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Degenerative Spinalkanalstenose

Letzte Aktualisierung: 16.2.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Die degenerative Spinalkanalstenose ist eine häufige Erkrankung im mittleren bis höheren Lebensalter (50–70 Jahre) und Folge degenerativer Veränderungen der Wirbelsäule (Spondylosis deformans), bei der es zu einer Einengung des Wirbelkanals oder der Neuroforamina kommt. Diese Verengung kann bei bestimmten Bewegungen oder auch permanent Druck auf Nervengewebe ausüben, was bei einer lateralen Stenose im Recessus lateralis oder im Neuroforamen zu radikulären Symptomen und bei einer zentralen Stenose des Rückenmarks zu einer neurogenen Claudicatio-Symptomatik führen kann. Am häufigsten entsteht eine Spinalkanalstenose in Bewegungssegmenten mit hoher Mobilität und daher hoher mechanischer Belastung wie der unteren Hals- oder insb. Lendenwirbelsäule. Als Leitsymptom der degenerativen lumbalen Spinalkanalstenose gilt der belastungsabhängige Schmerz mit Verkürzung der Gehstrecke und Linderung der Symptome durch Vorbeugen. Eine Bestätigung der Verdachtsdiagnose ist nur mittels Bildgebung möglich, Goldstandard ist hierbei die MRT. Die Behandlung umfasst insb. bei geringer bis moderater Symptomatik konservative Maßnahmen wie Physiotherapie oder Schmerzmedikation. Bei stark ausgeprägter Symptomatik oder therapieresistentem Verlauf kann eine mikrochirurgische Dekompression notwendig sein.

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Epidemiologietoggle arrow icon

  • Prävalenz
    • Ca. 11% der Gesamtbevölkerung [1]
    • 20% der >60-Jährigen (nach radiologischen Kriterien) [2]
    • Weltweit: Ca. 103 Mio. Betroffene [2]
  • Altersgipfel: 50–70 Jahre [1][3][4]
  • Geschlechterverteilung: [4]
  • Lokalisation
    • LWS > HWS > BWS
    • Tandem-Spinalkanalstenose: Einengung an >1 Stelle, bspw. HWS und LWS [3]
  • Hohe Krankheitslast und Kosten
    • Direkte und indirekte Krankheitskosten: USA ca. 15 Milliarden US $ (2018) [2][4][5]
    • Years lived with disability (YLD): 64,9 Mio. (weltweit) für Rückenschmerzen [6]

Die lumbale Stenose ist die häufigste Form der degenerativen Spinalkanalstenose!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

  • Einteilung nach Ätiologie [2]
    • Angeborene (primäre) Spinalkanalstenose
    • Degenerative (sekundäre) Spinalkanalstenose
  • Multifaktorielle Genese

Risikofaktoren [3][7][8][9][10][11]

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Pathophysiologietoggle arrow icon

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Klassifikationtoggle arrow icon

Einteilung der zervikalen Spinalkanalstenose

Modifizierte Klassifikation der zervikalen Myelopathie der Japanese Orthopaedic Association

Modifizierter Score der Japanese Orthopaedic Association (mJOA) [15]
Einteilung Beschreibung Punkte
Motorische Funktion der oberen Extremität
  • Keine Bewegung der Hände möglich
  • 0
  • Selbständiges Essen mit einem Löffel nicht möglich
  • 1
  • Kein Zuknöpfen des Hemdes möglich, aber Essen mit einem Löffel möglich
  • 2
  • Zuknöpfen des Hemdes unter großer Anstrengung möglich
  • 3
  • Zuknöpfen des Hemdes mit leichter/geringer Anstrengung möglich
  • 4
  • Keine Einschränkung
  • 5
Motorische und sensible Funktion der unteren Extremität
  • Kompletter Verlust der Sensibilität und der motorischen Funktion
  • 0
  • Sensibilität vorhanden, keine motorische Funktion der Beine
  • 1
  • Bewegung der Beine möglich, nicht gehfähig
  • 2
  • Gehen mit Gehhilfe auf ebenem Grund möglich
  • 3
  • Treppensteigen mit Festhalten am Geländer möglich
  • 4
  • Gangunsicherheit, jedoch Treppensteigen ohne Festhalten am Geländer möglich
  • 5
  • Geringe Gangunsicherheit
  • 6
  • Keine Einschränkung
  • 7
Sensibilität der oberen Extremität
  • Kompletter Sensibilitätsverlust der Hände
  • 0
  • Schwerer Sensibilitätsverlust oder Schmerz
  • 1
  • Milder Sensibilitätsverlust
  • 2
  • Kein Sensibilitätsverlust
  • 3
Funktion des Blasensphinkters
  • Unfähigkeit zur willkürlichen Miktion
  • 0
  • 1
  • 2
  • Normale Funktion
  • 3
Auswertung: Max. erreichbare Punktzahl (Normalbefund): 18 Punkte; milde Myelopathie: 15–17 Punkte; moderate Myelopathie: 12–14 Punkte; schwere Myelopathie: ≤11 Punkte

