Zusammenfassung
Die akute Bronchiolitis ist eine virale Infektion der unteren Atemwege im Säuglingsalter, bei der insb. kleine Bronchien und Bronchiolen betroffen sind. Sie wird häufig durch RS- und Rhinoviren verursacht und geht i.d.R. mit Erkältungssymptomen wie leichtem Fieber, Halsschmerzen, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen einher. Auskultatorisch zeigt sich typischerweise ein endinspiratorisches Knisterrasseln. Die akute Bronchiolitis kann mit starker Dyspnoe fulminant verlaufen, sodass eine intensivmedizinische Behandlung mit Atemunterstützung erforderlich wird. Die STIKO empfiehlt mittlerweile für alle Neugeborenen und Säuglinge die RSV-Passivimpfung vor/während der 1. RSV-Saison.
Definition
- Akute Bronchiolitis: Virale Infektion der unteren Atemwege (Bronchiolen und kleine Bronchien) im Säuglingsalter [1]
- Akute obstruktive Bronchitis: Virale Infektion der unteren Atemwege (insb. mittlere und größere Bronchien) mit Bronchialobstruktion
- Für weitere Informationen siehe auch: Akute obstruktive Bronchitis bei Kindern und Jugendlichen
Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer Bronchiolitis und einer obstruktiven Bronchitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!
Epidemiologie
- Inzidenz: Ca. 20–30% aller Kinder im 1. Lebensjahr [1]
- Häufigkeitsgipfel: Säuglinge im Alter von 3–6 Monaten [2]
- Hospitalisierungsrate: Ca. 2–3% [3]
- Saisonalität: Vorkommen insb. im Winter in nicht-tropischen Gebieten der Nordhalbkugel mit Peak im Januar/Februar
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Erreger [1]
- Respiratory-Syncytial-Viren (RS-Viren): Nachweis bei ca. 50–80% der stationär behandelten Kinder
- Rhinovirus: Zweithäufigster Erreger
- Seltenere Erreger: Parainfluenzavirus, humanes Metapneumovirus, Coronavirus, Adenovirus, Influenzavirus, Enterovirus
- Infektionsweg: Tröpfcheninfektion
- Risikofaktoren für schwere Verläufe
- Alter <3 Monate
- Frühgeburtlichkeit <30. SSW [3]
- Vorerkrankungen
- Immundefekt oder immunsuppressive Therapie
- Neuromuskuläre Erkrankungen
- Hämodynamisch relevante angeborene Herzfehler
- Chronische Lungenerkrankungen
- Chromosomale Aberrationen, bspw. Trisomie 21 [4][5]
- Tabakrauchexposition
- Fehlendes Stillen [5]
Pathophysiologie
Sowohl direkt zytopathische Effekte der Erreger als auch lokale und systemische (zelluläre) Immunreaktionen sind an der Pathogenese beteiligt . [1]
- Mechanismus
- Nekrose respiratorischer Epithelzellen → Entzündungsreaktion mit Ödem von Atemwegen und umgebendem Gewebe sowie Sekretvermehrung → Obstruktion der Bronchiolen durch abgeschilferte Epithelzellen und Sekret → Überblähung und Atelektasen verschiedener Lungenabschnitte → Ventilations-Perfusions-Missverhältnis → Hypoxämie → Erhöhte Atemarbeit → Respiratorische Erschöpfung
- Bei RSV-Infektion auch Apnoe [4]
- Verlauf selbstlimitierend, Regeneration der Epithelien i.d.R. innerhalb 4–8 Wochen [6]
Symptomatik
- Prodromalstadium: Infektion der oberen Atemwege [1]
- Nach ca. 24–72 h: Infektion der unteren Atemwege
- Persistierender Husten
- Zeichen der Dyspnoe: Tachypnoe, Nasenflügeln, Zyanose, Einziehungen
- Teils verlängertes Exspirium und/oder Pfeifen/Giemen
- Trinkschwäche bis hin zu Dehydratation
- Bei RSV-Infektion im frühen Säuglingsalter (insb. bei Frühgeborenen) teils Apnoe als einziges Symptom
- Bei schweren Fällen: Respiratorische Insuffizienz mit Notwendigkeit intensivmedizinischer und respiratorischer Unterstützung
- Verlauf: I.d.R. Dauer von 14 Tagen, bei ca. 10% der Kinder nach 3 Wochen noch Husten als Restsymptom
Insb. im Anfangsstadium der Erkrankung sollte unbedingt ein Kontrolltermin vereinbart werden, falls das Kind nicht stationär aufgenommen wird, da Verlauf und Schweregrad noch nicht absehbar sind!
Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer obstruktiven Bronchitis und einer Bronchiolitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!
- Für weitere Informationen siehe auch: Akute obstruktive Bronchitis bei Kindern und Jugendlichen
Diagnostik
Anamnese und Klinik sind vordergründig für die Diagnosestellung. [1]
- Immer indiziert
- Auskultation: Endinspiratorisches Knisterrasseln
- Bestimmen der Atemfrequenz
- Pulsoxymetrie zur Beurteilung des Schweregrades
- Labor
- Nasen-Rachen-Abstrich mit Multiplex-PCR und RSV-Schnelltest: Zur Ermittlung einer notwendigen (Kohorten‑)Isolation [7]
- Großes Blutbild: Insb. im frühen Säuglingsalter zur Differenzialdiagnostik des Fiebers
- Blutgasanalysen und Elektrolyte: In schweren Fällen
- Blutkulturen: Nur bei Sepsisverdacht
- Bildgebung
- Sonografie
- Nur bei schwerem, untypischem Verlauf: Röntgen-Thorax
- Typischer Befund bei akuter Bronchiolitis
- Diskrete peribronchiale bzw. parenchymatöse Infiltrate
- Überblähungsareale
- Atelektasen (insb. in den Oberlappen)
- Typischer Befund bei akuter Bronchiolitis
Schweregrad der akuten Bronchiolitis [1] | |||
---|---|---|---|
Parameter | Leicht | Mittel | Schwer |
Atemfrequenz | <40/min | 40–70/min | >70/min |
saO2 bei Raumluft | >92% | 88–92% | <88% |
Sternale und/oder thorakale Einziehungen | — | ✓ | ✓✓ |
Beeinträchtigung der Nahrungsaufnahme | — | ✓ | ✓✓ |
–: nicht vorhanden; ✓: vorhanden; ✓✓: ausgeprägt |
Relevante bakterielle Sekundärinfektionen sind bei Kindern mit akuter Bronchiolitis sehr selten!
Differenzialdiagnosen
- Obstruktive Bronchitis
- Bronchopneumonie
- Pertussis
- Insb. bei fehlender Symptomatik der oberen Atemwege: Fehlbildungen der Atemwege, Fremdkörper-Aspiration, kardiale Erkrankung
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
- Ambulantes Vorgehen [1][2]
- Körperliche Schonung
- Auf ausreichende Trinkmengen achten
- Hospitalisierungskriterien : ≥1 der folgenden
- Apnoe (anamnestisch oder nachgewiesen)
- Unzureichende Flüssigkeitszufuhr (≤50–75% der normalen Menge)
- Persistierend schwere Dyspnoe (mit Einziehungen bzw. Atemfrequenzen >70/min)
- Persistierende Sauerstoffsättigung ≤92% bei Raumluft
- Stationäres Vorgehen
- Minimal Handling
- Ausreichende Hydratation
- Motivieren zu trinken
- Flüssigkeitsgabe über transnasale oder orale Magensonde
- I.v. Flüssigkeitssubstitution
- Sicherstellen der Oxygenierung
- Ggf. oberflächliches nasales Absaugen
- Nicht routinemäßig empfohlen: Atem(physio)therapie
- Nur in Ausnahmefällen: Medikamentöse Therapie
- Antibiotika: Nur bei dringendem V.a. oder Nachweis einer bakteriellen Infektion [8]
- Umstritten: Hypertone Kochsalzlösung 3% (z.B. MucoClear®) inhalativ
- Standarddosierung (ab Geburt)
- Zu beachten
- Insb. bei kleinen Säuglingen kann es zu einer übermäßigen Reaktion mit konsekutiver Verengung der Bronchien kommen, dann ist die Behandlung unverzüglich abzubrechen
- Nach der Inhalation sollte, wenn möglich, eine aufrechte Haltung eingenommen werden, um das Abhusten des Schleims zu erleichtern
- Bei Inhalation zu Hause sollten aus hygienischen Gründen vorzugsweise kleine Ampullen à 5–10 mL verschrieben werden
