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Pneumothorax

Letzte Aktualisierung: 21.5.2021

Abstracttoggle arrow icon

Ein Pneumothorax entsteht durch das Eindringen von Luft in den Pleuraspalt, wodurch der Unterdruck im Pleuraspalt verloren geht und der betreffende Lungenflügel kollabieren kann. Ätiologisch werden neben traumatischen (z.B. penetrierenden) Verletzungen auch spontan auftretende Pneumothoraces beobachtet – letztere insb. bei jungen Männern. Zu beachten ist die Möglichkeit eines Spannungspneumothorax, bei dem es durch einen Ventilmechanismus zur progredienten Verdrängung des Herzens, der großen Gefäße und des Lungenflügels der Gegenseite kommt. Die resultierende Atem- und Kreislaufinsuffizienz stellt eine lebensbedrohliche Situation dar und ist als absoluter Notfall zu behandeln.

Beim Pneumothorax wird therapeutisch das Wiederanlegen der Lunge an die Thoraxwand angestrebt. Dies geschieht i.d.R. mittels Anlage einer Thorax-Drainage (z.B. Bülau-Drainage), welche einen Unterdruck im Pleuraspalt erzeugt. Unter Umständen ist ein chirurgisches Vorgehen indiziert. Beim Spannungspneumothorax ist die akute – auch schon präklinische – Aufhebung des Ventilmechanismus essentiell, um das Überleben des Patienten zu sichern.

Grundlegende Begriffsdefinition

Einteilung und Definition unterschiedlicher Pneumothoraxformen

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Spontanpneumothorax

Traumatischer Pneumothorax

Iatrogener Pneumothorax

Bei diagnostischen bzw. interventionellen Maßnahmen mit erhöhtem Risiko für das Auftreten eines Pneumothorax sollte im Anschluss eine Röntgenaufnahme des Thorax oder eine Sonographie durchgeführt werden, um einen iatrogenen Pneumothorax auszuschließen.

Aufgrund der Gefahr eines beidseitigen Pneumothorax sollte eine Subklaviapunktion nach Möglichkeit nicht beidseitig erfolgen!

Die Klinik des sekundären Spontanpneumothorax (bei zugrundeliegender Lungenerkrankung) ist meist ausgeprägter als die des primären Spontanpneumothorax.

Ein Spannungspneumothorax (klinische Diagnose) ist lebensbedrohlich und stellt einen akuten Notfall dar, der sofort behandelt werden muss!

Grundlagen [3]

Beim Spannungspneumothorax handelt es sich um eine lebensbedrohliche Form des Pneumothorax

  • Definition: Zunehmende Ansammlung von Luft im Thoraxraum, die zu einer Mediastinalverschiebung führt
  • Ätiologie
    • Kann bei jeder Form des Pneumothorax auftreten
    • Aufgrund eines Ventilmechanismus baut sich ein Überdruck (Spannung) auf
  • Pathophysiologie: Riss in der Pleura visceralis mit Ventilmechanismus → Luft kann nur in eine Richtung strömen → Bei jeder Inspiration strömt mehr Luft in den Pleuraspalt, bei der Exspiration kann die Luft jedoch nicht entweichen → Überdruck im Pleuraraum entsteht → Mediastinalverlagerung sowie erhöhter Druck auf Lunge, Herz und Gefäße
  • Symptome/Klinik
  • Diagnostik: Siehe Diagnostik des Pneumothorax

(Präklinische) Versorgung des Spannungspneumothorax [4]

Bei Vorliegen eines Spannungspneumothorax muss notfallmäßig eine Entlastung durch Pleurapunktion (ggf. bereits außerhalb der Klinik) erfolgen

Die Punktion Bülau-Position (4. ICR) erfolgt unterhalb - also „below“ - der Monaldi-Position (2. ICR).

Komplikationen

Beim Spannungspneumothorax handelt es sich um eine lebensgefährliche Situation, die durch rasche Punktion therapiert werden muss!

