Zusammenfassung
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu den hyperkinetischen Störungen und ist hauptsächlich durch ein Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet. Die Symptome müssen zur Diagnosestellung nach ICD-10 erstmalig vor dem 7. Lebensjahr auftreten, über mind. 6 Monate vorliegen und in mehreren Situationen (bei Kindern klassischerweise: Schule und häusliche Umgebung) zu beobachten sein.
Die multimodale Therapie kann aus medikamentösen, psychotherapeutischen und psychosozialen Interventionen bestehen. Medikamentös werden v.a. Psychostimulanzien (bspw. Methylphenidat) eingesetzt. Als wichtige Nebenwirkungen sollten in diesem Zusammenhang insb. eine überschießende sympathomimetische Wirkung und ein mögliches Wachstumsdefizit beachtet werden.
Epidemiologie
- Prävalenz [1]
- Unter Kindern und Jugendlichen: Ca. 4–5%
- Unter Erwachsenen: Ca. 2–3%
- Alters- und Geschlechterverteilung
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen. [1][2]
- Genetische Faktoren: Hohe Heritabilität (bis zu 80%!)
- Neurobiologische Faktoren: Strukturelle und funktionelle Veränderungen
- Bestimmter Hirnareale (bspw. Cerebellum, Frontallappen)
- Von Neurotransmittersystemen (insb. Dopamin, Noradrenalin)
- Umweltassoziierte Faktoren, bspw.
- Prä- und perinatale Komplikationen
- Ungünstige Beziehungserfahrungen (in der Familie)
Symptomatik
Kernsymptome [2][4]
Ein einzelnes Kernsymptom kann das klinische Gesamtbild dominieren. In der ICD-10 wird die ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität) von der ADHS (F90.0) unterschieden und unter F98.8 kodiert.
- Aufmerksamkeitsdefizit
- Unaufmerksamkeit (bspw. Neigung zu Flüchtigkeitsfehlern)
- Ablenkbarkeit (bspw. Probleme, in Gesprächen zuzuhören)
- Desorganisation (bspw. Probleme, Aufgaben zu planen)
- Vergesslichkeit (bspw. Vergessen von Besprochenem oder Geplantem)
- Verlieren von Gegenständen (u.a. von Alltagsgegenständen wie Unterrichtsmaterialien)
- Hyperaktivität
- Psychomotorische Unruhe mit Bewegungsdrang
- Schwierigkeit, sich ruhig zu beschäftigen
- Impulsivität
- Schwierigkeit, zurückhaltend zu agieren
- Vorschnelles, unüberlegtes Handeln bzw. Sprechen
Weitere Symptome [2]
- Fehlende Vorsicht, Regelverletzungen
- Soziale Distanzlosigkeit
- Beeinträchtigung kognitiver Funktionen (bspw. Lese- und Rechtschreibstörung)
- Sog. Hyperfokus [5]
- Insb. im Erwachsenenalter: Emotionale Regulationsstörung (häufig Gefühlsausbrüche) [1]
Diagnostik
Allgemein [2]
- Klinische Diagnosestellung
- Entsprechend der diagnostischen Kriterien der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung nach ICD-10
- Anhand psychiatrischer Anamnese, mit besonderem Fokus auf
- Sozialverhalten (bspw. in Freundschaften, in der Schule, am Arbeitsplatz)
- Wahl der Freizeitaktivitäten [1]
- Familienanamnese bzgl. psychiatrischer Erkrankungen, insb. ADHS
- Meist unterstützt durch
- Testpsychologische Verfahren
- Fremdanamnese
- (Schul‑)Zeugnisse
- Nach ausführlicher Differenzialdiagnostik (siehe: Differenzialdiagnosen der ADHS) [1]
- Bei Erstvorstellung im Erwachsenenalter
- Vorliegen einer ADHS im Kindesalter abklären
- Ggf. Wender-Utah-Kriterien zu Hilfe nehmen
Testpsychologische Verfahren für Minderjährige (Auswahl) [6]
- DISYPS-III (Diagnostiksystem für psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-5 für Kinder und Jugendliche)
- Bestandteile
- Ab 3 Jahren einsetzbar
- Diagnose-Checkliste (DCL-ADHS)
- Interviewleitfaden für externale Störungen (ILF-EXTERNAL)
- Fremdbeurteilungsbogen (FBB-ADHS(-V) )
- Ab 11 Jahren einsetzbar: Selbstbeurteilungsbogen (SBB-ADHS)
- Ab 3 Jahren einsetzbar
- Bestandteile
- Conners Skalen (zu Aufmerksamkeit und Verhalten)
- CONNERS EC (engl. „early childhood“)
- Einsatz im Alter zwischen 2–6 Jahren
- Unterschiedliche Fragebögen für Eltern und/oder Erziehende verfügbar
- Conners-3
- Einsatz ab 6 Jahren
- Unterschiedliche Versionen verfügbar
- CONNERS EC (engl. „early childhood“)
Testpsychologische Verfahren für Erwachsene (Auswahl) [1][2]
Die nachfolgend gelisteten Verfahren sind Bestandteile der Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE), die auch einzeln genutzt werden können. Bei ADHS im Erwachsenenalter stimmen Ergebnisse von Selbst- und Fremdrating weitestgehend überein.
