Zusammenfassung
Benigne Ovarialtumoren umfassen neben der größten Gruppe der Ovarialzysten auch alle benignen epithelialen und nicht-epithelialen Ovarialtumoren. Die Wahrscheinlichkeit der möglichen Diagnosen verschiebt sich im Laufe des Lebens einer Frau. Treten in der reproduktiven Phase insb. funktionelle Ovarialzysten auf, häufen sich in fortgeschrittenem Alter maligne Ovarialbefunde. Neben der Anamnese und der vaginalen Tastuntersuchung ist die transvaginale Sonografie das diagnostische Mittel der Wahl. Eine Herausforderung besteht in der präoperativen Unterscheidung zwischen malignen und benignen Befunden. Dazu werden bspw. die sonografischen IOTA-Kriterien zur Beurteilung der Dignität von Ovarialtumoren herangezogen. Therapeutisch kann zwischen konservativer Therapie mittels sonografischer Kontrollen und ggf. Analgesie und operativer Therapie mittels Laparoskopie oder Laparotomie mit Entfernung des Befundes unterschieden werden. Bei suspekten Befunden muss darauf geachtet werden, dass diese in sano entfernt werden, um einer Verschleppung evtl. vorhandener Tumorzellen vorzubeugen.
Ovarialzysten
Allgemeines
- Definition: Folge einer gestörten Entwicklung von Follikeln oder Gelbkörper
- Epidemiologie [1][2]
- Prävalenz: Ca 7% aller Frauen
- Anteil an allen Ovarialtumoren: Ca. 65%
- Einteilung [1][2]
- Funktionelle Zysten (80%)
- Physiologisch (im Rahmen normaler hormoneller Schwankungen)
- Pathologisch (hormonelle Dysregulation)
- Nebenwirkung einer hormonellen Therapie (bspw. Hormonspirale)
- Retentionszysten
- Funktionelle Zysten (80%)
Follikelzysten [1]
- Definition: Nicht gesprungener, flüssigkeitsproduzierender Graaf-Follikel (funktionelle Zyste)
- Mit oder ohne hormoneller Aktivität
- Vorkommen: Geschlechtsreife Frauen, Kinder und Föten (sehr selten) [3]
- Häufigkeit: 65–80% (aller symptomatischer Ovarialzysten) [1]
- Verlauf: Meistens spontane Rückbildung oder Ovarialzystenruptur
- Symptome/klinisches Bild
- Unspezifische Unterbauchschmerzen
- Amenorrhö
- (Dauer‑)Schmierblutungen
- Bei Ovarialzystenruptur oder Ovarialtorsion: Plötzliche Schmerzen (bis hin zu einem akuten Abdomen)
- Wegweisende Befunde
- Vaginale Tastuntersuchung: Ggf. prall-elastische Raumforderung auf entsprechender Seite im Unterbauch
- TVUS: Glatt begrenzte, echoarme Zyste, ggf. mit Spiegelbildung
Corpus-luteum-Zysten [1]
- Definition: Durch Einblutung vergrößertes Corpus luteum (funktionelle Zyste)
- Vorkommen
- In der Schwangerschaft
- Nach Auslösung der Ovulation (bei Reproduktionstherapie)
- Häufigkeit: 6–15% (aller symptomatischer Ovarialzysten) [1]
- Verlauf: Meistens spontane Rückbildung oder Ovarialzystenruptur
- Symptome/klinisches Bild
- Meist asymptomatisch
- Evtl. Zyklusunregelmäßigkeiten
- Bei Ovarialzystenruptur: Akutes Abdomen bei intraabdomineller Blutung (selten)
- Wegweisende Befunde [2]
- Vaginale Tastuntersuchung: Ggf. prall-elastische Raumforderung auf entsprechender Seite des Unterbauchs mit/ohne Druckschmerz
- TVUS: Schleierartiger/wabenförmiger Inhalt aufgrund der Einblutung mit/ohne frei flottierendem Thrombus
Theka-Lutein-Zysten (multipel) [1][4]
- Definition: Multiple, beidseitige (funktionelle) Ovarialzysten infolge einer prolongierten LH- oder HCG-Stimulation
- Selten: Hormonelle Aktivität (Androgenproduktion)
- Vorkommen
- 25–30% aller Patientinnen mit Blasenmole oder Chorionkarzinom [4]
- Mehrlingsschwangerschaft
- Ovarielles Überstimulationssyndrom (mit Gonadotropin)
- Verlauf: Nach Therapie der Grunderkrankung oder Abbruch der Hormonbehandlung → Meist spontane Rückbildung
- Symptome/klinisches Bild
- Unterbauchschmerzen
