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Stevens-Johnson-Syndrom / toxische epidermale Nekrolyse

Letzte Aktualisierung: 10.3.2025

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Die epidermale Nekrolyse ist eine seltene, schwer verlaufende blasenbildende Überempfindlichkeitsreaktion der Haut und Schleimhäute. Die Einteilung erfolgt nach Anteil der befallenen Hautoberfläche. Sind weniger als 10% der Körperoberfläche betroffen, bezeichnet man die Reaktion als Stevens-Johnson-Syndrom (SJS). Sind mehr als 30% der Körperoberfläche betroffen, wird die Reaktion als toxische epidermale Nekrolyse (TEN) eingeordnet. Bei Befall von 10–30% der Körperoberfläche handelt es sich um eine Übergangsform (SJS-/TEN-Übergangsform). Die häufigsten Auslöser sind Medikamente (insb. Allopurinol, Sulfonamide und Antikonvulsiva). Die Hautreaktion tritt typischerweise im ersten Einnahmezyklus des Medikaments 1–4 Wochen nach Einnahmebeginn auf. Klassischerweise geht der Hautreaktion eine Prodromalphase mit allgemeinem Krankheitsgefühl und Fieber voraus. Im Verlauf kommt es dann zu atypischen, unscharf begrenzten Makulä und Kokarden, die zu großflächigen Erythemen mit blasiger Ablösung konfluieren. Die Diagnose wird klinisch und histologisch gestellt. Der wichtigste therapeutische Schritt liegt in der Identifikation und dem Absetzen des auslösenden Medikaments, meist gefolgt von intensiv- und verbrennungsmedizinischer Überwachung. Bei schwerem/progredientem Hautbefall werden auch systemische immunmodulierende Medikamente wie bspw. Ciclosporin A eingesetzt. Die Letalität ist sehr hoch und steigt mit dem Ausmaß der Blasenbildung, dem Alter und den vorliegenden Grunderkrankungen der betroffenen Person.

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Definitiontoggle arrow icon

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Epidemiologietoggle arrow icon

  • Inzidenz: 1–2/1 Million Personen/Jahr [5]
  • Geschlecht: > [3]
  • Altersdurchschnitt: Ca. 50 Jahre [4]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

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Pathophysiologietoggle arrow icon

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Symptomatiktoggle arrow icon

  • Prodromalphase mit ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Fieber, Halsschmerzen: 1–4 Wochen nach Medikamenteneinnahme und 1–3 Tage vor Auftreten der Hautsymptome
  • Hautsymptome
    • Schmerzhafte erosive Schleimhautveränderungen insb. des Mundraums und der Lippen, der Konjunktiven, des Genitals, seltener auch der Nasen-, Bronchial- und Analschleimhaut
    • Klassische Effloreszenz
      • Stammbetonte bis generalisierte, atypische , unscharf begrenzte Makulä und Kokarden, häufig Blasenbildung
      • Großflächige nekrotische Ablösung der Epidermis (verbrennungsähnlich)

Bei allen Formen der epidermalen Nekrolyse ist eine Schleimhautbeteiligung obligat – beim differenzialdiagnostisch wichtigen Staphylococcal scalded skin Syndrome bleiben die Schleimhäute hingegen ausgespart!

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Diagnostiktoggle arrow icon

Diagnostik bei V.a. epidermale Nekrolyse

Diagnostik bei gesicherter epidermaler Nekrolyse

  • Verlaufsbeurteilung: Engmaschige Kontrollen, (Foto‑)Dokumentation der Haut- und Schleimhautbefunde
  • SCORTEN: Erhebung innerhalb der ersten 24 h nach Diagnosestellung sowie an Tag 3 und 5
  • Interdisziplinäre Mitbetreuung
    • Ophthalmologisches Konsil: Innerhalb der ersten 24 h nach Diagnosestellung
    • Gynäkologisches/Urologisches Konsil: Innerhalb von 48 h bis 1 Woche nach Diagnosestellung
    • Je nach Bedarf ggf. weitere Konsile: Ernährungsmedizin, Gastroenterologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Infektiologie, Nephrologie, Pneumologie, Psychosomatik, Schmerztherapie
  • Weitere Maßnahmen (im Verlauf)
    • Auslöser unklar: Epikutantestung erwägen
    • Nachgewiesener medikamentöser Auslöser: Ausstellen eines Allergiepasses
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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Epidermale Nekrolyse – Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder Symptomatik Diagnostische Hinweise
Erythema exsudativum multiforme majus (EEMM)
  • Erwachsene: Trizonale, schießscheibenartige, extremitätenbetonte Kokarden
  • Kinder: Auch atypische, stammbetonte Kokarden mit generalisierter Ausbreitung möglich
Generalisiertes bullöses fixes Arzneimittelexanthem (GBFAE)
  • Ovale bis hühnereigroße lividrote bis braune Makulä oder
  • Diffuses Erythem mit zentralen schlaffen Blasen ohne Erythemüberschreitung
  • Schleimhäute wenig bis nicht beteiligt
  • Histologische Abgrenzung zur epidermalen Nekrolyse nicht möglich

