Zusammenfassung
In diesem Kapitel sind verschiedene (organische) Stoffe erfasst, die u.a. als Lösungsmittel, Insektizide, Reinigungsmittel oder industriell verwendet werden. Sie zeichnen sich meist durch eine hohe Lipidlöslichkeit aus und führen daher häufig zu ZNS-Störungen und Polyneuropathie. Die Abbauprodukte einiger Vertreter werden zudem als kanzerogen eingestuft.
Für weiterführende Informationen zu akuten Intoxikationen siehe auch: Überblick über Vergiftungen und Grundlagen der Akuttoxikologie.
Allgemein
Die in diesem Kapitel aufgeführten organischen Stoffe werden in vielen unterschiedlichen Bereichen eingesetzt (u.a. als Lösungsmittel, Insektizid, Reinigungsmittel, in der Kunststoff-, Kleber- und Farbindustrie).
- Stoffeigenschaften
- Hohe Lipidlöslichkeit
- Hohe Zellpermeabilität
- ZNS-Gängigkeit
- Kanzerogen
- Exposition und Resorption: Über Atemwege und Haut
- Prophylaxe
- Tragen von Atemschutzmasken
- Installation von Lüftungsanlagen
- Tragen chemikaliendichter Handschuhe
- Diagnostik
- Nachweis der Substanz oder ihrer Metaboliten in Blut oder Urin
- Neurologische Untersuchung
- Klinik und Folgen
- Ekzem durch Entfetten der Haut
- Schleimhautreizung
- Kopfschmerz
- Beeinträchtigungen des zentralen Nervensystems
- Beeinträchtigungen des peripheren Nervensystems
- Entzündungen, Lähmungen
- Lösungsmittel-bedingte Polyneuropathie: Immer distal betont und symmetrisch!
- Diverse Tumoren
Wird als Ursache eine Exposition am Arbeitsplatz angenommen, muss eine Anzeige mit Verdacht auf das Vorliegen einer Berufskrankheit erfolgen!
Lösungsmittel-induzierte toxische Enzephalopathie
- Kurzbeschreibung: Diffuse Störung der Hirnfunktion, die mit Konzentrationsdefiziten, Merkschwächen, Denkstörungen, Persönlichkeits- und Affektveränderungen einhergeht
- Vorkommen: Gehäuft bei „Lösungsmittelschnüfflern“
- Klinik: Auftreten meist während des Expositionszeitraums. Eine Latenz über Monate würde eher für eine andere Ursache sprechen (z.B. Altersdemenz). Folgende Stadien (Schweregrade) werden unterschieden
Klinik | Diagnostik | Prognose | ||
---|---|---|---|---|
Stadium I |
| Vollständige Ausheilung innerhalb von zwei Jahren bei Expositionskarenz | ||
Stadium II | A |
| Zusätzlich Nachweis testpsychologischer Leistungsminderungen | Verzögerte Heilungstendenz |
B | Zusätzlich Nachweis sensomotorischer Ausfälle in der neurologischen Untersuchung | |||
Stadium III |
| Nachweis hirnatrophischer Veränderungen in der kranialen Bildgebung | Nur selten kommt es zur Besserung der Symptome |
Aromatische Amine (Benzidin (=Diaminodiphenyl), β-Naphthylamin)
- Vorkommen
- Herstellung synthetischer Farben, Sprengstoffherstellung, Schädlingsbekämpfungsmittel, Arzneimittel
- Tabakrauch
- Folgen
- Stark kanzerogene Wirkung
- Urothelkarzinom der Harnblase → Schmerzlose Makrohämaturie gilt als Hinweis
- Methämoglobinbildung
- Stark kanzerogene Wirkung
Alkane (aliphatische Kohlenwasserstoffe)
- Beispiele: N-Hexan, Heptan, Methan, Ethan, Propan, Butan, Oktan
