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Dissoziative Störungen

Last updated: 31.10.2019

Abstract

Dissoziative Störungen sind durch einen partiellen oder völligen Verlust der Erinnerung an die Vergangenheit, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen charakterisiert. Sie können mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen assoziiert sein und als Versuch der Psyche betrachtet werden, Situationen großer Anspannung, Angst oder Überlastung zu entkommen (Konversionsreaktion). Nicht selten treten sie auch nach somatischen Beschwerden auf (z.B. dissoziative Lähmung nach Bandscheibenvorfall).

Zu einer Chronifizierung mit persistierenden Lähmungen und Gefühlsstörungen kann es kommen, wenn scheinbar unlösbare Probleme (z.B. bei ungünstigen Abhängigkeitsverhältnissen) vorliegen. Die Störungen können sich beispielsweise in Form von Sinnesausfällen, geistiger Abwesenheit, Lähmungen, Sensibilitätsausfällen oder Krampfanfällen präsentieren, ohne dass Hinweise für eine bekannte somatische oder neurologische Krankheit vorliegen. Ausschließlich Störungen der körperlichen Funktionen, die normalerweise unter willentlicher Kontrolle stehen, sowie der Verlust von sinnlicher Wahrnehmung werden als dissoziative Störungen bezeichnet.

Allgemeines

Die Patienten leiden an körperlichen Symptomen wie z.B. Lähmungen, Sinnesausfällen, Sensibilitätsstörungen und Heiserkeit ohne organisches Korrelat. Nur Störungen der körperlichen Funktionen und Verlust der sinnlichen Wahrnehmung werden zu den dissoziativen Störungen gezählt. Schmerz sowie komplexe körperliche Empfindungen (Übelkeit, Schwindel, Unwohlsein), die durch das vegetative Nervensystem vermittelt werden, werden eher den somatoformen Störungen zugeordnet.

Spezielle Formen

  • Dissoziative Bewegungsstörungen (F44.4): Häufigste Form einer dissoziativen Störung
    • Vollständiger oder teilweiser Verlust der willkürlichen Bewegungsfähigkeit eines oder mehrerer Körperglieder, wobei auch die phonetischen Muskeln betroffen sein können
    • Von somatischen Lähmungen, Ataxien, Aphonien, Dysarthrien, Dyskinesie, etc. klinisch kaum zu unterscheiden
  • Dissoziative Fugue (F44.1): Psychogenes Fliehen (von franz. fugue = "das Fliehen")
    • Patienten verschwinden plötzlich und können dabei eine andere Identität annehmen
    • Erinnerungsverlust nach der Fugue
  • Dissoziative Amnesie (F44.0)
    • Auftreten insbesondere nach Kampfhandlungen und anderen Traumata
    • Erinnerungsverlust bzgl. traumatischer oder belastender Informationen und Ereignisse
  • Dissoziativer Stupor (F44.2): Beträchtliche Verringerung oder Fehlen von willkürlichen Bewegungen und normalen Reaktionen auf äußere Reize
  • Dissoziative Krampfanfälle (psychogene Anfälle, nicht-epileptische Anfälle (F44.5)) : Situativ ausgelöste Krampfanfälle, die einem epileptischen Anfall stark ähneln [1] [2] [3]
Eher dissoziativer Krampfanfall Eher epileptischer Anfall (insb. Grand-mal-Anfall)
Beginn
  • Häufig situative Auslöser
  • Protrahiert/langsame Steigerung
  • Abrupter Beginn
Iktal
  • Bewusstsein
    • Erhalten, aber mit stupor- oder tranceähnlichem Zustand
    • Pseudoschlaf
  • Bewegungsmuster
    • Irreguläre, asynchrone Bewegungen mehrerer Extremitäten
    • Expressive, bizarr anmutende Bewegungen
    • Anfälle variieren in ihrem Bewegungsmuster
    • Modifikation durch Beobachter möglich
  • Sonstiges
    • Augen geschlossen
    • Pupillen lichtreagibel
    • Arc de cercle
    • Schutzreflexe erhalten
    • Weinen
    • Kopfschütteln
  • Bewusstsein
  • Bewegungsmuster: Stereotype Zuckungen
  • Sonstiges
    • Augen geöffnet
    • Pupillen lichtstarr und weit
    • Häufig Urin-, selten Stuhlabgang
    • Verletzungen (z.B. Zungenbiss)
Postiktal
  • Protrahiert/langsames Abschwellen der iktalen Symptome
  • Eventuell Flüstern und kurzzeitige motorische Symptomatik

Keines der Merkmale ist pathognomonisch, sondern die Zusammenschau der Symptome ist wegweisend! Goldstandard der Diagnostik ist ein iktales Video-EEG!

  • Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6): Partieller oder vollständiger Verlust der Haut- oder Sinnesempfindungen
  • Ganser-Syndrom (F44.80): Psychogenes Vorbeireden/-handeln mit grotesken Fehlhandlungen oder -antworten, was den Eindruck vermittelt, der Patient sei „verrückt“
  • Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeit, F44.81)
    • Veränderung von Wahrnehmung und Erleben der Identität
    • Patienten besitzen unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten nehmen können
    • Umstrittene Existenz dieser Störung

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2021

F44.-: Dissoziative Störungen [Konversionsstörungen]

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

Quellen

  1. Eckhardt-Henn, Spitzer: Dissoziative Bewusstseinsstörungen. Schattauer 2017, ISBN: 978-3-794-53201-8 .
  2. Hacke (Hrsg.): Neurologie. 14. Auflage Springer 2016, ISBN: 978-3-662-46891-3 .
  3. Berger: Psychische Erkrankungen. Urban & Fischer 2014, ISBN: 978-3-437-22484-3 .