Zusammenfassung
Östrogen ist eines der wichtigsten weiblichen Sexualhormone. Das Steroidhormon wird hauptsächlich in den Ovarien (weniger auch z.B. in Nebennierenrinde und Fettgewebe) durch Umwandlung von Androgenen gebildet und zyklusabhängig ausgeschüttet. Östrogen ist zur Ausprägung und Aufrechterhaltung der primären und sekundären Geschlechtsorgane essenziell, wirkt aber auch an multiplen anderen Organsystemen im Körper (z.B. Knochenstoffwechsel, Blutgerinnung, Leber). Im Rahmen des Klimakteriums kommt es zu einer Abnahme des Östrogenspiegels mit entsprechenden körperlichen Veränderungen. Auch Männer produzieren Östrogene, physiologischerweise überwiegt jedoch die Androgenwirkung. Kommt es aber zu einem hormonellen Ungleichgewicht, kann sich beispielsweise eine Gynäkomastie - eine Vergrößerung der männlichen Brustdrüse - ausbilden.
Allgemeines
Östrogen fördert die sexuelle Entwicklung der Frau und stimuliert die Reifung/Ausprägung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale.
Synthese [1]
- Synthese im Rahmen des hormonellen Zyklus in den Granulosazellen des Ovars
- LH: Stimulation der Androgensynthese (zunächst in den Thekazellen des Ovars)
- FSH: Stimulation der Umwandlung dieser Androgene in Östrogene
- Umwandlung von Androgenen (Testosteron) in Östrogene durch das Enzym Aromatase
- Östrogenproduktion auch in anderen Geweben möglich, die das Enzym Aromatase besitzen, v.a.
- Formen: Östradiol (Estradiol), Östron (Estron), Östriol (Estriol)
Adipositas führt zu einer vermehrten Östrogensynthese in den Fettzellen und ist dadurch ein wichtiger Risikofaktor für Mamma- und Endometriumkarzinome!
Wirkung
Genital [1]
- Uterus u.a.
- Proliferation des Endometriums im Rahmen des Menstruationszyklus → Vorbereitung der Nidation
- Erhöhung der Kontraktilität des Myometriums und der Empfindlichkeit für Oxytocin
- Siehe hierzu auch: Menstruationszyklus und Zyklusanomalien
- Zervix: Vermehrte Produktion und Spinnbarkeit des Zervixschleims, Weitstellung der Zervix → Erleichterung der Spermienaszension
- Vagina: Vermehrte Proliferation des Plattenepithels
- Mamma: Entwicklung der Brustdrüse
- Genitalregion: Intimbehaarung und Pigmentierung
Extragenital
- Knochen: Knochenaufbau über Hemmung der Osteoklasten und Aktivierung der Osteoblasten, Schluss der Epiphysenfugen [2]
- Gefäßsystem: Protektiver Effekt (positiver Effekt auf Fettstoffwechsel, antihypertensiv)
- Blutgerinnung: Erhöhte Thrombose- und Gerinnungsneigung (siehe hierzu auch: Östrogen-Gestagen-Präparate - Nebenwirkungen)
- Weibliche Fettverteilung
- Niere: Wasser- und Natriumretention erhöht → Wassereinlagerung
- Proteinsynthese: Verstärkt (anabole Wirkung)
- Leber: Verminderung der Bilirubinausscheidung
Therapeutische Verwendung [1]
Zur Auswahl stehen natürliche Östrogene (Estron, Estradiol und Estriol) und synthetische Östrogene (bspw. Ethinylestradiol). Ethinylestradiol hat eine höhere biologische Wirksamkeit als natürliche Östrogene.