Pneumothorax mit Mediastinalflattern [6]

  • Definition: Luftansammlung in der Pleurahöhle mit Verbindung zur Außenluft
  • Ätiologie
    • Offener äußerer Pneumothorax
    • Offener innerer Pneumothorax mit Lungenverletzung
  • Pathophysiologie
  • Klinik
  • Besonderheiten bei der Therapie
    • Im Akutfall nach Trauma: Abdeckung der Thoraxwandverletzung (bei beatmeten Patienten nur locker)

Seropneumothorax

Menstruationspneumothorax (Katamenialer Pneumothorax) [7][8]

  • Definition: (Wiederholtes) Auftreten eines (Hämato‑)Pneumothorax zum Zeitpunkt der Menstruation
  • Epidemiologie: Sehr selten
  • Ätiologie: Vermutlich bedingt durch extragenitale Endometrioseherde im Bereich des Zwerchfells und/oder der Pleura
  • Besonderheiten der Therapie
    • Bereits bei Verdacht: Gynäkologische Mitbeurteilung
    • Bei rezidivierendem Pneumothorax: Interventionelle Therapie erwägen (z.B. Spitzenresektion, Resektion von Endometrioseherden, Pleurodese, Pleurektomie)
    • Ggf. unterstützende Hormontherapie

Okkulter Pneumothorax [3]

  • Definition: Pneumothorax, der nur in der CT und nicht dem Röntgen-Thorax zu erkennen ist, häufig ventralseitig
  • Besonderheiten der Therapie: Meist konservativ (bis 7 mm)

Anamnese

Häufig liefern die anamnestischen Angaben bereits Anzeichen für die zugrunde liegende Ursache eines möglichen Pneumothorax.

Körperliche Untersuchung

Bei Spannungspneumothorax fallen Kreislaufinstabilität und ggf. zusätzlich eine Zyanose, eine Einflussstauung (gestaute Halsvenen) und/oder ein Hautemphysem auf!

Die klinische Untersuchung ist nicht ausreichend, um einen Pneumothorax auszuschließen, und dient nur als erste Orientierung!

Blutgasanalyse

Apparative Diagnostik

Röntgen

  • Aufnahmetechnik [1]
  • Typische Befunde
    • Spannungspneumothorax
    • Pneumothorax
      • Abbruch der Gefäßzeichnung
      • Vermehrte Strahlentransparenz bzw. Transparenzsprung
      • „Pneulinie“
      • Ggf. subkutanes Emphysem und/oder Pneumomediastinum (insb. nach Trauma oder Intervention)
    • Spitzenpneumothorax: Apikale Ansammlung von Luft → Apikal keine Lungengefäßzeichnung erkennbar
    • Mantelpneumothorax: Komplette Ablösung der Pleura von der Thoraxwand → Ein die Lunge umgebender Saum ohne erkennbare Lungengefäßzeichnung
    • „Tiefer Randsinus“/„Deep Sulcus Sign“ in der Liegendaufnahme
  • Größe des Pneumothorax: Formel nach Collins zur näherungsweisen Berechnung des Pneumothoraxvolumens
    • Berechnung: Größe des Pneumothorax in % = 4,2 + 4,7 × (A + B + C)
      • Grundlage ist die p.a. Röntgenaufnahme in Inspiration
      • Messung der interpleuralen Abstände an drei Stellen: A = interpleuraler Abstand am Apex, B = interpleuraler Abstand mittig im Bereich der oberen Lunge, C = interpleuraler Abstand mittig im Bereich der unteren Lunge
    • Interpretation
      • „Großer“ Pneumothorax: A + B + C ≥4 cm
      • Abschätzung des Rezidivrisikos und der Prognose bei konservativer Therapie

Bei V.a. Pneumothorax sowie nach Prozeduren mit hohem Risiko für das Auftreten eines Pneumothorax ist die Röntgen-Thorax-Aufnahme das wichtigste diagnostische Mittel!

Bei Spannungspneumothorax fallen eine Mediastinalverlagerung zur Gegenseite, ein Zwerchfelltiefstand und erweiterte Interkostalräume auf!