- Vorkommen: Benzin, Lösungsmittel und Paraffine
- Folgen
- Akute Exposition
- Sedation, Atemlähmung (dosisabhängig)
- Chronische Exposition
- Distale Sensibilitätsstörungen, im Verlauf sensomotorische Polyneuropathie
- Lösungsmittel-induzierte toxische Enzephalopathie
- Akute Exposition
Benzol
- Vorkommen: Erdölverarbeitung, Benzin (Tankreinigung), Tabakrauch, Kfz-Emissionen
- Klinik
- Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit
- Panzytopenie (dadurch u.a. Nasenbluten, Purpura)
- Diagnostik: Phenol im Urin
- Wirkung
- Akute (inhalative) Exposition
- Fieber, reversible ZNS-Symptomatik
- Toxische Dosis: Lebensbedrohliche Arrhythmien, Bewusstlosigkeit, Atemdepression
- Chronische Exposition
- Akute oder chronische myeloische Leukämie
- Non-Hodgkin-Lymphome
- Akute (inhalative) Exposition
- Ähnliche Substanzen
- Ersatzmittel: Toluol, Xylol
- Vorkommen und Verwendung: Lösungsmittel für Farben, Lacke und Kleber, in Benzin, Tabakrauch, frischen Druckerzeugnissen
-
Nitro- und Aminoverbindungen des Benzols (Anilin, Nitrobenzol)
- Methämoglobinbildner → Methämoglobinämie (charakteristisch: Dyspnoe, blaugraue Haut/Zyanose, Heinz-Innenkörperchen in den Erythrozyten)
- Ersatzmittel: Toluol, Xylol
Chinon (Benzochinon)
- Vorkommen: Oxidationsmittel, Bakterizide, analytische Reagenzien, Farbindustrie
- Folge: Augenschädigung
- Braunfärbung der Konjunktiva und Kornea
- Korneaerosionen
- Irregulärer Astigmatismus
Dimethylformamid (DMF)
- Vorkommen: Lösemittel
- Klinik: Toxische Hepatopathie (Fettleber)
Flüchtige organische Verbindungen
- Vorkommen: Kleber, diverse Farben (z.B. im Haushalt bei/nach Renovierungen)
- Klinik
- Reizungen der Augen und Atemwege
- Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Konzentrationsstörungen
- Rasche Besserung nach Beendigung der Exposition
Formaldehyd
- Vorkommen: Raumdesinfektion, Spanholzplatten, Tabakrauch
- Klinik
- Reizung des oberen Respirationstraktes und der Konjunktiven
- Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Konzentrationsstörungen
- Kontaktekzeme
- Karzinogene Wirkung (insb. im Nasenrachenraum) bei chronischer Exposition in hohen Dosen
Ketone
- Beispiele: Methyl-n-butylketon, Aceton
- Vorkommen: Reinigungs-/Lösungsmittel
- Akute Exposition
- Chronische Exposition
- Axonopathie = Beidseitige, symmetrische Sensibilitätsstörungen und Paresen
Lindan (γ-Hexachlorcyclohexan)
-
Lindan ist ein Halogenkohlenwasserstoff
- Lipophil und schlecht wasserlöslich
- Vorkommen: Holzschutzmittel, Insektizide, stark verdünnt als Therapeutikum bei Krätze oder Läusebefall (seit Anfang 2008 in Europa verboten)
- Folgen
- Schwindel, Kopfschmerzen, Übererregbarkeit, Krämpfe, krebserregende Wirkung wird diskutiert
- Biologische Halbwertzeit beträgt bis zu 10 Tage
- Diagnostik: Lindanbestimmung im Blut
Methanol
- Vorkommen
- Treibstoff (gut brennbar)
- Unsachgemäße Herstellung von Ethanol (genießbarer Alkohol)
- Wirkung
