Zusammenfassung
Claviculafrakturen entstehen meist in Schaftmitte als Folge eines Traumas. Die Klassifikation erfolgt anhand ihrer Lokalisation und Häufigkeit (nach Allman), wobei laterale Claviculafrakturen nach ihrer Pathophysiologie nochmals genauer unterteilt werden. Klinisch zeigen sich vorrangig allgemeine Frakturzeichen (Schmerz, Schwellung, Krepitation, Bewegungseinschränkung) im Schulterbereich. Neben der klinischen Untersuchung sind Röntgenaufnahmen oder ggf. Schnittbildgebung wichtige Bestandteile der Diagnostik. Bei einer geschlossenen, unkomplizierten Fraktur genügt oft eine Ruhigstellung im Gilchrist-, Rucksackverband oder mittels Armschlinge für etwa 3–4 Wochen. Bei offenen oder stark dislozierten Frakturen ist eine operative Therapie z.B. mittels Plattenosteosynthese oder intramedullärer Stabilisierung mithilfe eines Nagels indiziert.
Epidemiologie
- 64/100.000 Einwohner/Jahr [1]
- Altersabhängige Häufigkeit
- Ca. 2–5% aller adulten Frakturen [2][3][4]
- Ca. 10–15% aller kindlichen Frakturen [4][5]
- Geschlecht: ♂ > ♀ [2][5]
- Körperseite: links > rechts [5]
- Spezifische Daten der Claviculafraktur
- Deutliche Dislokation: Ca. 50% [5]
- Trümmerfrakturen: Ca. 20% [5]
- Offene Frakturen: Ca. 1–2% [3]
- Begleitender (Hämato‑)Pneumothorax: Ca. 3% [2]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Traumatisch
- Indirektes Trauma [2][6][7][8]
- Direktes Trauma: Direkte Gewalteinwirkung auf die Clavicula, bspw. durch einen Schlag, Stoß, Anprall oder Schuss
- Unfallursache [6]
- Sport- oder Verkehrsunfälle: Insb. Fahrrad- und Motorradfahrer betroffen (v.a. junge Männer betroffen; gehäuft im Sommer und an den Wochenenden)
- Stürze: Insb. ebenerdige (v.a. ältere Patienten betroffen; meist häuslicher Stolpersturz)
- Nicht-traumatisch
- Selten: Pathologische Fraktur (Spontanfraktur)
Klassifikation
Klassifikation der Claviculafrakturen nach Allman
Die Klassifikation nach Allman teilt die Claviculafrakturen anhand ihrer Lokalisation und der Häufigkeit ihres Auftretens ein.
Gruppe | Lokalisation der Fraktur | Häufigkeit |
---|---|---|
1 | Mittleres Drittel/diaphysäre Frakturen | 80% |
2 | Laterales/distales Drittel | 15% |
3 | Mediales/proximales Drittel | <5% |
Klassifikation der lateralen Claviculafrakturen
Die lateralen Claviculafrakturen (Gruppe 2 nach Allman) werden im europäischen Raum eher nach der Klassifikation von Jäger und Breitner eingeteilt, im angloamerikanischen Raum dagegen eher nach der Klassifikation von Neer.