- Bei schwerem Überstimulationssyndrom: Allgemeiner Endotheldefekt mit Flüssigkeitsverlagerung
- Hämokonzentration sowie Aszites, Pleuraergüsse, Hypovolämie
- Akute Nierenschädigung
- Thromboembolische Komplikationen
- Bei Ovarialzystenruptur oder Ovarialtorsion: Plötzliche Schmerzen (bis hin zu einem akuten Abdomen)
- Virilisierung (selten, bei vermehrter Androgenproduktion)
- Wegweisende Befunde
- Vaginale Tastuntersuchung: Vergrößerte Ovarien beidseits
- TVUS: Multiple, glatte Ovarialzysten
Weitere benigne Ovarialtumoren
- Benigne epitheliale Tumoren des Ovars
- Benigne nicht-epitheliale Tumoren des Ovars
- Ovarialfibrom
- Benignes Teratom (Dermoidzyste)
- Weitere
- Endometriome
- Bei vergrößerten Ovarien: PCOS
Diagnostik
Bei V.a. einen benignen Ovarialtumor sollten die folgenden diagnostischen Schritte der Reihe nach abgearbeitet werden. Falls die Dignität nicht sicher eingeschätzt werden kann, muss auch ein maligner Befund in Betracht gezogen werden (siehe hierzu: Diagnostik bei V.a. ein Ovarialkarzinom).
- Anamnese [2]
- Alter und Menopausenstatus
- Schmerzanamnese (Lokalisation und Schmerzbeginn ) mit Schwerpunkt
- Vorerkrankungen, insb. gynäkologische Vorerkrankungen und Operationen
- Medikamente, insb. hormonelle Kontrazeptiva
- Schwangerschaftsanamnese: Frage nach Anzahl der Gravität und Parität sowie bestehendem Kinderwunsch
- Familienanamnese: Frage nach Malignomen in der Familie
- B-Symptomatik, Fieber
- Schwangerschaftstest
- Vaginale Tastuntersuchung (bimanuell) [1][2]
- Beurteilung von
- Größe und Konsistenz des Befundes
- Oberflächenrelief und Verschieblichkeit
- Schmerzempfinden
- Typische Befunde
- Druckschmerz über der entsprechenden Seite
- Prall-elastische Zyste/Resistenz tastbar
- Portioschiebeschmerz bei Ovarialtorsion oder Tuboovarialabszess möglich
- Beurteilung von
- Transvaginale Sonografie (TVUS) [1][2]
- Allgemeines
- Methode der 1. Wahl
- Mit/ohne Duplexsonografie zur Darstellung abnormer Vaskularisation (malignomverdächtig)
- Beurteilung, siehe
- Allgemeines
- Zusatzuntersuchungen (insb. bei Malignitätsverdacht): Bspw. Tumormarker (CA-125), CT oder MRT und histologische Abklärung, siehe auch: Ovarialkarzinom - Diagnostik
Untersuchungsbefunde der transvaginalen Sonografie bei benignen Ovarialtumoren (Auswahl) [1][2] | |
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Benigner Ovarialtumor | Typischer sonografischer Befund (TVUS) |
Follikelzyste |
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Corpus-luteum-Zyste |
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Theka-Lutein-Zyste |
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Endometriom |
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Benignes Teratom (Dermoidzyste) |
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Weitere Befunde: EUG, Ovarialkarzinom |
Therapie
Allgemeine Hinweise
- Prämenopausal auftretende Ovarialzysten sind meist benigne
- Das Malignitätsrisiko bei Ovarialtumoren nimmt mit dem Alter zu
- Bei Malignitätsverdacht siehe: Diagnostik bei V.a. Ovarialkarzinom
Konservatives Vorgehen [1]
- Sonografische Kontrollen (alle 2–3 Monate) bei asymptomatischer Patientin mit
- CA-125 im Normbereich
- Zyste <6 cm Durchmesser (bei postmenopausaler Patientin (<60 Jahren): <3 cm)
- Sonografisch benignem Befund (siehe hierzu auch: IOTA-Kriterien zur Beurteilung der Dignität von Ovarialtumoren )
Operatives Vorgehen [1]
- Indikationen
- Symptomatische Patientin
- Ovarialzysten >6 cm (bei postmenopausaler Patientin (<60 Jahren): >3 cm)
- Sonografisch auffälliger Befund
- Vorgehen
- Bei junger Patientin und unauffälliger Sonografie: Laparoskopische Zystenexstirpation (Fertilitätserhalt!)