Nurick-Klassifikation

Einteilung der zervikalen degenerativen Myelopathie nach Nurick (1972) [16]
Grad Myelopathie Gangstörung Arbeitsfähigkeit
0
  • Keine Hinweise auf Myelopathie
  • Nervenwurzelbeteiligung möglich
  • Nicht vorhanden
  • Keine Einschränkung
1
  • Vorhanden
  • Nicht vorhanden
  • Keine Einschränkung
2
  • Vorhanden
  • Leichte Einschränkungen
  • Keine Einschränkung
3
  • Vorhanden
  • Schwere Einschränkungen
  • Keine Vollzeitbeschäftigung
4
  • Vorhanden
  • Gehilfe notwendig
  • Keine Arbeitsfähigkeit
5
  • Vorhanden
  • Rollstuhl- oder bettgebunden
  • Keine Arbeitsfähigkeit

Einteilung der lumbalen Spinalkanalstenose [17]

Schizas-Klassifikation

Einteilung der lumbalen Spinalkanalstenose nach Schizas (2010) [18]
Grad Beschreibung Stenosegrad
A1
  • Dorsal liegende Kaudafasern
  • <50% des Querschnitts des Durasacks ausfüllend
A2
  • Dorsal liegende Kaudafasern mit Kontakt zur Dura
  • Hufeisenförmige Konfiguration
A3
  • Dorsal liegende Kaudafasern
  • >50% des Querschnitts des Durasacks ausfüllend
A4
  • Zentral liegende Nervenwurzeln
  • Großteil des Querschnitts des Durasacks ausfüllend
B
  • Abgrenzung der Nervenwurzeln durch Liquor möglich
  • Kaudafasern füllen Querschnitt des Durasacks aus
C
  • Keine Abgrenzung der Kaudafasern mehr möglich
  • Durasack ohne sichtbaren Liquor
D
  • Keine Abgrenzung der Kaudafasern (wie C)
  • Keine Abgrenzung dorsal durch epidurales Fett

Lee-Klassifikation

Einteilung der lumbalen Spinalkanalstenose nach Lee (2011)
Grad Beschreibung Stenosegrad
0
  • Keine Obliteration des anterioren Liquorraums
1
  • Leichte Obliteration des anterioren Liquorraums
  • Abgrenzung aller Kaudafasern möglich
2
  • Mäßige Obliteration des anterioren Liquorraums
  • Einige Kaudafasern nicht voneinander abgrenzbar
3
  • Starke Obliteration des anterioren Liquorraums
  • Keine Abgrenzung der Kaudafasern voneinander möglich
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Symptomatiktoggle arrow icon

Allgemeine Symptome

Charakteristisch für die neurogene Claudicatio spinalis sind belastungs- und positionsabhängige Beschwerden!

Bei einer lateralen Stenose im Recessus lateralis oder im Neuroforamen können isoliert radikuläre Symptome entstehen; bei einer zentralen Stenose des Spinalkanals zeigt sich hingegen eher das Bild einer neurogenen Claudicatio spinalis oder es entwickeln sich myelopathische Symptome!

