Zusammenfassung
Bei den progressiven Muskeldystrophien handelt es sich um eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen es durch Mutationen in muskulären Proteinen zu einem fortschreitenden, aber unterschiedlich stark ausgeprägtem Verfall vor allem der Skelettmuskulatur kommt.
Bei der häufigsten und schwerwiegendsten Form (Typ Duchenne) ist das Protein Dystrophin (fast) komplett funktionslos. Die Krankheit wird X-chromosomal-rezessiv vererbt und manifestiert sich vor dem 5. Lebensjahr zunächst mit einer Schwäche der Beckengürtelmuskulatur. Die Schwäche breitet sich zunehmend aus und es kommt ebenfalls zu einer dilatativen Kardiomyopathie, die verlaufsentscheidend ist. Die Krankheit ist unheilbar und die Patienten versterben vor dem 25. Lebensjahr.
Epidemiologie
- Geschlecht
-
X-chromosomal-rezessiver Erbgang: Daher sind von den Muskeldystrophien Typ Duchenne und Becker-Kiener fast ausschließlich Jungen betroffen
- Frauen sind Konduktorinnen (Überträgerinnen ohne Erkrankung)
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X-chromosomal-rezessiver Erbgang: Daher sind von den Muskeldystrophien Typ Duchenne und Becker-Kiener fast ausschließlich Jungen betroffen
- Manifestationsalter
- Typ Duchenne: 3.–5. Lebensjahr
- Typ Becker-Kiener: 6.–20. Lebensjahr
Typ Duchenne = Häufigste Muskeldystrophie!
Weiterhin existieren eine große Anzahl weiterer Muskeldystrophie-Typen, die sehr selten auftreten.
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Vererbung
- X-chromosomal-rezessiv (Duchenne, Becker-Kiener)
- Autosomal-dominante und autosomal-rezessive Formen bei anderen Muskeldystrophie-Typen
- Chromosomaler Defekt: Schäden im Dystrophin/DMD-Gen auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms (Xp21)
- Deletionen (60%)
- Punktmutationen (30%)
- Duplikationen (10%)
Pathophysiologie
Dystrophin verankert das Zytoskelett einer Muskelzelle in der extrazellulären Matrix → Mutation führt zu einem eingeschränkt funktionsfähigen (Becker-Kiener) oder einem fast vollständig funktionslosen bzw. fehlenden Dystrophin-Protein (Duchenne) → Störung zahlreicher zellulärer Signalwege → Absterben der Muskelzellen, das zum binde- und fettgewebigen Umbau der verbliebenen Muskelzellen führt und in einer Pseudohypertrophie resultiert
Symptomatik
X-chromosomal-rezessiver Erbgang
Muskeldystrophie Typ Duchenne (maligne Form)
- Primärbefund
- Paresen und Atrophien der Beckengürtelmuskulatur, dann auf andere Regionen übergreifend (Schultergürtel, untere Extremität, u.a.)
- Abschwächung der Reflexe (BSR, PSR, ASR, usw.) eher von proximal nach distal bei negativen Pyramidenbahnzeichen
- Muskuläre Insuffizienzen und Folgeerscheinungen
- Watschelgang (beidseitiges Trendelenburg-Zeichen )
- Gowers-Zeichen
- Pseudohypertrophie der Wadenmuskulatur
- Im Verlauf häufig Entwicklung von Kontrakturen nicht-beanspruchter Regionen und Skoliose (beides erfährt eine deutliche Verschlechterung, sobald Rollstuhlpflichtigkeit besteht)
- Gehunfähig ab ca. 12.-15. Lebensjahr
- Knochendichteminderung aufgrund von Immobilität
- Beteiligung des kardialen und respiratorischen Muskelsystems
- Dilatative Kardiomyopathie
- Herzrhythmusstörungen
- Respiratorische Insuffizienz, ggf. mit rezidivierenden Infekten
- Hormonelle Störungen
- Hypogonadismus, Adipositas, Insuffizienz der Nebennierenrinden
- Bei etwa 30% der Patienten kommt es zu Intelligenzminderung und damit einhergehend auch zu Sprachentwicklungsstörungen
- Im Spätstadium: Nächtliche Hypoventilation, Dysphagie, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, selten intestinale Pseudoobstruktion
Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener (benigne Form)
- Beginnt ebenfalls mit Paresen und Atrophien der Beckengürtelmuskulatur, die sich dann weiter ausbreiten
- Beginn allerdings später und Verlauf weniger schnell progredient
Geschichte der Namensgebung (Typ Becker-Kiener)