- Bei abklärungsbedürftigem Befund: Vollständige Entfernung (ohne Eröffnung!) des Befundes und histologische Sicherung
- Siehe hierzu auch: Diagnostik bei V.a. Ovarialkarzinom
Bei sonografisch auffälligem Befund (IOTA-Kriterien zur Beurteilung der Dignität von Ovarialtumoren) sollte das Adnex stets analog zur Diagnostik bei V.a. Ovarialkarzinom bzw. zum operativen Staging beim Ovarialkarzinom entfernt werden!
Mögliches Vorgehen bei bestimmten benignen Ovarialtumoren [1][2]
Mögliches therapeutisches Vorgehen bei benignen Ovarialtumoren (Auswahl) [1][2] | |
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Benigner Ovarialtumor | Mögliches therapeutisches Vorgehen |
Follikelzyste |
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Corpus-luteum-Zyste |
|
Theka-Lutein-Zyste |
|
Endometriom |
|
Benignes Teratom (Dermoidzyste) |
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Malignitätssuspekter Befund |
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Komplikationen
Ovarialzystenruptur [1]
- Definition: Ruptur einer Ovarialzyste
- Symptome/klinisches Bild
- Häufig im Rahmen einer Bewegung plötzlich einsetzender starker Unterbauchschmerz (asymptomatischer Verlauf möglich!)
- Peritoneale Reizung aufgrund des Austritts von Zysteninhalt oder nachfolgender Blutung → Ggf. Bild eines akuten Abdomens
- (Schmier‑)Blutung
- Diagnostik [1]
- Gynäkologische Tastuntersuchung: Ggf. Portioschiebeschmerz
- HCG-Test im Urin/Serum (Abklärung EUG als wichtige Differenzialdiagnose!)
- U-Stix (Abklärung einer Harnwegsentzündung mit ggf. sekundärer peritonitischer Reizung)
- Differenzialblutbild (bei instabiler Patientin: Blutgruppenbestimmung und Kreuzblut)
- Transvaginale Sonografie: Sichtbare Raumforderung im Ovarbereich, freie Flüssigkeit im Douglas-Raum
- Therapie [1]
- Notfallmäßige diagnostische/therapeutische Laparoskopie bei akutem Abdomen, starken Schmerzen, intraabdomineller Blutung
- Wenn möglich: Fertilitätserhaltende OP
- Bei postmenopausaler Patientin und V.a. malignen Tumor: Ovarektomie
- Watchful Waiting bei nicht schwangerer, kreislaufstabiler Patientin mit nur geringer freier Flüssigkeit im Douglas-Raum und ohne erhöhte Entzündungswerte/Fieber
- Notfallmäßige diagnostische/therapeutische Laparoskopie bei akutem Abdomen, starken Schmerzen, intraabdomineller Blutung
Ovarialtorsion (Stieldrehung des Ovars) [1]
- Definition: Drehung eines Ovars um seinen Halteapparat
- Risikofaktoren: Vergrößertes Ovar (bspw. durch Ovarialzyste/Ovarialkarzinom/Endometriom)
- Symptome/klinisches Bild
- Plötzlich einsetzender starker/stechender Unterbauchschmerz nach vorheriger heftiger Bewegung (bspw. Trampolinspringen)
- Chronische Unterbauchschmerzen mit Schmerzexazerbation
- Übelkeit, Erbrechen
- Portioschiebeschmerz
- Akutes Abdomen
- Selten: Fieber
- Diagnostik
- Transvaginale Sonografie: Vergrößertes Ovar, ggf. Einblutung (echoreich) oder Ödem (echoarm) sichtbar
- Doppler-Sonografie: Ggf. venöse/arterielle Flussveränderungen , Verdrehung der Gefäße
- Transvaginale Sonografie: Vergrößertes Ovar, ggf. Einblutung (echoreich) oder Ödem (echoarm) sichtbar
- Therapie: Notfallmäßige diagnostische/therapeutische Laparoskopie bei V.a. Ovarialtorsion
- Detorquierung und 24-stündige Überwachung
- Entfernung des betroffenen Ovars bei ausgeprägter Nekrose
- Oophoropexie anbieten
- Bei Kindern/Jugendlichen nach Ovarialtorsion bei verlängertem Bandapparat
- Bei Frauen nach Ovarektomie (nach Ovarialtorsion) zum Schutz des verbliebenen Ovars
- Differenzialdiagnosen
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Differenzialdiagnosen
- EUG, Tubarruptur
- Ovarialzystenruptur
- Tuboovarialabszess
- Endometriose
- Extrauteringravidität im Ovar
- Maligner Ovarialtumor
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.