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Sehnenverletzung der Hand

Letzte Aktualisierung: 18.12.2024

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Sehnenverletzungen der Hand unterteilt man in Beugesehnenverletzungen und Strecksehnenverletzungen (selten können bei komplexen Verletzungen auch beide Anteile betroffen sein). Sie entstehen meist traumatisch und können offen oder geschlossen sein. Insb. bei offenen Verletzungen ist auf Begleitverletzungen der Gefäß-Nerven-Bündel zu achten. Geschlossene Verletzungen sind oft degenerativ bedingt, häufig schmerzlos und werden daher meist erst im Verlauf klinisch auffällig.

Wegweisend für die Diagnose ist die klinische Untersuchung mit Testung aller potenziell verletzten Strukturen.

Die Therapie von Beugesehnenverletzungen erfolgt fast immer operativ und erfordert die enge Zusammenarbeit von Patient:in und Therapeut:in in der oft langen Nachbehandlung. Die Therapie von Strecksehnenverletzungen ist abhängig von der Lokalisation, insb. geschlossene Rupturen an den Fingerendgelenken können konservativ versorgt werden, weiter proximal wird auch hier eine operative Versorgung mit Sehnennaht empfohlen.

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Ätiologietoggle arrow icon

Traumatische Ursachen [1][2][3][4]

  • Direktes Trauma: Meist Schnitt-, Stich- oder Rissverletzung
  • Indirektes Trauma

Degenerative Ursachen [1][2][4]

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Diagnostiktoggle arrow icon

Im Folgenden wird die generelle Diagnostik (offener) Handverletzungen dargestellt. Für die spezielle Klinik und weiterführende Diagnostik siehe:

Anamnese [1][5]

  • Detaillierte Schilderung des Unfallmechanismus
  • Wertigkeit der Hand im alltäglichen Gebrauch
  • Voroperationen
  • Begleiterkrankungen
  • Handspezifische Erkrankungen

Inspektion und Palpation [1][5]

Die Größe der sichtbaren Wunde korreliert nicht zwangsläufig mit dem Ausmaß der Verletzung!

Apparative Diagnostik [1][5]

  • Indikation
    • Überblick zur Erkennung des Gesamtschadens bei schweren Verletzungen
    • Erkennen knöcherner Beteiligung oder verbliebener Fremdkörper
    • Diagnostik vorbestehender Handerkrankungen
  • Verfahren

Klinische Untersuchung [1][5]

Bei jedem V.a. eine (Beuge‑)Sehnenverletzung ist eine operative Exploration vorzunehmen!

Eine Nervenverletzung geht aufgrund der anatomischen Nähe häufig mit einer Beugesehnenverletzung einher!

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Beugesehnenverletzungtoggle arrow icon

Beugesehnenverletzungen können traumatische oder degenerative Ursachen haben, sind jedoch meist offene Verletzungen im Rahmen von Schnittverletzungen. Klinik und Diagnostik der Beugesehnenverletzung sind eng verbunden und werden daher gemeinsam abgehandelt. Die Therapie von Beugesehnenverletzungen gilt als komplex aufgrund der speziellen Anatomie der Beugesehnen, der Art der operativen Versorgung und der langwierigen, individuellen Nachbehandlung.

Für allgemeine Informationen siehe auch:

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Anatomie der Beugesehnentoggle arrow icon

Beugesehnen der Langfinger und des Daumens [6]

Zoneneinteilung nach Nigst [6]

Die Zoneneinteilung dient der besseren Kommunikation hinsichtlich der Lokalisation der Verletzung sowie der Planung des Behandlungsregimes.

  • Zone 1
    • Langfinger: Endphalanx bis zum Ansatz der oberflächlichen Beugesehne
    • Daumen: Endphalanx bis zum Beginn des Ringbandes A2
  • Zone 2
    • Langfinger: Ansatz der oberflächlichen Beugesehne bis zum Ringband A1
    • Daumen: Ringband A2 bis zum Beginn des Ringbandes A1
  • Zone 3: Ringband A1 bis zum Karpalkanal
  • Zone 4: Karpalkanal
  • Zone 5: Unterarm
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Klinik und Diagnostik der Beugesehnenverletzungtoggle arrow icon

Grundprinzipien der Beurteilung

Funktionstests für Beugesehnen [1]

Bei isolierter Verletzung der tiefen Beugesehne bleibt die Flexion in Grund- und Mittelgelenk noch erhalten!

