Zusammenfassung
Sehnenverletzungen der Hand unterteilt man in Beugesehnenverletzungen und Strecksehnenverletzungen (selten können bei komplexen Verletzungen auch beide Anteile betroffen sein). Sie entstehen meist traumatisch und können offen oder geschlossen sein. Insb. bei offenen Verletzungen ist auf Begleitverletzungen der Gefäß-Nerven-Bündel zu achten. Geschlossene Verletzungen sind oft degenerativ bedingt, häufig schmerzlos und werden daher meist erst im Verlauf klinisch auffällig.
Wegweisend für die Diagnose ist die klinische Untersuchung mit Testung aller potenziell verletzten Strukturen.
Die Therapie von Beugesehnenverletzungen erfolgt fast immer operativ und erfordert die enge Zusammenarbeit von Patient:in und Therapeut:in in der oft langen Nachbehandlung. Die Therapie von Strecksehnenverletzungen ist abhängig von der Lokalisation, insb. geschlossene Rupturen an den Fingerendgelenken können konservativ versorgt werden, weiter proximal wird auch hier eine operative Versorgung mit Sehnennaht empfohlen.
Ätiologie
Traumatische Ursachen [1][2][3][4]
- Direktes Trauma: Meist Schnitt-, Stich- oder Rissverletzung
- Indirektes Trauma
- Häufig Sportverletzungen (oft durch Stoß gegen Ball/Gegner:in oder Sturz)
- Lokalisation der Verletzung entsprechend der Gewalteinwirkung
- Strecksehnenverletzungen eher bei plötzlicher Beugung
- Beugesehnenverletzungen eher bei Überstreckung
Degenerative Ursachen [1][2][4]
- Extrinsisch: Schwächung der Sehne durch mechanische Irritation
- Intrinsisch: Degeneration der Sehne selbst, bspw. bei rheumatoider Arthritis
Diagnostik
Im Folgenden wird die generelle Diagnostik (offener) Handverletzungen dargestellt. Für die spezielle Klinik und weiterführende Diagnostik siehe:
- Klinik und Diagnostik der Strecksehnenverletzung
- Klinik und Diagnostik der Beugesehnenverletzung
Anamnese [1][5]
- Detaillierte Schilderung des Unfallmechanismus
- Wertigkeit der Hand im alltäglichen Gebrauch
- Voroperationen
- Begleiterkrankungen
- Handspezifische Erkrankungen
Inspektion und Palpation [1][5]
- Seitenvergleich mit der „gesunden“ Hand
- Form und Spontanhaltung der Hand
- Achsfehlstellung bei Frakturen oder Luxationen
- Spontane Streckhaltung bei Beugesehnenverletzung
- Krallenhand oder Fallhand bei Nervenläsionen
- Schwellung
- Muskelatrophie bspw. bei vorbestehendem Karpaltunnelsyndrom
- Kontraktur bspw. bei Morbus Dupuytren
- Hautfarbe und Durchblutung
- Temperatur
- Hautturgor
- Beschaffenheit der Hautoberfläche
- Aussehen und Verlauf von Narben
- Beschaffenheit der Fingernägel
- Ausdehnung und Art einer Wunde
Die Größe der sichtbaren Wunde korreliert nicht zwangsläufig mit dem Ausmaß der Verletzung!
Apparative Diagnostik [1][5]
- Indikation
- Überblick zur Erkennung des Gesamtschadens bei schweren Verletzungen
- Erkennen knöcherner Beteiligung oder verbliebener Fremdkörper
- Diagnostik vorbestehender Handerkrankungen
- Verfahren
Klinische Untersuchung [1][5]
- Funktionelle Untersuchung auf
- Beugesehnenverletzung: Überprüfung der einzelnen Beugesehnen
- Strecksehnenverletzung: Überprüfung der einzelnen Strecksehnenabschnitte
- Neurologische Untersuchung: Insb. Sensibilitätsdefizite distal der Wunde, pDMS
- Sterile Exploration ggf. unter Leitungsanästhesie nach Oberst bei
- Subkutaner Wunde
- Sensibilitätsdefizit distal der Wunde
- Dokumentation
- Funktioneller und explorativer Befund
- Detaillierter neurologischer Status
Bei jedem V.a. eine (Beuge‑)Sehnenverletzung ist eine operative Exploration vorzunehmen!