- Nicht empfohlen
Komplikationen
- Otitis media (bei RSV-Infektion)
- Bronchopneumonie
- Bakterielle Superinfektion
- Insb. bei Frühgeborenen: Apnoe
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Prognose
- Mortalität: In ressourcenreichen Ländern nur gering [1][10][11]
- Hyperreagibles Bronchialsystem: Erhöhtes Risiko für rezidivierende obstruktive Bronchitiden und Asthma bronchiale
Exkurs: RSV-Infektion
Epidemiologie [4][5][6]
- Vorkommen: Weltweit
- Bedeutung: Häufigster (nachgewiesener) Erreger unterer Atemwegsinfektionen bei Kindern <2 Jahren
- >90%ige Durchseuchung bis zum Alter von 2 Jahren
- Inzidenz [12]
- Akute untere Atemwegsinfekte: ca. 90 pro 1.000 <1-Jährige pro Jahr
- Hospitalisierungen aufgrund unterer Atemwegsinfekte : ca. 27 pro 1.000 Säuglinge <6 Monate pro Jahr
- Letalität bei hospitalisierten Kleinkindern ≤2 Jahre [6]
- 0,2% der Fälle bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko
- 1,2% der Fälle bei Frühgeborenen
- 4,1% der Fälle bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie
- 5,2% der Fälle bei Kindern mit angeborenem Herzfehler
- Häufigkeitsgipfel: Kinder <2 Jahre und ältere Menschen [13]
- Geschlecht
Ätiologie
- Erreger: Respiratory-Syncytial-Virus (RS-Virus)
- Reservoir: Mensch als einziges Reservoir
- Pathogenese
- Virusreplikation in den Epithelzellen der Atemwege → Reversible Epithelschädigung durch Bildung von Synzytien und Immunreaktion → Verlegung der Bronchien durch Zelldetritus, Abwehrzellen und Mukus → Nicht belüftete bzw. kompensatorisch überbelüftete Lungenareale
- Verlauf selbstlimitierend; Regeneration der Epithelien i.d.R. innerhalb 4–8 Wochen
- Infektionsweg: Hauptsächlich Tröpfcheninfektion
- Indirekte Infektion über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen möglich
- Virusausscheidung: Ab 1 Tag nach Ansteckung
- Bei Personen ohne Grunderkrankung über 3–8 Tage
- Bei Frühgeborenen und Immundefizienten ggf. über Wochen bis Monate
- Immunität: Nein, Re-Infektion häufig
- Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer RSV-Infektion[5][6][14]
- Vorerkrankungen
- Schwere Immundefizienz
- Neuromuskuläre Erkrankungen
- Schwere kardiale Erkrankungen
- Chronische Lungenerkrankungen
- Chromosomale Aberrationen, bspw. Trisomie 21
- Potenzielle Risikofaktoren
- Männliches Geschlecht
- Alter <6 Monate
- Niedriges Geburtsgewicht
- Unterernährung
- Mehrlingsgeburt
- Niedrige RSV-Antikörper im Nabelschnurblut
- Geschwisterkinder im Kleinkindalter
- Betreuung in Gemeinschaftseinrichtungen
- Tabakrauchexposition
- Niedriger Sozial- und Ausbildungsstatus der Eltern, enge häusliche Verhältnisse
- Positive Familienanamnese für atopische Erkrankungen und/oder Asthma
- Aufwachsen in Höhenlagen
- Vorerkrankungen
Klinik
- Inkubationszeit: 2–8 Tage (im Durchschnitt 5) [6][8]
- Häufig: Asymptomatisch oder unkomplizierte Infekte der oberen Atemwege
- Manchmal: Infekte der unteren Atemwege
- Typische RSV-Bronchiolitis (insb. Kinder <1 Jahr)
- Apnoe (insb. Säuglinge <6 Monate und Frühgeborene) [4]
- Obstruktive Bronchitis (meist Kinder ≥1 Jahr)
- Typische RSV-Bronchiolitis (insb. Kinder <1 Jahr)
