Zusammenfassung
Die physikalische Therapie umfasst medizinische Behandlungsverfahren, die physikalische Reize wie Wärme, Kälte, Wasser, Luft, mechanische Kräfte oder elektrische Ströme nutzen, um physiologische Funktionen zu beeinflussen und Heilungsprozesse zu fördern.
Thermotherapie
Wärmetherapie
- Allgemeines Wirkprinzip: Hemmung nozizeptiver Vorgänge und Vasodilatation → Senkung des peripheren Widerstands und Blutdrucks, Muskelentspannung, Senkung des Sympathikotonus → Förderung von Schlaf und Entspannung
Lokale Wärmeanwendungen
- Indikationen u.a.
- Dysmenorrhö
- Koliken
- Zystitis
- Muskuläre Verspannungen
- Rheumatische Beschwerden [2]
- Schlafstörungen
- Kontraindikationen u.a.
- Neuropathien
- Akute Entzündungen
- Wirkung
- Vasodilatation der Hautgefäße → Erhöhung der lokalen Durchblutung und des Sauerstofftransports im Gewebe
- Schmerzreduktion durch Hemmung nozizeptiver Afferenzen, Modulation der sympathischen Aktivität und lokale Hemmung von C-Fasern
- Durchführung: Wärmflasche, Wickel, Packungen , Fuß- oder Armbäder
Saunieren
- Indikationen u.a.
- Psychovegetative Beschwerden
- Rezidivierende Atemwegsinfekte
- COPD und Asthma bronchiale
- Sinusitis
- Kreislaufregulationsstörungen
- Muskuläre Schmerzsyndrome
- Fibromyalgie
- Arthrose
- Rheumatische Beschwerden
- Leichte bis moderate Herzinsuffizienz
- Kontraindikationen u.a.
- Niereninsuffizienz
- Höhergradige Herzinsuffizienz
- Bluthochdruck
- Akute Infekte, Fieber
- Wirkung: Wiederholte Vasodilatations- und Vasokonstriktionsphasen durch Kombination von Wärme und Kälte → Langfristige Senkung des Sympathikotonus und Immunmodulation
- Wärmeinduziert: Periphere Vasodilatation → Senkung des peripheren Widerstands und Zunahme des Herzminutenvolumens, milde Hyperthermie
- Kälteinduziert: Periphere Vasokonstriktion → Blutdruckanstieg, Erhöhung der Nachlast und des Sympathikotonus
- Durchführung: Saunieren mit anschließendem Kältereiz 1–2× pro Woche [3]
Moorbäder
- Indikationen u.a.
- Kontraindikationen u.a.
- Akute Infektionen der Haut, offene Wunden
- Schwere Herzinsuffizienz oder dekompensierte Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Fortgeschrittene arterielle Verschlusskrankheit, schwere Venenerkrankungen
- Akute rheumatische Schübe
- Immunsuppression
- Fieberhafte Erkrankungen
- Fortgeschrittene Nieren- oder Leberinsuffizienz
- Allergien oder Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Moores
- Wirkung
- Wärmespeicher
- Antientzündliche Wirkung durch Huminsäure
- Durchführung: I.d.R. als Serie von Anwendungen
- Erwärmung von gereinigtem, gereiftem und mikrobiologisch kontrolliertem Moor (Peloid) auf etwa 38–42 °C [7]
- Voll- bzw. Teilbad oder Packung für 15–30 min
- Gründliche Entfernung des Peloids
- Anschließende Ruhephase von 20–30 min
Kältetherapie
- Allgemeines Wirkprinzip
- Sympathikotone Reaktion
- Reaktive Vasodilatation bei individuell angepasster Reizintensität → Senkung des Sympathikotonus
- Langfristig Adaptation an Kältereiz → Stabilisierung des vegetativen Nervensystems → Beschleunigte und intensivierte Vasodilatation
Lokale Kälteanwendungen
- Indikationen u.a.
- Kontraindikationen u.a.
- Akute Hautentzündungen oder offene Wunden im Anwendungsgebiet
- Kälteüberempfindlichkeit
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit oder schwere diabetische Mikroangiopathie
- Sensorische Störungen
- Wirkung: Kühlend, antiinflammatorisch und analgetisch
- Durchführung: Kühle Umschläge, Kühlkissen, Kohlblätter, Quarkwickel für jeweils 15–30 min
Feuchte Wadenwickel zur Fiebersenkung
- Indikation: Fieber
- Kontraindikationen u.a.
