwand eingeteilt werden?
Eine Sammlung von allgemeineren und offeneren Fragen zu den verschiedenen prüfungsrelevanten Themen findest du im Kapitel Beispielfragen aus dem mündlichen Physikum.
3D-Anatomie
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