Zusammenfassung
Eine Leistenhernie ist eine Ausstülpung von parietalem Bauchfell (Bruchsack), ggf. mit intraabdominellen Strukturen (Bruchinhalt), durch eine Schwachstelle der Bauchwand (Bruchpforte) im Bereich der Leiste. Das Krankheitsbild ist häufig. Männer haben aufgrund der anatomischen Gegebenheiten (Descensus testis mit resultierendem Processus vaginalis) ein erhöhtes Risiko. Leitsymptom der Leistenhernie ist eine inguinale Schwellung bzw. Vorwölbung, die häufig von einem Fremdkörpergefühl bzw. von Schmerzen begleitet wird.
Leistenhernien heilen nicht spontan aus. Bei Frauen sollte jede Leistenhernie operativ versorgt werden, bei Männern ist eine Operation insb. bei symptomatischem oder progredientem Befund indiziert. Bei der operativen Versorgung werden offene von minimalinvasiven und nahtbasierte von netzbasierten Verfahren unterschieden. Bei akuter Einklemmung mit nachfolgender Unterbrechung der Durchblutung des Bruchinhalts (Inkarzeration) ist aufgrund der akuten Lebensgefahr eine Notfalloperation indiziert.
Allgemeine Informationen zu Ätiologie, Terminologie und Grundprinzipien der Therapie finden sich im Grundlagenkapitel Hernien.
Definition
Allgemeine Definition
- Ausstülpung des Peritoneum parietale (Bruchsack)
- Häufig zusammen mit intraabdominellen Strukturen (Bruchinhalt)
- Durch eine Schwachstelle der Bauchwand (Bruchpforte) im Bereich der Leiste
Mögliche Differenzierungen
- Nach Bruchform
- Direkte Leistenhernie: Direkter Durchtritt des Bruchsacks durch die Bauchwand (im Bereich des muskelarmen Trigonum Hesselbach) medial der epigastrischen Gefäße
- Indirekte Leistenhernie: Indirekter Durchtritt des Bruchsacks durch die Bauchwand (über den Leistenkanal) lateral der epigastrischen Gefäße
- Skrotalhernie: Sonderform der Leistenhernie, bei der der Bruchsack bis in das Skrotum reicht
- Gleithernie
- Schenkelhernie: Keine Leistenhernie im eigentlichen Sinn
- Nach Reponierbarkeit/Inkarzeration
- Nach Zeitpunkt des Auftretens
- Primäre Leistenhernie: Erstmalig in Erscheinung tretende Leistenhernie
- Rezidivleistenhernie: Nach operativer Versorgung erneut auftretende Leistenhernie
Epidemiologie
Epidemiologie [1][2]
- Inzidenz: Alters- und geschlechtsabhängig
- Altersgipfel
- <5 Jahre (offener Proc. vaginalis)
- 20–30 Jahre (vermehrte körperliche Belastung)
- 50–70 Jahre (Bindegewebsschwäche)
- Lebenszeitprävalenz: 3% (♀) bzw. 27% (♂)
- Spezifische Häufigkeit
- Nach Bruchform: Indirekt > direkt (Verhältnis ca. 2:1)
- Nach Lokalisation: Rechts > links > beidseitig [3]
Häufigkeit der operativen Versorgung [4]
- Weltweit einer der häufigsten allgemeinchirurgischen Eingriffe
- In Deutschland ca. 300.000 Eingriffe pro Jahr (davon ca. 10% bei Kindern <14 Jahre) [5][6]
- Versorgungsforschung und Qualitätssicherung bspw. über Hernienregister möglich [7]
Die Inzidenz der Leistenhernie nimmt mit dem Alter zu!
Anatomisch bedingt treten Leistenhernien mit einem Verhältnis von ca. 9:1 bei Männern deutlich häufiger auf als bei Frauen!
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Übersicht
Leistenhernien - Übersicht [1][8][9] | ||
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Direkte (mediale) Leistenhernie | Indirekte (laterale) Leistenhernie | |
Innere Bruchpforte |
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Äußere Bruchpforte | ||
Bruchsack bzw. Bruchhüllen |
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Bruchinhalt |
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Ätiologie |
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Für Informationen zu Risikofaktoren siehe: Risikofaktoren für das Auftreten äußerer Hernien
Dr. med. immer erworben → Direkte Leistenhernie, medial der epigastrischen Gefäße, immer erworben!
