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Progressive Muskeldystrophien

Letzte Aktualisierung: 20.2.2026

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Bei den progressiven Muskeldystrophien handelt es sich um eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen es durch Mutationen in muskulären Proteinen zu einem fortschreitenden, aber unterschiedlich stark ausgeprägten Verfall insb. der Skelettmuskulatur kommt. Gemeinsames Merkmal dieser Krankheitsgruppe sind daher zunehmende Paresen.

Progressive Muskeldystrophien mit Mutation im Dystrophin-Gen werden auch als Dystrophinopathien bezeichnet. Bei der häufigsten und schwerwiegendsten Form (Typ Duchenne) ist das Protein Dystrophin (fast) komplett funktionslos. Die Krankheit wird X-chromosomal-rezessiv vererbt und manifestiert zunächst mit einer Schwäche der Beckengürtelmuskulatur i.d.R. bis zu einem Alter von 4 Jahren. Die Schwäche breitet sich zunehmend aus und es kommt durch die Beteiligung der Herzmuskulatur zu einer dilatativen Kardiomyopathie, die verlaufsentscheidend ist. Durch eine Verbesserung der medizinischen Versorgung ist die Lebenserwartung der Betroffenen auf etwa 30 Jahre gestiegen. Auch wenn experimentelle genbasierte Therapien in der Erprobung sind, ist die Krankheit weiterhin unheilbar. Betroffene versterben i.d.R. an kardialen Komplikationen.

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Dystrophinopathien (Typ Duchenne und Becker-Kiener)toggle arrow icon

Dystrophinopathien – Übersicht über Muskeldystrophien Typ Duchenne und Becker-Kiener [1]
Muskeldystrophie Typ Duchenne [2][3][4][5] Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener [4][6][7]
Prävalenz
Manifestationsalter
  • 2–4 Jahre
  • 5–19 Jahre
Ätiopathogenese
  • I.d.R. vollständiger Dystrophinmangel
  • Fehlerhaftes, eingeschränkt funktionsfähiges Dystrophin
Prognose
  • Lebenserwartung mit Beatmungstherapie im Mittel ca. 30 Jahre
  • Verläufe sehr variabel
  • Häufig verkürzte Lebenserwartung zwischen 40 und 60 Jahren

Typ Duchenne = häufigste Muskeldystrophie!

Symptomatik der Muskeldystrophie Typ Duchenne (maligne Form) [2][3][4][8]

  • Zunehmende Muskelschwäche mit stadienhaftem Verlauf
    • Präsymptomatische Phase, ggf.
      • Motorische Entwicklungsverzögerungen
      • Sprachliche/kognitive Entwicklungsverzögerung (ca. ⅓ der Betroffenen)
    • Beginn motorischer Schwierigkeiten (i.d.R. im Kindergartenalter)
    • Plateauphase (i.d.R. 4–6 Jahre)
      • Stagnation der motorischen Entwicklung, aber noch kein Verlust zuvor erreichter Meilensteine
    • Phase zunehmender motorischer Rückschritte (i.d.R. ab ca. 7 Jahre)
    • Endstadium
      • Keine Sitzstabilität mehr vorhanden
      • Knochendichteminderung aufgrund von Immobilität
      • Tetraparese mit Pflegebedürftigkeit
      • Nächtliche Hypoventilation
      • Abnahme der Darmmotilität mit Dysphagie, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, selten intestinale Pseudoobstruktion

Durch verbesserte Therapiemöglichkeiten (insb. respiratorischer Symptome) hat sich die Lebenserwartung der Betroffenen verbessert! Die Patient:innen versterben am häufigsten durch die zunehmende Kardiomyopathie. [5]

Symptomatik der Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener (benigne Form) [4][6]

  • Symptomatik wie bei Typ Duchenne, aber milderer Verlauf
    • Symptombeginn i.d.R. erst ab dem Grundschulalter
    • Progress langsamer
    • Verlust der Gehfähigkeit i.d.R. erst im Erwachsenenalter

Geschichte der Namensgebung (Typ Becker-Kiener)

Peter Emil Becker (1908–2000) ist Erstbeschreiber der Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener. Er war ab 1934 Oberscharführer bei der SA und trat 1940 in die NSDAP ein. Von 1936 bis 1938 arbeitete er als Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie unter Fritz Lenz, einem der führenden Rassenhygieniker der NS-Zeit. Anschließend war er in der Erbbiologischen Abteilung der Universitätsnervenklinik Freiburg tätig. 1957 übernahm er das Direktorat des Instituts für Menschliche Erblehre der Universität Göttingen von seinem Lehrer Fritz Lenz. In Ermangelung eines anderen offiziellen Begriffs für die Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener wird dieser vorerst in AMBOSS weiterverwendet. [9][10]

