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Kompartmentsyndrom

Letzte Aktualisierung: 4.12.2020

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Das Kompartmentsyndrom beschreibt einen Zustand, in dem bei geschlossenem Weichteilmantel und Faszien ein erhöhter Gewebedruck zu einer verminderten Gewebeperfusion führt. Mit fortschreitender Zeit resultieren daraus zunehmende Gewebe-, Muskel- oder Organschäden sowie neuromuskuläre Schäden. Am häufigsten sind der Unterarm und der Unterschenkel vom Kompartmentsyndrom betroffen. Beim Unterschenkel manifestiert sich dieses am häufigsten im Bereich der Tibialis-anterior-Loge, weshalb es auch Tibialis-anterior-Syndrom genannt wird. Ferner ist ein abdominelles Kompartmentsyndrom bekannt. Therapeutisch von großer Bedeutung ist eine frühe Faszienspaltung (Fasziotomie) innerhalb der ersten sechs Stunden nach Manifestation, um schwerwiegende Nekrosen abzuwenden.

  • Kompression des Kompartments
    • Einengende (Gips‑)Verbände
    • Tourniquet-Syndrom mit ischämischem Reperfusionsödem
    • Druckbedingt bei Lagerung
  • Inhaltszuwachs
    • Blutungen bei Gefäßverletzung oder Antikoagulation
    • Funktionelles Kompartmentsyndrom bei Überbeanspruchung
    • Erhöhte Kapillarpermeabilität, z.B. im Schock
  • Posttraumatisch
    • Frakturhämatom, posttraumatisches Muskelödem
    • Enger, ungespaltener Gips oder zirkuläre Verbände
    • Verbrennungsödem

Bei polytraumatisierten Patienten im Schock ist die periphere Durchblutung vermindert, sodass bei steigendem Druck in einem Kompartment frühzeitig ein erhöhtes Ischämie-Risiko besteht!

  • Drohendes Kompartmentsyndrom
    • Spannungsschmerz
    • Periphere Durchblutung erhalten
    • Eventuell leichte neurologische Symptome
  • Manifestes Kompartmentsyndrom
    • Schmerz und Schwellung
    • Periphere Durchblutung beeinträchtigt
    • Ausgeprägte neurologische Symptomatik
  • Reduktion der Gewebeperfusion bei Anstieg des Gewebedrucks, der normalerweise <10 mmHg beträgt
  • Irreversible Gewebeschädigung an Muskeln und Nerven nach vierstündiger Ischämie

Allgemeine Symptome des Kompartmentsyndroms

  • Leitsymptome: Stark progredienter, nicht auf Analgetika ansprechender (Druck‑)Schmerz und bretthart gespannte Muskulatur
  • Neurologische Defizite: Störung von Motorik und Sensibilität
  • Weichteilschwellung
  • Glänzende, überwärmte Haut mit Spannungsblasen

Der arterielle Puls ist i.d.R. noch erhalten und fehlt erst bei einem sehr schweren Kompartmentsyndrom!

Tibialis-anterior-Syndrom

Symptome ergeben sich aus der Läsion des in der Extensorenloge verlaufenden N. peroneus profundus (N. fibularis profundus) als Ast des N. peroneus

  • Motorisch: Zehenheberschwäche
  • Sensibel: Sensibilitätsverlust/Parästhesien im Autonomiegebiet des Nerven → 1. Interdigitalraum der Zehen

Kompartmentsyndrom des Oberarmes [1][2]

Kompartmentsyndrom des Unterarmes [1][2]

Abdominelles Kompartmentsyndrom

Das abdominale Kompartmentsyndrom entsteht durch Druckerhöhungen in der Bauchhöhle bspw. nach Bauchverletzungen oder ausgedehnten Operationen. Die resultierende Kompression mit Beeinträchtigung der Perfusion kann nicht nur die Bauchorgane schädigen, sondern auch zu Multiorganversagen und hämodynamischer Instabilität führen. Daher handelt es sich um ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, das schnell erkannt und therapiert werden muss.

