Zusammenfassung
Bei den progressiven Muskeldystrophien handelt es sich um eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen es durch Mutationen in muskulären Proteinen zu einem fortschreitenden, aber unterschiedlich stark ausgeprägten Verfall insb. der Skelettmuskulatur kommt. Gemeinsames Merkmal dieser Krankheitsgruppe sind daher zunehmende Paresen.
Progressive Muskeldystrophien mit Mutation im Dystrophin-Gen werden auch als Dystrophinopathien bezeichnet. Bei der häufigsten und schwerwiegendsten Form (Typ Duchenne) ist das Protein Dystrophin (fast) komplett funktionslos. Die Krankheit wird X-chromosomal-rezessiv vererbt und manifestiert zunächst mit einer Schwäche der Beckengürtelmuskulatur i.d.R. bis zu einem Alter von 4 Jahren. Die Schwäche breitet sich zunehmend aus und es kommt durch die Beteiligung der Herzmuskulatur zu einer dilatativen Kardiomyopathie, die verlaufsentscheidend ist. Durch eine Verbesserung der medizinischen Versorgung ist die Lebenserwartung der Betroffenen auf etwa 30 Jahre gestiegen. Auch wenn experimentelle genbasierte Therapien in der Erprobung sind, ist die Krankheit weiterhin unheilbar. Betroffene versterben i.d.R. an kardialen Komplikationen.
Dystrophinopathien (Typ Duchenne und Becker-Kiener)
| Dystrophinopathien – Übersicht über Muskeldystrophien Typ Duchenne und Becker-Kiener [1] | ||
|---|---|---|
| Muskeldystrophie Typ Duchenne [2][3][4][5] | Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener [4][6][7] | |
| Prävalenz |
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| Manifestationsalter |
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| Ätiopathogenese |
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| Prognose |
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Typ Duchenne = häufigste Muskeldystrophie!
Symptomatik der Muskeldystrophie Typ Duchenne (maligne Form) [2][3][4][8]
- Zunehmende Muskelschwäche mit stadienhaftem Verlauf
- Präsymptomatische Phase, ggf.
- Motorische Entwicklungsverzögerungen
- Sprachliche/kognitive Entwicklungsverzögerung (ca. ⅓ der Betroffenen)
- Beginn motorischer Schwierigkeiten (i.d.R. im Kindergartenalter)
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Zunächst insb. der Beckengürtelmuskulatur, bspw.
- Zunehmende Verzögerung der Meilensteine der motorischen Entwicklung
- Häufiges Stolpern
- Gowers-Zeichen: Abstützen auf den Oberschenkeln beim Aufrichten vom Boden
- Erschwertes Treppensteigen
- „Watschelgang“ (beidseitiges Trendelenburg-Zeichen
- Ungeschicklichkeit
- Pseudohypertrophie der Wadenmuskulatur
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Zunächst insb. der Beckengürtelmuskulatur, bspw.
- Plateauphase (i.d.R. 4–6 Jahre)
- Stagnation der motorischen Entwicklung, aber noch kein Verlust zuvor erreichter Meilensteine
- Phase zunehmender motorischer Rückschritte (i.d.R. ab ca. 7 Jahre)
- Verlust zuvor erreichter Meilensteine
- Zunehmender Verlust der Gehfähigkeit
- Gehunfähigkeit ab ca. 9–14 Jahre
- Sitzen und Betätigen eines Rollstuhls noch möglich
- Zunehmende Ausbildung neuromuskulärer Fehlhaltungen, insb.
- Kontrakturen in Hüft- und Kniegelenken
- Hyperlordose der LWS
- Skoliose
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Dilatative Kardiomyopathie
- Zunehmende Herzinsuffizienz
- Herzrhythmusstörungen
- Respiratorische Insuffizienz, ggf. mit rezidivierenden Infekten
- Endstadium
- Keine Sitzstabilität mehr vorhanden
- Knochendichteminderung aufgrund von Immobilität
- Tetraparese mit Pflegebedürftigkeit
- Nächtliche Hypoventilation
- Abnahme der Darmmotilität mit Dysphagie, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, selten intestinale Pseudoobstruktion
- Präsymptomatische Phase, ggf.
