Zusammenfassung
Der Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD-Mangel) ist der weltweit häufigste Enzymdefekt. Durch den X-chromosomal vererbten Defekt besteht eine Prädisposition für eine Schädigung der Erythrozytenmembran durch reaktive Sauerstoffspezies. Träger des mutierten Allels haben ein geringeres Risiko an Malaria zu erkranken, was im Sinne eines Selektionsvorteils zur weiten Verbreitung mutierter Allele beigetragen hat.
In den meisten Fällen sind die Betroffenen lebenslang asymptomatisch. Erhöhter oxidativer Stress, etwa durch den Konsum von Saubohnen (das resultierende Krankheitsbild wird historisch dann als Favismus bezeichnet, der Begriff wird gelegentlich allerdings auch für Folgezustände des G6PD-Mangels aus anderer Ursache verwendet) oder die Einnahme verschiedener Medikamente, kann jedoch zu hämolytischen Krisen führen. Eine kausale Therapie existiert nicht. Auslösende Substanzen sollten von Betroffenen gemieden werden.
Epidemiologie
- Verbreitung: Insb. Bewohner Afrikas, des Nahen Ostens und Südasiens betroffen, durch Migration in anderen Teilen der Welt zunehmend
- Merkmalsträger: Über 400 Millionen Menschen weltweit
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
-
X-chromosomal-rezessive Erbkrankheit mit Mutation im für die Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase kodierenden Gen (Genlocus: Langer Arm des X-Chromosoms, Xq28)
- Genotyp
- Hemizygote Männer: Hauptsächlich betroffen
- Heterozygote Frauen: In der Regel nicht oder kaum betroffen
- Homozygote Frauen: Selten
- Häufige Defektallele
- Genotyp
Pathophysiologie
Das Peptid Glutathion schützt die Erythrozytenmembran vor oxidativem Stress durch reaktive Sauerstoffspezies, indem es selbst oxidiert wird. Anschließend ist eine Regeneration (Reduktion) durch das Enzym Glutathionreduktase notwendig, welches NADPH+H+ benötigt. Dieses NADPH+H+ entsteht im Hexosemonophosphatweg u.a. durch die Oxidation von Glucose-6-phosphat (Enzym: Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase). Bei Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel kann erhöhter oxidativer Stress (z.B. durch Saubohnen oder Medikamente) zur unzureichenden Bildung von NADPH+H+ und damit zu einem Versagen des Glutathion-Systems führen. Reaktive Sauerstoffspezies schädigen die Erythrozyten-Membran, es kommt zur Hämolyse.
- Risikofaktoren für erhöhten oxidativen Stress
- Ernährung: Bohnen, insb. Saubohnen (Favabohnen), Erbsen
- Medikamente: U.a. Anti-Malariamedikamente (Dapson, Primaquin), Nitrofurantoin (siehe auch Risikomedikamente bei G6PD-Mangel)
- Immunaktivität: Bakterielle und virale Infekte
Symptomatik
- Großteil der Betroffenen: Lebenslang asymptomatisch
- Manifestationsformen
- Neugeborenenikterus
-
Akute hämolytische Anämie: Meist 1–3 Tage nach Konsum von relevanten Lebensmitteln oder Medikamenten (siehe Risikofaktoren für erhöhten oxidativen Stress)
- Abgeschlagenheit
- Schmerzen (Abdomen, Rücken)
- Anämie
- Ikterus
- Hämoglobinurie
- Ggf. akute Nierenschädigung
- Chronisch hämolytische Anämie
Diagnostik
Hinweisend auf die Diagnose ist die Anamnese, zur Bestätigung wird die reduzierte Enzymaktivität spektrophotometrisch nachgewiesen.
Anamnese
- Akute hämolytische Anämie nach Konsum von auslösenden Lebensmitteln oder Medikamenten sowie nach Infektionen
- Hinweisend:
- Positive Familienanamnese (bekannter G6PD-Mangel oder etwa Auftreten von Ikterus oder Splenomegalie unbekannter Ursache)
- Familiärer Hintergrund in Risikogebieten
Blutuntersuchung
- Anämiediagnostik
- Großes Blutbild: Meist normochrome und normozytäre Anämie, ggf. Retikulozytose (im Verlauf)
- Blutausstrich: Heinz'sche Innenkörper
- Bei hämolytischer Krise: Hämolysezeichen möglich (LDH↑, indirektes Bilirubin↑, Haptoglobin↓), Polychromasie möglich
- Weitere Parameter (etwa Ferritin, Transferrin, Hb-Elektrophorese) ggf. zur differenzialdiagnostischen Abklärung
- Spektrophotometrische Messung der Enzymaktivität: Im Hämolysat, pathologisch: Verminderte Aktivität <60 % (Diagnosebestätigung)
Klasse | Enzymaktivität | Klinik |
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I | keine | chronische hämolytische Anämie |
II | 1–10 % | akute hämolytische Anämie |
III | 10–60 % | moderater G6PD-Mangel |
IV | 60–150 % (normal) | – |
V | >150 % (erhöht) | – |
- Molekulargenetik: Sequenzierung des G6PD-Gens
- Für Screening-Maßnahmen in Risikopopulationen existieren verschiedene semiquantitative Testkits
Therapie
- Keine kausale Therapie
- Meidung auslösender Substanzen
- Bei schweren hämolytischen Krisen ggf. intensivmedizinische Behandlung notwendig
- Volumensubstitution
- Bluttransfusion (insb. bei Kindern)
- Hämodialyse
Selektionsvorteil in Malariaendemiegebieten
Die weltweite Verbreitung von defekten G6PD-Allelen entspricht weitestgehend dem endemischen Auftreten von Malaria . Wie bei der Sichelzellanämie erkranken auch Betroffene eines Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangels seltener an Malaria. Die Plasmodien sind von dem erhöhten oxidativen Stress ebenso betroffen wie die Erythrozyten, sodass deren intraerythrozytäre Vermehrung beeinträchtigt ist.
Prävention
- Tragen eines Notfallausweises bei bekanntem Enzym-Mangel
- Auslösende Faktoren meiden
- Bohnen, insb. Saubohnen (Favabohnen) und Erbsen
- Risikomedikamente bei G6PD-Mangel (Tabelle)
Kontraindiziert (gemäß Youngster 2010 [1]) | Kontraindikationen gemäß Fachinformation (Metamizol, Sulfasalazin, Sulfacetamid) bzw. gelegentliche Angabe von Kontraindikationen in Literatur | |
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Anti-Malaria-Mittel |
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Analgetika |
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Antibiotika |
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Andere |
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- D55.-: Anämie durch Enzymdefekte
- D55.0: Anämie durch Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase[G6PD]-Mangel
- Favismus
- G6PD-Mangelanämie
- D55.0: Anämie durch Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase[G6PD]-Mangel
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.