Eine Nervenverletzung geht aufgrund der anatomischen Nähe häufig mit einer Beugesehnenverletzung einher!
Beugesehnenverletzung
Beugesehnenverletzungen können traumatische oder degenerative Ursachen haben, sind jedoch meist offene Verletzungen im Rahmen von Schnittverletzungen. Klinik und Diagnostik der Beugesehnenverletzung sind eng verbunden und werden daher gemeinsam abgehandelt. Die Therapie von Beugesehnenverletzungen gilt als komplex aufgrund der speziellen Anatomie der Beugesehnen, der Art der operativen Versorgung und der langwierigen, individuellen Nachbehandlung.
Für allgemeine Informationen siehe auch:
- Hand (Anatomische Grundlagen)
- Allgemeine Diagnostik bei Sehnenverletzungen der Hand
Anatomie der Beugesehnen
Beugesehnen der Langfinger und des Daumens [6]
- Sehnen der Langfinger
- FDP-Sehne: Tiefe Beugesehne des M. flexor digitorum profundus mit Ansatz an der Endphalanx
- FDS-Sehne: Oberflächliche Beugesehne des M. flexor digitorum superficialis mit Ansatz an der Basis der Mittelphalanx
- Sehnen des Daumens
- FPL-Sehne: Lange Beugesehne des M. flexor pollicis longus
- Kurze Beugesehne: Nicht vorhanden
- Sehnenverlauf: In einer Sehnenscheide mit Verstärkung durch bindegewebige Strukturen, bspw. Ringbänder (A1–A5 an den Langfingern)
- Blutversorgung: Über dorsal liegende Vincula
Zoneneinteilung nach Nigst [6]
Die Zoneneinteilung dient der besseren Kommunikation hinsichtlich der Lokalisation der Verletzung sowie der Planung des Behandlungsregimes.
- Zone 1
- Langfinger: Endphalanx bis zum Ansatz der oberflächlichen Beugesehne
- Daumen: Endphalanx bis zum Beginn des Ringbandes A2
- Zone 2
- Langfinger: Ansatz der oberflächlichen Beugesehne bis zum Ringband A1
- Daumen: Ringband A2 bis zum Beginn des Ringbandes A1
- Zone 3: Ringband A1 bis zum Karpalkanal
- Zone 4: Karpalkanal
- Zone 5: Unterarm
Klinik und Diagnostik der Beugesehnenverletzung
Grundprinzipien der Beurteilung
- Zonenabhängige Beurteilung entsprechend der Zoneneinteilung nach Nigst
- Allgemeines Vorgehen bei Verletzungen der Hand siehe: Sehnenverletzungen der Hand - Diagnostik
Funktionstests für Beugesehnen [1]
- Funktionstest für lange Beugesehne des Daumens (FPL-Sehne)
- Durchführung
- Daumen in gestreckter Position
- Daumengrundgelenk fixieren
- Versuch der aktiven Flexion im Interphalangealgelenk
- Befund und Interpretation: Lange Beugesehne verletzt: Flexion im Interphalangealgelenk nicht möglich
- Durchführung
- Funktionstest für oberflächliche Beugesehne D II (FDS-Sehne)
- Durchführung
- Fingerspitzen von Daumen und Zeigefinger aufeinanderpressen, um einen Kreis zu bilden
- Versuch der aktiven Flexion von D II im proximalen Interphalangealgelenk
- Befund und Interpretation
- Oberflächliche Beugesehne intakt: Flexion im proximalen Interphalangealgelenk möglich
- Oberflächliche Beugesehne verletzt: Flexion im proximalen Interphalangealgelenk nicht möglich, kompensatorische Flexion im distalen Interphalangealgelenk
- Durchführung
- Funktionstest für oberflächliche Beugesehnen D III–V (FDS-Sehne)
- Durchführung
- Alle Langfinger in gestreckter Position
- Nachbarfinger in Extension fixieren
- Versuch der aktiven Flexion des „freien“ Fingers im proximalen Interphalangealgelenk (und distalen Interphalangealgelenk)
