Zusammenfassung
Parenterale Antikoagulanzien können zur Hemmung der plasmatischen Blutgerinnung sowohl prophylaktisch als auch therapeutisch eingesetzt werden, z.B. zur Vermeidung und Behandlung von Thrombosen. Am häufigsten werden dabei Heparine eingesetzt, andere Medikamente kommen i.d.R. erst bei Unverträglichkeiten zum Einsatz. Neben vermehrten Blutungskomplikationen ist die gefürchtetste Nebenwirkung die seltene heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT), bei der es Autoantikörper-vermittelt zur Aggregation von Thrombozyten mit bedrohlichen Thromboembolien kommt. Da diese Komplikation an einem starken Abfall der Thrombozyten erkannt werden kann, muss bei der sehr häufigen Verwendung von Heparin im klinischen Alltag eine Überwachung des Blutbildes erfolgen.
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Übersicht
- Für detailliertere Informationen mit Dosierungsempfehlungen siehe: Medikamentöse Thromboseprophylaxe und Therapeutische Antikoagulation - Klinische Anwendung
Parenterale Antikoagulanzien
Parenterale Antikoagulanzien – Übersicht | |||||||
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Substanzklasse | Wirkstoffe | Applikation | Mittlere Halbwertszeit | Therapiemonitoring | Antidot | Weitere Hinweise zu Wirkstoff und Präparaten | |
PTT | Anti-Faktor-Xa-Aktivität | ||||||
Unfraktioniertes Heparin | 2 h | ✓ | ✓ | Protamin (komplett) | |||
Niedermolekulares Heparin |
| 3–4 h | ∅ | ✓ | Protamin (partiell) | ||
Heparinoide |
| 17 h | ∅ | ✓ | ∅ | ||
| 25 h | ∅ | ✓ | ||||
Rekombinantes Hirudin |
| 25 min | ✓ | ∅ | |||
Synthetisches L-Arginin-Derivat | 52 min | ✓ | ∅ |
Heparine
Vergleich von unfraktioniertem und niedermolekularem Heparin | ||
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Unfraktioniertes Heparin (UFH) | Niedermolekulares Heparin (NMH) | |
Pharmakodynamik |
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Nebenwirkungen |
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Bevorzugter Einsatz |
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Wirkung
Wirkung | |
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UFH |
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Argatroban |
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Hirudin |
Die Wirkung der meisten parenteralen Antikoagulanzien ist abhängig von Antithrombin. Demnach ist bei Antithrombin-III-Mangel (z.B. aufgrund eines nephrotischen Syndroms) mit einem Wirkverlust zu rechnen!
Nebenwirkung
- Unspezifische Nebenwirkung: Deutlich erhöhtes Blutungsrisiko
- Spezifische Nebenwirkungen: Abhängig von der eingesetzten Substanz
Spezifische Nebenwirkungen parenteraler Antikoagulanzien | |
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Antikoagulans | Nebenwirkungen |
UFH und NMH |
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Danaparoid |
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Hirudin |
Ein deutlich erhöhtes Blutungsrisiko ist die wichtigste gemeinsame Nebenwirkung aller Antikoagulanzien!
Es werden die wichtigsten Nebenwirkungen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Thrombozytopenie unter Heparingabe
- Definition: Potenziell lebensgefährliche Komplikation unter Heparingabe mit Thrombozytenabfall und ggf. thromboembolischen Ereignissen
- Unterscheidung von 2 Typen
- Heparinassoziierte Thrombozytopenie (HAT; alternativ HIT Typ I): Harmloses, nicht-immunologisches Begleitphänomen einer Heparintherapie durch Interaktion zwischen Thrombozyten und Heparin
- Heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT; alternativ HIT Typ II): Schwerwiegende Komplikation einer Heparintherapie (insb. UFH) durch Antikörperbildung mit Thrombozytenaggregation
Bei einer Therapie mit Heparinen sollte die Thrombozytenzahl regelmäßig sowie einmalig vor Therapiebeginn (Ausgangswert) bestimmt werden!
