ambossIconambossIcon

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

Letzte Aktualisierung: 18.3.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu den hyperkinetischen Störungen und ist hauptsächlich durch ein Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet. Die Symptome müssen zur Diagnosestellung nach ICD-10 erstmalig vor dem 7. Lebensjahr auftreten, über mind. 6 Monate vorliegen und in mehreren Situationen (bei Kindern klassischerweise: Schule und häusliche Umgebung) zu beobachten sein.

Die multimodale Therapie kann aus medikamentösen, psychotherapeutischen und psychosozialen Interventionen bestehen. Medikamentös werden v.a. Psychostimulanzien (bspw. Methylphenidat) eingesetzt. Als wichtige Nebenwirkungen sollten in diesem Zusammenhang insb. eine überschießende sympathomimetische Wirkung und ein mögliches Wachstumsdefizit beachtet werden.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Epidemiologietoggle arrow icon

  • Prävalenz [1]
    • Unter Kindern und Jugendlichen: Ca. 4–5%
    • Unter Erwachsenen: Ca. 2–3%
  • Alters- und Geschlechterverteilung
    • > [2][3]
      • Bei Kindern und Jugendlichen: 2–3:1 [1]
      • Bei Erwachsenen: 1,5:1 [1]
    • Erkrankungsbeginn meistens vor dem 6. Lebensjahr [4]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Ätiologietoggle arrow icon

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen. [1][2]

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Symptomatiktoggle arrow icon

Kernsymptome [2][4]

Ein einzelnes Kernsymptom kann das klinische Gesamtbild dominieren. In der ICD-10 wird die ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität) von der ADHS (F90.0) unterschieden und unter F98.8 kodiert.

  • Aufmerksamkeitsdefizit
    • Unaufmerksamkeit (bspw. Neigung zu Flüchtigkeitsfehlern)
    • Ablenkbarkeit (bspw. Probleme, in Gesprächen zuzuhören)
    • Desorganisation (bspw. Probleme, Aufgaben zu planen)
    • Vergesslichkeit (bspw. Vergessen von Besprochenem oder Geplantem)
    • Verlieren von Gegenständen (u.a. von Alltagsgegenständen wie Unterrichtsmaterialien)
  • Hyperaktivität
    • Psychomotorische Unruhe mit Bewegungsdrang
    • Schwierigkeit, sich ruhig zu beschäftigen
  • Impulsivität
    • Schwierigkeit, zurückhaltend zu agieren
    • Vorschnelles, unüberlegtes Handeln bzw. Sprechen

Weitere Symptome [2]

  • Fehlende Vorsicht, Regelverletzungen
  • Soziale Distanzlosigkeit
  • Beeinträchtigung kognitiver Funktionen (bspw. Lese- und Rechtschreibstörung)
  • Sog. Hyperfokus [5]
  • Insb. im Erwachsenenalter: Emotionale Regulationsstörung (häufig Gefühlsausbrüche) [1]
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Diagnostiktoggle arrow icon

Allgemein [2]

Testpsychologische Verfahren für Minderjährige (Auswahl) [6]

  • DISYPS-III (Diagnostiksystem für psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-5 für Kinder und Jugendliche)
    • Bestandteile
      • Ab 3 Jahren einsetzbar
        • Diagnose-Checkliste (DCL-ADHS)
        • Interviewleitfaden für externale Störungen (ILF-EXTERNAL)
        • Fremdbeurteilungsbogen (FBB-ADHS(-V) )
      • Ab 11 Jahren einsetzbar: Selbstbeurteilungsbogen (SBB-ADHS)
  • Conners Skalen (zu Aufmerksamkeit und Verhalten)
    • CONNERS EC (engl. „early childhood“)
      • Einsatz im Alter zwischen 2–6 Jahren
      • Unterschiedliche Fragebögen für Eltern und/oder Erziehende verfügbar
    • Conners-3
      • Einsatz ab 6 Jahren
      • Unterschiedliche Versionen verfügbar

Testpsychologische Verfahren für Erwachsene (Auswahl) [1][2]

Die nachfolgend gelisteten Verfahren sind Bestandteile der Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE), die auch einzeln genutzt werden können. Bei ADHS im Erwachsenenalter stimmen Ergebnisse von Selbst- und Fremdrating weitestgehend überein.