- Befund und Interpretation: Oberflächliche Beugesehne verletzt: Flexion im proximalen Interphalangealgelenk nicht möglich
- Durchführung
- Funktionstest für tiefe Beugesehnen der Langfinger (FDP-Sehne)
- Durchführung
- Alle Langfinger in gestreckter Position
- Proximale Interphalangealgelenke fixieren
- Versuch der aktiven Flexion im distalen Interphalangealgelenk
- Befund und Interpretation: Tiefe Beugesehne verletzt: Flexion im distalen Interphalangealgelenk nicht möglich
- Durchführung
Bei isolierter Verletzung der tiefen Beugesehne bleibt die Flexion in Grund- und Mittelgelenk noch erhalten!
Zonenabhängige Klinik und Diagnostik [1][2][3][6]
Beugesehnenverletzung über der End- und Mittelphalanx (Zone 1 der Zoneneinteilung nach Nigst)
- Typische Verletzungsmuster
- Geschlossen: Ausriss der Beugesehnen mit oder ohne knöchernem Fragment
- Offen: Direkte Verletzung der Sehne
- Beteiligte Sehnen je nach betroffenem Finger
- Tests
Beugesehnenverletzung über der Grundphalanx (Zone 2 der Zoneneinteilung nach Nigst)
- Typische Verletzungsmuster: Meist offene Verletzung
- Beteiligte Sehnen je nach betroffenem Finger
- Tests bei Verletzung der Langfinger: Getrennte Überprüfung der oberflächlichen und tiefen Beugesehne!
- Test bei Verletzung des Daumens: Funktionstest für lange Beugesehne des Daumens
Beugesehnenverletzung über der Handfläche und Unterarm (Zone 3–5 der Zoneneinteilung nach Nigst)
- Typische Verletzungsmuster
- Geschlossen: Ruptur der Beugesehne
- Offen: Direkte Verletzung der Sehne
- Beteiligte Sehnen je nach betroffenem Finger
- Tests bei Verletzung der Langfinger: Getrennte Überprüfung der oberflächlichen und tiefen Beugesehne!
- Test bei Verletzung des Daumens: Funktionstest für lange Beugesehne des Daumens
Ein bestehendes Beugedefizit sollte stets evaluiert werden!
Therapie der Beugesehnenverletzung
Konservative Therapie [2][3][6][7]
- Indikation: Bei geschlossener Ruptur individuelle Entscheidung, abhängig von
- Komplexität der Verletzung
- Patientenwunsch
- Vorerkrankungen und perioperativem Risiko
- Vorgehen
- Ggf. kurzfristige Ruhigstellung bei Schmerzen
- Aktive Bewegungstherapie
Operative Primärversorgung [2][3][6][7]
- Indikation: (Fast) alle Beugesehnenverletzungen
- Zeitpunkt: Beste Ergebnisse bei (spät‑)primärer Versorgung, d.h. innerhalb von 14 Tagen
- Vorbereitung
- Standard ist Sichtvergrößerung, z.B. Lupenbrille
- Nahtmaterial und -technik variabel [7][8]
- Ziele: Hohe Reißfestigkeit, erhaltene Gleitfähigkeit, suffiziente Durchblutung, spannungsfreie Adaptation
- Zugangsart: Zugang nach Bruner unter Einbeziehung der ursprünglichen Verletzung
- OP-Prinzipien
- Atraumatisches Arbeiten: Quetschen der Sehne vermeiden und auf Durchblutung achten
- Versorgung durch
- Sehnennaht: Möglichst Vierstrang-Kernnaht, bspw. modifizierte Kirchmayr-Kessler-Naht und epitendinöse Feinadaptation
- Refixation eines knöchernen Fragmentes bzw. Sehnenrefixation über Ankersystem bei distalem Ausriss
- Nachbarstrukturen
- Ringbänder A2 und A4 möglichst intakt lassen bzw. rekonstruieren
- Ggf. Eröffnung des Ringbandes A1 und/oder des Karpaltunnels
Die Therapie von Beugesehnenverletzungen ist komplex und benötigt die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten!
