ambossIconambossIcon

Allgemeine Frakturlehre

Letzte Aktualisierung: 24.2.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Die Frakturlehre in der Medizin beschäftigt sich mit der Diagnostik, Klassifikation und Behandlung von Frakturen. Als Fraktur wird die Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens mit der Entstehung von ≥2 Fragmenten bezeichnet. Die Einteilung kann nach verschiedenen Kriterien erfolgen, bspw. nach Lokalisation, Morphologie oder Weichgewebeverletzung. Bei der Entscheidung für ein konservatives oder operatives Therapieverfahren sind neben der Art der Frakturheilung auch mögliche Komplikationen nach Osteosynthese/Endoprothese zu bedenken.

Dieses Kapitel bezieht sich auf Frakturen bei Erwachsenen. Für Informationen zu den Besonderheiten bei Kindern siehe: Frakturen im Kindesalter.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Definitiontoggle arrow icon

  • Fraktur: Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens mit Entstehung von ≥2 Fragmenten
  • Fissur (Haarriss): Inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
  • Knochenkontusion (Prellung): Subperiostale Blutung
  • Bone Bruise: Knochenmarködem mit Mikrofrakturen der Spongiosa
  • Luxationsfraktur: Entfernung der sonst in Kontakt stehenden Gelenkflächen voneinander mit zusätzlicher Fraktur der gelenkbildenden Knochen
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Ätiologietoggle arrow icon

  • Traumatische Fraktur: Fraktur durch einmaliges und adäquates Trauma bei normaler Knochenstruktur
    • Direktes Trauma: Fraktur entsteht am Ort der Gewalteinwirkung
    • Indirektes Trauma: Fraktur entsteht entfernt von dem Ort der Gewalteinwirkung durch Fortleitung der Kräfte
  • Atraumatische Fraktur: Fraktur durch physiologische Belastung bei normaler oder geschwächter Knochenstruktur

Die pathologische Fraktur entsteht bei inadäquatem Trauma und fokal veränderter Knochensubstanz, die Insuffizienzfraktur bei inadäquatem Trauma und reduzierter Knochenqualität!

In der Literatur werden die Begriffe „pathologische Fraktur“, „Stressfraktur“, „Ermüdungsfraktur“ und „Insuffizienzfraktur“ oft unscharf voneinander getrennt bzw. synonym verwendet! [1]

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Physiologie der Frakturheilungtoggle arrow icon

Grundlagen der Frakturheilung [2]

  • Definition: Biologische Wiederherstellung der Kontinuität und Stabilität eines Knochens
  • Voraussetzung: Diamond Concept [3][4][5]
    • Mechanische Stabilität
    • Vaskularität
    • Wachstumsfaktoren
    • Osteoinduktive Zellen
    • Osteoinduktive Strukturen

Primäre Frakturheilung [2][6][7]

Sekundäre Frakturheilung [6][8]

Heilungsprozess der sekundären Frakturheilung [10]
Phase Zeitlicher Rahmen Beschreibung
Entzündung
  • 1. Woche
  • Bildung des Frakturhämatoms
Weiche Kallusbildung
  • 2.–3. Woche
  • Bildung von Granulationsgewebe
  • Überbrückung aus Fibrin und Kollagen
Harte Kallusbildung
  • <3–4 Monate
Remodeling
  • Jahre
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Klassifikationtoggle arrow icon

Einteilung nach Bruchmechanik [11]

  • Biegungsfraktur: Biegekraft
  • Kompressionsfraktur: Axiale Druckkraft
  • Abrissfraktur: Axiale Zugkraft
  • Torsionsfraktur: Torsionskraft und Scherkraft
  • Abscherfraktur: Scherkraft

Einteilung nach Morphologie [12][13]