  • Wender Utah Rating Scale
    • Deutsche Kurzversion: WURS-k
    • Selbstrating zur retrospektiven Beurteilung der Symptome in der Kindheit
    • Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
  • Wender-Reimherr-Interview (WRI)
  • Wender-Reimherr-Selbstbeurteilungsskala (WR-SB)
  • ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)
    • Selbstrating bzgl. Vorliegen diagnostischer Kriterien
    • Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
  • ADHS-Diagnostische Checkliste (ADHS-DC)
    • Fremdbeurteilung bzgl. Vorliegen diagnostischer Kriterien
    • Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

ICD-10toggle arrow icon

Die Kriterien gelten gleichermaßen für das Kindes- und Erwachsenenalter. [2]

Diagnostische Kriterien der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung nach ICD-10 [4]

A: Allgemeine Kriterien
  • Störungsbeginn: In einem Alter <6 Jahren
  • Symptomdauer: Mind. 6 Monate
  • Ausmaß der Symptome: Nicht mit dem Entwicklungsstand der Person vereinbar (unangemessen)
B: Unaufmerksamkeit
  • Mind. 6 der folgenden Merkmale treffen auf die Person zu
    1. Häufig unaufmerksam gegenüber Details oder machen Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeiten und sonstigen Arbeiten und Aktivitäten
    2. Häufig nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben und beim Spielen aufrechtzuerhalten
    3. Häufig beeinträchtigt, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
    4. Häufig durch externe Stimuli abgelenkt
    5. Scheinen oft nicht auf das zu hören, was ihnen gesagt wird
    6. Können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Schularbeiten, Aufgaben oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht erfüllen
    7. Vermeiden ungeliebte Arbeiten (bspw. Hausaufgaben), die geistiges Durchhaltevermögen erfordern
    8. Verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben/Tätigkeiten wichtig sind (bspw. Stifte, Werkzeuge)
    9. Oft vergesslich im Verlauf der alltäglichen Aktivitäten
C: Überaktivität
  • Mind. 3 der folgenden Merkmale treffen auf die Person zu
    1. Zappeln häufig mit Händen und Füßen oder winden sich auf den Sitzen
    2. Verlassen ihren Platz im Klassenraum oder in anderen Situationen, in denen erwartet wird, dass sie auf ihrem Platz bleiben
    3. Häufig unnötig laut beim Spielen oder haben Schwierigkeiten, sich ruhig mit Freizeitbeschäftigungen zu befassen
    4. Anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivitäten, die durch die soziale Umgebung oder Vorschriften nicht durchgreifend beeinflussbar sind
    5. Laufen häufig herum oder klettern exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist
D: Impulsivität
  • Mind. 1 der folgenden Merkmale trifft auf die Person zu
    • Platzen häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage beendet ist
    • Können häufig nicht in einer Reihe warten oder warten nicht, bis sie beim Spielen oder in Gruppensituationen an die Reihe kommen
    • Unterbrechen und stören andere häufig
    • Häufig exzessives Reden, ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren
E: Symptomausprägung
  • Die Symptome unter B, C und D
    • Verursachen deutliches Leid oder Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Leistungsfähigkeit
    • Liegen in mehr als einer Situation vor (bspw. in der Schule und zu Hause)
F: Ausschluss
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

ICD-11toggle arrow icon

  • Wesentliche Änderungen, u.a. [7]
    • Einordnung als neuronale Entwicklungsstörung
    • Gleichzeitige Kodierung mit Autismus-Spektrum-Störung möglich
    • Störungsbeginn: In einem Alter <11 Jahren [1]
    • Unterscheidung verschiedener Erscheinungsbilder
      • Überwiegend unkonzentriert
      • Überwiegend hyperaktiv-impulsiv
      • Kombiniert
  • Mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) unter Tipps & Links
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Therapietoggle arrow icon

Allgemein [1]

  • Basis: Ausführliche Psychoedukation
  • Multimodale Behandlungsplanung, angepasst an
    • Symptome und Funktionseinschränkungen
    • Ressourcen und Wünsche der Betroffenen
    • Komorbiditäten
    • Lebensalter
      • Unter 3 Jahren: Nicht medikamentös therapieren
      • Unter 6 Jahren
        • Psychosoziale Interventionen bevorzugen
        • Keine zugelassenen Medikamente
ADHS - Empfehlungen für die initiale Therapieauswahl [1][8]
Symptomausprägung Im Kindes- und Jugendalter Im Erwachsenenalter
Leicht
Mittel
Schwer
  • Medikamentöse Therapie

Medikamentöse Therapie [8][2]

Während die meisten Kinder auf eine Pharmakotherapie ansprechen (ca. 70%), ist die Responserate bei Erwachsenen deutlich breiter gestreut (ca. 25–75%).