Typische lokalisationsabhängige Symptome [19]

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Diagnostiktoggle arrow icon

Ziele

Anamnese [2][3][9][22]

  • Belastungsfähigkeit
    • Gehstrecke
    • Gangunsicherheit, Sturzneigung
  • Hinweis auf neurologisches Defizit
    • Feinmotorikstörung
    • Kraftminderung in Händen und Armen
    • Neurogene Blasenstörung, Störung der Mastdarmfunktion
    • Sexuelle Funktionsstörung
  • Schmerzanamnese
    • Zeitverlauf und Art der Beschwerden
    • Bewegungs- oder Belastungsabhängigkeit
  • Vor-OPs der Wirbelsäule
  • Begleiterkrankungen und Vormedikation
  • Weitere Symptome: Zur differenzialdiagnostischen Einordnung, siehe auch: Red Flags bei Rückenschmerzen

Anamnestische Merkmale der lumbalen Spinalkanalstenose sind höheres Alter, belastungsabhängige Beschwerden im Bein oder Gesäß, eine Progredienz der Schmerzen beim Gehen sowie eine Symptomerleichterung beim Vorbeugen!

Fokussierte körperliche Untersuchung [2][3][9][22]

Eine rein klinische Diagnose ist aufgrund der teilweise unspezifischen und mit anderen Krankheitsbildern überlappenden Symptomatik nicht möglich!

Bildgebende Diagnostik [22][23][24]

Auswahl bildgebender Verfahren zur Diagnostik einer Spinalkanalstenose [3][9][22]
Verfahren Typische Indikation Durchführung Möglicher Befund
Konventionelle Röntgenaufnahme
  • Ausgangsuntersuchung
  • Wirbelsäulenabschnitt in 2 Ebenen
  • Bei V.a. Instabilität: Funktionsaufnahmen in max. Inklination und Reklination
MRT [25]
  • 3T-MRT mit T1- und T2-Gewichtung sowie ggf. STIR-Sequenz
  • Sagittale, axiale und koronare Schichten
  • Ggf. Kontrastmittelgabe
  • Ggf. quantitatives oder funktionelles MRT
  • Ausnahme: Unter axialer Belastung (Upright-MRT)
CT
  • Deformität oder komplexe Fehlstellung
  • Verdacht auf OPLL [12]
  • Kontraindikation für MRT und Myelografie
  • Präoperativ bei geplanter Verwendung von Implantaten
  • Differenzierung zwischen weicher und knöcherner Einengung
  • 3D-Rekonstruktion möglich
  • Ggf. unzureichende Darstellung von Weichgewebe
Myelografie
  • MRT-Kontraindikation
  • Diagnostische Unklarheit
  • Intrathekale Kontrastmittelgabe plus Röntgenaufnahme
  • Funktionsmyelografie
  • Kombination mit Post-Myelo-CT

Die Körperposition während der Bildgebung beeinflusst die radiologischen Messergebnisse signifikant; so variiert der Spinalkanalquerschnitt erheblich zwischen liegender und stehender Haltung!

Bei allen bildgebenden Verfahren ist keine eindeutige Korrelation zwischen klinischer Symptomatik und radiologischem Befund vorhanden!

Fakultative Diagnostik [3][10][22][24]

Diagnostische Kriterien für eine symptomatische lumbale Spinalkanalstenose [8][24][26]

  • Anamnestische Angaben
    • Schmerzen im Gesäß oder in den Beinen beim Gehen oder Stehen
    • Taubheitsgefühl und/oder motorisches Defizit der Beine beim Gehen
    • Schwäche(gefühl) der Beine
    • Beschwerdebesserung durch Vorbeugen oder Sitzen
    • Rückenschmerzen
  • Untersuchung: Tastbare und symmetrische Fußpulse
  • Bildgebung: Radiologischer Befund einer Spinalkanalstenose passend zu den Symptomen
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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Vertebragene Ursachen

Extravertebragene Ursachen

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Indikation [3][9][22]

