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Paronychie und Panaritium

Letzte Aktualisierung: 20.8.2021

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Die Paronychie ist eine Entzündung des Nagelwalls, die sich zu einem Panaritium mit eitriger Entzündung des den Nagel umgebenden Gewebes entwickeln kann. Ein Panaritium kann sich allerdings auch ohne vorhergehende Paronychie infolge von Bagatellverletzungen bilden, die durch Keimeinwanderung und -besiedlung zu einer eitrigen Entzündung führen.

Klinisch zeigen sich eine schmerzhafte Schwellung und eine Rötung des betroffenen Areals, ggf. mit Eitersekretion. Die Entzündung kann sich in tiefere Strukturen ausdehnen und dadurch zu einer sog. V-Phlegmone bzw. einer Phlegmone der Hohlhand oder des Unterarmes führen. Im schlimmsten Fall ist eine systemische Infektion bis hin zur Sepsis möglich.

Therapeutisch kann bei nicht-abszedierenden Befunden ein konservativer Therapieversuch durchgeführt werden. Bei Abszedierung ist dagegen ein chirurgisches Vorgehen zur Abszessentlastung und Spülung sowie eine begleitende Antibiotikatherapie indiziert.

Die Begriffe „Paronychie“ und „Panaritium“ werden im klinischen Sprachgebrauch häufig synonym verwendet!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Paronychie bzw. Panaritium [1][5]

  • Meist akutes Auftreten
  • Pulsierender Schmerz, Rötung, Schwellung, Überwärmung
  • Lymphangitis und Lymphadenitis möglich
  • Eiterbildung
  • Bei Sehnenscheidenbeteiligung (Panaritium tendinosum) [6]
    • Schonhaltung des Fingers in Beugestellung
    • Druckschmerz über der gesamten Sehnenscheide
    • Generalisierte Schwellung des gesamten Fingers
    • Extension des Fingers stark schmerzhaft
  • Bei systemischer Beteiligung: Fieber, Schüttelfrost, Entzündungsparameter↑, Sepsis
  • Chronifizierung möglich
Stadieneinteilung der Paronychie [7]
Stadien Klinisches Bild
I Eiterblase (Bulla infecta) meist in der Nageltasche
II Abszess in der Nageltasche ohne Perforation der Lederhaut
III Ausbreitung des Abszesses im subkutanen Fettgewebe
IV Ausbreitung des Abszesses unter die Nagelplatte
V Beteiligung des Knochens oder Nekrosebildung

Unguis incarnatus

Stadieneinteilung des Unguis incarnatus [2]
Stadien Klinisches Bild
I
  • Schmerz bei Druck, Rötung, Schwellung
  • Noch keine Hypergranulation
IIa
  • Zusätzlich progrediente Schmerzen, Rötung und Schwellung, Sekretion
  • Ggf. Infektion
  • Hypergranulation <3 mm über den Nagel
IIb
  • Zusätzlich ggf. Abszess
  • Hypergranulation >3 mm über den Nagel
III
  • Chronifizierung
  • Ggf. Abszess, Ulzeration, Deformierung des Nagels
  • Hypergranulation bedeckt Großteil des Nagels
IV
  • Chronische Deformierung des Nagels
  • Beide Nagelwälle betroffen
  • Hypergranulation progredient
  • Anamnese und klinische Untersuchung i.d.R. ausreichend
  • Erweiterte Diagnostik bei unklarem Befund oder schweren bzw. chronischen Formen
    • Labor (Bestimmung der Entzündungsparameter)
    • Mikrobiologie (Keimnachweis mittels Abstrich)
    • Bildgebung (Nachweis bzw. Ausschluss einer ossären Beteiligung bzw. eines Fremdkörpers)

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Konservative Therapie [3][5]

  • Indikation: Befunde ohne Anhaltspunkt für Abszedierung und ohne Allgemeinsymptome
  • Allgemeine Maßnahmen
    • Ruhigstellung
    • Hochlagerung
    • Kühlung

Medikamentöse Therapie bei Nagelentzündungen

Bei beginnender leichter Symptomatik ist eine topische Antiseptikatherapie i.d.R. ausreichend! Bei ausgeprägtem Lokalbefund oder Allgemeinsymptomen ist zusätzlich eine systemische Antibiotikatherapie indiziert!

