ambossIconambossIcon

Psychokardiologie

Letzte Aktualisierung: 25.9.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Die Psychokardiologie befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen psychosozialen Faktoren wie Stress, Angst oder Depression und kardiovaskulären Erkrankungen. Psychosoziale Belastungen gelten als Risikofaktoren für die Entstehung und Progression kardiovaskulärer Erkrankungen. Umgekehrt können Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch die psychische Gesundheit von betroffenen Personen negativ beeinflussen. Daher wird ein frühzeitiges und wiederholtes Screening auf psychosoziale Risikofaktoren bei allen Patient:innen mit kardiovaskulären Erkrankungen empfohlen. Die psychokardiologische Grundversorgung kann durch hausärztliches, kardiologisches und internistisches Fachpersonal durchgeführt werden. Zu den psychokardiologischen Interventionen gehören eine patientenzentrierte Kommunikation, Psychoedukation, Bewegungstherapie, Psychotherapie und ggf. eine psychopharmakologische Behandlung.

Definitiontoggle arrow icon

  • Interdisziplinäres Arbeitsgebiet, das sich mit den Wechselwirkungen zwischen psychosozialen Faktoren (z.B. Stress, Angst, Depression) und kardiovaskulären Erkrankungen beschäftigt [1]
    • Ziel: Unterstützung von Patient:innen mit kardiovaskulären Erkrankungen in verschiedenen Krankheitsphasen
    • Beteiligte: Psychokardiologische Grundversorgung kann durch hausärztliches, internistisches oder kardiologisches Fachpersonal durchgeführt werden, ggf. ergänzend durch eine fachpsychiatrische oder -psychotherapeutische Mitbehandlung
    • Fokus
      • Psychosoziale Faktoren als Risikofaktoren für Entstehung und Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen
      • Negative Beeinflussung des Krankheitsverlaufs bei psychiatrischer Komorbidität
      • Auslösung oder Verstärkung psychischer Symptome durch kardiovaskuläre Erkrankungen

Ätiologietoggle arrow icon

Psychosoziale Risikofaktoren [1][2]

Pathophysiologietoggle arrow icon

Psychoneurophysiologische Mechanismen [1]

Chronische psychosoziale Belastungen und psychische Störungen führen zu psychoneurophysiologischen Anpassungsreaktionen, um die Homöostase aufrechtzuerhalten.

Psychosoziale Belastungen und psychische Störungen beeinflussen über das vegetative Nervensystem sowie hormonelle und immunologische Prozesse das Herz-Kreislauf-System und fördern so kardiovaskuläre Erkrankungen!

Diagnostisches Vorgehentoggle arrow icon

Screening auf psychosoziale Belastung [1][2][3]

Empfohlene Screeninginstrumente (Auswahl) [3][4]

Alle klinisch-kardiologisch arbeitenden Personen sollten eine Qualifikation in psychokardiologischer Grundversorgung erlangen!

Bei schwerwiegenden Befunden sollte eine Überweisung an Fachkräfte der Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie erfolgen!

Psychokardiologische Interventionentoggle arrow icon

Patientenzentrierte Kommunikation und motivierende Gesprächsführung [1]

  • Ziel
    • Stärkung der vertrauensvollen Zusammenarbeit
    • Förderung der Adhärenz
    • Unterstützung gesundheitsbezogener Verhaltensänderungen
  • Patientenzentrierte Gesprächstechniken
    • Wichtige Prinzipien
      • Warten: Pausen nach wichtigen Äußerungen zulassen
      • Wiederholen: Zentrale Aussagen der Patient:innen wiederholen
      • Spiegeln: Emotionen (z.B. Angst, Unsicherheit) aktiv benennen
      • Zusammenfassen: Kernaussagen am Ende des Gesprächs bündeln
    • Positive Effekte
  • Krankheitsverständnis gezielt beeinflussen
    • Chancen von Therapien betonen und Selbstwirksamkeit stärken
    • Dramatisierende Krankheitswahrnehmungen behutsam relativieren
    • Bei Bagatellisierung/Verleugnung: Ernsthaftigkeit verdeutlichen
    • Informationen aus Internet und sozialen Medien offen ansprechen und einordnen
  • Verhaltensmodifikation und Motivation

Eine patientenzentrierte Kommunikation und motivierende Gesprächsführung fördern gesundheitsbewusstes Verhalten!

Nicht-medikamentöse Interventionen [1][5]

Körperliche Bewegung hat sowohl einen kardioprotektiven als auch einen antidepressiven Effekt!

Psychopharmakotherapietoggle arrow icon

Allgemeine Grundsätze [1][5]

Antidepressiva [1][5]

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI)

Übersicht kardiovaskulärer Risiken von Antidepressiva (Auswahl) [1][6]
Substanzgruppe Substanzen (Kardiovaskuläre) Nebenwirkungen Kardiovaskuläres Risiko
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) ++
0
Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSNRI)
  • HF↑ und RR↑, insb. bei Venlafaxin (dosisabhängig)
+++
Noradrenerges und spezifisch serotonerges Antidepressivum (NaSSA) +
Selektive Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SNDRI)
  • RR↑
  • Vorsicht bei positiver Familienanamnese für Herzstillstand / plötzlichen Tod [7]
+
Trizyklika
  • RR↓
  • Myokardinfarktrisiko↑
++++
Melatonin-Analoga 0
Legende
  • Risikobewertung
    • + = niedrig
    • ++ = moderat
    • +++ = hoch
    • ++++ = sehr hoch

Die Gabe von Antidepressiva bei Herzinsuffizienz gilt aufgrund unzureichender Wirkung und potenziell negativer Effekte (Polypharmazie und metabolische Nebenwirkungen) als Ultima Ratio. Alternativen (bspw. Bewegungstherapie, Psychotherapie) sollten bevorzugt eingesetzt werden! [1][3]

Bei kardialen Vorerkrankungen (insb. KHK, Erregungsleitungsstörungen und Arrhythmien) sollte nicht mit Trizyklika behandelt werden!

Antipsychotika [1]

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie rät von einer Augmentation mit Antipsychotika (oder auch Lithium) bei Depression und kardiovaskulärer Vorerkrankung aufgrund der Risiken (u.a. QT-Zeit-Verlängerung, enge therapeutische Breite) ab! [1]

Benzodiazepine [1][5]

Eine längerfristige Gabe von Benzodiazepinen sollte aufgrund des Abhängigkeitspotenzials und eines erhöhten Risikos für die Entwicklung einer PTBS nach Trauma vermieden werden! [1]

Versorgungtoggle arrow icon

Collaborative Care

  • Konzept: Koordination verschiedener Therapieansätze (z.B. supportive Gespräche, Psychotherapie, Antidepressiva) parallel zur kardiologischen Basistherapie [1]
    • Bedarfsgerechte Auswahl der Verfahren
    • Orientierung an den Präferenzen der Betroffenen
  • Zentrale Rolle: Care Manager (i.d.R. spezialisierte Pflegekräfte) [1]

Icon of a lockNur noch 3 Kapitel ohne AMBOSS-Zugang verfügbar

Mit einem AMBOSS-Zugang hast du unbegrenzten Zugriff auf alle Inhalte.
 Evidenzbasiertes Medizin- und Pflegewissen von unserer Fachredaktion auf den Punkt gebracht. Disclaimer aufrufen.