Klassifikation
Aachener Klassifikation der Leistenhernie
Die Aachener Klassifikation war in Deutschland lange Zeit gebräuchlich. Sie bildet die Grundlage für die aktuell gebräuchlichere EHS-Klassifikation.
Leistenhernien - Aachener Klassifikation [10] | |
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Aspekt | Bewertung |
Lokalisation der Bruchpforte | L = lateral; indirekte Leistenhernie |
M = medial; direkte Leistenhernie | |
F = femoral; Schenkelhernie | |
C/ML = kombinierte Hernie | |
Rx = Rezidivanzahl | |
Größe der Bruchpforte | I = <1,5 cm |
II = 1,5–3 cm | |
III = >3 cm |
EHS-Klassifikation der Leistenhernie
Die Klassifikation der EHS (European Hernia Society) ist international gültig und sollte bevorzugt angewendet werden (auch zur besseren Vergleichbarkeit von Studien).
Leistenhernien - EHS-Klassifikation [11] | |
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Aspekt | Bewertung |
Art der Hernie | Primär |
Rezidiv | |
Größe der Bruchpforte | 0 = keine Hernie |
1 = mit 1 Finger passierbar (<1,5 cm) | |
2 = mit 2 Fingern passierbar (1,5–3 cm) | |
3 = mit mehr als 2 Fingern passierbar (>3 cm) | |
x = nicht untersucht | |
Lokalisation der Hernie | Lateral |
Medial | |
Femoral |
Symptomatik
- Leitsymptom: Inguinale Schwellung bzw. Vorwölbung
- Typische Begleitsymptome: Fremdkörpergefühl bzw. Schmerzen [12]
- Bei Inkarzeration: Ileussymptomatik
- Siehe auch: Ileus - Symptome
Das Ausmaß von Schmerzen bzw. Fremdkörpergefühl korreliert nicht mit der Größe der Leistenhernie!
Ca. 30% der Personen mit Leistenhernie haben zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Begleitsymptomatik!
Diagnostik
Anamnese
- Anamnestische Hinweise auf das Vorliegen einer Leistenhernie
- Schilderung der typischen Begleitsymptome [12]
- Beschwerdezunahme bei Belastung
- Familiäre Disposition und weitere Risikofaktoren für das Auftreten äußerer Hernien
Körperliche Untersuchung [1][12]
- Hinweise zur Durchführung
- Nach Möglichkeit vergleichende Untersuchung im Liegen und im Stehen
- Immer beidseitig untersuchen
- Inspektion und Palpation
- Inguinale Schwellung bzw. Vorwölbung → Reponierbarkeit überprüfen
- Leistenkanal tasten und Hustenanprall testen
- Auskultation: Nachweis von Darmgeräuschen im Bereich der Leiste
- Diaphanoskopie: Differenzierung von Skrotalhernie und begleitender Hydrozele
Anamnese und körperliche Untersuchung sind bei der Diagnostik einer Leistenhernie wegweisend und i.d.R. ausreichend!
Bei klinisch gesicherter Leistenhernie ist keine zusätzliche Bildgebung erforderlich! [12]
Bildgebende Verfahren
- Verfahren der Wahl: (Dynamische) Sonografie [1][13]
- Bei unklarem Befund oder zur Differenzialdiagnostik ggf. zusätzlich MRT oder CT
Differenzialdiagnosen
Allgemeine Differenzialdiagnosen [11]
- Alle Erkrankungen mit inguinaler Schwellung (mit oder ohne Schmerzen), bspw.
- Schenkelhernie
- Lymphknotenschwellung
- Leistenabszess bzw. Senkungsabszess
- Weichteiltumoren
- Varikosis bzw. Gefäßaneurysma
- Nuck-Zyste
- Alle Erkrankungen mit inguinal ausstrahlendem Schmerz (i.d.R. ohne Schwellung), bspw.
