Zusammenfassung
Bei der vaskulären Demenz handelt es sich um einen Oberbegriff für alle Demenzen, denen eine vaskuläre Ursache zugrunde liegt. Pathogenetisch spielen sowohl mikro- als auch makroangiopathische Veränderungen eine Rolle. Da Art und Lokalisation der Schädigung jeweils sehr unterschiedlich sind, zeigt sich eine relativ große Symptomvielfalt. Während die subkortikale vaskuläre Demenz durch langjährige arterielle Hypertonie verursacht und bildmorphologisch durch Marklagerläsionen charakterisiert wird, ist die Multiinfarktdemenz Folge mehrerer größerer Infarkte. Therapeutisch stehen die Sekundärprophylaxe von Schlaganfällen und supportive Maßnahmen im Vordergrund.
Epidemiologie
- Häufigkeit
- 5–10% aller Demenzen [1]
- Zweithäufigste Demenz nach Alzheimer-Demenz
- Mit steigendem Lebensalter zunehmend Mischformen (gemischte Demenz)
- Verteilung: ♂ > ♀ [2]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Zerebrale Durchblutungsstörung durch [3]
- Kardiovaskuläre Risikofaktoren: Insb. arterielle Hypertonie [3]
- Insb. bei der subkortikalen vaskulären Demenz steht ursächlich ein langjähriger Hypertonus im Vordergrund
- Siehe auch: Risikofaktoren für den ischämischen Schlaganfall
Klassifikation
Die vaskuläre Demenz ist zunächst nur ein Oberbegriff für Demenzen, denen eine vaskuläre Ursache zugrunde liegt. Je nach Art und Ort der Läsionen unterscheidet man [4]
- Subkortikale vaskuläre Demenz : Häufigste Form!
- Veraltet: Morbus Binswanger oder subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (SAE) [5]
- Mikroangiopathische Form
- Insb. durch langjährige Hypertonie
- Marklagerläsionen mit zystischer Umwandlung durch Thromboembolien (sog. Lakunen)
- Demenz nach Schlaganfall
- Demenz bei strategischen Infarkten: Kleine und vereinzelte Infarkte in Arealen, die für die Kognition besonders wichtig sind
- Hämorrhagische Demenz
- Makro- oder mikroskopische Hirnblutungen
- Oft aufgrund Hypertonus oder zerebraler Amyloidangiopathie
- Multiinfarktdemenz: Makroangiopathische Form mit mehreren größeren (kortikalen) Infarkten
- Weitere: Durch andere Erkrankungen bedingtes Absterben von Hirngewebe
Symptomatik
Symptomatik
- Sehr unterschiedlich
- Je nach Lokalisation der Infarkte
- Siehe auch: Schlaganfallsymptome
- Bei subkortikaler vaskulärer Demenz
- Kognitiv
- Gedächtnisstörungen (insb. des Arbeitsgedächtnisses)
- Allgemeine Verlangsamung und schnelle geistige Ermüdbarkeit
- Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörung
- Motivationsdefizit/Apathie
- Lachen und Weinen ohne emotionales Äquivalent
- Somatisch
- Kognitiv
Verlauf
- Variabler als bei anderen Demenzformen
- Häufig stufenweiser Progress (durch weitere Infarkte)
- Auch stabile Phasen möglich, teils mit Besserung durch Neurorehabilitation
Diagnostik
Es gelten die generellen Empfehlungen zum Vorgehen bei Diagnostik des Demenzsyndroms!
Spezifische Diagnostik und Befunde der vaskulären Demenz
- Eigen- und Fremdanamnese: Fokus auf
- Vorgeschichte zerebraler Insulte
- Kardiovaskuläre Vorerkrankungen und Risikofaktoren (siehe: Risikofaktoren für den ischämischen Schlaganfall)
- Internistische Untersuchung: Fokus auf das kardiovaskuläre System
- Blutdruckmessung!
- Strömungsgeräusche über den Karotiden?
- Auskultation des Herzens: Hinweise auf Herzrhythmusstörungen (bspw. Vorhofflimmern)?
- Periphere Pulse
- Neurologische Untersuchung
- Residuelle Schlaganfallsymptomatik
- Parkinson-Syndrom
- Bildgebende Verfahren
- Besitzen hier eine hohe negative Prädiktivität
- cMRT (sensitiver für vaskuläre Läsionen )
- Ermöglichen die Einordnung in Unterformen der vaskulären Demenz
- Multiinfarktdemenz: Mehrere Infarktareale sichtbar
- Subkortikale vaskuläre Demenz: Periventrikuläre und Marklagerläsionen („White Matter Lesions“, Leukoaraiose) sowie multiple Lakunen
- Strategische Infarkte: Infarkte im Thalamus, posterioren Kapselknie, frontalen Marklager oder Gyrus angularis
- Hirnblutungen: Insb. atypische lobäre Blutungen
- Psychopathologische Befundung: Antriebsminderung
- Neuropsychologische Testung
- MMST: Häufig weniger sensitiv als bei der Alzheimer-Demenz
- Montreal Cognitive Assessment Test (MoCA): Oft besser geeignet
- Weitere apparative Untersuchungen: Insb. kardiologische Abklärung
- EKG/Langzeit-EKG
- TTE/TEE
- Doppler-Sonografie der extrakraniellen hirnversorgenden Gefäße
Diagnostische Kriterien
Nach ICD-10 [6]
Diagnostische Kriterien der vaskulären Demenz nach ICD-10 | |
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Zusätzliche Differenzierung |
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Nach ICD-11
Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) sind unter Tipps & Links zu finden.
Differenzialdiagnosen
- Andere Demenzformen
- Cerebral autosomal dominant Arteriopathy with subcortical Infarcts and Leukoencephalopathy (CADASIL)
- Multiple Sklerose
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Es gibt keine zugelassene spezifische Pharmakotherapie für die vaskuläre Demenz. Off-Label-Therapien können jedoch individuell (insb. bei Mischpathologien) erwogen werden.
- Beachte: Allgemeine Therapieempfehlungen bei Demenz, insb.
- Therapeutisches Ziel
- Behandlung der ursächlichen zerebrovaskulären Erkrankungen/Risikofaktoren
- Prävention weiterer ischämischer Insulte
- Siehe hierzu
Prognose
- Mittlere Lebenserwartung: Ca. 4 Jahre [2]
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 90-2019-2/3: Always on my MIND? Weitere Erkenntnisse aus SPRINT-Subanalyse
- Studientelegramm 65-2019-2/3: SPRINT-Subanalyse: Kann die intensive Blutdrucksenkung einer Demenz vorbeugen?
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- F01.-: Vaskuläre Demenz
- Inklusive: Arteriosklerotische Demenz
- F01.0: Vaskuläre Demenz mit akutem Beginn
- F01.1: Multiinfarkt-Demenz
- Vorwiegend kortikale Demenz
- F01.2: Subkortikale vaskuläre Demenz
- F01.3: Gemischte kortikale und subkortikale vaskuläre Demenz
- F01.8: Sonstige vaskuläre Demenz
- F01.9: Vaskuläre Demenz, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.