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Emotional instabile Persönlichkeitsstörung

Letzte Aktualisierung: 16.11.2022

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Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist v.a. durch eine mangelnde Impulskontrolle geprägt. Diese führt zu unüberlegtem Handeln ohne Berücksichtigung der Konsequenzen sowie zu verstärkter Konfliktbereitschaft. Es werden zwei Erscheinungsformen dieser Persönlichkeitsstörung unterschieden: zum einen der impulsive Typus, bei dem besonders die Konfliktbereitschaft und eine Impulskontrollstörung im Vordergrund stehen, und zum anderen der Borderline-Typus, bei dem nach ICD-10 zusätzlich einige weitere Symptome vorliegen müssen. Aufgrund der klinischen Bedeutung und der Komplexität der zweiten Störung behandelt dieses Kapitel v.a. die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus.

Der Begriff „Borderline“ ist darauf zurückzuführen, dass die Störung in der Vergangenheit als Grenzfall zwischen den sog. neurotischen (z.B. Konversions-, Angst-, Zwangsstörungen) und den psychotischen Störungen (z.B. Schizophrenie) betrachtet wurde. Das Leben der Betroffenen wird oft begleitet von einer Störung des Selbstbildes, einem chronischen Gefühl von Leere und von unbeständigen Beziehungen. Zu einer stationären Behandlung kommt es meist infolge selbstdestruktiven Verhaltens mit selbst zugefügten Verletzungen und suizidalen Handlungen. Therapeutisch steht die Psychotherapie im Vordergrund. Besonders häufig wird die dialektisch-behaviorale Therapie eingesetzt.

Die epidemiologischen Angaben beziehen sich auf die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ.

  • Lebenszeitprävalenz: Ca. 5% [1]
  • Alter [2]
    • Beginn meist in der Adoleszenz
    • Gipfel der Symptomausprägung: Meist Mitte 20
  • Geschlechterverteilung: = [1]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ ist von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen.

  • Äußere Faktoren: Traumatische Ereignisse in der Kindheit/Jugend (sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt) [3]
  • Genetische Faktoren
  • Neurobiologische Aspekte

Diagnosekriterien einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 [4]

Borderline-Typ (F60.31) Impulsiver Typ (F60.30)
A
B
  • Mind. 3 der 5 genannten Kriterien treffen zu (beim impulsiven Typ muss Kriterium 2 zutreffen)
    1. Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
    2. Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, v.a. dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
    3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt, mit der Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
    4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
    5. Unbeständige und launische Stimmung
C
  • Mind. 2 der 5 genannten Kriterien treffen zu
    1. Störungen und Unsicherheit bzgl. des Selbstbildes, der Ziele und „inneren Präferenzen“
    2. Neigung, sich auf intensive, jedoch instabile Beziehungen einzulassen, oft mit emotionalen Krisen als Folge
    3. Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
    4. Wiederholte Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
    5. Anhaltendes Gefühl von Leere

Borderline-Typus

Das klinische Bild der Borderline-Störung ist primär geprägt durch Störungen der Identität, Affektregulation und sozialen Interaktion und führt i.d.R. zu vielseitigen Symptomen [3].

  • Unsicherheiten bzgl. des Selbstbildes und der eigenen Identität
  • Impulskontrollstörung: Die Patienten erleben unangenehme Anspannungszustände, die sie nur durch kurzfristig gedachte, impulsive Handlungen lösen können
    • Essanfälle
    • Alkoholexzesse
    • Hochrisikoverhalten
  • Selbstverletzendes Verhalten
    • Typische Verletzungsmuster
      • Schnittverletzungen
      • Zigarettenausdrücken
    • Ursache (siehe auch: Funktion von NSSV auf Verhaltensebene)
      • Die Handlung wird meistens durchgeführt, um sich zu „spüren“ und zu entlasten
      • Die Selbstverletzung führt suchtähnlich zu euphorisierenden Kicks
      • Gelegentlich: Impulsartiger Selbsthass, der zur Selbstverletzung führt
  • Suizidalität (siehe auch: Suizidalität im Rahmen psychiatrischer Grunderkrankungen)
  • Derealisation
  • Gesteigerte Affekte
  • Affektive Instabilität
  • Intensive, aber instabile zwischenmenschliche Beziehungen (inkl. therapeutische Beziehung)

Komorbiditäten

Psychotherapeutische Verfahren

Einige störungsspezifische Psychotherapieverfahren sind nachgewiesenermaßen wirksam

Medikamentöse Therapie

Die Gabe von Benzodiazepinen sollte aufgrund des Abhängigkeitspotenzials vermieden werden!

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. Urban & Fischer 2020, ISBN: 978-3-437-24913-6 .
  2. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. 17. Auflage Urban & Fischer 2021, ISBN: 978-3-437-24914-3 .
  3. Mathias Berger: Psychische Erkrankungen. 6. Auflage Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2018, ISBN: 978-3-437-22485-0 .
  4. WHO - World Health Organization: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. 9. Auflage Hogrefe 2019, ISBN: 978-3-456-85992-7 .
  5. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
  6. Bandelow et al.: Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage Steinkopff 2008, ISBN: 978-3-798-51835-3 .