Chirurgische Therapie [3][5]

Panaritium [7]

  • Indikation: Bei Abszedierung
  • Kontraindikation: Herpesinfektion
  • Operationsvorbereitung
  • Vorgehen: Je nach Stadieneinteilung der Paronychie
    • Ab Stadium I: Inzision der Bulla infecta , Resektion von Hornhaut, Spülung zur Reinigung der Eiterhöhle
    • Ab Stadium II: Zusätzlich Inspektion des Wundgrundes, um Fistel/Kragenknopfpanaritium nicht zu übersehen
    • Ab Stadium III : Ggf. Gegeninzision (z.B. der seitlichen Nageltasche), ggf. Einlage einer Lasche
    • Ab Stadium IV : (Teil‑)Resektion der Nagelplatte und Spülung
  • Postoperative Behandlung
    • Regelmäßige Befundkontrolle
    • Verband feucht halten , alternativ: Fingerbäder bis zu dreimal täglich
    • Bei Antibiotikagabe: Reevaluation nach 5 Tagen

Um ein Kragenknopfpanaritium nicht zu übersehen, ist die Inspektion des Wundgrundes obligat durchzuführen!

Unguis incarnatus [2]

Nagelerhaltende Eingriffe

  • Indikation: Bis einschließlich Stadium IIb (akut)
  • Vorgehen
    • Entfernung des hypertrophen Gewebes
    • Entlastung des evtl. vorhandenen Abszesses
    • Entfernung von Nagelresten und Fremdkörpern
    • Spülung mit NaCl 0,9%, Polyhexanid-Lösung o.ä.

Eingriffe mit Verschmälerung der Nagelplatte

  • Indikation: Unguis incarnatus ab Stadium III (chronisch)
  • Maßnahmen
    • Nagelkeilresektion nach Emmert (Emmert-Plastik)
    • Selektive (chirurgische/chemische) Matrixresektion
    • Wahl des Verfahrens: Nagelmatrixresektion wird hinsichtlich der Rezidivrate als überlegen angesehen [8]
  • Vorgehen
    • Nagelkeilresektion
    • Nagelmatrixresektion
      • Resektion des randständigen erkrankten Zehennagels
      • Entfernung der dazugehörigen Nagelmatrix
      • Keine Entfernung des Nagelwalls
      • Verschluss des proximalen Hautschnittes mit Einzelknopfnähten

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Suerbaum et al.: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. 8. Auflage Springer 2016, ISBN: 978-3-662-48677-1 .
  2. S2k-Leitlinie Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen – Update 2018. . Abgerufen am: 10. Januar 2018.
  3. Harrasser et al.: Facharztwissen Orthopädie Unfallchirurgie. Springer 2016, ISBN: 978-3-662-44463-4 .
  4. Langer et al.: Akute Infektionen im Bereich des Fingernagels – die akuten Paronychien In: Handchirurgie Scan. Band: 03, Nummer: 01, 2014, doi: 10.1055/s-0034-1365029 . | Open in Read by QxMD p. 69-85.
  5. Langer et al.: Die Beugesehnenscheideninfektion der Finger und des Daumens In: Obere Extremität. Band: 8, Nummer: 3, 2013, doi: 10.1007/s11678-013-0223-3 . | Open in Read by QxMD p. 129-135.
  6. Langer et al.: Die Nageltascheninfektionen der Finger – Behandlung der Paronychien In: Operative Orthopädie und Traumatologie. Band: 23, Nummer: 3, 2011, doi: 10.1007/s00064-011-0025-y . | Open in Read by QxMD p. 204-214.
  7. Moellhoff et al.: Unguis incarnatus – konservative oder operative Therapie? Ein praktischer Behandlungsalgorithmus In: Der Unfallchirurg. Band: 124, Nummer: 4, 2020, doi: 10.1007/s00113-020-00903-6 . | Open in Read by QxMD p. 311-318.
  8. Eekhof et al.: Interventions for ingrowing toenails In: Cochrane Database of Systematic Reviews. 2012, doi: 10.1002/14651858.cd001541.pub3 . | Open in Read by QxMD .
  9. Müller: Chirurgie (2014/15). 11. Auflage Medizinische Verlags- und Informationsdienste 2011, ISBN: 3-929-85110-5 .
  10. Bühren, Marzi: Checkliste Traumatologie. Thieme 2011, ISBN: 978-3-135-98107-9 .