- Menopausale Hormontherapie
- Hormonelle Kontrazeption
- Regulierung des Menstruationszyklus bei Zyklusanomalien
Nebenwirkungen
- Mögliche Nebenwirkungen eines erhöhten Östrogenspiegels durch endogene Produktion oder medikamentöse Gabe
- Gewichtszunahme (Wassereinlagerung)
- Übelkeit, Erbrechen
- Hepatotoxizität
- Vergrößerung der Mammae, Galaktorrhö
- Erhöhte Thromboseneigung → Vermehrt kardiovaskuläre Ereignisse
- Depressive Verstimmung
- Änderung der Stimmlage
- Einfluss auf das Risiko von Karzinomen bei
- Hormonsubstitution in der Menopause
- Endometriumkarzinom↑ (bei Östrogen-Monotherapie) [3]
- Ovarialkarzinom↑ [3][4]
- Kolorektales Karzinom↓ [3][5]
- Mammakarzinom: Geringgradig↑ [3]
- Hormoneller Kontrazeption (Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparate)
- Ovarial-, Endometrium- und Kolonkarzinom↓
- Zervixkarzinom↑ [6]
- Mammakarzinom: Unklar, geringe Risikoerhöhung nicht ausgeschlossen [6]
- Hormonsubstitution in der Menopause
Erhöhte Östrogenspiegel steigern das Risiko für die Entstehung von Thrombosen!
Östrogenmangel
- Physiologisch: Klimakterium, siehe auch:
- Pathologisch u.a.
- Ovarielle Funktionsstörungen, anovulatorische Zyklen
- Hypergonadotroper Hypogonadismus
- Hypogonadotroper Hypogonadismus
- Z.n. Oophorektomie
- Z.n. Chemo- oder Radiotherapie (des kleinen Beckens)
Gynäkomastie
Echte Gynäkomastie [7][8]
- Definition: Benigne Hyperplasie des männlichen Brustdrüsengewebes
- Ätiologie
- Erhöhter Östrogenspiegel: Bspw. bei Adipositas , Hormontherapie eines Prostatakarzinoms, östrogenproduzierenden Hodentumoren oder Pathologien von Hypothalamus/Hypophyse
- Mangel an Androgenen: Hypogonadismus
- Hormonelles Ungleichgewicht zugunsten der Östrogene [8]
- Androgenrezeptordefekt [9]
- Alkoholmissbrauch [8]
- Medikamentennebenwirkungen (ca. 20%): Bspw. Spironolacton, Fluconazol
- Verminderter Östrogenabbau: Bspw. bei Leberzirrhose
- Bei Allgemeinerkrankungen: Bspw. bei terminaler Niereninsuffizienz
- Bei malignen Hodentumoren
- Missbrauch von anabolen androgenen Steroiden (bspw. im Bodybuilding) [10]
- Idiopathisch (ca. 25%)
- Diagnostik
- Anamnese, insb. auch Medikamentenanamnese
- Körperliche Untersuchung
- Tastuntersuchung der Brust
- Tastuntersuchung des Hodens
- Labor
- Hormonbestimmung: LH und FSH, Prolaktin, Testosteron, Östradiol, SHBG
- Weitere Laborwerte: Leber- und Nierenwerte , β-HCG und AFP
- Ggf. Chromosomenanalyse
- Ggf. HIV-Test [9]
- Bildgebung
- Mamma-Sonografie, ggf. Mammografie (siehe hierzu auch: Mammakarzinom des Mannes)
- Bei Tumorverdacht (anderen Ursprungs): Sonografie der Hoden, Schädel-MRT (Hypophyse), CT der Nebenniere
- Röntgen-Thorax
- Therapie
- Therapie der Grunderkrankung
- Symptomatisch: Subkutane Mastektomie möglich
- Differenzialdiagnosen: Mammakarzinom des Mannes
Falsche Gynäkomastie [8]
- Definition: Lipomastie (Fetteinlagerung) in die männliche Brust bei Adipositas
- Ätiologie: Adipositas
- Therapie: Therapie der Adipositas
Physiologische Gynäkomastie [8][9]
- Bei Neugeborenen
- Während der Pubertät
- Im höheren Lebensalter
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- N62: Hypertrophie der Mamma [Brustdrüse]
- Inklusive: Gynäkomastie
-
Hypertrophie der Mamma:
- massiv, pubertätsbedingt
- o.n.A.
-
Hypertrophie der Mamma:
- Inklusive: Gynäkomastie
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.