Sekundäre Beugesehnenrekonstruktion [9]
- Indikation
- Verspätete Vorstellung
- Re-Ruptur
- Vorgehen: Meist zweizeitige Sehnentransplantation oder -transposition
Nachbehandlung [8]
- Grundsätze
- Konsequente Nachbehandlung essenziell für das Gesamtergebnis
- Aktive Bewegungstherapie anstreben
- Nachbehandlungsschema individuell von Operateur:in festgelegt
Kleinert-Schema
- Prinzip: Aktive Extension und passive Flexion
- Umsetzung
- Ggf. kurzfristige Ruhigstellung in einem Gips oder einer Schiene
- Wechsel auf dorsale Schiene (sog. Kleinert-Schiene) mit an Fingernägeln befestigten Gummibändern oder Zügeln
- Aktive Extension gegen den Widerstand der Gummibänder des verletzten Fingers
- Passive Retention durch Gummibänder
„Washington-Regime“
- Prinzip: Aktive Extension mit kontrollierter(!) aktiver Flexion
- Umsetzung
- Initial kurzfristige Ruhigstellung in einem Gips oder einer Schiene
- Wechsel auf dorsale Schiene (sog. Kleinert-Schiene) mit an den Fingernägeln befestigten Gummibändern oder Zügeln
- Aktive Extension des verletzten Fingers gegen den Widerstand der Gummibänder
- Aktive Flexion bei ca. 40° gebeugtem Handgelenk (mehrfach täglich)
- Nachtlagerungsschiene
Für ein gutes funktionelles Ergebnis ist die konsequente Nachbehandlung essenziell!
Strecksehnenverletzung
Strecksehnenverletzungen können traumatische oder degenerative Ursachen haben und werden aufgrund der zunächst moderaten Klinik häufig übersehen, insb. bei geschlossenen Rupturen. Die Kenntnis der komplexen Anatomie der Strecksehnen ist für die Interpretation der Klinik und Diagnostik der Strecksehnenverletzung essenziell. Die Therapie der Strecksehnenverletzung erfolgt individuell entsprechend der betroffenen Struktur.
Für allgemeine Informationen siehe auch:
- Hand (Anatomische Grundlagen)
- Allgemeine Diagnostik bei Sehnenverletzungen der Hand
Anatomie der Strecksehnen
Strecksehnenapparat der Langfinger
- Extrinsisches System
- Muskulatur: Dorsalseitiger Unterarm
- Innervation: N. radialis
- Funktion: Extension v.a. der Fingergrundgelenke
- Ansatz
- Grund- und Mittelphalanx: Pars medialis des Tractus intermedius
- Endphalanx: Pars lateralis des Tractus intermedius
- Intrinsisches System
- Muskulatur: Mittelhandmuskulatur
- Innervation: N. medianus und N. ulnaris
- Funktion: Flexion der Fingergrundgelenke, Extension der proximalen und distalen Interphalangealgelenke
- Ansatz
- Mittelphalanx: Pars medialis des Tractus lateralis
- Endphalanx: Pars lateralis des Tractus lateralis
- Dorsalaponeurose (sog. Streckerhaube): Verbindung des extrinsischen und intrinsischen Streckapparates im Bereich der Grundphalanx
- Sehnenverlauf (von proximal nach distal)
- Durchtritt unter Retinaculum extensorum
- Verbindung zu Nachbarsehnen über Connexus intertendinei
- Verlauf über das Fingergrundgelenk
- Einstrahlung der Mm. lumbricales und Mm. interossei palmares et dorsales in die Dorsalaponeurose
- Verlauf über das proximale Interphalangealgelenk mit Dreiteilung der Strecksehne in einen Mittelzügel (Tractus intermedius) und zwei Seitenzügel (Tractus laterales)
- Verbindung der Seitenzügel zum Pars terminalis der Strecksehne
- Ansatz an Endphalanx
Der komplexe Aufbau der Strecksehnen ermöglicht es, dass sowohl die Mittelhand- als auch die Streckmuskulatur am Unterarm auf alle drei Fingergelenke einwirken können!