- Sportlerleiste
- Koxarthrose
- Kreuzschmerz
- Adduktorenzerrung
- Endometriose
- Osteitis pubis
- Bursitis iliopectinea
Differenzialdiagnosen zur Skrotalhernie
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Sportlerleiste
Definition, Epidemiologie und Ätiologie
- Definition: Leistenschmerzen aufgrund sportlicher Aktivität
- Epidemiologie: Inzidenz abhängig von Art und Umfang der ausgeübten Sportart [14]
- Ätiologie: Möglicherweise Schwäche in der Hinterwand des Leistenkanals mit Nervenirritation und Retraktion des M. rectus abdominis [14]
Symptomatik
- Ziehender oder stechender Leistenschmerz
- Typischerweise mit Ausstrahlung in Richtung der Oberschenkelinnenseite
Diagnostik
- Körperliche Untersuchung
- Bildgebende Verfahren
- Sonografie (statisch und dynamisch): Nachweis einer Protrusion der Leistenkanalhinterwand
- Konventionelles Röntgen : Abklärung von Pathologien des Hüftgelenks
- Ggf. diagnostische Infiltration mit Lokalanästhetikum [14]
- Bei unklarem Befund ggf. MRT; CT nur in Ausnahmefällen
- Im angelsächsischen Raum teilweise diagnostische Herniografie [8]
Therapie
- Multimodales, individuelles Therapiekonzept
- Konservatives Vorgehen: Antiinflammatorische Medikation, ggf. lokale Corticoidinjektionen, Physiotherapie
- Operativ Korrektur: Verschiedene, teilweise kombiniert durchgeführte Operationsverfahren, bspw.
- Refixation des M. rectus abdominis, partielle Tenotomie von M. rectus abdominis oder der Mm. adductores, Durchtrennung des Lig. inguinale
- Neurektomie oder Neurolyse im Leistenkanal
- Stabilisierung des Leistenkanals mittels TAPP
Therapie
Konservative Therapie der Leistenhernie
- Therapieoptionen und Indikationen
- Beobachtendes Abwarten [15][16]
- Ausschließlich bei Männern mit primären, asymptomatischen, nicht-progredienten Leistenhernien
- Zusätzliche Entscheidungsfaktoren: Lebensalter, Vorerkrankungen
- Repositionsversuch: Bei akuter Einklemmung einer nicht spontan reponiblen (nicht inkarzerierten) Leistenhernie, die <6 h eingeklemmt ist [8][17]
- Zur Durchführung siehe: Reposition einer Hernie
- Tragen eines Bruchbandes: Nicht mehr empfohlen!
- Beobachtendes Abwarten [15][16]
- Mögliche Komplikationen
- Beim Repositionsmanöver
- Verletzung intraabdomineller Strukturen durch Reposition
- Zusätzliche Risiken bei unerkannter Inkarzeration
- Pseudoreposition
- Reposition en bloc
- Reposition bereits nekrotischen Gewebes
- Im Verlauf der konservativen Therapie
- Akute Inkarzerationen: Geringe Rate (ca. 2%)
- Erforderlichkeit einer operativen Therapie aufgrund zunehmender Beschwerden [18]
- Beim Repositionsmanöver
Primäre, asymptomatische und nicht-progrediente Leistenhernien bei Männern können prinzipiell konservativ behandelt werden!
Spontane Rückbildungen werden bei Leistenhernien nicht beobachtet!
Operative Therapie der Leistenhernie [1]
- Therapieoptionen: Grundsätzliche Unterscheidung zwischen
- Offenen (anterioren) und minimalinvasiven (posterioren) Verfahren
- Naht- und netzbasierten Verfahren
- Indikationen zur Operation bei Leistenhernie
- Elektive Versorgung bei
- Frauen (unabhängig von Bruchform, Symptomatik und Progredienz)
- Primären, symptomatischen bzw. progredienten, reponiblen Leistenhernien
- Rezidivleistenhernien
- Ggf. intraoperativer Zufallsbefund bei minimalinvasiver OP der Gegenseite [16]
- Umgehende Versorgung bei
- Irreponiblen Leistenhernien → Dringliche Operation
- Z.n. Reposition → Stationäre Überwachung erwägen + dringliche Operation oder frühelektive Operation
- Inkarzerierten Leistenhernien → Sofortiger Notfalleingriff
- Elektive Versorgung bei
- Wahl des OP-Settings
- Ambulante Versorgung bei elektiver Operation häufig möglich [5][19]
- Mögliche Ausschlusskriterien für eine ambulante Versorgung [20]
- Skrotalhernie
- Großer oder beidseitiger Befund
- Vorerkrankungsprofil
- Höheres Lebensalter (>80 Jahre)
Bei Frauen sollten Leistenhernien unabhängig von Bruchform, Symptomatik und Progredienz primär operativ versorgt werden!