  • Einfache Frakturen
    • Spiralfraktur: Einfache Fraktur mit spiralförmigem Frakturverlauf
    • Schrägfraktur: Einfache geradlinige Fraktur mit einem Winkel von ≥30° zwischen Frakturverlauf und der Senkrechten zur Schaftachse
    • Querfraktur: Einfache geradlinige Fraktur mit einem Winkel von <30° zwischen Frakturverlauf und der Senkrechten zur Schaftachse
  • Mehrfragmentfraktur: Fraktur mit ≥3 Fragmenten
    • Trümmerfraktur: Fraktur mit >7 Fragmenten
    • Keilfraktur: Fraktur mit ≥1 Zwischenfragment und direktem Kontakt zum Hauptfragment nach Reposition
    • Komplexe Frakturen: Fraktur mit ≥1 Zwischenfragment ohne direkten Kontakt zum Hauptfragment nach Reposition

Einteilung nach Dislokationsform

  • Dislocatio ad peripheriam: Drehung eines Fragmentes um die Längsachse
  • Dislocatio ad axim: Abwinklung eines Fragmentes von der Längsachse
  • Dislocatio ad latus: Seitverschiebung eines Fragmentes senkrecht zur Längsachse
  • Dislocatio ad longitudinem: Verschiebung eines Fragmentes entlang der Längsachse
    • Cum contractione: Mit Verkürzung
    • Cum distractione: Mit Verlängerung

Einteilung nach Weichgewebeverletzung

Geschlossene Frakturen

Klassifikation nach Tscherne und Oestern (1982) [14]
Einteilung Geschlossene Fraktur
Grad 0
  • Kein bzw. unbedeutender Weichgewebeschaden
Grad I
  • Oberflächliche Schürfung bzw. Kontusion
  • Fragmentdruck von innen
Grad II
Grad III

Offene Frakturen

Einteilung offener Frakturen nach der Klassifikation nach Gustilo/Anderson (1984) [15][16][17]
Merkmal Grad I Grad II Grad III
Energieeinwirkung
  • Gering
  • Moderat
  • Hoch
Hautdefekt
  • Hautwunde <1 cm
  • Hautwunde >1 cm
  • Ausgedehnte Hautwunde
Weichgewebeverletzung
  • Minimal
  • Moderat
  • Hochgradig
Kontamination der Wunde
  • Minimal
  • Moderat
  • Hochgradig
Anzahl der Frakturfragmente
  • Wenige
  • Einige
  • Viele
Deperiostierung
  • Nein
  • Nein
  • Ja
Weichgewebedeckung
  • Adäquat
  • Adäquat
  • Grad IIIA: Adäquat
  • Grad IIIB und IIIC: Inadäquat
Neurovaskuläre Verletzung
  • Nein
  • Nein
  • Grad IIIA und IIIB: Nein
  • Grad IIIC: Ja

Einteilung nach Komplexität der Fraktur: AO-Klassifikation [8][12]

  • Kodierung
    • Körperregion: 1–9xxx
    • Lokalisation: x1–3xx
    • Frakturtyp: xxA–Cx
    • Komplexität: xxx1–3
  • 1. Stelle: Körperregion (Knochen)
  • 2. Stelle: Lokalisation (Segment des Knochens)
    • 1 = Proximales Segment
    • 2 = Knochenschaft
    • 3 = Distales Segment
  • 3. Stelle: Frakturtyp
    • A = Einfache Fraktur
      • Diaphysärer Verlauf: Kontakt zwischen den Hauptfragmenten >90%
      • Meta- bzw. epiphysärer Verlauf: Keine Gelenkbeteiligung
    • B = Keilförmige Fraktur (Keilfraktur)
      • Diaphysärer Verlauf: Geringer Kontakt zwischen den Hauptfragmenten
      • Meta- bzw. epiphysärer Verlauf: Partielle Gelenkbeteiligung
    • C = Komplexe Fraktur
      • Diaphysärer Verlauf: Kaum bzw. kein Kontakt zwischen den Hauptfragmenten
      • Meta- bzw. epiphysärer Verlauf: Vollständige Gelenkbeteiligung
  • 4. Stelle: Gruppe (Komplexität)
    • 1 = Leicht bzw. extraartikulär
    • 2 = Mittel bzw. partiell artikulär
    • 3 = Schwer bzw. vollständig artikulär
  • 5. Stelle: Subgruppierung
Kodierungsbeispiel für eine diaphysäre Fraktur nach der AO-Klassifikation
3. Stelle 4. Stelle
1 2 3
A
B
  • Fragmentierter Keil
C
  • Fragmentiertes Segment (Trümmerzone)