- Abbau von Methanol in der Leber → Akkumulierende Metabolite Ameisensäure und Formaldehyd → Metabolische Azidose (BGA!) → Starke Nervenschädigung
- Wirkmaximum: 48 h nach Intoxikation
- Klinik
- Übelkeit, abdominelle Krämpfe, Kopfschmerzen, Rausch, Bewusstseinsstörungen
- Schwere Azidose
- Optikusneuropathie mit Sehstörungen und Erblindung
- Therapie
- Ethanol
- Fomepizol
- Natriumhydrogenkarbonat
- Ggf. Folsäure
- Hämodialyse
Monochlorethylen (Vinylchlorid)
- Vorkommen: Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC)
- Klinik
- Reizung der Atemwege (Lungenödem nicht typisch)
- Rausch, in höheren Dosen Bewusstlosigkeit und Atemstillstand
- Bei chronischer Exposition: Symptomenkomplex der „Vinylchlorid-Krankheit“
- Schädigung von Leber, Speiseröhre und Magen
- Splenomegalie
- Thrombozytopenie
- Akroosteolysen an den Endphalangen der Finger (bandförmige Knochendegenerationen)
- Raynaud-Syndrom
- Sklerodermie-ähnliche Hautveränderungen
- Maligne Lebertumoren (insb. Hämangiosarkome)
- Reizung der Atemwege (Lungenödem nicht typisch)
Diagnostik durch Bestimmung der Thiodiglykolsäure im Urin!
Pyrethroid (Insektizid)
- Vorkommen: Insektizide, iatrogener Einsatz zur Behandlung von Skabies, Kopf- und Filzläusen
- Folgen (bei Inhalation)
- Kopfschmerzen, Übelkeit, Geruch-Missempfindungen
- Reizungen von Haut und Schleimhäuten, Atembeschwerden
- Diagnostik: Bestimmung der Pyrethroid-Metabolite im Urin
para-tertiär-Butylphenol
- Vorkommen: Einsatz in der Lack-, Mineralöl- und Kautschukverarbeitung
- Folgen
-
Haut
- Akut: Kontaktdermatitis
- Chronisch: Fleckige, Vitiligo-ähnliche Depigmentierungen der Haut
- Schädigung der Leber
- Vergrößerung der Schilddrüse (Struma)
-
Haut
Schwefelkohlenstoff
- Vorkommen: Lösungsmittel
- Folgen
- ZNS-/Neurotoxizität (Polyneuropathie, Bewusstseinsstörungen, Krämpfe)
- Lokale Reizung
Styrol
- Vorkommen: Polyesterherstellung, Lösungsmittel
- Folgen (meist inhalative Aufnahme)
- Akute Exposition: Reizung von Konjunktiven und Schleimhäuten, ZNS-Störungen
- Chronische Exposition: ZNS-Schäden, Polyneuropathie
- Diagnostik
Trichlorethen (Trichlorethylen, Ethylentrichlorid, Acetylentrichlorid, TCE)
- Vorkommen: Entfettungsmittel (z.B. in Glas- und Metallindustrie)
- Folgen: Polyneuropathie, Nierenzellkarzinom, Parkinson-Syndrom
- Diagnostik: Bestimmung der Trichloressigsäureausscheidung im Urin
Trikresylphosphat
- Vorkommen: Weichmacher und Flammschutzmittel
- Folgen: Neurotoxizität (z.B. Polyneuropathie)
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- T60.-: Toxische Wirkung von Schädlingsbekämpfungsmitteln [Pestiziden]
- Inklusive: Holzschutzmittel
- T60.0: Organophosphat- und Carbamat-Insektizide
- T60.1: Halogenierte Insektizide
- Exklusive: Chlorierte Kohlenwasserstoffe (T53.‑)
- T60.2: Sonstige und nicht näher bezeichnete Insektizide
- T60.3: Herbizide und Fungizide
- T60.4: Rodentizide
- T60.8: Sonstige Schädlingsbekämpfungsmittel
- T60.9: Schädlingsbekämpfungsmittel, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.