Klassifikation nach Jäger und Breitner
Gruppe | Lokalisation der Fraktur | Begleitende Bandverletzungen | Stabilität | ||
---|---|---|---|---|---|
I | Fraktur lateral des Lig. coracoclaviculare | Ggf. Verletzung des Lig. acromioclaviculare | Stabil | ||
II | a | Fraktur innerhalb des Lig. coracoclaviculare | Ruptur der Pars conoidea des Lig. coracoclaviculare | Instabil | |
b | Ruptur der Pars trapezoidea des Lig. coracoclaviculare | Ggf. instabil | |||
III | Die Fraktur medial des Lig. coracoclaviculare | Keine | Instabil | ||
IV | Unverletzter Kapsel-Band-Apparat am Periostschlauch | Instabil |
Klassifikation nach Neer [9]
Gruppe | Lokalisation der Fraktur | Begleitende Bandverletzungen | Stabilität | ||
---|---|---|---|---|---|
I | Fraktur lateral des Lig. coracoclaviculare | Keine | Stabil | ||
II | a | Fraktur medial des Lig. coracoclaviculare | Keine | Instabil | |
b | Fraktur innerhalb des Lig. coracoclaviculare |
| Instabil | ||
c | Fraktur lateral des Lig. coracoclaviculare [10] |
| Instabil | ||
III | Keine | Stabil | |||
IV | Kindliche Claviculaschaftfraktur mit periostalem Stripping | Keine | Stabil | ||
V | Trümmerfraktur | Keine | Instabil |
Überarbeitete AO-Klassifikation der Claviculafrakturen - Stand 2018 [11]
Frakturtyp | Clavicula (15) | ||
---|---|---|---|
Proximal (15.1) | Distal (15.3)* | Schaftfraktur (15.2) | |
A | Extraartikuläre Fraktur | ||
B | Partielle Gelenkfraktur | ||
C | Vollständige Gelenkfraktur | ||
*Zusatz je nach Beteiligung der coracoklavikulären Bänder: a = intakt; b = partielle Ruptur; c = komplette Ruptur |
Pathophysiologie
Relevante Anatomie der Clavicula
- S-förmige Knochenform mit geringstem Durchmesser in der Mitte → Schwachstelle
- Einzige knöcherne Verbindung des Schultergürtels zum Thorax und Ansatzpunkt für verschiedene Muskeln → Grund für typische Dislokationsrichtung der Frakturfragmente
- Stabilisierender Bandapparat des AC-Gelenks [9]
- Horizontale Stabilität: Lig. acromioclaviculare
- Vertikale Stabilität: Lig. coracoclaviculare mit Pars trapezoideum und Pars conoideum
- Anatomische Nähe zu Nerven (Plexus brachialis), Gefäßen (V. und A. subclavia) und Lunge
Begleitverletzungen [7][12]
- Pneumothorax oder Hämatopneumothorax
- Verletzungen von Gefäßen oder Nerven (v.a. des Plexus brachialis)
- Begleitfrakturen (v.a. von Rippen, Scapula und Wirbelkörpern)
Symptomatik
- Allgemeine Frakturzeichen
- Spezifische Zeichen: [5][13]
- Schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit im Schultergelenk
- Sichtbare Fehlstellung: Stufen- oder Knickbildung im Bereich der Fraktur
- Schonhaltung in Adduktion
- Verkürzter Schultergürtel
- Absenkung der betroffenen Schulter
Vorgehen in der Notaufnahme
- Anamnese und körperliche Untersuchung
- Bei isolierten Claviculafrakturen häufig Selbstvorstellung
-
Anamnese mit Fokus auf Unfallhergang
- Bei vermutetem Arbeitsunfall: Meldung an die gesetzliche Unfallversicherung bzw. Vorstellung bei einem Durchgangsarzt
- Schmerzen im Bereich der Clavicula und ggf. sichtbare Deformation des Schultergürtels
- Schmerzadaptierte Analgesie
- Bildgebung: Röntgen
-
Clavicula in zwei Ebenen: A.p. und tangential (siehe auch unten in Sektion Diagnostik)
- Bei fehlendem Frakturnachweis und erweitertem AC-Gelenkspalt: Siehe Schultereckgelenksverletzung
- Röntgen-Thorax: Bei Z.n. Polytrauma oder absehbarer operativer Versorgung
-
Clavicula in zwei Ebenen: A.p. und tangential (siehe auch unten in Sektion Diagnostik)
- Planung der weiteren Therapie je nach Befund
Diagnostik
Klinische Untersuchung
- Überprüfung der peripheren Durchblutung, Motorik und Sensibilität (pDMS)
- Frakturzeichen (wie z.B. Schwellung, Hämatom, tastbare Stufe, Krepitationen)
- Begleitverletzungen, insb.