Staphylococcal scalded Skin Syndrome (SSSS)

  • Auslöser: Infektionen
  • Klassische Erkrankung des Kindesalters
Akute generalisierte exanthematische Pustulose (AGEP)
Bullöses lichenoides Arzneimittelexanthem
  • Konfluierende, polygonale, erythematöse, teils schuppende Papeln und Plaques, selten mit atypischen Kokarden
  • Im Verlauf langsam entwickelnde einzelnstehende oder konfluierende Blasen
  • Schleimhautbeteiligung selten
  • Diagnosestellung: Klinisches Bild und Histologie
Pemphigus vulgaris
  • Erosionen mit schlaffen, meist nicht mehr sichtbaren Blasen
  • Erosive Schleimhautbeteiligung
Bullöses Pemphigoid
  • Polymorphes Hautbild aus erythematösen, stellenweise urtikariellen Plaques und prallen Blasen
  • Meist ältere Personen betroffen
Phototoxische Reaktion
  • Erytheme mit Blasenbildung in UV-exponierten Arealen
  • Keine Schleimhautbeteiligung
Akute Graft-versus-Host-Disease

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Allgemeine Maßnahmen

  • Absetzen aller Medikamente, die als Auslöser infrage kommen
  • Interdisziplinäre Betreuung
  • Frühzeitige intensivmedizinische Versorgung
    • Definitive Indikationen
      • Bei einer betroffenen KOF von ≥10% (Kinder) bzw. ≥15% (Erwachsene)
      • Bei schweren Organdysfunktionen
    • Bei >30% betroffener Körperoberfläche: Verlegung in ein Brandverletztenzentrum
  • Volumensubstitution
  • Erhöhung der Raumtemperatur auf 30–32 °C
  • Bevorzugt orale oder enterale Ernährung
  • Lagerung auf aluminiumbedampften Vliesstoffen, bspw. Metalline Betttuch®
  • Suffiziente Schmerztherapie

Topische Therapie

Behandlung der Haut

  • Wundreinigung mit antiseptischen Gelen oder Lösungen
  • Verbände mit nicht-haftenden wirkstofffreien Silikondistanzgittern oder fetthaltigen Netzgazen, bspw. Biobrane® oder Suprathel®
  • Blasen abpunktieren, Blasendach zum Infektionsschutz belassen
  • Ggf. topische Glucocorticoide auf nicht-erosive Areale

Behandlung der Schleimhäute

  • Augen
    • Konservierungsmittelfreie Benetzungsmittel alle 1–2 h
    • Pflegende Augensalben zur Nacht
    • Bei intakter Augenoberfläche und/oder Lidkantenbefall zusätzlich topisches Glucocorticoid
    • Bei Epitheldefekten der Augenoberfläche topisches Antibiotikum in Form von konservierungsmittelfreien Tropfen/Salben
    • Hornhautexposition vermeiden
    • Ggf. Einsatz einer amnionummantelten Illigschale
  • Lippen und Mund
    • Lippen: Pflege mit dexpanthenolhaltiger Salbe
    • Antiseptische, alkoholfreie Mundspüllösungen
    • Vor den Mahlzeiten ggf. lokalanästhetische Topika
    • Lippen und Mund: Kurzzeitiger Einsatz von topischen Glucocorticoiden
  • Genital
    • Reinigung mit sterilem Wasser / physiologischer Kochsalzlösung, ggf. mit antiseptischer chlorhexidinhaltiger Lösung
    • Anlage eines Harnwegskatheters bei erosiver Beteiligung der Genitalschleimhaut/Miktionsbeschwerden
    • Pflege mit weißer Paraffinsalbe
    • Abdeckung/Schutz erodierter Areale durch nicht-haftenden Verband
    • Topische Glucocorticoide auf nicht-erosive Areale

Systemische immunmodulierende Therapie

Unterstützende Maßnahmen

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Komplikationentoggle arrow icon

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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Prognosetoggle arrow icon

SCORTEN – Risikofaktoren für erhöhte Letalität bei TEN
Risikofaktor Punkte
Alter >40 Jahre 1
Tachykardie >120/min 1
Neoplasie 1
Hautablösung bei Aufnahme >10% 1
Serum Harnstoff >10 mmol/L 1
Serum Bicarbonat <20 mmol/L 1
Blutzucker >14 mmol/L 1
SCORTENLetalität bei TEN / Punktzahl
Punktzahl Letalität in %
0 1,2
1 3,9
2 12,2
3 32,4
4 62,2
5 85
6 95,1
7 98,5
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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