Zusammenfassung
Allen Porphyrien ist eine Akkumulation von Zwischenprodukten der Hämsynthese (d.h. von Porphyrinen und/oder ihren Vorstufen) gemein. Durch deren Ablagerung entstehen verschiedene klinische Symptome. Die beiden häufigsten Vertreter der Porphyrien sind die Porphyria cutanea tarda, welche durch charakteristische Hauterscheinungen mit Blasenbildung gekennzeichnet ist, und die akute intermittierende Porphyrie, die sich klassischerweise mit abdominellen Schmerzen, Tachykardie und neurologisch-psychiatrischen Symptomen präsentiert. Diese Symptome treten oft in Schüben auf, welche durch verschiedene Faktoren (Sonnenlicht, Medikamente, Alkohol, Hungerzustand) ausgelöst werden. Stoffwechselprodukte des Porphyrins können im Urin und manchmal auch im Stuhl nachgewiesen werden. Da es für die Porphyrien keine kausale Therapie gibt, gilt es primär, die auslösenden Faktoren zu meiden.
Definition und Einteilung
Definition und Pathophysiologie
Bei den Porphyrien handelt es sich um eine Gruppe von seltenen Erkrankungen, bei denen die Häm-Synthese infolge eines Enzymdefektes gestört ist. Da Häm neben einem Eisen-Ion aus einem aromatischen Porphyrin besteht, können bei einer gestörten Häm-Synthese vermehrt Porphyrine und ihre Vorstufen anfallen und sich in den Geweben ablagern. Häufig ist auch ihre Ausscheidung in Urin und Stuhl gesteigert.
Einteilung
Es werden primäre (genetische) von sekundären (erworbenen) Porphyrien unterschieden. Die primären Porphyrien werden abhängig vom hauptsächlichen Ort der Expression des betroffenen Enzyms weiter in hepatische (häufig) und erythropoetische Formen (selten) unterteilt. Weiterhin lassen sich bei den hepatischen Porphyrien je nach Verlauf akute, zumeist systemisch verlaufende von chronischen Varianten mit zumeist kutaner Manifestation abgrenzen.
Primäre Porphyrien (genetisch bedingter Enzymdefekt)
- Hepatische Porphyrien
- Akute hepatische Porphyrien
- Akute intermittierende Porphyrie (autosomal-dominant)
- Porphyria variegata (autosomal-dominant)
- Hereditäre Koproporphyrie (autosomal-dominant)
- Doss-Porphyrie (autosomal-rezessiv)
- Chronische hepatische Porphyrien
- Porphyria cutanea tarda (autosomal-dominant oder erworben)
- Hepatoerythropoetische Porphyrie (autosomal-rezessiv)
- Akute hepatische Porphyrien
-
Erythropoetische Porphyrien
- Kongenitale erythropoetische Porphyrie (sog. Morbus Günther; autosomal-rezessiv)
- Erythropoetische Protoporphyrie (autosomal-dominant)
Sekundäre Porphyrien (erworben)
- Sekundäre Koproporphyrien (u.a. durch Intoxikationen, Blut-/Lebererkrankungen, Infektionskrankheiten oder Hungerzustand)
- Sekundäre Protoporphyrinämien (u.a. durch Anämien, chron. Alkoholabusus oder chron. Schwermetallintoxikation)
Hepatische Porphyrien
Akute intermittierende Porphyrie
- Epidemiologie
- Ätiologie
- Mutation der Porphobilinogen-Desaminase auf Chromosom 11
- Autosomal-dominanter Erbgang
- Auslösende Faktoren
- Alkohol
- Medikamente
- Hungern, Dehydratation, Sepsis, Menstruation, weibliche Geschlechtshormone
- Operationen, psychischer Stress
- Klinik
- Leitsymptomatik (Trias)
- Abdominalschmerzen (Fieber und akutes Abdomen)
- Neurologisch-psychiatrische Beschwerden
- Tachykardie
- Leitsymptomatik (Trias)
- Diagnostik
- Ausscheidung von Metaboliten des Porphyrinstoffwechsels im Urin bei akutem Schub (δ-Aminolävulinsäure und Porphobilinogen)
- In etwa der Hälfte der Fälle kann ein rötliches Nachdunkeln des Urins bei Sonneneinstrahlung beobachtet werden.
- Therapie
- Absetzen auslösender Substanzen
- Senkung der δ-Aminolävulinsäure-Synthase-Aktivität: Hämarginat und Glucose
Die Leitsymptomatik bei der akuten intermittierenden Porphyrie besteht aus Abdominalschmerzen, Lähmungen und/oder Psychose sowie Tachykardie! Die Haut hingegen ist nicht betroffen!