- Lungenauskultation zur Kontrolle der Belüftung
- Kompression des Brustkorbes zur Kontrolle der Thoraxstabilität
- Abklopfen der Wirbelsäule zum Screening auf Schmerzhaftigkeit
- Mögliches spezifisches Zeichen: Angedeutetes Klaviertastenphänomen (v.a. bei lateraler Fraktur mit Zerreißen des coracoklavikulären Bandapparates)
- Sichtbare Stufenbildung der lateralen Clavikula
- Federnder Widerstand des nach kranial dislozierten medialen Claviculafragments
Apparative Diagnostik
- Röntgenaufnahme der Clavicula in zwei Ebenen: a.p. und tangential [5][14]
- Befund (siehe auch: Radiologische Frakturzeichen)
- Lokalisation und Verlauf der Fraktur
- Dislokationsgrad der Fragmente
- Mögliche begleitende Luxationen oder ligamentäre Verletzungen (z.B. erweiterter AC-Gelenkspalt)
- Befund (siehe auch: Radiologische Frakturzeichen)
Die Wachstumsfugen der Clavicula verknöchern erst ab dem 25. Lebensjahr, weshalb sie bei jungen Erwachsenen noch sichtbar sein können. [3]
- Fakultativ [5]
- Röntgenthoraxaufnahme zum Ausschluss eines traumatischen Pneumothorax
- Indikation: Auskultatorische Minderbelüftung und vor jeder operativen Versorgung einer Claviculafraktur [15]
- Röntgenaufnahme des knöchernen Hemithorax in Weichstrahltechnik bei Verdacht auf Rippenfraktur (siehe auch: Rippenfraktur)
- MRT bei Verdacht auf Plexusläsion
- Angiografie bei Verdacht auf Gefäßverletzungen, Begleitverletzungen oder unklarem, konventionell radiologischem Befund
- Röntgenthoraxaufnahme zum Ausschluss eines traumatischen Pneumothorax
Differenzialdiagnosen
- Schulterprellung oder -distorsion
- Akromioklavikulargelenksprengung
- Sternoklavikulargelenksprengung (selten) [16]
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Die optimale Therapie wird noch diskutiert. Traditionell wurde die Claviculafraktur konservativ behandelt. Durch die konsequente Verbesserung operativer Methoden wird dieses Credo je nach Frakturart jedoch mehr und mehr aufgeweicht. In jedem Fall sollte das Therapieregime individuell abgewogen werden.
Konservative Therapie
- Indikation: [4][5][13]
- Undislozierte Frakturen (v.a. proximale und distale)
- Intakte Weichteile, Perfusion, Motorik und Sensibilität
- Geringerer funktioneller Anspruch [10]
- Speziell bei Schaftfrakturen: Verkürzung oder Dislokation weniger als 1,5–2 cm
- Setting: Ambulant
Durchführung [2][4][7][10]
- Keine Reposition!
- Ausnahme: Notfallmäßige Reposition bei posteriorer Dislokation im Sternoklavikulargelenk [13]
- Durchführung: Unter Allgemeinanästhesie wird dem Patienten in Rückenlage ein Polster zwischen die Schulterblätter gelegt und der abduzierte Arm bodenwärts gedrückt. Sollte sich hierbei die Clavicula nicht reponieren, kann sie perkutan mittels Tuchklemme gefasst und nach ventral gezogen werden. I.d.R. ist das Sternoklavikulargelenk nach erfolgreicher Reposition stabil und benötigt keine weitere Fixierung.
- Ausnahme: Notfallmäßige Reposition bei posteriorer Dislokation im Sternoklavikulargelenk [13]
- Ruhigstellung mittels Rucksackverband, Armschlinge oder Gilchrist
- Ziel: Entlastung, Schmerzreduktion und Patientenkomfort
- Kosmetisches und funktionelles Ergebnis unabhängig von der Art der Ruhigstellung
- Kritik am Rucksackverband:
- Höhere Komplikationsrate (v.a. durch zu straffes (Nach‑)Spannen ): Hautmazerationen, Nervenkompression mit Kribbelparästhesien, massive Schwellungen bis hin zu tiefen Armvenenthrombosen, höherem Pseudarthroserisiko
- Wirkungslosigkeit im Liegen
- Dauer der Ruhigstellung: I.d.R. ca. 3–4 Wochen [13]
- Symptomatische Maßnahmen
- Regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen (z.B. nach 1, 3 und 6 Wochen nach Trauma) [7]
- Physiotherapie [4][7][13]
- Mögliche Indikationen: Massive Schwellungszustände, länger dauernde Bewegungseinschränkungen
- Anfangsphase: Manuelle Lymphdrainage, dann gradueller Aufbau von Beweglichkeit und Kraft