- Wender Utah Rating Scale
- Deutsche Kurzversion: WURS-k
- Selbstrating zur retrospektiven Beurteilung der Symptome in der Kindheit
- Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
- Wender-Reimherr-Interview (WRI)
- Interview zur Erfassung der Wender-Utah-Kriterien
- Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
- Wender-Reimherr-Selbstbeurteilungsskala (WR-SB)
- Selbstrating zur Erfassung der Wender-Utah-Kriterien
- Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
- ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)
- Selbstrating bzgl. Vorliegen diagnostischer Kriterien
- Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
- ADHS-Diagnostische Checkliste (ADHS-DC)
- Fremdbeurteilung bzgl. Vorliegen diagnostischer Kriterien
- Zeitaufwand: I.d.R. 10–30 min
ICD-10
Die Kriterien gelten gleichermaßen für das Kindes- und Erwachsenenalter. [2]
Diagnostische Kriterien der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung nach ICD-10 [4] | |
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A: Allgemeine Kriterien |
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B: Unaufmerksamkeit |
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C: Überaktivität |
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D: Impulsivität |
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E: Symptomausprägung |
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F: Ausschluss |
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ICD-11
- Wesentliche Änderungen, u.a. [7]
- Einordnung als neuronale Entwicklungsstörung
- Gleichzeitige Kodierung mit Autismus-Spektrum-Störung möglich
- Störungsbeginn: In einem Alter <11 Jahren [1]
- Unterscheidung verschiedener Erscheinungsbilder
- Überwiegend unkonzentriert
- Überwiegend hyperaktiv-impulsiv
- Kombiniert
- Mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) unter Tipps & Links
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnosen bei ADHS [2] | |
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Klinisches Bild | Differenzialdiagnosen |
Hyperaktivität | |
Impulsivität |
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Allgemein [1]
- Basis: Ausführliche Psychoedukation
- Multimodale Behandlungsplanung, angepasst an
- Symptome und Funktionseinschränkungen
- Ressourcen und Wünsche der Betroffenen
- Komorbiditäten
- Lebensalter
- Unter 3 Jahren: Nicht medikamentös therapieren
- Unter 6 Jahren
- Psychosoziale Interventionen bevorzugen
- Keine zugelassenen Medikamente
ADHS - Empfehlungen für die initiale Therapieauswahl [1][8] | ||
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Symptomausprägung | Im Kindes- und Jugendalter | Im Erwachsenenalter |
Leicht |
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Mittel |
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Schwer |
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Medikamentöse Therapie [8][2]
Während die meisten Kinder auf eine Pharmakotherapie ansprechen (ca. 70%), ist die Responserate bei Erwachsenen deutlich breiter gestreut (ca. 25–75%).
Im Kindes- und Jugendalter
- 1. Wahl
- 2. Wahl (aufgrund stärkerer Nebenwirkungen)
- 3. Wahl: Guanfacin
Im Erwachsenenalter
- 1. Wahl
- Methylphenidat (i.d.R. zu bevorzugen aufgrund geringerer Nebenwirkungen)
- Lisdexamfetamin
- Alternativ: Atomoxetin
- Bei Unverträglichkeit von Psychostimulanzien
- Zu bevorzugen bei Komorbidität mit Angststörung, Tic-Störung, Suchterkrankung [9]
Übersicht gängiger medikamentöser Therapieoptionen bei ADHS [8] | |||
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Methylphenidat (z.B. Ritalin® Adult) [10] | Lisdexamfetamin (z.B. Elvanse Adult®) [11], Dexamfetamin (z.B. Attentin®) [12] | Atomoxetin (z.B. Strattera®) [13] | |
Substanzgruppe |
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Wirkweise |
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Typische Nebenwirkungen |
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Substanzspezifische Nebenwirkungen (Auswahl) |
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Kontrolluntersuchungen (Auswahl) |
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Kontraindikationen (Auswahl) |
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Besonderheiten |
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Psychostimulanzien wie Methylphenidat, Dexamfetamin und Lisdexamfetamin sind BtM-pflichtig!