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Symptomatiktoggle arrow icon

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Verlaufs- und Sonderformentoggle arrow icon

Stressfraktur

Übersicht über die typischen Unterschiede von Stressfrakturen [20]
Parameter Ermüdungsfraktur Insuffizienzfraktur
Definition
  • Fraktur als Resultat chronischer bzw. repetitiver Belastung bei normaler Knochenstruktur
  • Fraktur als Resultat normaler Belastung bei insuffizienter Knochenstruktur
Epidemiologie
  • Meist jüngere Erwachsene
  • Häufig Sportler:innen
  • >
Pathophysiologie
  • Unzureichendes Remodeling bei persistierender bzw. zu großer Belastung
  • Normale Belastung bei insuffiziente Knochenqualität (Knochendichte)
Typische Lokalisationen

Im klinischen Sprachgebrauch werden die Begriffe Stressfraktur und Ermüdungsfraktur häufig gleichgesetzt und ähnlich verwendet!

Ermüdungsfraktur [20][21][22]

Insuffizienzfraktur (Fragilitätsfraktur) [23][24]

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Diagnostiktoggle arrow icon

Anamnese [11][26]

Klinische Untersuchung

  • Untersuchung auf klinische Frakturzeichen
  • Überprüfung der pDMS
  • Inspektion: Fehlstellung, offene Wunde, Schwellung, Hämatom
  • Palpation: Druckschmerz im Bereich des betroffenen Knochens
  • Funktionsprüfung: Beweglichkeit in den (angrenzenden) Gelenken
  • Begleitverletzungen in Abhängigkeit vom Unfallmechanismus

Die Untersuchung richtet sich nach der Ausprägung der Symptome, wobei offensichtliche Frakturen nicht unnötig manipuliert werden sollten!

Apparative Diagnostik

Auswahl bildgebender Verfahren zur Diagnostik einer Fraktur[19]

Verfahren

Typische Indikation Mögliche Befunde Bemerkungen
Konventionelle Röntgenaufnahme
  • Ausgangsuntersuchung
  • Verlaufskontrolle
  • Radiologische Frakturzeichen
    • Frakturspalt
    • Unterbrechung der Kortikalis
    • Stufenbildung
    • Zerstörung der Trabekelstruktur
    • Fragmentdislokation
  • Indirekte Frakturzeichen, bspw. Fat Pad Sign
  • Anzeichen für eine Osteoporose
  • Degenerative Veränderungen
MRT [20]
  • Stressfraktur
  • Pathologische Fraktur
  • Ergänzende Diagnostik bei unklarem Befund im konventionellen Röntgenbild
  • Verdacht auf ligamentäre Beteiligung
  • Ausschluss von Differenzialdiagnosen
CT
  • Ergänzende Diagnostik bei unklarem Befund im konventionellen Röntgenbild
  • Präoperative Planung bei
  • Überlagerungsfreie Darstellung im konventionellen Röntgenbild nicht möglich
  • Polytrauma
  • Ausschluss von Differenzialdiagnosen
Sonografie [27][28]
Szintigrafie
  • Areale mit metabolischer Aktivität
  • Kein Standardverfahren in der Diagnostik
  • Keine Differenzierung zwischen entzündlichen und malignen Prozessen möglich
  • Höhere Strahlenbelastung

Im Röntgenbild zeigt sich eine Stressfraktur häufig erst nach bis zu 6 Wochen, im MRT ist dagegen schon früh ein Knochenmarködem („Bone Bruise“) als Ausdruck einer Stressreaktion sichtbar!

