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Emotional instabile Persönlichkeitsstörung

Letzte Aktualisierung: 28.5.2019

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Bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die vor allem durch eine mangelnde Impulskontrolle geprägt ist. Dies führt zu unüberlegtem Handeln ohne Berücksichtigung der Konsequenzen, sowie zu verstärkter Konfliktbereitschaft. Es werden zwei Erscheinungsformen dieser Persönlichkeitsstörung unterschieden: Erstens ein impulsiver Typus, bei dem besonders die Konfliktbereitschaft und eine Impulskontrollstörung im Vordergrund stehen. Und zweitens der Borderline-Typus, bei dem nach ICD-10 zusätzlich zahlreiche weitere Symptome vorliegen müssen. Aufgrund der klinischen Bedeutung und der Komplexität der zweiten Störung behandelt dieses Kapitel vor allem die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus.

Der Begriff „Borderline“ ist dabei durch die Vielzahl von Symptomen geprägt, die sowohl psychotische (z.B. Wahn) als auch neurotische (z.B. Affektstörungen, Ängste) Aspekte beinhalten. Das Leben der Patienten wird begleitet von einer Störung des Selbstbildes, einem chronischen Gefühl von Leere und von unbeständigen Beziehungen. Zu einer stationären Behandlung kommt es meist infolge selbstdestruktiven Verhaltens mit selbstzugefügten Verletzungen („Ritzen“) und suizidalen Handlungen. Das multimodale Therapiekonzept beruht auf Psychotherapiekonzepten, die supportiv durch Antidepressiva und Antipsychotika begleitet werden. Besonders häufig wird dabei auf die dialektisch-behaviorale Therapie nach Linehan zurückgegriffen.

  • Alter
    • Beginn meist in der Adoleszenz
    • Erste Behandlung im Alter von 20–30 Jahren
    • Gipfel bei ca. 27 Jahren
  • Geschlecht: >

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Bei der emotional instabilen Persönlichkeit vom Borderline-Typ ist von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen

  • Äußere Faktoren: Traumatische Ereignisse in der Kindheit (sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt) finden sich bei fast ⅔ der Patienten
  • Genetische Faktoren
  • Neurobiologische Aspekte

ICD-10: Diagnosekriterien einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung

  1. Die allgemeinen diagnostischen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung müssen vorliegen
  2. Um eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren (impulsiver sowie Borderline-Typus) müssen drei der fünf genannten Kriterien zutreffen
    • Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
    • Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
    • Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt, mit der Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
    • Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
    • Unbeständige und launische Stimmung
  3. Für die Diagnose eines Borderline-Typus müssen zusätzlich zwei der fünf genannten Kriterien zutreffen
    • Störungen und Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität, des Selbstbildes, der Ziele und „inneren Präferenzen“
    • Neigung, sich auf intensive, jedoch instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
    • Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
    • Wiederholte Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
    • Anhaltendes Gefühl von Leere

Sowohl beim impulsivem Typus als auch beim Borderline-Typus liegt eine Konfliktbereitschaft und Impulskontrollstörung vor, zur Diagnosestellung einer Borderline-Störung müssen aber zusätzliche Auffälligkeiten nachgewiesen werden!

Borderline-Typus

Das klinische Bild der Borderline-Störung ist hochkomplex (→siehe auch Klassifikation). Der Begriff „Borderline“ ist darauf zurückzuführen, dass die Störung zwischen den ehemals neurotischen (z.B. Konversions-, Angst-, Zwangsstörungen) und den psychotischen Störungen (z.B. Schizophrenie) klassifiziert wurde.

Polysymptomatisch

  • Impulskontrollstörung: Die Patienten erleben unangenehme Anspannungszustände, die sie nur durch kurzfristig gedachte, impulsive Handlungen lösen können. Dies zeigt sich dann in Hochrisikoverhalten, Essanfällen, Alkoholexzessen, Abbrüchen der beruflichen Ausbildung, privater Beziehungen sowie der Therapie
  • Selbstverletzendes Verhalten
    • Typische Verletzungsmuster
      • „Ritzen“
      • Zigarettenausdrücken
    • Ursache
      • Die Handlung wird meistens durchgeführt, um sich zu „spüren“ und zu entlasten
      • Die Selbstverletzung führt suchtähnlich zu euphorisierenden Kicks
      • Gelegentlich: Impulsartiger Selbsthass, der zur Selbstverletzung führt
  • Suizidalität (siehe auch: Suizidalität im Rahmen psychiatrischer Grunderkrankungen)
  • Derealisation
  • Agieren
  • Gesteigerte Affekte
  • Affektive Instabilität
  • Polytoxikomanie
  • Unsicherheiten bzgl. des Selbstbilds und der Identität

Komorbiditäten

Psychotherapeutische Verfahren

Dialektisch behaviorale Therapie

Auf den Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie wurde die dialektisch-behaviorale Therapie von Marsha Linehan speziell zur Behandlung der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ entwickelt. Die Therapie kann in Einzel- und Gruppentherapien ablaufen, wobei es von großer Bedeutung ist, dass der Therapeut eine Strategie zum Verstehen und Wertschätzen des Patienten-Problems entwickelt, um eine adäquate Psychotherapie gewährleisten zu können.

  • 5 Charakteristika der dialektisch-behavioralen Therapie
    • Innere Achtsamkeit
    • Bewusster Umgang mit Gefühlen
    • Selbstwert
    • Stresstoleranz
    • Zwischenmenschliche Fähigkeiten

Schematherapie nach Young

Menschen erlernen in ihrem Leben bestimmte Grundschemata , die dazu dienen, ihre seelischen Grundbedürfnisse zu befriedigen, die gleichzeitig aber auch ihr Verhalten steuern. Ungünstige Kindheitserlebnisse führen zu bewusst nur schwer zugänglichen Schemata, die dann primär für Persönlichkeitsstörungen verantwortlich sind. Die Schematherapie nach Young versucht nun diese fehlentwickelten (maladaptiven) Schemata therapeutisch unwirksam zu machen.

  • Charakteristika der Schematherapie
    • Verbindung verschiedener therapeutischer Konzepte (u.a. kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie, Gestalttherapie)
    • Therapeut soll dem Patient besonders empathisch begegnen
    • Reparenting

Medikamentöse Therapie

Die Gabe von Benzodiazepinen sollte aufgrund des Abhängigkeitspotentials vermieden werden!

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Bandelow et al.: Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage Steinkopff 2008, ISBN: 978-3-798-51835-3 .