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Seltenere progressive Muskeldystrophientoggle arrow icon

Progressive Muskeldystrophien – Übersicht seltener Formen
Prävalenz Manifestationsalter Ätiologie Symptome
Fazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD) [1][7]
  • Ca. 8/100.000 [11]
  • Dritthäufigste Myopathie (Erwachsenenalter)
  • Frühe Kindheit bis spätes Erwachsenenalter
  • Erkrankungsgipfel: 9–18 Jahre
Myotone Dystrophien (Typ 1 und 2)
  • Je etwa 3/100.000 [12]
  • Häufigste Myopathien (Erwachsenenalter)
  • Typ 1: Verschiedene Formen, kongenital bis Late-Onset
  • Typ 2: Häufigkeitsgipfel 30–40 Jahre
  • Je nach Typ unterschiedliche Lokalisation der Paresen
  • Multisystemerkrankung mit diversen extramuskulären Symptomen
  • Siehe für Details: Myotone Dystrophien
Gliedergürtelmuskeldystrophie (LGMD)
  • Ca. 0,07–0,43/100.000 [7]
  • I.d.R. frühe Kindheit bis mittleres Lebensalter
Okulopharyngeale Muskeldystrophie (OPMD) [7][13]
  • In Europa ca. 1/100.000
  • Regionale Häufungen in Kanada und Israel bekannt
  • Im Alter von 40–60 Jahren
  • Beidseitige Ptosis (initiales Leitsymptom)
  • Im Verlauf progressive Dysphagie
  • Ggf. Augenmotilitätsstörungen
  • Ggf. Schwäche der proximalen Extremitätenmuskulatur
Emery-Dreifuss-Muskeldystrophien (EDMD Typ 1–7) [7][14]
  • 0,1–0,9/100.000 (je nach Unterform)
  • Im Alter von 10–30 Jahren
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Diagnostiktoggle arrow icon

Diagnostische Prinzipien

  • Gezieltes Vorgehen nach Leitsymptom Muskelschwäche
    • Verdachtsdiagnose bilden: Erfassung des Verteilungsmusters der Paresen und ggf. schon Dynamik des Erkrankungsverlaufs
    • Differenzialdiagnosen: Ausschluss insb. neurogener und psychogener Ursachen sowie Myasthenia gravis
    • Diagnosesicherung: I.d.R. durch gendiagnostischen Mutationsnachweis
  • Bei Kindern: Untersuchung an Alter und Entwicklungsstand anpassen

Anamnese [1]

  • Lokalisation und Verlauf
    • Ausbreitungsmuster erkennbar?
    • Verlauf passend zu Muskeldystrophie? (Typisch: Langsam-progredient)
    • Bei Kindern: Meilensteine der motorischen Entwicklung erfragen
    • Erfragen konkreter Bewegungsbehinderung im Alltag
  • Familienanamnese: Bekannte Muskeldystrophien oder motorische Auffälligkeiten bei Verwandten?

Neurologische Untersuchung der Motorik [1]

Weitere Diagnostik [1]

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Allgemein

  • Ergo- und Physiotherapie
  • Psychologische Betreuung
  • Regelmäßige Vorstellung in neuromuskulärem Zentrum
  • Je nach Beschwerdebild
    • Atemtherapie inkl. Heimbeatmung
    • Orthopädische Mitbehandlung
    • Kardiologische Mitbehandlung

Eine kurative Therapie ist bei Muskeldystrophien bislang nicht möglich!

Therapie der Muskeldystrophie Typ Duchenne

Glucocorticoide [3][15]

  • Indikation
    • Standardtherapie
    • Therapiebeginn ab 4 Jahre und möglichst vor Ausbildung neuromuskulärer Fehlhaltungen
  • Ziel: Verzögerung der Krankheitsprogression
  • Wirkstoffe: Prednison und Deflazacort

Gentherapeutische Wirkstoffe [15][16]

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Meditrickstoggle arrow icon

In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.

Muskeldystrophie Duchenne und Muskeldystrophie Becker-Kiener

Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

  • G71.-: Primäre Myopathien
    • G71.0: Muskeldystrophie
      • autosomal-rezessiv, Beginn in der frühen Kindheit, Duchenne- oder Becker-ähnlich
      • Becken- oder Schultergürtelform
      • benigne [Typ Becker]
      • benigne skapuloperonäal, mit Frühkontrakturen [Typ Emery-Dreifuss]
      • distal
      • fazio-skapulo-humerale Form
      • maligne [Typ Duchenne]
      • okulär
      • okulopharyngeal (siehe okulopharyngeale Muskeldystrophie)
      • skapuloperonäal
      • Exklusive: Angeborene Muskeldystrophie: mit spezifischen morphologischen Anomalien der Muskelfasern (G71.2), o.n.A. (G71.2)

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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