Computertomographie [1]

  • Durchführung: Ohne Kontrastmittel (für die Bewertung des Lungenparenchyms nicht notwendig)
  • Indikationen
    • Unklarer Befund im Röntgen-Thorax
    • Bei Polytraumadiagnostik
    • Verdacht auf sekundären Pneumothorax (bspw. auch bei Patienten ≥45 Jahre)
    • Komplizierende Befunde: Hämatopneumothorax, Weichteilemphysem
    • Klärung einer OP-Indikation
    • Beurteilung der Rezidivwahrscheinlichkeit eines Pneumothorax
  • Vorteil
    • Hohe Sensitivität
    • Beurteilung der genauen Ausdehnung des Pneumothorax möglich
  • Befund: Viszerale Pleuralinie ist eindeutig gegen den luftgefüllten Pleuraraum abgrenzbar

Die Computertomographie ist nicht Teil der Standarddiagnostik!

Sonographie [1][11][12]

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Erstmaßnahmen

  • Sofortige O2-Gabe über eine Nasensonde (4–6 L/min) bzw. eine Maske (bis zu 10 L/min) mit Reservoir
  • Oberkörperhochlagerung zur Verbesserung des pulmonalen Gasaustausches

Bei chronisch ateminsuffizienten COPD-Patienten sollte die Sauerstoffgabe zurückhaltend erfolgen, um keinen Atemstillstand auszulösen!

Konservativer Therapieversuch

  • Indikation: Nur bei primärem Pneumothorax zu erwägen
    • Kleiner Mantel-/Spitzenpneumothorax (<2–3 cm breiter Saum) bzw. kleiner Pneumothorax gemäß Collins-Formel und
    • Keine/geringe Dyspnoe
  • Durchführung
    • Symptomatische Therapie
    • Ggf. wiederholte Sauerstoffgabe
    • Ambulante Behandlung kann bei nicht alleinstehenden, kooperativen und einsichtigen Patienten ohne Hypoxämie erwogen werden
  • Verlauf
    • Häufig selbstständige Resorption der Luft
    • Bei ambulanter Therapieführung Wiedervorstellung nach 24 h
    • Röntgen-Thorax-Kontrolle nach 24 h und ggf. wiederholt wöchentlich

Bei primärem Spontanpneumothorax und komplizierenden Bedingungen (Vorliegen eines Hämatothorax, eines Weichteilemphysems, schwerwiegende Vorerkrankungen, anamnestische Thorax-OP und/oder Rezidiv eines Pneumothorax) sowie bei sekundärem Spontanpneumothorax sollte eine zeitnahe Vorstellung in der Thoraxchirurgie bzw. beim Pneumologen erfolgen!

Interventionell: Thoraxdrainage [3]

Nach Anlage einer Thoraxdrainage sowie nach Drainage-Zug sollte eine Röntgen-Kontrolle erfolgen!

Operative Versorgung

  • Indikation
  • Zugangswege: Empfehlung zur videoassistierten Thorakoskopie (VATS)
    • Alternativ: Offene Thorakotomie
  • Chirurgische Maßnahmen
    1. Versorgen der Undichtigkeit der viszeralen Pleura
    2. Resektion blasentragender bzw. veränderter Lungenareale
    3. Rezidivprophylaxe mittels Pleurodese
      • Mechanisch/operativ: Pleuraabrasio, partielle (apikale) parietale Pleurektomie
      • Chemisch/medikamentös (Instillation in den Pleuraspalt) : Bspw. mit Talkum , Bleomycin, Tetrazyklin oder Eigenblut
  • Vorteile
    • Geringeres Rezidivrisiko als bei konservativer oder Drainagetherapie
    • Histologische Sicherung zur Klärung einer sekundären Genese möglich
  • Nachteile
    • Allgemeine postoperative Nebenwirkungen
    • Notwendigkeit der stationären Aufnahme

Bei fibrosierenden Lungenerkrankungen und (folglich sekundärem) Spontanpneumothorax sollte aufgrund der erhöhten Krankenhausmortalität die Indikation zur Operation zurückhaltend gestellt und eine Pleurodese über eine liegende Thoraxdrainage bevorzugt werden! [1]

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Rezidiv [1]