Zonenabhängige Klinik und Diagnostik [1][2][3][6]

Beugesehnenverletzung über der End- und Mittelphalanx (Zone 1 der Zoneneinteilung nach Nigst)

Beugesehnenverletzung über der Grundphalanx (Zone 2 der Zoneneinteilung nach Nigst)

Beugesehnenverletzung über der Handfläche und Unterarm (Zone 3–5 der Zoneneinteilung nach Nigst)

Ein bestehendes Beugedefizit sollte stets evaluiert werden!

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Therapie der Beugesehnenverletzungtoggle arrow icon

Konservative Therapie [2][3][6][7]

  • Indikation: Bei geschlossener Ruptur individuelle Entscheidung, abhängig von
    • Komplexität der Verletzung
    • Patientenwunsch
    • Vorerkrankungen und perioperativem Risiko
  • Vorgehen
    • Ggf. kurzfristige Ruhigstellung bei Schmerzen
    • Aktive Bewegungstherapie

Operative Primärversorgung [2][3][6][7]

  • Indikation: (Fast) alle Beugesehnenverletzungen
  • Zeitpunkt: Beste Ergebnisse bei (spät‑)primärer Versorgung, d.h. innerhalb von 14 Tagen
  • Vorbereitung
    • Standard ist Sichtvergrößerung, z.B. Lupenbrille
    • Nahtmaterial und -technik variabel [7][8]
  • Ziele: Hohe Reißfestigkeit, erhaltene Gleitfähigkeit, suffiziente Durchblutung, spannungsfreie Adaptation
  • Zugangsart: Zugang nach Bruner unter Einbeziehung der ursprünglichen Verletzung
  • OP-Prinzipien
    • Atraumatisches Arbeiten: Quetschen der Sehne vermeiden und auf Durchblutung achten
    • Versorgung durch
      • Sehnennaht: Möglichst Vierstrang-Kernnaht, bspw. modifizierte Kirchmayr-Kessler-Naht und epitendinöse Feinadaptation
      • Refixation eines knöchernen Fragmentes bzw. Sehnenrefixation über Ankersystem bei distalem Ausriss
    • Nachbarstrukturen
      • Ringbänder A2 und A4 möglichst intakt lassen bzw. rekonstruieren
      • Ggf. Eröffnung des Ringbandes A1 und/oder des Karpaltunnels

Die Therapie von Beugesehnenverletzungen ist komplex und benötigt die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten!

Sekundäre Beugesehnenrekonstruktion [9]

  • Indikation
    • Verspätete Vorstellung
    • Re-Ruptur
  • Vorgehen: Meist zweizeitige Sehnentransplantation oder -transposition

Nachbehandlung [8]

  • Grundsätze
    • Konsequente Nachbehandlung essenziell für das Gesamtergebnis
    • Aktive Bewegungstherapie anstreben
    • Nachbehandlungsschema individuell von Operateur:in festgelegt

Kleinert-Schema

  • Prinzip: Aktive Extension und passive Flexion
  • Umsetzung
    • Ggf. kurzfristige Ruhigstellung in einem Gips oder einer Schiene
    • Wechsel auf dorsale Schiene (sog. Kleinert-Schiene) mit an Fingernägeln befestigten Gummibändern oder Zügeln
    • Aktive Extension gegen den Widerstand der Gummibänder des verletzten Fingers
    • Passive Retention durch Gummibänder

„Washington-Regime“

  • Prinzip: Aktive Extension mit kontrollierter(!) aktiver Flexion
  • Umsetzung
    • Initial kurzfristige Ruhigstellung in einem Gips oder einer Schiene
    • Wechsel auf dorsale Schiene (sog. Kleinert-Schiene) mit an den Fingernägeln befestigten Gummibändern oder Zügeln
    • Aktive Extension des verletzten Fingers gegen den Widerstand der Gummibänder
    • Aktive Flexion bei ca. 40° gebeugtem Handgelenk (mehrfach täglich)
    • Nachtlagerungsschiene

Für ein gutes funktionelles Ergebnis ist die konsequente Nachbehandlung essenziell!