Eine inkarzerierte Leistenhernie muss umgehend (notfallmäßig) operativ versorgt werden!
Übersicht der Operationsverfahren
- Offene Operationsverfahren (immer mit anteriorem Operationszugang)
- Nahtbasiert nach Shouldice
- Verstärken der Hinterwand des Leistenkanals durch Dopplung der Fascia transversalis
- Fixierung des M. obliquus internus und M. transversus am Leistenband mit nicht-resorbierbarer Naht
- Netzbasiert nach Lichtenstein
- Einlage eines Kunststoffnetzes zwischen M. obliquus internus abdominis und Externusaponeurose
- Fixierung des Netzes mit nicht-resorbierbarer Naht oder Cyanacrylat-Kleber → Bildung einer Stabilität verleihenden Narbe
- Alternativ: Verwendung eines selbstklebenden Netzes [21][22]
- Nahtbasiert nach Shouldice
- Minimalinvasive Operationsverfahren (immer netzbasiert mit posteriorem Operationszugang)
- TAPP (Transabdominelle präperitoneale Plastik)
- Minimalinvasive, präperitoneale Netzeinlage von intraperitoneal
- TEPP (Total extraperitoneale Patch-Plastik) bzw. TEP (Total extraperitoneale Plastik)
- Minimalinvasive, komplett extraperitoneale Netzeinlage
- TAPP (Transabdominelle präperitoneale Plastik)
„Shouldice twice" = Fasziendopplung
„Nach Lichtenstein kommt etwas rein" = Einlage eines Kunststoffnetzes
Wahl des Operationsverfahrens
Leistenhernien - Wahl des Operationsverfahrens [11][23][24] | |||||
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Minimalinvasive Operationsverfahren | Offene Operationsverfahren | ||||
TAPP | TEPP | Lichtenstein | Shouldice | ||
Zugangsweg |
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Technik |
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Inspektion der Gegenseite |
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Postoperative Schmerzen |
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Kosmetik |
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Indikation | Primäre Leistenhernien |
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Rezidivleistenhernien |
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Die Bruchform (direkt bzw. indirekt) spielt keine Rolle bei der Auswahl des Operationsverfahrens!
Bei Rezidivhernien sollte ein der Primäroperation entgegengesetztes Operationsverfahren zum Einsatz kommen!
Rezidivwahrscheinlichkeit
- Rezidivrate nach operativer Versorgung: Ca. 0,5–15% [23]
- TAPP/TEPP: 0,5–5,1% [23][24][28]
- Lichtenstein: 1,7–15% [11][28]
- Shouldice: 4,7–10% [29][30]
- Risikofaktoren für eine Rezidivleistenhernie
- Direkter Bruch
- Weibliches Geschlecht
- Nikotinabusus
- Rezidiv in der Vorgeschichte
- Geringe operative Expertise
Die Rezidivrate nach operativer Versorgung wird hauptsächlich durch die Operationsexpertise und weniger durch das Operationsverfahren bestimmt!