Thrombozytopenie unter Heparingabe | ||||
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Alternative Bezeichnung | HIT Typ I | HIT Typ II | ||
Risiken/Komplikationen | Keine bekannt | Thromboembolisches Risiko↑↑ | ||
Thrombozytopenie | Zeitpunkt | 1–5 d nach Beginn der Heparingabe | I.d.R. 5–10(–14) d nach Beginn der Heparingabe | |
Ausmaß | Abfall meist <30% | Massiver Abfall >50% | ||
Häufigkeit | Ca. 10% | UFH: Ca. 1% | NMH: <0,1% | |
Pathophysiologie | Direkte Interaktion (keine Antikörper) | Autoantikörper gegen Komplex aus Heparin und Plättchenfaktor 4 | ||
Diagnostik |
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Maßnahmen |
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Bei einer HIT muss die Heparintherapie sofort abgesetzt und durch eine Antikoagulation mit Danaparoid oder Argatroban ersetzt werden. Alternativ werden auch Fondaparinux oder DOAK eingesetzt (Off-Label Use)!
Nach einer Heparingabe in der Vergangenheit kann eine HIT bei erneuter Applikation aufgrund bereits vorhandener Antikörper auch innerhalb der ersten Tage auftreten!
Indikation
Prophylaxe (Low-Dose)
- Indikation
- Thromboseprophylaxe: Bei Bettlägerigkeit, peri- und postoperativ, Immobilität anderer Art
- Anwendungsempfehlungen
- Unfraktioniertes Heparin: Subkutane Gabe alle 8–12 h
-
Niedermolekulares Heparin: Subkutane Gabe alle 24 h
- Intervall und Dosierung richten sich nach Wirkstoff, Risiko, Nierenfunktion und Körpergewicht
- Medikamentenauswahl, Dosierung und Praxishinweise siehe: Medikamentöse Thromboseprophylaxe
Therapie (High-Dose, „Vollheparinisierung“)
- Indikationen
- Vorhofflimmern
- Tiefe Venenthrombose
- Lungenarterienembolie
- Akutes Koronarsyndrom
- Mechanischer Herzklappenersatz
- Extrakorporale Zirkulation (bspw. Hämodialyse, Herz-Lungen-Maschine, ECMO)
- Siehe auch: Indikationen für eine therapeutische Antikoagulation
- Anwendungsempfehlungen
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Unfraktioniertes Heparin: Intravenöse Gabe
- Für detaillierte Inhalte siehe: Therapeutische Antikoagulation mit UFH
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Niedermolekulares Heparin: I.d.R. subkutane Gabe alle 12–24 h
- Intervall und Dosierung richten sich nach Wirkstoff, Risiko, Nierenfunktion und Körpergewicht
- Für detaillierte Inhalte siehe: Therapeutische Antikoagulation mit NMH
-
Unfraktioniertes Heparin: Intravenöse Gabe
Besondere Patientengruppen
- Schwangerschaft und Stillzeit
- UFH und NMH einsetzbar, da weder plazenta- noch muttermilchgängig
- NMH ggf. bevorzugen, da weniger Nebenwirkungen
- Nierenerkrankungen: UFH oder dosisadaptiertes NMH bzw. dosisadaptiertes Fondaparinux / Heparinoide
- Für Dosierungshinweise siehe: NMH - Therapeutische Antikoagulation
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 298-2024-2/3: Tinzaparin bei fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung
- Studientelegramm 282-2024-3/3: Time to RE-THINC
- Studientelegramm 280-2024-2/3: Antikoagulation bei Dialysepflicht: A new hope?
- Studientelegramm 176-2021-1/3: Bridging over troubled water: Postprozeduraler Vitamin-K-Antagonisten-Ersatz (PERIOP2)
- Studientelegramm 28-2018-2/3: Rivaroxaban vs. NMH zur thromboembolischen Sekundärprävention bei Krebspatienten
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