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Strecksehnenverletzungtoggle arrow icon

Strecksehnenverletzungen können traumatische oder degenerative Ursachen haben und werden aufgrund der zunächst moderaten Klinik häufig übersehen, insb. bei geschlossenen Rupturen. Die Kenntnis der komplexen Anatomie der Strecksehnen ist für die Interpretation der Klinik und Diagnostik der Strecksehnenverletzung essenziell. Die Therapie der Strecksehnenverletzung erfolgt individuell entsprechend der betroffenen Struktur.

Für allgemeine Informationen siehe auch:

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Anatomie der Strecksehnentoggle arrow icon

Strecksehnenapparat der Langfinger

Der komplexe Aufbau der Strecksehnen ermöglicht es, dass sowohl die Mittelhand- als auch die Streckmuskulatur am Unterarm auf alle drei Fingergelenke einwirken können!

Strecksehnenapparat des Daumens

Zoneneinteilung nach Verdan [10]

Ungeradzahlige Zonen liegen über Gelenken, geradzahlige Zonen über Knochen!

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Klinik und Diagnostik der Strecksehnenverletzungtoggle arrow icon

Grundprinzipien der Beurteilung

Zonenabhängige Klinik und Diagnostik [4]

Strecksehnenverletzung über der Mittel- und Endphalanx (Zone 1–2 der Zoneneinteilung nach Verdan) [11]

  • Typisches Verletzungsmuster
    • Häufig geschlossene Verletzung, meist durch indirektes Trauma
    • Offene Verletzung über der Mittelphalanx
  • Beteiligte Strukturen
    • Pars terminalis der Strecksehne
    • Endphalanx: Knöcherner Ausriss der Strecksehne
      • Busch-Fraktur: Sonderform mit Beteiligung von >50% der Gelenkfläche
  • Symptome/Klinik: Sichtbar hängende Endphalanx (sog. Mallet-Finger oder Hammerfinger)
  • Test

Strecksehnenverletzung über dem proximalen Interphalangealgelenk (Zone 3 der Zoneneinteilung nach Verdan) [12]

Strecksehnenverletzungen können eine gering ausgeprägte Klinik aufweisen!

Strecksehnenverletzung über der Grundphalanx (Zone 4 der Zoneneinteilung nach Verdan) [12][13]

  • Typisches Verletzungsmuster: Meist offene Verletzung
  • Beteiligte Struktur: Strecksehne
  • Symptome/Klinik: Streckdefizit im Fingermittel- und Fingerendgelenk je nach Ausdehnung der Durchtrennung
  • Test: Isolierte Überprüfung der Strecksehnenabschnitte

Strecksehnenverletzung über dem Fingergrundgelenk (Zone 5 der Zoneneinteilung nach Verdan) [13]

  • Typisches Verletzungsmuster
  • Beteiligte Strukturen
    • Strecksehnenhaube: Übergang der Strecksehne in den Tractus intermedius
    • Connexus intertendineus oder Sagittalband
  • Symptome/Klinik
    • Streckdefizit oft nur moderat ausgeprägt
    • Kulissenphänomen ausschließen!
    • Bei Subluxation der Strecksehne: Abweichen des Fingers zur unverletzten Seite
  • Test: Isolierte Überprüfung der Strecksehnenabschnitte

Strecksehnenverletzung an Handrücken und Unterarm (Zone 6–8 der Zoneneinteilung nach Verdan) [13]