  • Konservative Therapie: Therapie der Wahl nach Ausschluss absoluter OP-Indikationen
    • Milde bis moderate Symptome
    • Höheres Alter und/oder relevante Vorerkrankungen
  • Operative Therapie
    • Relevantes (funktionelles) neurologisches Defizit
    • Klinische oder radiologische Befundverschlechterung
    • Persistierende Beschwerden unter adäquater konservativer Therapie
    • Thorakale Spinalkanalstenose

Es gibt keinen evidenzbasierten Vergleich des Outcomes zwischen operativen und konservativen Therapiemaßnahmen sowie dem natürlichen Verlauf der Erkrankung. Es muss daher immer eine individuelle Therapieentscheidung unter Einbeziehung aller Parameter getroffen werden! [24]

Therapieformen

Konservative Therapie [3][9][27]

  • Vorgehen: Multimodales Therapiekonzept
  • Reevaluation
    • Klinische Kontrolle nach 6 Wochen
    • Radiologische Kontrolle nach 6 Monaten
  • Prognose: Insb. abhängig von [28]
    • Art der neurologischen Beschwerden
    • Dauer der Beschwerden
    • Zusätzlich vorhandenen Wirbelsäulenerkrankungen

Medikamentöse Schmerztherapie

Nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen

Bei fehlendem neurologischen Defizit sollte ein konservativer Therapieversuch angestrebt werden! [22]

Operative Therapie

  • Ziel: Entlastung neuronaler und vaskulärer Strukturen
  • Zeitpunkt
  • Typisches Vorgehen

Bei Indikation zur operativen Therapie muss je nach Ausprägung und Ausmaß der Stenose sowie begleitenden Pathologien die individuell passende operative Technik gewählt werden!

Zervikale Stenose [3][31]

  • Ventrale Ursache
  • Dorsale Ursache
    • Typisches Vorgehen: Dekompression, ggf. Foraminotomie, Laminektomie und Spondylodese
    • Alternative: Dekompression und Laminoplastik

Thorakale Stenose [10][32]

  • Typisches Vorgehen: Facettengelenkschonende dorsale Dekompression und Laminektomie
  • Alternative: Ventrale Dekompression
  • Spondylodese: Bei OPLL empfohlen

Lumbale Stenose [9][33][34]

Die mikrochirurgische Dekompression einer lumbalen Spinalkanalstenose sollte mittelstruktursparend durchgeführt werden, bspw. durch eine Laminotomie statt einer Laminektomie!

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Komplikationentoggle arrow icon

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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Patienteninformationentoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

Hauptdiagnose

  • M48.-: Sonstige Spondylopathien
    • M48.0-: Spinal(kanal)stenose [0–9]
      • M48.00: Spinal(kanal)stenose : Mehrere Lokalisationen der Wirbelsäule
      • M48.01: Spinal(kanal)stenose : Okzipito-Atlanto-Axialbereich
      • M48.02: Spinal(kanal)stenose : Zervikalbereich
      • M48.03: Spinal(kanal)stenose : Zervikothorakalbereich
      • M48.04: Spinal(kanal)stenose : Thorakalbereich
      • M48.05: Spinal(kanal)stenose : Thorakolumbalbereich
      • M48.06: Spinal(kanal)stenose : Lumbalbereich
      • M48.07: Spinal(kanal)stenose : Lumbosakralbereich
      • M48.08: Spinal(kanal)stenose : Sakral- und Sakrokokzygealbereich
      • M48.09: Spinal(kanal)stenose : Nicht näher bezeichnete Lokalisation

Ursache

  • M99.-: Biomechanische Funktionsstörungen, anderenorts nicht klassifiziert

Neurologische Symptome

  • G54.-: Krankheiten von Nervenwurzel und Nervenplexus
    • G54.2-: Läsionen der Zervikalwurzeln, anderenorts nicht klassifiziert
    • G54.3-: Läsionen der Thorakalwurzeln, anderenorts nicht klassifiziert
    • G54.4-: Läsionen der Lumbosakralwurzeln, anderenorts nicht klassifiziert
  • G83.4-: Cauda-(equina‑)Syndrom
  • G95.2-: Rückenmarkkompression, nicht näher bezeichnet

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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