Perioperatives Management
Für das allgemeine Management bei operativen Eingriffen siehe auch: Perioperatives Management
Präoperatives Management [11][23]
- Aufklärung
- Indikation der OP
- Aufklärung über andere Behandlungsmethoden
- Beobachtendes Abwarten
- Alternative Operationsverfahren
- Operatives Vorgehen und mögliche Komplikationen
- Postoperatives Verhalten nach Leistenherniotomie
- Siehe auch: Chirurgische Aufklärung
- Elektive OP-Vorbereitung
- Übliches präoperatives Absetzen bzw. Pausieren von Medikamenten
-
Medikamentöse Thromboseprophylaxe nur bei entsprechender Risikokonstellation [31]
- Siehe auch: Risikofaktoren der tiefen Beinvenenthrombose
- Haarentfernung im Operationsgebiet
- Perioperative Antibiotikaprophylaxe: Keine einheitlichen Empfehlungen vorhanden
Postoperatives Management [23]
- Schmerztherapie: Gabe eines Nicht-Opioid-Analgetikums i.d.R. ausreichend
- Siehe auch: Postoperative Schmerztherapie auf Station
- Wundmanagement
- Unmittelbar postoperativ: Auflegen eines Sandsacks möglich zur Prophylaxe einer
- Nachblutung
- Serombildung
- Wundkontrolle und Pflasterwechsel alle 2 Tage
- Duschen i.d.R. nach 24 h möglich
- Bei Verwendung von Drainagen: Regelmäßige Sekretkontrolle
- Siehe auch: Redon-Drainage
- Bei Verwendung nicht-resorbierbaren Nahtmaterials: Fadenzug nach ca. 7–10 Tagen
- Unmittelbar postoperativ: Auflegen eines Sandsacks möglich zur Prophylaxe einer
- Belastung: In Abhängigkeit vom individuellen Risikoprofil bzw. Wohlbefinden
- Möglichst rasche Mobilisation bzw. Aufnahme der Alltagsaktivitäten anstreben [23]
- Körperliche Schonung für 3–5 Tage einhalten [23]
- Starke körperliche Belastung (inkl. Heben >5 kg) für ca. 2–3 Wochen vermeiden [11][32]
- Arbeitsunfähigkeit: In Abhängigkeit vom durchgeführten Operationsverfahren und der Art des Berufes ca. 1–2 Wochen
Komplikationen
Inkarzeration
- Definition: Akute Einklemmung des Bruchinhalts mit Unterbrechung der Durchblutung
- Folge: Ischämie → Gewebeuntergang → Akutes Abdomen
- Risikofaktor: Kleine Bruchpforte
- Typische klinische Zeichen
- Schmerzen und Rötung im Bereich des Unterbauchs
- Irreponible inguinale (bzw. skrotale) Schwellung bzw. Vorwölbung
- Pressstrahlgeräusche in der Auskultation
- Ileussymptomatik (bspw. Übelkeit, Erbrechen, Stuhlverhalt)
- Therapie: Umgehende operative Versorgung (Notfalleingriff)
- Siehe auch: Leistenhernie - Operative Therapie
- Letalität: Ca. 20% [8]
Eine inkarzerierte Leistenhernie stellt eine akute Lebensbedrohung dar und muss daher umgehend operativ versorgt werden!
Folgekomplikationen der operativen Therapie
- Inguinale Sensibilitätsstörungen bzw. chronische Schmerzen durch Läsion des
- N. ilioinguinalis
- R. genitalis des N. genitofemoralis
- Beeinträchtigung der Hodendurchblutung (Vasa spermatica) durch
- Direkte Gefäßverletzung
- Kompression bei zu starker operativer Verengung des inneren Leistenrings
- Fertilitätsstörung durch Läsion des Funiculus spermaticus
- Langzeitkomplikationen nach Netzeinlage [33]
- Siehe auch: Allgemeine postoperative Komplikationen
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Besondere Patientengruppen
Leistenhernie im Kindesalter [10][34][35]
Epidemiologie
- Inzidenz (je nach Quelle): Ca. 1–4% aller Kinder (bei Frühgeborenen 30%, Reifgeborenen 0,8–5%)
- Ca. 8–12% aller Leistenhernien im Kindesalter finden sich beidseits
- Bei ca. 7–9% der Jungen gleichzeitiges Vorliegen eines Leistenhodens [35]
- Geschlecht: ♂ > ♀ (ca. 5:1)
Ätiologie
- Hernienform
- Häufigste: Indirekte Leistenhernie bei persistierendem Proc. vaginalis
- Selten: Direkte Leistenhernie und Femoralhernie
- Lokalisation: Ca. 60% rechtsseitig
- Bruchinhalt
- Bei Jungen: Meist Darmanteile und/oder Omentum majus
- Bei Mädchen: Oft Tuba uterina und/oder Ovar („Ovarialhernie“)
- Risikofaktoren
- Frühgeburtlichkeit
- Urogenitale Fehlbildungen (insb. Blasenekstrophie und Maldescensus testis)
