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Torticollis

Letzte Aktualisierung: 12.10.2021

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Das Symptom Torticollis beschreibt eine angeborene oder erworbene Schiefhaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite. Die zugrunde liegenden Krankheitsbilder sind vielfältig und reichen von muskulären und ossären Veränderungen über ZNS-Pathologien und Seh- oder Hörstörungen bis hin zu Traumata, Infektionen und rheumatischen Erkrankungen. Die häufigste Form ist der Torticollis muscularis congenitus infolge einer angeborenen einseitigen Verkürzung des M. sternocleidomastoideus. Der Symptombeginn und -verlauf sowie das Vorgehen bei Diagnostik und Therapie sind in Abhängigkeit von der Ursache sehr variabel.

Torticollis (Schiefhals): Angeborene oder erworbene Schiefhaltung des Kopfes (Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite). Abhängig von der Ursache zeigt sich ein variabler Symptombeginn und -verlauf.

Einteilung nach Beginn und Verlauf

Der Torticollis ist ein Symptom und keine Diagnose, weshalb verschiedene Krankheitsbilder als Ursache in Frage kommen!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Definition: Angeborene einseitige Verkürzung des M. sternocleidomastoideus mit konsekutiver Fehlhaltung des Kopfes [1][2]
  • Epidemiologie: Häufigste Form des Torticollis bei Kindern im 1. Lebensjahr
  • Ätiologie und Pathogenese
  • Klinik
    • Neigung des Kopfes zur betroffenen Seite, Rotation zur gesunden Seite
    • Evtl. tastbarer verdickter Muskelstrang
    • Häufig schon direkt postnatal erkennbar
  • Diagnostik: Röntgen der HWS immer vor Beginn einer Bewegungstherapie!
  • Differenzialdiagnosen
  • Therapie
    • Frühzeitige Einleitung einer Physiotherapie nach Vojta
    • Korrigierende Lagerung und vermehrte Ansprache des Kindes von der Gegenseite
    • Bei Fortbestehen über das 1. Lebensjahr hinaus: Ggf. Tenotomie von Ansatz und Ursprung des betroffenen M. sternocleidomastoideus
      • Anschließend Orthesenversorgung und Fortführen der Physiotherapie
  • Komplikationen
    • Schädelasymmetrie
    • Skoliose der HWS
    • Schulterhochstand der betroffenen Seite
  • Epidemiologie [2]
    • Angeboren: Diagnosestellung postnatal oder in den ersten Lebensjahren
    • Erworben: In jedem Alter möglich
  • Ätiologie
    • Angeborene Fehlbildung der Halswirbel
      • Asymmetrische Atlasassimilation, Wirbelverschmelzungen oder Halbwirbel
      • Klippel-Feil-Syndrom: Blockwirbel mit Kurzhals und Bewegungseinschränkung
    • Erworbene Asymmetrie infolge
      • Geburtstraumatischer Fehlstellung
      • Defektheilung nach traumatischer Halswirbelfraktur
  • Klinik: Progrediente Fehlhaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite, bei angeborenem/geburtstraumatischem Defekt oft schon postnatal erkennbar
  • Diagnostik: Röntgen der HWS
  • Therapie
    • Physiotherapie, Osteopathie
    • Ggf. operative Therapie
  • Epidemiologie: Auftreten i.d.R. innerhalb der ersten Lebensmonate [1]
  • Ätiologie
    • Wahrscheinlich genetische Komponente
    • Assoziation mit Migräne
  • Klinik
    • Muskelspasmen mit konsekutiver Fehlhaltung des Kopfes
      • Häufig alternierend links- und rechtsseitig
      • Morgens > abends
      • Dauer: Minuten über Stunden bis Tage, ca. 1–3×/Monat
    • Zum Teil zusätzlich Drehung von Rumpf und Armen sowie Blickdeviation, rollende Augenbewegungen, Ptosis, Mydriasis, Blässe, Übelkeit, Erbrechen, Gangunsicherheit, Weinen und reduziertes Allgemeinbefinden
    • I.d.R. spontanes Verschwinden innerhalb des ersten Lebensjahres
  • Diagnostik
  • Therapie
    • Keine kausale oder prophylaktische Therapie verfügbar
    • Im Anfall ggf. Antiemetika: z.B. Dimenhydrinat
      • Siehe auch: Vorgehen bei Übelkeit und Erbrechen im Kindes- und Jugendalter
  • Differenzialdiagnosen

Siehe auch: Torticollis spasmodicus im Kapitel Dystonie

  • Epidemiologie: Typischerweise im Kleinkindalter [2]
  • Ätiologie: Einseitige Sehstörung, insb. Parese des M. obliquus superior (infolge N.-trochlearis-Lähmung ) mit kompensatorischer Kopfhaltung
  • Klinik: Progrediente, initial habituelle, im Verlauf fixierte Fehlhaltung des Kopfes
  • Diagnostik: Sehtest
  • Therapie
    • Therapie der ursächlichen Erkrankung
    • Ggf. Physiotherapie