Beim Absetzen von Psychostimulanzien können Absetzsymptome auftreten, weshalb sie langsam ausgeschlichen werden sollten! [9]
Nicht-medikamentöse Therapie [2]
- Psychotherapeutische Interventionen
- Kognitive Verhaltenstherapie
- Biofeedback
- Selbstinstruktionstraining
- Operante Konditionierung
- Kontingenzschema (Verknüpfung zwischen Verhalten und Konsequenz)
- Psychosoziale Interventionen
- Ergotherapeutische Maßnahmen
- Einbezug nahestehender Personen, u.a. Elterntraining
Prognose
ADHS im Erwachsenenalter [1][2]
- Fortbestehen der Störung bis ins Erwachsenenalter: In ca. ⅓–⅔ der Fälle
- Symptomatik oft abgeschwächt und/oder verändert (siehe auch: Wender-Utah-Kriterien)
- Häufig mit
- Psychiatrischen Komorbiditäten
- Psychosozialen Schwierigkeiten (bspw. am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr)
Wender-Utah-Kriterien
Die Diagnosestellung erfolgt auch bei Erwachsenen anhand der ICD-Kriterien. Die Wender-Utah-Kriterien können jedoch unterstützend herangezogen werden, da sie an das Erwachsenenalter angepasst sind. Neben den ersten beiden Kriterien sind noch zwei weitere der folgenden Kriterien erforderlich.
- Aufmerksamkeitsstörung: Bspw. unaufmerksam in Gesprächen, leicht ablenkbar
- Motorische Hyperaktivität, bspw.
- Schwierigkeiten, während eines Films ruhig zu sitzen oder
- Unfähigkeit, sich zu entspannen (innere Unruhe)
- Affektlabilität: Mit gehäuft deprimierter Stimmung, die auch als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben wird
- Desorganisiertes Verhalten: Bspw. Planungsschwierigkeiten bei beruflichen und sozialen Aufgaben
- Störung der Affektkontrolle: Bspw. Neigung zu Gefühlsausbrüchen
- Impulsivität: Bspw. Unterbrechen anderer beim Reden
- Emotionale Überreagibilität: Bspw. unverhältnismäßige Reaktion auf Stress
Komorbiditäten
Ein ADHS im Erwachsenenalter liegt nur selten ohne komorbide Störung vor. Häufige Komorbiditäten sind:
Studientelegramme zum Thema
- One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)
- One-Minute Telegram 87-2023-3/3: Memory lane: dementia risk is increased in adult-onset ADHD
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Meditricks
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Ritalin (Methylphenidat)
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- F90.-: Hyperkinetische Störungen
- Diese Gruppe von Störungen ist charakterisiert durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität. Verschiedene andere Auffälligkeiten können zusätzlich vorliegen. Hyperkinetische Kinder sind oft achtlos und impulsiv, neigen zu Unfällen und werden oft bestraft, weil sie eher aus Unachtsamkeit als vorsätzlich Regeln verletzen. Ihre Beziehung zu Erwachsenen ist oft von einer Distanzstörung und einem Mangel an normaler Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Bei anderen Kindern sind sie unbeliebt und können isoliert sein. Beeinträchtigung kognitiver Funktionen ist häufig, spezifische Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung kommen überproportional oft vor. Sekundäre Komplikationen sind dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl.
- Exklusive: Affektive Störungen (F30-F39), Angststörungen (F41.-, F93.0), Schizophrenie (F20.‑), Tief greifende Entwicklungsstörungen (F84.‑)
- F90.0: Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
- Aufmerksamkeitsdefizit bei: hyperaktivem Syndrom, Hyperaktivitätsstörung, Störung mit Hyperaktivität
- Exklusive: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1)
- F90.1: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens
- Hyperkinetische Störung verbunden mit Störung des Sozialverhaltens
- F90.8: Sonstige hyperkinetische Störungen
- F90.9: Hyperkinetische Störung, nicht näher bezeichnet
- Hyperkinetische Reaktion der Kindheit oder des Jugendalters o.n.A.
- Hyperkinetisches Syndrom o.n.A.
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.