Peter Emil Becker (1908–2000) ist Erstbeschreiber der Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener. Er war ab 1934 Oberscharführer bei der SA und trat 1940 in die NSDAP ein. Von 1936 bis 1938 arbeitete er als Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie unter Fritz Lenz, einem der führenden Rassenhygieniker der NS-Zeit. Anschließend war er in der Erbbiologischen Abteilung der Universitätsnervenklinik Freiburg tätig. 1957 übernahm er das Direktorat des Instituts für Menschliche Erblehre der Universität Göttingen von seinem Lehrer Fritz Lenz. In Ermangelung eines anderen offiziellen Begriffs für die Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener wird dieser vorerst in AMBOSS weiter verwendet. [1][2]
Autosomal-rezessiver oder -dominanter Erbgang
Gliedergürteldystrophie (limb girdle muscular dystrophies, LGMD)
- Vererbung
- LGMD1: Autosomal-dominant
- LGMD2: Autosomal-rezessiv
- Krankheitsbeginn: Reicht von früher Kindheit bis zum mittleren Lebensalter
- Klinik: Paresen und Atrophien der Becken- und Schultergürtelmuskulatur
- Diagnostik: Muskelbiopsie → Verminderung der Protease Calpain 3
Fazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD)
- Vererbung: Autosomal-dominant
- Krankheitsbeginn: Frühe Kindheit bis spätes Erwachsenenalter
- Erkrankungsgipfel: 10.–19. Lebensjahr
- Klinik: Häufig asymmetrische Schwäche der Gesichts-, Schulter- und Oberarmmuskulatur
- Facies myopathica mit betonter Schwäche der runden Gesichtsmuskeln
- Atrophie der Schultermuskulatur mit Scapulae alatae
- Im Verlauf häufig Übergang auf die Bein-, Becken- und Rumpfmuskulatur
- Diagnostik
- Labor: Kreatinkinase nur leicht erhöht
- Molekulargenetik
Diagnostik
- Blutuntersuchung
-
Kreatinkinase im Serum↑↑ bei fast allen Betroffenen (auch bei 70% der Konduktorinnen)
- Erste Diagnostik: Sensitiver Marker für die Muskeldystrophien
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DNA-Diagnostik: In bis zu 90% Nachweis von Mutationen im Bereich des Dystrophin-Gens
- Aufwendigere Diagnostik, wenn statt der üblichen Deletionen Punktmutationen verantwortlich sind
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Kreatinkinase im Serum↑↑ bei fast allen Betroffenen (auch bei 70% der Konduktorinnen)
- Neurophysiologie: Elektromyogramm → Myopathisches Muster (niedrigamplitudig, verkürzte Potenzialdauer), Fibrillationen
- Muskelbiopsie: (Immun‑)Histologisch
- Alle Dystrophien: Kaliberschwankungen, Nekrosen, binde- und fettgewebiger Umbau, zentral gelegene Kerne
- Differenzialdiagnostische Unterscheidung
- Fehlender Nachweis von Dystrophin (Typ Duchenne) oder Restnachweis (Typ Becker) mittels Anti-Dystrophin-Antikörpern
- Verminderung der Protease Calpain 3 bei LGMD
Differenzialdiagnosen
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
- Medikamentös
- Es gibt immer wieder Therapieansätze mit Glucocorticoiden - eine entscheidende Wirksamkeit wurde bisher aber nicht bewiesen
- Für Patienten, die wenigstens 2 Jahre alt sind, noch gehen können und eine sog. "nonsense mutation" aufweisen: Ataluren → Verzögerung des Muskelabbaus [3]
- Intensive supportive Therapie
- Physiotherapie
- Psychologische Betreuung
- Heimbeatmung
- Genetische Beratung
- Operative Lösung von Kontrakturen, Korrektur der Skoliose
Eine kurative Therapie ist bei Muskeldystrophien nicht möglich!
Prognose
- Typ Duchenne: Lebenserwartung liegt bei ca. 20 Jahren
- Typ Becker-Kiener: Lebenserwartung ist im Vergleich zur Normalbevölkerung nur leicht reduziert
Meditricks
In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.
Muskeldystrophie Duchenne und Muskeldystrophie Becker-Kiener
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- G71.-: Primäre Myopathien
- G71.0: Muskeldystrophie
- autosomal-rezessiv, Beginn in der frühen Kindheit, Duchenne- oder Becker-ähnlich
- Becken- oder Schultergürtelform
- benigne [Typ Becker]
- benigne skapuloperonäal, mit Frühkontrakturen [Typ Emery-Dreifuss]
- distal
- fazio-skapulo-humerale Form
- maligne [Typ Duchenne]
- okulär
- okulopharyngeal (siehe okulopharyngeale Muskeldystrophie)
- skapuloperonäal
- Exklusive: Angeborene Muskeldystrophie: mit spezifischen morphologischen Anomalien der Muskelfasern (G71.2), o.n.A. (G71.2)
- G71.0: Muskeldystrophie
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.