Strecksehnenapparat des Daumens
- Extrinsisches System
- Muskulatur: Dorsalseitiger Unterarm
- Innervation: N. radialis
- Funktion: Extension im Daumensattelgelenk, Daumengrundgelenk und Interphalangealgelenk
- Ansatz
- Os metacarpale I
- Grundphalanx
- Endphalanx
- Intrinsisches System
- Muskulatur: Thenarmuskulatur
- Innervation: N. medianus und N. ulnaris
- Funktion: Insb. Flexion im Daumengrundgelenk, Extension im Interphalangealgelenk
- Ansatz: Dorsalaponeurose
- Dorsalaponeurose (sog. Streckerhaube): Verbindung des extrinsischen und intrinsischen Streckapparates im Bereich der Grundphalanx
- Sehnenverlauf (von proximal nach distal)
- Durchtritt unter Retinaculum extensorum
- Überkreuzen der A. radialis in der Tabatière
- Verlauf über das Daumengrundgelenk
- Einstrahlung der Thenarmuskulatur in die Dorsalaponeurose
- Ansatz an der Endphalanx
Zoneneinteilung nach Verdan [10]
- Zone 1
- Langfinger: Distales Interphalangealgelenk
- Daumen: Interphalangealgelenk
- Zone 2
- Langfinger: Mittelphalanx
- Daumen: Grundphalanx
- Zone 3
- Langfinger: Proximales Interphalangealgelenk
- Daumen: Daumengrundgelenk
- Zone 4
- Langfinger: Grundphalanx
- Daumen: Os metacarpale 1
- Zone 5
- Langfinger: Fingergrundgelenk
- Daumen: Carpus
- Zone 6: Ossa metacarpalia II–V
- Zone 7: Handgelenk
- Zone 8: Distales Drittel des Unterarmes
Ungeradzahlige Zonen liegen über Gelenken, geradzahlige Zonen über Knochen!