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

AMBOSS-Pflegewissen: DMS-Kontrolletoggle arrow icon

Die DMS-Kontrolle ist die Kontrolle der Durchblutung, der Motorik und der Sensibilität eines Körperteils. pDMS beschreibt eine DMS-Kontrolle an den peripheren Extremitäten. Eine DMS-Kontrolle ist insb. nach Traumata und operativen Eingriffen an Extremitäten indiziert. Darüber hinaus sollte eine regelmäßige DMS-Kontrolle bei einer Ruhigstellung mittels Gips oder anderer Schienen durchgeführt werden, um Nerven- und Gefäßverletzungen bzw. Durchblutungsstörungen ausschließen zu können.

D – Durchblutung

Die Durchblutung kann mittels Rekapillarisierungszeit bzw. Nagelbettprobe getestet werden.

  • Durchführung an der betroffenen Extremität (bspw. am Finger)
    • Den Finger der Patient:innen zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und für 5 s mit dem eigenen Daumen auf den Fingernagel der Patient:innen drücken, bis es zu einer Weißfärbung kommt
    • Beurteilung der Zeit bis zur Rückkehr der Durchblutung des Nagelbetts (erkennbar an der erneuten Rotfärbung)
    • Physiologischer Wert bei Normothermie: <2 s
  • Überprüfung der Extremitätenpulse, siehe auch: Fußpulse
  • Beurteilung der Haut hinsichtlich Aussehen (Farbe, Veränderungen) und Temperatur
  • Ggf. Extremitätenumfänge messen

M – Motorik

  • Patient:innen auffordern, Extremität zu bewegen, insb. Zehen und Finger

S – Sensibilität

  • Betroffene Extremität berühren , ohne dass die Patient:innen dies sehen können und nachfragen, ob dies gespürt wird
Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Therapietoggle arrow icon

Grundlagen [11][26]

  • Behandlungsziele
    • Wiederherstellung der Funktion
    • Wiederherstellung anatomischer Achsen- und Gelenkverhältnisse
    • Vermeidung von Komplikationen
  • Voraussetzungen
    • Adäquate Reposition
    • Retention bzw. Fixation der Fraktur
  • Indikationsstellung abhängig von
    • Lokalisation der Fraktur und Frakturtyp
    • Größe des Defektes
    • Weichgewebeverletzung
    • Mono- oder Polytrauma
    • Individuellen Parametern

Allgemeines Vorgehen [11][26]

Therapie offener Frakturen [15][29]

Beispielalgorithmus zur Therapie offener Frakturen bei Erwachsenen [15][30]
Phase Vorgehen
Präoperative Phase
Primäre operative Versorgung
  • Débridement und Resektion von Nekrosen
  • Lavage
  • Ggf. Osteosynthese und Wundverschluss
  • Temporärer Wundverschluss und Stabilisierung
  • Ggf. lokale Antibiotikatherapie [31]
Ggf. Second Look <72 h

Auch bei Grad III offenen Frakturen bringt eine Antibiotikagabe >72 h keinen präventiven Nutzen. Wird die Wunde primär verschlossen, sollte die Prophylaxe auch vor Ablauf der 72 h gestoppt werden!

Bei der primären Operation ist eine Entnahme von mikrobiologischen Proben unnötig, da frakturassoziierte Infektionen nur teilweise durch die initiale Verunreinigung hervorgerufen werden!

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Komplikationentoggle arrow icon

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Studientelegramme zum Thematoggle arrow icon

Interesse an wöchentlichen Updates zur aktuellen Studienlage im Bereich der Inneren Medizin? Abonniere jetzt das Studientelegramm (Beiträge zur Inneren Medizin in Kooperation mit HOMe sowie zur Überversorgung in der Inneren Medizin mit der DGIM). Zusätzlich haben wir auch das englische One-Minute-Telegram und den AMBOSS-Podcast im Angebot. Alle Links zur Anmeldung findest du am Seitenende unter "Tipps & Links".

Icon of a lock

Anmelden oder Einloggen , um den ganzen Artikel zu lesen.

Probiere die Testversion aus und erhalte 30 Tage lang unbegrenzten Zugang zu über 1.400 Kapiteln und +17.000 IMPP-Fragen.
disclaimer Evidenzbasierte Inhalte, von festem ärztlichem Redaktionsteam erstellt & geprüft. Disclaimer aufrufen.