  • Häufigkeit: Ca. 20–30 % der Spontanpneumothoraces
  • Risikofaktoren
    • Großer Pneumothorax
    • Radiologisch-pathologisch nachgewiesene Veränderungen von Lunge oder Pleura
    • Rezidivpneumothorax
    • Berufe mit erhöhtem Rezidivrisiko (bspw. Pilot, Taucher)
  • Prophylaxe
    • Tabakentwöhnung (Rauchstopp)
    • Tauchen mit Überdruckflaschen (Scuba Diving) dauerhaft vermeiden
    • Auf Flugreisen und Sportarten, die mit einer starken körperlichen Belastung und/oder massivem Körperkontakt einhergehen, sollte bis zur kompletten Lungenentfaltung verzichtet werden
    • Ggf. Pleurodese über die liegende Thoraxdrainage

Letalität [1]

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Spontanpneumothorax (März 2020)


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Junger Mann mit akuter Atemnot

Pneumothorax allgemein

Pneumothorax im Rahmen einer Tuberkulose

Pneumothorax im Verlauf einer Schwangerschaft

Sonstiges

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Henne-Bruns et al.: Duale Reihe Chirurgie. 2. Auflage Thieme 2007, ISBN: 3-131-25292-8 .
  2. Joseph, Sahn: Thoracic endometriosis syndrome: new observations from an analysis of 110 cases. In: The American journal of medicine. Band: 100, Nummer: 2, 1996, p. 164-70.
  3. Mehta et al.: Primary Spontaneous Pneumothorax in Menstruating Women Has High Recurrence. In: The Annals of thoracic surgery. Band: 102, Nummer: 4, 2016, doi: 10.1016/j.athoracsur.2016.04.069 . | Open in Read by QxMD p. 1125-30.
  4. Schwab et al.: Notfälle in der Allgemein- und Viszeralchirurgie. 1. Auflage. Auflage Springer 2019, ISBN: 978-3-662-53556-1 .
  5. Wilzeck et al.: When your patient clicks: a loud clicking sound as a key sign to the diagnosis In: BMJ Case Reports. 2017, doi: 10.1136/bcr-2017-220301 . | Open in Read by QxMD p. bcr-2017-220301.
  6. Toffel et al.: Thoraxchirurgische Aspekte beim Polytrauma In: Zentralblatt für Chirurgie - Zeitschrift für Allgemeine, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Band: 145, Nummer: 01, 2020, doi: 10.1055/a-0903-1461 . | Open in Read by QxMD p. 108-120.
  7. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie von Spontanpneumothorax und postinterventionellem Pneumothorax. Stand: 5. März 2018. Abgerufen am: 15. März 2018.
  8. Sybrecht et al.: DIVI Jahrbuch 2014/2015. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (MWV) 2015, ISBN: 978-3-954-66147-3 .
  9. Blank et al.: Kursbuch Notfallsonografie. Thieme Verlag 2013, ISBN: 978-3-131-70191-6 .
  10. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. Stand: 1. Juli 2016. Abgerufen am: 6. November 2017.
  11. Galvagno et al.: Advanced Trauma Life Support® Update 2019 In: Anesthesiology Clinics. Band: 37, Nummer: 1, 2019, doi: 10.1016/j.anclin.2018.09.009 . | Open in Read by QxMD p. 13-32.
  12. Schnell: Epidemiologie des Pneumothorax in Deutschland In: Zentralblatt für Chirurgie - Zeitschrift für Allgemeine, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Band: 140, Nummer: S 01, 2015, doi: 10.1055/s-0035-1559933 . | Open in Read by QxMD .
  13. Siewert: Chirurgie. 8. Auflage Springer 2006, ISBN: 978-3-540-30450-0 .
  14. Striebel: Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin. 7. Auflage Schattauer 2008, ISBN: 978-3-794-52635-2 .
  15. Hirner, Weise (Hrsg.): Chirurgie. 2. Auflage Thieme 2008, ISBN: 978-3-131-30842-9 .
  16. Ellinger et al.: Fachkundenachweis Rettungsdienst. Springer 1991, ISBN: 978-3-540-52268-3 .
  17. Kiefer: Thoraxdrainagen. Springer 2016, ISBN: 978-3-662-49740-1 .
  18. Herold et al.: Innere Medizin 2020. Herold 2020, ISBN: 978-3-981-46609-6 .