Klinik und Diagnostik der Strecksehnenverletzung
Grundprinzipien der Beurteilung
- Zonenabhängige Beurteilung entsprechend der Zoneneinteilung nach Verdan
- Allgemeines Vorgehen bei Verletzungen der Hand siehe: Sehnenverletzungen der Hand - Diagnostik
Zonenabhängige Klinik und Diagnostik [4]
Strecksehnenverletzung über der Mittel- und Endphalanx (Zone 1–2 der Zoneneinteilung nach Verdan) [11]
- Typisches Verletzungsmuster
- Häufig geschlossene Verletzung, meist durch indirektes Trauma
- Offene Verletzung über der Mittelphalanx
- Beteiligte Strukturen
- Pars terminalis der Strecksehne
- Endphalanx: Knöcherner Ausriss der Strecksehne
- Busch-Fraktur: Sonderform mit Beteiligung von >50% der Gelenkfläche
- Symptome/Klinik: Sichtbar hängende Endphalanx (sog. Mallet-Finger oder Hammerfinger)
- Test
- Durchführung
- Gestreckte Position und Fixierung des Fingers im proximalen Interphalangealgelenk
- Versuch der aktiven Extension (ohne und gegen Widerstand)
- Befund und Interpretation: Strecksehnenverletzung an der Endphalanx: Aktive Extension im distalen Interphalangealgelenk nicht möglich
- Durchführung
Strecksehnenverletzung über dem proximalen Interphalangealgelenk (Zone 3 der Zoneneinteilung nach Verdan) [12]
- Typische Verletzungsmuster
- Geschlossene Verletzung
- Offene Verletzung
- Beteiligte Strukturen
- Symptome/Klinik
- Initial oft moderate Klinik
- Im Verlauf: Knopflochdeformität
- Test: (Tischkanten‑)Test nach Elson
- Durchführung
- Forcierte Flexion des Fingermittelgelenks am betroffenen Finger (bspw. durch Beugung über eine Tischkante)
- Versuch der aktiven Extension der Mittelphalanx
- Befund und Interpretation: Tractus intermedius verletzt: Aktive Extension im Fingermittelgelenk nicht möglich, bzw. Mittelphalanx sinkt wieder ab
- Durchführung
Strecksehnenverletzungen können eine gering ausgeprägte Klinik aufweisen!
Strecksehnenverletzung über der Grundphalanx (Zone 4 der Zoneneinteilung nach Verdan) [12][13]
- Typisches Verletzungsmuster: Meist offene Verletzung
- Beteiligte Struktur: Strecksehne
- Symptome/Klinik: Streckdefizit im Fingermittel- und Fingerendgelenk je nach Ausdehnung der Durchtrennung
- Test: Isolierte Überprüfung der Strecksehnenabschnitte
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Endphalanx
- Befund und Interpretation: Beide Tractus laterales verletzt: Aktive Extension nicht möglich
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Mittelphalanx
- Befund und Interpretation: Tractus intermedius bzw. Strecksehne verletzt: Aktive Extension nicht möglich
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Endphalanx
Strecksehnenverletzung über dem Fingergrundgelenk (Zone 5 der Zoneneinteilung nach Verdan) [13]
- Typisches Verletzungsmuster
- Geschlossene Verletzung
- Offene Verletzung
- Sonderform: Sog. „Fight-Bite-Injury“
- Beteiligte Strukturen
- Strecksehnenhaube: Übergang der Strecksehne in den Tractus intermedius
- Connexus intertendineus oder Sagittalband
- Symptome/Klinik
- Streckdefizit oft nur moderat ausgeprägt
- Kulissenphänomen ausschließen!
- Bei Subluxation der Strecksehne: Abweichen des Fingers zur unverletzten Seite
- Test: Isolierte Überprüfung der Strecksehnenabschnitte
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Grundphalanx
- Befund und Interpretation: Strecksehne oder Dorsalaponeurose verletzt: Aktive Extension nicht möglich
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Mittelphalanx
- Befund und Interpretation: Tractus intermedius bzw. Strecksehne verletzt: Aktive Extension nicht möglich
- Durchführung: Versuch der aktiven Extension der Grundphalanx
Strecksehnenverletzung an Handrücken und Unterarm (Zone 6–8 der Zoneneinteilung nach Verdan) [13]
- Typisches Verletzungsmuster
- Geschlossene Verletzung
- Offene Verletzung
- Beteiligte Struktur: Strecksehne
- Symptome/Klinik
- Oft nur moderate Klinik
- Möglicherweise begleitende neurologische Defizite
- Tests
- Überprüfung der Strecksehnen der Langfinger