- Akute Hautentzündungen oder offene Wunden im Anwendungsgebiet
- Klaustrophobie im Wickel
- Wirkung: Wärmeentzug und Senkung der Körpertemperatur
- Durchführung: Umwickeln beider Unterschenkel mit feuchten, lauwarmen Tüchern für etwa 30 min
Kältekammer
- Indikationen u.a.
- Rheumatische Erkrankungen [2][11]
- Chronische entzündliche Erkrankungen [14]
- Multiple Sklerose [15]
- Fibromyalgie [16][17]
- Regeneration im Sport [18]
- Kontraindikationen [19] u.a.
- Kälteurtikaria oder kälteinduziertes Asthma bronchiale
- Kalte Akren oder bestehendes Kältegefühl
- Schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Akute Infekte, Fieber
- Intoxikationen
- Dehydratation
- Kachexie
- Schwangerschaft
- Offene Wunden
- Stoffwechselentgleisungen
- COPD
- Aktive Vaskulitis sowie aktuelle oder kürzliche stattgehabte Thrombose oder Embolie
- Wirkung: Aktivierung des Parasympathikus, analgetisch, antiinflammatorisch
- Durchführung: -110 °C bis -140 °C für 2–4 min
Hydrotherapie [20]
- Indikationen u.a.
- Venöse Insuffizienz
- Bursitiden
- Infektanfälligkeit
- Migräne und vasomotorischer Kopfschmerz
- Schlafstörungen
- Kontraindikationen u.a.
- Instabile KHK
- Periphere Durchblutungsstörungen bei pAVK-Stadium III–IV
- Raynaud-Syndrom
- Kälteagglutinin-Syndrome
- Kollagenosen mit Mikroperfusionsstörungen
- Kalte Akren oder bestehendes Kältegefühl
- Wirkung
- Periphere Vasokonstriktion gefolgt von einer reaktiven Vasodilatation
- Antiinflammatorisch und immunmodulatorisch
- Analgetisch: Nervenleitgeschwindigkeit↓
- Durchführung
-
Kalte Güsse
- Über max. 40–120 s mit 12–18 °C kaltem Wasser bis zum Auftreten eines leichten Kälteschmerzes
- Anschließend Erwärmung innerhalb von 15 min durch körperliche Aktivität
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Wassertreten nach Kneipp [21]
- Über max. 30–120 s barfuß in kaltem Wasser (12–18 °C) langsam auf der Stelle treten bis zum Auftreten eines leichten Kälteschmerzes
- I.d.R. in speziellen Wassertretbecken oder natürlichen Gewässern mit ausreichender Tiefe (Wassertiefe bis zur Mitte der Wade)
- Anschließend Erwärmung innerhalb von 15 min durch körperliche Aktivität
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Wechselduschen
- Dusche mit warmem Wasser (ca. 36–40 °C) für 60–180 s
- Dusche mit kaltem Wasser (ca. 10–18 °C) für 30–60 s
- Anschließend Erwärmung innerhalb von 15 min durch körperliche Aktivität
-
Kalte Güsse
Klimatherapie
- Wirkprinzipien
- Entlastung durch saubere Luft, Ruhe, angenehme Wärme, Minderung von Aeroallergenen
- Reizung durch Kälte, Wind, niedrigen Luftdruck, Licht, Aerosole
- Geeignete Regionen : Gebirge, Meer, Wüste
- Aufenthaltsdauer: Mind. 3 Wochen
| Beispielindikationen mit Region und Wirkprinzipien [1] | ||
|---|---|---|
| Indikation | Klima/Region | Wirkprinzip |
| Psoriasis, Neurodermitis |
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| Allergische Atemwegserkrankungen |
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| Bronchitis, Sinusitis |
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| COPD |
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| Herz-Kreislauf-Erkrankungen |
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| Rheumatische Erkrankungen |
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| Saisonale Depression |
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Die minimale Erythemdosis (Erythemschwelle) darf bei der Heliotherapie nicht überschritten werden!