  • Definitionen [3]
    • Intraabdomineller Druck (IAP): Gleichgewichtsdruck in der Bauchhöhle
      • Normal: ca. 5 mmHg
      • Intraabdominelle Hypertension: IAP >15 mmHg
      • Intraabdominelles Kompartmentsyndrom: IAP anhaltend >20 mmHg und Organdysfunktion
  • Ätiologie
    • Trauma des Beckens oder Abdomens
    • Intraabdominelle Blutungen
    • Ausgedehnte Bauchoperationen
    • Massive Volumengabe
    • Barrierestörungen wie bei Sepsis
  • Klinik
    • Prall gespanntes Abdomen
    • Ansteigende Beatmungsdrücke
    • Oligurie
    • Hämodynamische Instabilität
  • Diagnostik: Messung des intraabdominellen Druckes
    • Goldstandard: Druckabnehmer in Harnblasenkatheter
      • Vorteil: Wenig invasiv, ein Harnblasenkatheter ist ohnehin in der Regel erforderlich
    • Experimentell über invasive Bauchdeckensonden
    • Alternativ auch über gastrale Sonde möglich, aber nicht etabliert
  • Komplikationen
  • Therapie: Laparotomie zur Dekompression
  • Prävention: Nach ausgedehnten Operationen oder Unfällen ggf. kein sofortiger vollständiger Wundverschluss
    • Identifizierung von Risikogruppen, standardisierte Bestimmung des IAP
  • Messung des Gewebedrucks mit Messfühler
    • Normaldruck: <10 mmHg
    • Kompartmentdruck: 30–40 mmHg
  • Erfassung der Durchblutung: Bei nicht palpablen peripheren Pulsen mit Pulsoxymeter und Dopplersonographie

Konservative Therapie bei drohendem Kompartment-Syndrom

  • Kühlen und leichtes Anheben der Extremität zur Druckentlastung
  • Antiphlogistische Therapie
  • Entfernen komprimierender (Gips‑)Verbände
  • Regelmäßige Kontrolle → Im Zweifelsfall sehr frühes operatives Vorgehen!

Hochlagerung kann durch Senkung der Durchblutung die Ischämie verschlimmern!

Operative Therapie bei manifestem Kompartment-Syndrom

  • Wiederherstellung der Perfusion durch Entlastung mittels konsequenter Gewebe- und Faszienspaltung (Dermatofasziotomie ) innerhalb der ersten 6 h mit anschließender offener Wundbehandlung

  • Muskel- und Weichteilnekrosen mit erhöhter Infektionsgefahr
  • Nervenläsion (v.a. N. tibialis und N. peroneus)
  • Rhabdomyolyse, Crush-Niere
  • Muskelkontrakturen
  • Rebound-Kompartmentsyndrom: Tritt 6–12 h nach operativer Reperfusion aufgrund von erhöhter Kapillarpermeabilität auf

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • M62.-: Sonstige Muskelkrankheiten
    • M62.2-: Ischämischer Muskelinfarkt (nichttraumatisch) [0–9]
      • Nichttraumatisches Kompartmentsyndrom
      • Exklusive: Traumatische Muskelischämie (T79.6‑), Traumatisches Kompartmentsyndrom (T79.6‑), Volkmann-Kontraktur [ischämische Muskelkontraktur] (T79.60)
  • T79.-: Bestimmte Frühkomplikationen eines Traumas, anderenorts nicht klassifiziert
    • T79.6-: Traumatische Muskelischämie
      • Kompartmentsyndrom
      • Exklusive: Nichttraumatisches Kompartmentsyndrom (M62.2‑)
    • T79.60: Traumatische Muskelischämie der oberen Extremität
    • T79.61: Traumatische Muskelischämie des Oberschenkels und der Hüfte
    • T79.62: Traumatische Muskelischämie des Unterschenkels
    • T79.63: Traumatische Muskelischämie des Fußes
    • T79.68: Traumatische Muskelischämie sonstiger Lokalisation
    • T79.69: Traumatische Muskelischämie nicht näher bezeichneter Lokalisation

Lokalisation der Muskel-Skelett-Beteiligung

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Weigel, Nerlich: Praxisbuch Unfallchirurgie. Springer 2011, ISBN: 978-3-642-10789-4 .
  2. Burkhart et al.: Acute Compartment Syndrome of the Upper Extremity In: European Journal of Trauma and Emergency Surgery. Band: 33, Nummer: 6, 2007, doi: 10.1007/s00068-007-7162-x . | Open in Read by QxMD p. 584-588.
  3. Kirkpatrick et al.: Intra-abdominal hypertension and the abdominal compartment syndrome: updated consensus definitions and clinical practice guidelines from the World Society of the Abdominal Compartment Syndrome In: Intensive Care Med.. 2013, doi: 10.1007/s00134-013-2906-z . | Open in Read by QxMD .
  4. Müller: Chirurgie (2014/15). 11. Auflage Medizinische Verlags- und Informationsdienste 2011, ISBN: 3-929-85110-5 .
  5. Siewert: Chirurgie. 8. Auflage Springer 2006, ISBN: 978-3-540-30450-0 .
  6. Henne-Bruns et al.: Duale Reihe Chirurgie. 2. Auflage Thieme 2007, ISBN: 3-131-25292-8 .
  7. Bühren, Marzi: Checkliste Traumatologie. Thieme 2011, ISBN: 978-3-135-98107-9 .