- Überprüfung der langen Strecksehne des Daumens (M. extensor pollicis longus)
Therapie der Strecksehnenverletzung
Konservative Therapie [4][11][12][13]
- Indikation: Geschlossene Ruptur je nach Lokalisation der Verletzung
- Tractus terminalis (Endphalanx)
-
Nicht-knöcherne Verletzung
- Primär immer konservativ
- Ruhigstellung bspw. in Stack-Schiene
- Dauer: Mind. 6 Wochen permanent, dann noch 4 Wochen in der Nacht
- Knöcherne Verletzung
- Abhängig von Fragmentgröße, Artikulation, Dislokation und Adaptation in der Ruhigstellung
- Ruhigstellung bspw. in Stack-Schiene
-
Nicht-knöcherne Verletzung
- Tractus intermedius: Konservativer Therapieversuch
- Strecksehne
- Individuelle Entscheidung
- Wenn kein ausgeprägtes Extensionsdefizit
- Tractus terminalis (Endphalanx)
Operative Primärversorgung [4][11][12][13]
- Indikation: Offene Strecksehnenverletzungen
- Zeitpunkt: Möglichst zeitnah
- Ziele: Hohe Reißfestigkeit, erhaltene Gleitfähigkeit, suffiziente Durchblutung, spannungsfreie Adaptation
- Zugangsart: Unter Einbeziehung der ursprünglichen Verletzung meist gerader Zugang
- OP-Prinzipien
- Atraumatisches Arbeiten: Quetschen der Sehne vermeiden
- Wundexploration und Débridement
- Versorgung mit
- Sehnennaht
- Kapselnaht bei Eröffnung eines Gelenkes
- Refixation eines knöchernen Fragmentes bzw. Sehnenrefixation über Ankersystem bei distalem Ausriss
- Ggf. temporäre K-Draht-Arthrodese des proximalen oder distalen Interphalangealgelenkes
- Ggf. perioperative Antibiotikaprophylaxe
Sekundäre Strecksehnenrekonstruktion [12]
- Indikation
- Verspätete Vorstellung
- Re-Ruptur
- Vorgehen: Häufig Sehnentransplantation oder -transposition
Nachbehandlung [4][12][13]
- Ruhigstellung: Meist 6 Wochen postoperativ
- Bei Versorgung mittels K-Draht: Entfernung notwendig
- Dynamische Nachbehandlung insb. bei Verletzungen proximal des Fingergrundgelenks möglich
Komplikationen
- Frühkomplikationen [14][15]
- Wunddehiszenz und Wundinfekt
- Verletzung von Gefäßen und Nerven
- Nahtinsuffizienz bzw. Ausreißen der Verankerung
- Sehnennekrose
- Phlegmone
- Schmerzen
- CRPS
- Spätkomplikationen [14][15]
- Nahtinsuffizienz
- Verbleibendes Beuge- und Streckdefizit
- Adhäsionen und Arthrofibrose
- Bowstringing
- Funktionelles Defizit
- Einsteifen von Gelenken
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
3D-Anatomie
In Kooperation mit Effigos bieten wir dir die Möglichkeit, Anatomie auch in 3D zu erfahren. Die Inhalte sind vielfach auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend. Neben Komplettmodellen bieten wir dir auch sprach- oder textgeführte Exkurse zu einzelnen Themen. In allen Versionen hast du die Möglichkeit, mit den Modellen individuell zu interagieren, z.B. durch Schneiden, Zoomen oder Aus- bzw. Einblenden bestimmter Strukturen. Eine Übersicht über alle Inhalte findest du in dem Kapitel Anatomische 3D-Modelle. Die unterschiedlichen Pakete zu den 3D-Modellen findest du im Shop.
3D-Modelle
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- S66.-: Verletzung von Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- Inklusive: Verstauchung und Zerrung
- S66.0: Verletzung der langen Beugemuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des
- Handgelenkes und der Hand
- S66.1: Verletzung der Beugemuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.2: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.3: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.4: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.5: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.6: Verletzung mehrerer Beugemuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.7: Verletzung mehrerer Streckmuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.8: Verletzung sonstiger Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
- S66.9: Verletzung eines nicht näher bezeichneten Muskels oder einer nicht näher bezeichneten Sehne in Höhe des Handgelenkes und der Hand
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.