Elektrotherapie
- Definition: Physikalische Therapieverfahren, bei denen elektrische Ströme oder elektromagnetische Felder therapeutisch eingesetzt werden
- Verfahren
- Niederfrequente Reizstromtherapie
- Indikationen u.a.
- Prävention und Therapie von Muskelatrophie bei Immobilisation oder Lähmung
- Förderung der Muskelregeneration nach Verletzungen
- Motorische Rehabilitation bei peripheren Nervenparesen
- Kontraindikationen u.a.
- Herzschrittmacher oder implantierter Defibrillator
- Schwere Herzrhythmusstörung
- Akute Thrombose
- Epilepsie
- Hautläsionen, Lymphödem oder Malignome im Behandlungsgebiet
- Schwangerschaft
- Wirkung
- Tetanisierende Reizung des Muskels zur Vermeidung von Muskelatrophien
- Wachstumsstimulation von muskulären Kapillargefäßen
- Stimulation der Reinnervation
- Indikationen u.a.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) [22][23]
- Indikationen: Chronische, insb. neuropathische Schmerzen
- Kontraindikationen u.a.
- Herzschrittmacher oder implantierter Defibrillator
- Epilepsie
- Hautläsionen, Lymphödem oder Malignome im Behandlungsgebiet
- Schwangerschaft
- Wirkung: Hemmung der Weiterleitung nozizeptiver Signale durch Aktivierung von Aβ-Fasern (Gate-Control-Theorie) und Freisetzung endogener Opioide
- Niederfrequente Reizstromtherapie
Elektrotherapeutische Verfahren sollten immer als Teil eines Behandlungsprogramms verstanden werden und nicht als alleiniger Therapieansatz!
Klassische Massage
- Indikationen: Muskuloskelettale Beschwerden; insb. zur Schmerzlinderung, Förderung von Durchblutung und Geweberegeneration [24]
- Kontraindikationen u.a.
- Fieberhafte Erkrankungen
- Offene Wunden, akute Entzündungen, Durchblutungsstörungen oder Malignome im betroffenen Areal
- Wichtige Techniken (Handgriffe) [25][26]
- Streichungen = Effleurage
- Klopfungen = Tapotement
- Reibungen = Friktion
- Rollungen und Knetungen = Petrissage
- Zittern = Vibration
Komplexe physikalische Entstauungstherapie
- Indikationen u.a.
- Kontraindikationen u.a.
- Akute Phlebothrombose → Lungenembolierisiko
- TVT
- Dekompensierte Herzinsuffizienz
- Schwere arterielle Verschlusskrankheit
- Schwere Niereninsuffizienz
- Malignome oder entzündliche Prozesse im Behandlungsgebiet
- Wirkung
- Reduktion des interstitiellen Flüssigkeitsvolumens → Ödemreduktion
- Senkung des venösen und lymphatischen Drucks
- Verbesserung des lymphatischen und venösen Rückflusses
- Prävention von Komplikationen, bspw. Infektionen/Fibrosierung
- Durchführung [27]
- Manuelle Lymphdrainage
- Kompressionsbehandlung
- Bewegungsübungen
- Hautpflege zum Schutz vor Infektionen
I.d.R. erfolgt initial eine intensive Phase der komplexen physikalischen Entstauungstherapie mit täglichen Sitzungen über mehrere Wochen, gefolgt von einer lebenslangen Erhaltungsphase mit Selbstmanagement und regelmäßiger Kontrolle!
Reflextherapeutische Verfahren
- Wirkprinzip: Indirekte Beeinflussung innerer Organe oder Funktionssysteme über die Stimulation bestimmter Körperareale (z.B. Haut, Fußsohle, Ohr)
- Indikationen u.a.
- Chronische Schmerzen [28]
- Funktionelle Beschwerden
- Stresssymptome
- Kontraindikationen u.a.
- Schwere kardiovaskuläre Erkrankungen
- Herzschrittmacher oder implantierter Defibrillator
- Akute Infektionen, Thrombosen oder offene Wunden im betroffenen Körperareal
- Durchführung
- Reflexzonentherapie (z.B. Fußreflexzonentherapie)
- Bindegewebsmassage
- Akupressur