- Druckerhöhungen intraabdominell (Gastroschisis, Aszites, Omphalozele, Atemwegserkrankungen)
- Bindegewebserkrankungen (bspw. Marfan-Syndrom und Mukopolysaccharidosen)
- Familiäre Häufung von Leistenhernien (in ca. 12%)
Symptome/Klinik
- Inguinale Vorwölbung, insb. beim Schreien
- Bei reponibler Leistenhernie: Spontane oder leicht durchführbare bimanuelle Rückverlagerung des Bruchinhalts in die Bauchhöhle
- Bei inkarzerierter (und irreponibler) Leistenhernie
Diagnostik
- Anamnese
-
Körperliche Untersuchung im Liegen und wenn möglich im Stehen
- Inguinale Palpation (vom äußeren zum inneren Leistenring), ggf. Reposition von Bruchinhalt
- Tasten des Bruchsacks über dem Schambeinast („Silk Glove Sign“)
- Immer auch Untersuchung der Gegenseite
- Bei Jungen: Prüfen der orthotopen Lage beider Hoden im Skrotum
- Sonografie
- Bei Jungen: Diaphanoskopie zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung, insb. einer Hydrozele
Differenzialdiagnosen
-
Skrotalhernie, Hydrozele, Varikozele, Lymphknotenvergrößerung
Therapie
- Indikation: Immer Operation
- Verweildauer im Krankenhaus
- Ambulant: Alter ≥3 Monate (variiert nach Krankenhaus)
- Stationär: Alter <3 Monate, bei Frühgeburtlichkeit, Komorbidität, Inkarzeration
- Operationszeitpunkt
- Bei inkarzerierter (und irreponibler) Leistenhernie: Notfallmäßig sofort
- Bei symptomatischer (reponibler) Leistenhernie: Sofort bzw. innerhalb von 24–48 h nach Reposition in Sedierung
-
Bei asymptomatischer Leistenhernie: Möglichst zeitnah, max. 4 Wochen nach Diagnosestellung
- Bei Frühgeborenen: Vor Entlassung nach Hause (wenn keine unmittelbare Inkarzerationsgefahr besteht möglichst bei einem Körpergewicht ≥2.000 g)
- Operationsverfahren [34]
- Offen
- Bei Jungen (nach Ferguson): Hohe Ligatur des Bruchsackes bzw. des offenen Processus vaginalis auf Höhe des inneren Leistenrings mit resorbierbarer Naht, Durchtrennung und Resektion des überflüssigen Bruchsackgewebes distal
- Bei Mädchen (nach Ferguson/Bastianelli): Hohe Ligatur des Bruchsackes, Resektion des überflüssigen Bruchsackgewebes, Refixierung des Bruchsackstumpfes und des Lig. teres uteri
- Bei Kindern ≥12 Jahre: Häufig Herniotomie nach Shouldice [10]
- Minimalinvasiv: Verschluss des inneren Leistenrings prä- oder transperitoneal durch nicht-resorbierbare Naht
- Offen
Bei minimalinvasiven Herniotomien im Kindes- und Jugendalter erfolgt immer eine Exploration der Gegenseite!
- OP-Komplikationen
- Samenleiterverletzungen (Quetschung, Durchtrennung)
- Verletzung anderer Organe (z.B. Darm, Harnblase)
- Infektionen
- Postoperativer Hodenhochstand oder (seltener) -atrophie
- Postoperative Hydrozele
- Chronische Schmerzen in der Leiste
- Rezidivhernien
Komplikationen
- Inkarzeration (ca. 10–30% aller Leistenhernien im Kindesalter, 85% davon im 1. Lebensjahr)
- Infarzierung der betroffenen Organe
- Perfusionsstörung des Hodens mit nachfolgender Hodenatrophie
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- K40.-: Hernia inguinalis
- Inklusive: Hernia inguinalis:
- bilateralis
- directa
- indirecta
- obliqua
- o.n.A.
- Hernia scrotalis
- Inkomplette Leistenhernie
- bilateralis
- K40.0-: Doppelseitige Hernia inguinalis mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K40.1-: Doppelseitige Hernia inguinalis mit Gangrän
- K40.2-: Doppelseitige Hernia inguinalis, ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Doppelseitige Hernia inguinalis o.n.A.
- K40.3-: Hernia inguinalis, einseitig oder ohne Seitenangabe, mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K40.4-: Hernia inguinalis, einseitig oder ohne Seitenangabe, mit Gangrän
- K40.9-: Hernia inguinalis, einseitig oder ohne Seitenangabe, ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Hernia inguinalis (einseitig) o.n.A.
- Inklusive: Hernia inguinalis:
- Die folgenden fünften Stellen sind bei der Kategorie K40 zu benutzen:
- 0: Nicht als Rezidivhernie bezeichnet
- 1: Rezidivhernie
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.