Operative Therapie
- Indikation
- Absolut[4][15]: Offene oder stark dislozierte Fraktur, Durchspießungsgefahr der Haut, Gefäß- und Nervenverletzungen, Floating Shoulder, begleitende Rippenfraktur oder Pneumothorax, Knochenheilungsstörungen
- Relativ[15]: Summe der Dislokationsstrecke in 2 Strahlengängen >4 cm, Verkürzung >2 cm
- Setting: Stationär
Durchführung
- Lagerung: Beach-Chair- oder Rückenlagerung [13][15]
- Zugang: Je nach Verfahren [13][15]
- Offen mit direkter Darstellung der Fraktur: Horizontale oder vertikale Schnittführung auf Höhe der Fraktur
- Minimalinvasiv
- Bei Nagelung: Ca. 1–1,5 cm langer Hautschnitt, ca. 1 cm lateral des Sternoklavikulargelenks
- Bei Plattenosteosynthese: Korrespondierend zur Plattengröße ca. 2–3 cm lange Hautschnitte am lateralen und medialen Clavicula-Ende
- Arthroskopisch (z.B. TightRope®-System bei lateraler Claviculafraktur)
Gängige Operationsverfahren in Abhängigkeit von der Frakturlokalisation | |
---|---|
Laterale/distale Fraktur [4][10] |
|
Schaftfraktur [4][7][15] |
|
Mediale/proximale Fraktur |
|
Komplikationen
- Allgemein: Kosmetisch störende Fehlstellung, Pseudarthrose, neurovaskuläre Kompression durch hypertrophe Kallusbildung
- Bei operativer Therapie: Allgemeine Komplikationen nach Osteosynthese
- Spezifische Risiken: Verletzung von Plexus brachialis oder Lunge/Pleura
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Nachsorge
Folgende Nachbehandlungsvorschläge basieren auf den Empfehlungen der DGOU [17]. Diese Schemata sind jedoch an den individuellen Heilungsverlauf anzupassen und sollten grundsätzlich auch unter Berücksichtigung von Maßgaben des Operateurs und/oder klinikinternen Standards erfolgen.
Für das allgemeine postoperative stationäre Management inkl. durchzuführender ärztlicher Verlaufskontrollen sowie für Empfehlungen zur Schmerztherapie und Thromboseprophylaxe siehe: Nachsorge in der Orthopädie und Unfallchirurgie
Nachbehandlungsschema bei operativ versorgter Claviculaschaftfraktur
Phase 1 – Ziel: Wundheilung und Abschwellung
- Tag 1–3 postoperativ: Bewegungsstabilität
- Ruhigstellung der Schulter (z.B. im Gilchrist-Verband) für 1–2 Wochen
- Assistive Bewegung der Gelenke distal der Schulter ohne Bewegungslimit
- Physiotherapeutische Anleitung zum Eigen- und Verhaltenstraining
- Röntgenkontrolle der Clavicula in 2 Ebenen (a.p. und tangential) vor Entlassung
Phase 2 – Ziel: Passive und aktive Beweglichkeit
- Tag 4–Woche 4 postoperativ
- Ca. 5. Woche: Röntgenkontrolle der Clavicula in 2 Ebenen (a.p. und tangential)
Phase 3 – Ziel: Reintegration in den Alltag
- Woche 5–8 postoperativ: Belastungsstabilität
- Aktive Bewegung der Schulter ohne Limit
- Muskelaufbautraining mit individueller Belastungssteigerung bis zur Vollbelastung
- Stütztraining
- Röntgenkontrolle vor Übergang zur Trainingsstabilität
Phase 4 – Ziel: Volle Belastbarkeit
- Ab 9. Woche postoperativ: Übergang zur Trainingsstabilität
- Funktionstraining, ggf. Rehasport und -nachsorge
- Ab 4. Monat postoperativ
- Wiederaufnahme des sportartspezifischen Trainings
Nachbehandlungsschema bei operativ versorgter lateraler Claviculafraktur
Die Nachbehandlung richtet sich nach der Art der Versorgung
- Plattenosteosynthese: Nachbehandlung ähnlich dem Nachbehandlungsschema bei operativ versorgter Claviculaschaftfraktur
- Andere Verfahren analog zur operativen Versorgung der Schultereckgelenksverletzung: Siehe: Nachbehandlungsschema bei Schultereckgelenksverletzung
Materialentfernung
Der Zeitpunkt einer Materialentfernung sollte in Abhängigkeit vom klinischen und radiologischen Befund individuell festgelegt werden.
- Keine routinemäßige Entfernung: Plattenosteosynthese , ESIN und TightRope®
- Entfernung nach ca. 12 Wochen: Hakenplatte, transartikuläre K-Draht-Fixation oder Bosworth-Schraube
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.