Durch verbesserte Therapiemöglichkeiten (insb. respiratorischer Symptome) hat sich die Lebenserwartung der Betroffenen verbessert! Die Patient:innen versterben am häufigsten durch die zunehmende Kardiomyopathie. [5]
Symptomatik der Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener (benigne Form) [4][6]
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Symptomatik wie bei Typ Duchenne, aber milderer Verlauf
- Symptombeginn i.d.R. erst ab dem Grundschulalter
- Progress langsamer
- Verlust der Gehfähigkeit i.d.R. erst im Erwachsenenalter
Geschichte der Namensgebung (Typ Becker-Kiener)
Peter Emil Becker (1908–2000) ist Erstbeschreiber der Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener. Er war ab 1934 Oberscharführer bei der SA und trat 1940 in die NSDAP ein. Von 1936 bis 1938 arbeitete er als Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie unter Fritz Lenz, einem der führenden Rassenhygieniker der NS-Zeit. Anschließend war er in der Erbbiologischen Abteilung der Universitätsnervenklinik Freiburg tätig. 1957 übernahm er das Direktorat des Instituts für Menschliche Erblehre der Universität Göttingen von seinem Lehrer Fritz Lenz. In Ermangelung eines anderen offiziellen Begriffs für die Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener wird dieser vorerst in AMBOSS weiterverwendet. [9][10]
Seltenere progressive Muskeldystrophien
| Progressive Muskeldystrophien – Übersicht seltener Formen | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Prävalenz | Manifestationsalter | Ätiologie | Symptome | ||
| Fazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD) [1][7] |
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| Myotone Dystrophien (Typ 1 und 2) |
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| Gliedergürtelmuskeldystrophie (LGMD) |
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| Okulopharyngeale Muskeldystrophie (OPMD) [7][13] |
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| Emery-Dreifuss-Muskeldystrophien (EDMD Typ 1–7) [7][14] |
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Diagnostik
Diagnostische Prinzipien
- Gezieltes Vorgehen nach Leitsymptom Muskelschwäche
- Verdachtsdiagnose bilden: Erfassung des Verteilungsmusters der Paresen und ggf. schon Dynamik des Erkrankungsverlaufs
- Differenzialdiagnosen: Ausschluss insb. neurogener und psychogener Ursachen sowie Myasthenia gravis
- Diagnosesicherung: I.d.R. durch gendiagnostischen Mutationsnachweis
- Bei Kindern: Untersuchung an Alter und Entwicklungsstand anpassen
Anamnese [1]
- Lokalisation und Verlauf
- Ausbreitungsmuster erkennbar?
- Verlauf passend zu Muskeldystrophie? (Typisch: Langsam-progredient)
- Bei Kindern: Meilensteine der motorischen Entwicklung erfragen
- Erfragen konkreter Bewegungsbehinderung im Alltag
- Familienanamnese: Bekannte Muskeldystrophien oder motorische Auffälligkeiten bei Verwandten?
Neurologische Untersuchung der Motorik [1]
- Inspektion: Fokus auf Verteilung der
- Muskelatrophien
- Kontrakturen
- Funktionelle Untersuchungen, bspw.
- Bei Kindern: Erhebung der Meilensteine der motorischen Entwicklung
- Aufstehen vom Boden
- Typisch bei Muskeldystrophie Typ Duchenne: Gowers-Zeichen
- Aufstehen vom Stuhl (ohne Mitnahme der Arme)
- Systematische Ganguntersuchung, inkl. Zehenspitzengang und Fersengang
- Typisch bei Muskeldystrophie Typ Duchenne: „Watschelgang“ (beidseitiges Trendelenburg-Zeichen )
- Heben der Arme über die Horizontale
- Testung der mimischen Muskulatur
- Untersuchung des Sprechens (Dysarthrie?) und des Schluckens (Dysphagie?)
