Die aufgeführten Informationen richten sich an Studierende sowie Angehörige eines Heilberufes und ersetzen keinen Arztbesuch. Disclaimer aufrufen.

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Primäre Giftelimination - AMBOSS-SOP

Letzte Aktualisierung: 27.8.2020

Allgemeinestoggle arrow icon

  • Spülen mit reichlich lauwarmem, fließendem Wasser oder isotonischer Kochsalzlösung für mind. 15 Minuten
  • Patienten vor Auskühlung schützen (insb. bei Entfernung kontaminierter Kleidung bzw. Durchnässung)
  • Druckschädigung bei Spülen der Augen vermeiden, keine forcierte Anwendung

Kein Versuch, ätzende Substanzen zu neutralisieren (abgesehen vom Einsatz spezifischer medizinischer Spülflüssigkeiten)!

  • Ggf. Entfernung kontaminierter Kleidung
  • Bei lipophilen Noxen: Seife oder spezifische Lösungsvermittler verwenden (niemals andere Stoffe wie Benzin oder Alkohol!)
  • Wunden (nach Spülung) steril abdecken
  • Geeignete Flüssigkeiten
    • Wasser
    • Spezielle Pufferlösungen
    • Im Notfall: Alle trinkbaren alkoholarmen/alkoholfreien, maximal leicht sauren Flüssigkeiten
  • Durchführung
    • Spülung bei seitlich gedrehtem Kopf und weit gespreizten Lidern
    • Spülrichtung von medial nach lateral

Die Gabe von Aktivkohle oder von spezifischen Antidota (inkl. Sauerstoff) kann/sollte bereits am Ereignisort geschehen – die restlichen Maßnahmen sind dagegen der klinischen Versorgung vorbehalten!

  • Indikation
  • Kontraindikationen
    • Ingestion eines Gifts, das nicht ausreichend an Aktivkohle adsorbiert wird
    • Gefahr einer Aspiration
    • Rezidivierendes Erbrechen
    • Gefahr eines Krampfanfalls
    • Gefahr von Blutungen und/oder Perforationen
    • Bestehende oder vermutete Schluckstörung oder Störungen der Magen-Darm-Passage
  • Dosierung
    • Bei bekannter Giftdosis: Mind. 10-facher Überschuss (Einmaldosis max. 50 g)
    • Bei nicht bekannter Giftdosis: 0,5–1 g/kgKG (Einmaldosis max. 50 g)
  • Anwendung
    • Aktivkohle steht in Form von gepressten Tabletten („Kompretten“), Granulat oder Pulver zur Verfügung → Aufschlämmung vorzugsweise in (stillem) Wasser → Gabe oral als wässrige Lösung
    • Wiederholte Gabe
      • Gabe der Einmaldosis in Intervallen von je 4 h über 24 h (ggf. auch Kürzung der Intervalle auf bis zu 1 h möglich, dann entsprechende Verdünnung)
      • Kontrolle bzw. Sicherstellung einer ausreichenden Darmmotilität und Magenentleerung
  • Kombinationen
    • Kombination mit Laxantien nur in spezifischen Ausnahmefällen
      • Verabreichung von Polyethylenglykol-Elektrolytlösungen zeitversetzt (Abstand von 2 h) zur Gabe von Aktivkohle
  • Nebenwirkungen/Komplikationen: Im Rahmen des Einsatzes bei akuten Intoxikationen selten und i.d.R. nur bei hohen Dosierungen bzw. wiederholter Gabe
  • Indikation
  • Kontraindikationen
    • Gefahr einer Aspiration
    • Gefahr eines Krampfanfalls
    • Z.n. Ingestion ätzender Noxen
  • Anwendung
    • Gabe von 15–30 mL Ipecacuanha-Sirup, gefolgt von 250 mL Wasser
    • Wirkeintritt nach ca. 20–30 min, Wirkdauer ca. 2–3 h (→ Nachbeobachtung bis 4 h nach Gabe erforderlich)
  • Nebenwirkungen/Komplikationen

Erbrechen sollte nur in Ausnahmefällen bei potentiell lebensgefährlichen Intoxikationen herbeigeführt werden, im Allgemeinen nach Rücksprache mit einem Giftnotruf!