  • Epidemiologie: Typischerweise im Kleinkindalter [2]
  • Ätiologie: Einseitige Hörminderung mit kompensatorischer Kopfhaltung
  • Klinik: Progrediente, initial habituelle, im Verlauf fixierte Fehlhaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite
  • Diagnostik: Hörtest
  • Therapie
    • Therapie der ursächlichen Erkrankung
    • Ggf. Physiotherapie
  • Epidemiologie: Insb. Kinder und Jugendliche, in jedem Alter möglich [2]
  • Ätiologie
    • Frühform einer diskogenen HWS-Erkrankung mit Fehlhaltung und Bewegungseinschränkung (Sonderform des Zervikalsyndroms)
    • Pathogenese
      • Horizontalspalten und Hypermobilität der Bewegungssegmente im HWS-Bereich → intradiskale Massenverschiebungen → Irritation der sensiblen Fasern des Ramus meningeus im hinteren Längsband → reflektorische, entlastende Schiefhaltung durch Einstellen der Wirbelgelenkfacetten in extreme Position → sekundäre Dauerkontraktur der Schulternackenmuskulatur zur Aufrechterhaltung der Position
  • Klinik: Plötzliche schmerzbedingte Zwangshaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite
  • Diagnostik: Diagnosestellung klinisch, i.d.R. keine erweiterte Diagnostik notwendig
  • Therapie
  • Prognose: I.d.R. folgenloses Abheilen der akuten Symptomatik innerhalb weniger Tage
  • Epidemiologie: In jedem Alter möglich
  • Ätiologie: Bakterielle HNO-Infektion (z.B. Pharyngitis oder Tonsillitis) mit konsekutiver Entzündung der Halsweichteile
  • Klinik: Plötzlich schmerz- und schwellungsbedingte Fehlhaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite
  • Diagnostik: Meist klinische Diagnosestellung, i.d.R. keine erweiterte Diagnostik notwendig
  • Therapie
  • Komplikation: Torticollis atlantoepistrophealis (Grisel-Syndrom)
    • Schiefhals infolge einer atlantoaxialen Dislokation durch eine entzündlich bedingte Lockerung des Querbandes hinter dem Dens des 2. Zervikalwirbels
  • Prognose: Spontan rückläufig mit Abklingen der Entzündung innerhalb weniger Tage
  • Epidemiologie: Eher im Erwachsenenalter, prinzipiell in jedem Alter möglich [2]
  • Ätiologie: Rheumaerkrankung
    • Genaue Pathogenese unklar, wahrscheinlich durch entzündliche Vorgänge in den Gelenkkapseln der HWS
  • Klinik: Plötzliche schmerzbedingte Zwangshaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite
  • Diagnostik: Meist klinische Diagnosestellung, i.d.R. keine erweiterte Diagnostik notwendig
  • Therapie
  • Epidemiologie: In jedem Alter möglich [2]
  • Ätiologie: Zusammenziehen der Haut infolge zervikaler Weichteil- oder Hautverletzungen durch Trauma, Operation (z.B. Neck Dissection) oder Verbrennung
  • Klinik: Progrediente Fehlhaltung des Kopfes mit Neigung zur betroffenen und Rotation zur gesunden Seite
  • Diagnostik: Meist klinische Diagnosestellung, i.d.R. keine erweiterte Diagnostik notwendig
  • Therapie
    • Physiotherapie
    • Ggf. operative Intervention
  • Epidemiologie: Ab dem Kleinkindalter in jedem Alter möglich [2]
  • Ätiologie: Tic-Störung mit Neigung des Kopfes
  • Klinik: Progrediente, initial habituelle, im Verlauf fixierte Fehlhaltung des Kopfes
  • Diagnostik: Meist klinische Diagnosestellung, i.d.R. keine erweiterte Diagnostik notwendig
  • Therapie
    • Therapie der ursächlichen Erkrankung
    • Ggf. Physiotherapie

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Hoffmann et al.: Pädiatrie: Grundlagen und Praxis. 4. Auflage Springer 2014, ISBN: 3-642-41865-1 .
  2. Grifka, Krämer: Orthopädie Unfallchirurgie. 9. Auflage Springer 2013, ISBN: 978-3-642-28875-3 .
  3. Niethard et al.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie. 7. Auflage Thieme 2014, ISBN: 978-3-131-30817-7 .
  4. Wülker et al.: Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie. 3.. Auflage Thieme 2015, ISBN: 978-3-131-69253-5 .