- Differenzierte Untersuchung der Muskelkraft durch Kraftprüfung wichtiger Muskelgruppen
- Prüfung der Muskeleigenreflexe: Typischerweise abgeschwächt
- Klinischer Nachweis einer myotonen Reaktion: Bei Hinweisen auf erhöhten Muskeltonus (V.a. myotone Dystrophie)
Weitere Diagnostik [1]
- Labordiagnostik (Blut): CK-Bestimmung
- Elektrophysiologie (EMG/ENG): Differenzierung zwischen myopathischer und neurogener Schädigung
- Indikation: Alle Patient:innen mit V.a. Myopathie
- Typischer EMG-Befund: Potenziale motorischer Einheiten niedrigamplitudig, polyphasisch und verkürzt
- Ggf. myotone Entladungen bei Myotoner Dystrophie
- Beachte: Falls Muskelbiopsie geplant, entsprechenden Muskel aussparen
- Bildgebung
- Ganzkörper-MRT in axialen Schichten (1,5 Tesla oder 3 Tesla) ohne Kontrastmittel
- Typische Befunde: Fettgewebige Umwandlung von Muskelgewebe (T1-Gewichtung), muskuläre Ödeme (T2-Gewichtung unter Fettsuppressionstechnik)
- Auch sinnvoll zur Auswahl eines Muskels für die Biopsie
- Sonografie: Nur bei ausreichender Untersuchungserfahrung sinnvoll
- Ganzkörper-MRT in axialen Schichten (1,5 Tesla oder 3 Tesla) ohne Kontrastmittel
- Gendiagnostik
- Indikation: Begründeter V.a. Muskeldystrophie (zunehmend Bevorzugung vor Muskelbiopsie)
- Verfahren: Je nach klinischer Verdachtsdiagnose MLPA und/oder Gensequenzierung
- Muskelbiopsie
- Indikation
- Fehlende Diagnosesicherung durch Gendiagnostik oder bei unklarem Ergebnis in der Gendiagnostik
- Bei fortbestehendem V.a. hereditäre Dystrophie trotz unauffälligem gendiagnostischen Befund
- Zum Ausschluss myopathischer Differenzialdiagnosen
- Verfahren: (Immun‑)Histologische Untersuchungen, Western-Blot, ggf. weitere
- Typische Befunde
- Bei allen Dystrophien: Kaliberschwankungen, Nekrosen, binde- und fettgewebiger Umbau verbliebener Muskelzellen, zentral gelegene Kerne
- Immunhistologie bei Dystrophinopathien: Fehlender Nachweis von Dystrophin (Typ Duchenne) oder Restnachweis von Dystrophin (Typ Becker-Kiener) mittels Anti-Dystrophin-Antikörpern
- Indikation
- Zusatzuntersuchungen: Abhängig von vermuteter Form, bspw.
- Kardiologische Untersuchung: 12-Kanal-EKG, Langzeit-EKG, TTE/TEE, ggf. Kardio-MRT
- Pulmonologische Untersuchung: Lungenfunktionsdiagnostik
Differenzialdiagnosen
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Allgemein
- Ergo- und Physiotherapie
- Psychologische Betreuung
- Regelmäßige Vorstellung in neuromuskulärem Zentrum
- Je nach Beschwerdebild
- Atemtherapie inkl. Heimbeatmung
- Orthopädische Mitbehandlung
- Kardiologische Mitbehandlung
Eine kurative Therapie ist bei Muskeldystrophien bislang nicht möglich!
Therapie der Muskeldystrophie Typ Duchenne
Glucocorticoide [3][15]
- Indikation
- Standardtherapie
- Therapiebeginn ab 4 Jahre und möglichst vor Ausbildung neuromuskulärer Fehlhaltungen
- Ziel: Verzögerung der Krankheitsprogression
- Wirkstoffe: Prednison und Deflazacort
Gentherapeutische Wirkstoffe [15][16]
- Unterschiedliche Ansätze, die auf der Erhöhung funktionsfähigen Dystrophins basieren, insb.
- AAV-basierte Gentherapie: Einbringen verkürzter, aber funktioneller Dystrophin-Gene in Muskelzellen mithilfe eines adenoassoziierten Virusvektors
- Delandistrogene moxeparvovec als 1. Wirkstoff in den USA zugelassen
- Genome Editing (insb. mit CRISPR/Cas): Korrektur im Dystrophin-Gen
- Antisense-Oligonukleotide
- RNA-Interferenz
- Hochregulation von Surrogatgenen
- AAV-basierte Gentherapie: Einbringen verkürzter, aber funktioneller Dystrophin-Gene in Muskelzellen mithilfe eines adenoassoziierten Virusvektors
- In Deutschland aktuell keine zugelassenen Wirkstoffe
Meditricks
In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.
Muskeldystrophie Duchenne und Muskeldystrophie Becker-Kiener
Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- G71.-: Primäre Myopathien
- G71.0: Muskeldystrophie
- autosomal-rezessiv, Beginn in der frühen Kindheit, Duchenne- oder Becker-ähnlich
- Becken- oder Schultergürtelform
- benigne [Typ Becker]
- benigne skapuloperonäal, mit Frühkontrakturen [Typ Emery-Dreifuss]
- distal
- fazio-skapulo-humerale Form
- maligne [Typ Duchenne]
- okulär
- okulopharyngeal (siehe okulopharyngeale Muskeldystrophie)
- skapuloperonäal
- Exklusive: Angeborene Muskeldystrophie: mit spezifischen morphologischen Anomalien der Muskelfasern (G71.2), o.n.A. (G71.2)
- G71.0: Muskeldystrophie
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.