  • Typisches Verletzungsmuster
    • Geschlossene Verletzung
    • Offene Verletzung
  • Beteiligte Struktur: Strecksehne
  • Symptome/Klinik
    • Oft nur moderate Klinik
    • Möglicherweise begleitende neurologische Defizite
  • Tests
    • Überprüfung der Strecksehnen der Langfinger
      • Durchführung: Flache Lagerung der Hand auf einer Unterlage, Versuch der aktiven Extension gegen Widerstand
      • Befund und Interpretation: Strecksehne verletzt: Extension des entsprechenden Fingers nicht möglich
    • Überprüfung der langen Strecksehne des Daumens (M. extensor pollicis longus)
      • Durchführung: Flache Lagerung der Hand auf einer Unterlage, Versuch des Abhebens des Daumens vom Tisch
      • Befund und Interpretation: Lange Strecksehne (EPL-Sehne) verletzt: Aktives Abheben nicht möglich
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Therapie der Strecksehnenverletzungtoggle arrow icon

Konservative Therapie [4][11][12][13]

  • Indikation: Geschlossene Ruptur je nach Lokalisation der Verletzung
    • Tractus terminalis (Endphalanx)
      • Nicht-knöcherne Verletzung
        • Primär immer konservativ
        • Ruhigstellung bspw. in Stack-Schiene
        • Dauer: Mind. 6 Wochen permanent, dann noch 4 Wochen in der Nacht
      • Knöcherne Verletzung
        • Abhängig von Fragmentgröße, Artikulation, Dislokation und Adaptation in der Ruhigstellung
        • Ruhigstellung bspw. in Stack-Schiene
    • Tractus intermedius: Konservativer Therapieversuch
      • Wenn die Mittelphalanx in Extension gehalten werden kann
      • Ruhigstellung in Mittelgelenklagerungsschiene (sog. PIP-Schiene) in Extension
    • Strecksehne
      • Individuelle Entscheidung
      • Wenn kein ausgeprägtes Extensionsdefizit

Operative Primärversorgung [4][11][12][13]

  • Indikation: Offene Strecksehnenverletzungen
  • Zeitpunkt: Möglichst zeitnah
  • Ziele: Hohe Reißfestigkeit, erhaltene Gleitfähigkeit, suffiziente Durchblutung, spannungsfreie Adaptation
  • Zugangsart: Unter Einbeziehung der ursprünglichen Verletzung meist gerader Zugang
  • OP-Prinzipien

Sekundäre Strecksehnenrekonstruktion [12]

  • Indikation
    • Verspätete Vorstellung
    • Re-Ruptur
  • Vorgehen: Häufig Sehnentransplantation oder -transposition

Nachbehandlung [4][12][13]

  • Ruhigstellung: Meist 6 Wochen postoperativ
  • Bei Versorgung mittels K-Draht: Entfernung notwendig
  • Dynamische Nachbehandlung insb. bei Verletzungen proximal des Fingergrundgelenks möglich
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Komplikationentoggle arrow icon

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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3D-Anatomietoggle arrow icon

In Kooperation mit Effigos bieten wir dir die Möglichkeit, Anatomie auch in 3D zu erfahren. Die Inhalte sind vielfach auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend. Neben Komplettmodellen bieten wir dir auch sprach- oder textgeführte Exkurse zu einzelnen Themen. In allen Versionen hast du die Möglichkeit, mit den Modellen individuell zu interagieren, z.B. durch Schneiden, Zoomen oder Aus- bzw. Einblenden bestimmter Strukturen. Eine Übersicht über alle Inhalte findest du in dem Kapitel Anatomische 3D-Modelle. Die unterschiedlichen Pakete zu den 3D-Modellen findest du im Shop.

3D-Modelle

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

  • S66.-: Verletzung von Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • Inklusive: Verstauchung und Zerrung
    • S66.0: Verletzung der langen Beugemuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des
      • Handgelenkes und der Hand
    • S66.1: Verletzung der Beugemuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.2: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.3: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.4: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.5: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.6: Verletzung mehrerer Beugemuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.7: Verletzung mehrerer Streckmuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.8: Verletzung sonstiger Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.9: Verletzung eines nicht näher bezeichneten Muskels oder einer nicht näher bezeichneten Sehne in Höhe des Handgelenkes und der Hand

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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