Porphyria variegata
- Epidemiologie
- 0,3% der hellhäutigen Bevölkerung Südafrikas betroffen
- In Europa selten
- Genetik: Autosomal-dominanter Erbgang
- Auslösende Faktoren: Ähnlich der akuten intermittierenden Porphyrie
- Klinik
- Symptome wie bei akuter intermittierender Porphyrie
- Zusätzlich Hautveränderungen wie bei Porphyria cutanea tarda
- Diagnostik
- ALA , PBG , Koproporphyrin im Urin bei akutem Schub
- Protoporphyrin, Koproporphyrin im Stuhl
Hereditäre Koproporphyrie
- Genetik: Autosomal-dominanter Erbgang
- Auslösende Faktoren: Ähnlich der akuten intermittierenden Porphyrie
- Klinik
- Symptome wie bei akuter intermittierender Porphyrie
- Zusätzlich Hautveränderungen wie bei Porphyria cutanea tarda
- Diagnostik
- ALA , PBG im Urin bei akutem Schub
- Koproporphyrin im Stuhl und Urin bei akutem Schub; oft auch im schubfreien Intervall
Porphyria cutanea tarda
- Einteilung: Die Porphyria cutanea tarda gehört zu den chronischen hepatischen Porphyrien
- Epidemiologie
- Ätiologie
-
Hereditär (autosomal-dominant)
- Defekt der Uroporphyrinogen-III-Decarboxylase
- Erworben
- Insuffizienz der Uroporphyrinogen-III-Decarboxylase im Rahmen von Leberschäden
-
Hereditär (autosomal-dominant)
- Auslösende Faktoren
- Alkoholabusus
- Hormonelle Kontrazeption
- Chron. Infektionskrankheiten
- Pathophysiologie
- Pathologische Kumulation von Zwischenprodukten der Porphyrinsynthese → Konzentrationsabhängige Phototoxizität der Porphyrine → Lichtinduzierte Schädigung der Haut und Schleimhäute
- Klinik
- Hauterscheinungen
- Erhöhte Verletzbarkeit der Haut nach Lichtexposition → Blasenbildung, schlechte Wundheilung
- Abheilung unter Narben- und Milienbildung
- Prädilektionsorte
- Handrücken
- Unterarmstreckseiten
- Gesicht und Nacken
- Weitere Symptome
- Hyperpigmentierungen
- Hypertrichose
- Sklerodermieartige Veränderungen an Stirn und Kopfhaut
- Hauterscheinungen
- Diagnostik
- Erfassung der Leberschädigung durch Sonografie und Labordiagnostik
- Porphyrinausscheidung über Stuhl und Urin↑↑
- Bei gleichzeitiger homozygoter C282Y-HFE-Mutation kann sich eine Hämochromatose parallel zu einer Porphyria cutanea tarda mit vermehrter Eisenspeicherung entwickeln (Ferritin im Serum↑)
- Therapie
- Meidung von lebertoxischen Substanzen sowie Lichtexposition
- Aderlasstherapie
- Chloroquin
Erythropoetische Porphyrien
Kongenitale erythropoetische Porphyrie (Morbus Günther)
- Epidemiologie: Sehr seltene, aber schwere Porphyrie
- Genetik: Autosomal-rezessiver Erbgang
- Klinik
- Beginn im Kleinkindalter
- Ausgeprägte Fotosensibilität → Brennende Rötung der Haut mit aufsitzenden Blasen, die im Verlauf ulzerieren → Narbige Abheilung, Mutilationen möglich
- Therapie
- Keine kausale Therapie möglich
- Vermeidung von Sonnenexposition
Erythropoetische Protoporphyrie
- Epidemiologie: Dritthäufigste Porphyrie (nach Porphyria cutanea tarda und akuter intermittierender Porphyrie)
- Genetik: Autosomal-dominanter Erbgang
- Klinik
- Nach Sonnenexposition: Passagere Hauterscheinungen
- Gallensteine aus Protoporphyrin
- Selten: Chronische Leberbeteiligung
- Diagnostik: Protoporphyrin↑ in Stuhl und Blut
- Therapie
- Lichtschutz, α-MSH
- Ursodeoxycholsäure, Colestyramin
- Leber-/Knochenmarktransplantation
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 127-2020-1/3: ENVISION: Gentherapie der akuten Porphyrie
Interesse an wöchentlichen Updates zur aktuellen Studienlage im Bereich der Inneren Medizin? Abonniere jetzt das Studientelegramm! Den Link zur Anmeldung findest du am Seitenende unter "Tipps & Links".
AMBOSS-Podcast zum Thema
Porphyrien erkennen: Drei klinische Steckbriefe (Juni 2023)
Interesse an noch mehr Medizinwissen zum Hören? Abonniere jetzt den AMBOSS-Podcast über deinen Podcast-Anbieter oder den Link am Seitenende unter "Tipps & Links.”
Meditricks
In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.
Porphyrien
Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- E80.-: Störungen des Porphyrin- und Bilirubinstoffwechsels
- Inklusive: Defekte von Katalase und Peroxidase
- E80.0: Hereditäre erythropoetische Porphyrie
- Angeborene erythropoetische Porphyrie
- Erythropoetische Protoporphyrie
- E80.1: Porphyria cutanea tarda
- E80.2: Sonstige Porphyrie
- Hereditäre Koproporphyrie
- Porphyrie:
- akut intermittierend (hepatisch)
- o.n.A.
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.