  • Indikation: Intoxikationen, bei denen Aktivkohle nicht sinnvoll oder ausreichend ist
  • Kontraindikationen
    • Gefahr eines Krampfanfalls
    • Z.n. Ingestion ätzender Noxen, großstückiger Noxen sowie organischer und/oder tensidhaltiger flüssiger Noxen mit niedriger Viskosität
    • Bei drohenden oder bestehenden Bewusstseinseinschränkungen: Durchführung nur unter Intubationsschutz!
  • Anwendung
    • Innerhalb 1 h nach Ingestion des Gifts
    • Lagerung des Patienten in Linksseiten- und Kopftieflage (Neigungswinkel = 20°)
      1. Einführen des Magenschlauchs (befeuchtet mit einem Gleitgel auf Zellulose-Basis)
        • Bei Widerstand keine Anwendung starker Kraft!
        • Dimensionen des Magenschlauchs (bei Erwachsenen)
          • Äußerer Durchmesser: Ca. 12–13,3 mm (entspricht 36–40 French/Charrière)
          • Länge: (Strecke von der Nasenwurzel bis zum Xiphoid des Patienten) + (1 Handbreite des Patienten)
      2. Lagekontrolle durch Instillation von 50–100 mL Luft → Bei korrekter Lage Auskultation eines Blubbergeräusches über dem Epigastrium
      3. Spülen mit Portionen von je 200–300 mL körperwarmem Wasser oder isotoner NaCl-Lösung bis der Rückfluss wasserklar bleibt ; Asservierung einer Probe aus dem ersten Rückfluss zur toxikologischen Analyse
      4. Falls möglich endoskopische Kontrolle und ggf. Entfernung von Resten
      5. Instillation von Aktivkohle (1 g/kgKG suspendiert in 500 mL Wasser)
      6. Abklemmen des Schlauchs, dann rasches Herausziehen ohne Unterbrechung
  • Nebenwirkungen/Komplikationen
  • Indikationen
    • Lebensgefährliche Vergiftungen, bei denen andere Verfahren zur primären Giftelimination nicht ausreichend effektiv sind (insb. bei Ingestion von Giften, die nicht oder nicht ausreichend an Aktivkohle adsorbieren, Giften, die zur Verklumpung neigen oder von lebensgefährlichen Mengen eines Retardpräparats)
    • Ingestion von kleinen rundlichen Fremdkörpern oder verpackten Drogen
  • Kontraindikationen
    • Instabile Vitalfunktionen
    • Heftiges Erbrechen
    • Perforationen/Blutungen im Gastrointestinaltrakt, Ileus
    • Gefahr eines Krampfanfalls
    • Bei drohenden oder bestehenden Bewusstseinseinschränkungen: Durchführung nur unter Intubationsschutz!
  • Anwendung
    1. Lagerung des Patienten in Sitzposition bzw. in Kopfhochlage (mind. 45°)
    2. Anlage einer nasogastralen Sonde (äußerer Durchmesser: 4 mm, entspricht 12 French/Charrière)
    3. Verabreichung von isotoner Polyethylenglykol-Elektrolytlösung über die Sonde (1500–2000 mL/h, bis rektal eine klare Flüssigkeit ausgeschieden wird, max. Anwendung von 10 L)
  • Nebenwirkungen/Komplikationen
    • Aspirationsgefahr
    • Erbrechen
    • Abdominelle Krämpfe, Meteorismus
Primäre Giftelimination nach Inhalation
Inhalierte Noxe Maßnahmen
Reizgase vom Soforttyp
  • Zufuhr von Frischluft
  • Bei Atemnot zusätzliche Gabe von Sauerstoff, Bronchospasmolytikum, Antitussivum und/oder Inhalation von isotonischer NaCl- oder 3–4%iger NaHCO3-Lösung
Reizgase vom Latenztyp
Kohlenstoffmonoxid
  • Gabe von Sauerstoff mit FiO2 = 1 bis zu Symptomfreiheit und normwertigem COHb-Anteil (< 3%)
Kohlenstoffdioxid
Blausäure
  • Gabe von Hydroxocobalamin i.v. (Antidot)
    • Die Gabe von Methämoglobinbildnern (bspw. 4-DMAP) ist im Rahmen von Rauchgasvergiftungen kontraindiziert!
  1. Zellner et al.: The use of activated charcoal to treat intoxications In: Deutsches Ärzteblatt. Band: 116, Nummer: 18, 2019, doi: 10.3238/arztebl.2019.0311 . | Open in Read by QxMD p. 311-317.
  2. Zellner, Eyer: Inhalationstrauma durch Rauchgas bei Bränden In: Notfall + Rettungsmedizin. Band: 22, Nummer: 4, 2018, doi: 10.1007/s10049-018-0450-7 . | Open in Read by QxMD p. 322-329.
  3. "Bremer Liste": Antidota im Rettungsdienst. Stand: 1. Januar 2020. Abgerufen am: 14. Mai 2020.
  4. Spilker, Wappler: Verbrennungsmedizin. Georg Thieme Verlag 2008, ISBN: 978-3-131-59531-7 .
  5. Cordes et al.: Augenirritation und Augenverätzung In: Der Ophthalmologe. Band: 108, Nummer: 10, 2011, doi: 10.1007/s00347-010-2249-x . | Open in Read by QxMD p. 910-915.