Im Kindes- und Jugendalter

Im Erwachsenenalter

Übersicht gängiger medikamentöser Therapieoptionen bei ADHS [8]
Methylphenidat (z.B. Ritalin® Adult) [10]

Lisdexamfetamin (z.B. Elvanse Adult®) [11],

Dexamfetamin (z.B. Attentin®) [12]

Atomoxetin (z.B. Strattera®) [13]
Substanzgruppe
Wirkweise
Typische Nebenwirkungen
Substanzspezifische Nebenwirkungen (Auswahl)
  • Suizidales Verhalten
  • Feindseligkeit
  • Emotionale Labilität
  • Erhöhung der Leberwerte
Kontrolluntersuchungen (Auswahl)
  • Im Kindes- und Jugendalter: Wachstum (Körpergewicht und -größe, Appetit)
  • Altersunabhängig
Kontraindikationen (Auswahl)
Besonderheiten
  • BtM-Rezept
  • Einschleichend auftitrieren (Wirkung individuell sehr verschieden)
  • Mind 1× jährlich: Auslassversuch
  • Kein Abhängigkeitspotenzial
  • Verzögerter Wirkeintritt (max. Wirkung nach ca. 3–6 Wochen) [1]
  • Kein BtM-Rezept notwendig

Psychostimulanzien wie Methylphenidat, Dexamfetamin und Lisdexamfetamin sind BtM-pflichtig!

Beim Absetzen von Psychostimulanzien können Absetzsymptome auftreten, weshalb sie langsam ausgeschlichen werden sollten! [9]

Nicht-medikamentöse Therapie [2]

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Prognosetoggle arrow icon

ADHS im Erwachsenenalter [1][2]

  • Fortbestehen der Störung bis ins Erwachsenenalter: In ca. ⅓–⅔ der Fälle
  • Symptomatik oft abgeschwächt und/oder verändert (siehe auch: Wender-Utah-Kriterien)
  • Häufig mit
    • Psychiatrischen Komorbiditäten
    • Psychosozialen Schwierigkeiten (bspw. am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr)

Wender-Utah-Kriterien

Die Diagnosestellung erfolgt auch bei Erwachsenen anhand der ICD-Kriterien. Die Wender-Utah-Kriterien können jedoch unterstützend herangezogen werden, da sie an das Erwachsenenalter angepasst sind. Neben den ersten beiden Kriterien sind noch zwei weitere der folgenden Kriterien erforderlich.

  1. Aufmerksamkeitsstörung: Bspw. unaufmerksam in Gesprächen, leicht ablenkbar
  2. Motorische Hyperaktivität, bspw.
    • Schwierigkeiten, während eines Films ruhig zu sitzen oder
    • Unfähigkeit, sich zu entspannen (innere Unruhe)
  3. Affektlabilität: Mit gehäuft deprimierter Stimmung, die auch als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben wird
  4. Desorganisiertes Verhalten: Bspw. Planungsschwierigkeiten bei beruflichen und sozialen Aufgaben
  5. Störung der Affektkontrolle: Bspw. Neigung zu Gefühlsausbrüchen
  6. Impulsivität: Bspw. Unterbrechen anderer beim Reden
  7. Emotionale Überreagibilität: Bspw. unverhältnismäßige Reaktion auf Stress

Komorbiditäten

Ein ADHS im Erwachsenenalter liegt nur selten ohne komorbide Störung vor. Häufige Komorbiditäten sind:

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Studientelegramme zum Thematoggle arrow icon

  • One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)

Hast du Interesse an regelmäßigen Updates zu aktuellen Studien aus dem Bereich der Inneren Medizin? Dann abonniere das Studien-Telegramm! Den Link zur Anmeldung sowie zu weiteren spannenden AMBOSS-Formaten findest du am Seitenende unter „Tipps & Links“.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Patienteninformationentoggle arrow icon

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Meditrickstoggle arrow icon

In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.

Ritalin (Methylphenidat)

Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Probiere die Testversion aus und erhalte 30 Tage lang unbegrenzten Zugang zu über 1.400 Kapiteln und +17.000 IMPP-Fragen.
disclaimer Evidenzbasierte Inhalte, von festem ärztlichem Redaktionsteam erstellt & geprüft. Disclaimer aufrufen.