Therapie
Siehe: Akute Bronchiolitis - Therapie
Prävention
Siehe: Akute Bronchiolitis - Prävention
Meldepflicht
- Labormeldepflicht nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis [15]
Prävention
Allgemeine Präventionsmaßnahmen [14]
- Allgemeine Hygienemaßnahmen
- Ausreichend lüften
- Händehygiene aller Kontaktpersonen von Neugeborenen/Säuglingen
- Tabakrauchexposition vermeiden
- Im Säuglingsalter stillen
- Impfschutz gemäß STIKO-Empfehlungen
RSV-Prävention
Allgemeine RSV-Prävention bei Risikokindern (während der RSV-Saison)
- Kontaktbegrenzung
- Bei Hospitalisierung
- Strenge Kontaktbegrenzung
- Präventive RSV-Teststrategie mit Point-of-Care-Tests
- Umkehrisolation von Risikokindern ohne RSV-Infektion
RSV-Impfung
RSV-Aktivimpfung [16]
- Standardimpfung: Für alle Personen ab 75 Jahren
- Beachte: Für Schwangere bisher keine STIKO-Empfehlung
- Zur Empfehlung der DGGG siehe: Impfempfehlungen für Schwangere
- Zur Empfehlung der Sächsischen Impfkommission siehe: SIKO
- Für Details siehe: RSV-Aktivimpfung, RSV-Impfstoffe
RSV-Passivimpfung [14][17]
- RSV-Standardprophylaxe
- Indikation: STIKO-Empfehlung für alle Neugeborenen/Säuglinge vor/während der 1. RSV-Saison
- Nicht indiziert: Nach
- Labordiagnostisch gesicherter RSV-Infektion
- Zeitgerechter maternaler RSV-Impfung (Aktivimpfung) in der Schwangerschaft
- Wirkstoff: Nirsevimab
- Bei Versorgungsengpässen: Priorisierung von Risikokindern
- Impfschema: Einzeldosis
- Zeitpunkt: Abhängig vom Geburtsmonat
- RSV-Prophylaxe bei Risikofaktoren für einen schweren Verlauf
- Indikationen
- Immer: Vor/während der 1. RSV-Saison
- Beachte: RSV-Prophylaxe auch nach zeitgerechter maternaler RSV-Impfung (RSV-Aktivimpfung in der Schwangerschaft) bei
- Frühgeborenen <35+0 SSW
- Hämodynamisch relevanter Herzerkrankung
- Chronischer Lungenerkrankung
- Schwerer Immundefizienz
- Relevanter syndromaler oder neuromuskulärer Erkrankung
- Beachte: RSV-Prophylaxe auch nach zeitgerechter maternaler RSV-Impfung (RSV-Aktivimpfung in der Schwangerschaft) bei
- Abhängig vom Risikoprofil: Ggf. bis zum Alter von 24 Monaten (siehe: Anwendung der RSV-Prophylaxe bei Risikokindern)
- Immer: Vor/während der 1. RSV-Saison
- Wirkstoffe: Monoklonale Antikörper
- 1. Wahl: Nirsevimab (siehe: Beyfortus®)
- 2. Wahl: Palivizumab (siehe: Synagis®)
- Impfschema: Abhängig vom verwendeten Impfstoff
- Nirsevimab: Einmaldosis möglichst vor der RSV-Saison (September – November)
- Palivizumab: 5 Gaben im Abstand von je 4 Wochen, Beginn vor der RSV-Saison (September – November)
- Besonderheiten: Verzicht auf bzw. Beendigung der RSV-Prophylaxe nach stattgehabter RSV-Infektion
- Indikationen
Anwendung der RSV-Prophylaxe bei Risikofaktoren für einen schweren Verlauf | |||||
---|---|---|---|---|---|
Indikation | 1. RSV-Saison | 2. RSV-Saison | |||
Nirsevimab (1. Wahl) | Palivizumab (2. Wahl) | Nirsevimab (1. Wahl) | Palivizumab (2. Wahl) | ||
Allgemein | ✓ | (✓) | (✓) | (✓) | |
Frühgeburt | Behandlung wegen BPD / chronischer Lungenerkrankung und O2-Bedarf/Beatmung in den letzten 6 Monaten | +++ | ✓ | ✓ | ✓ |
<35+0 SSW | ++ | (✓) | — | — | |
Herzerkrankung | Mit hämodynamischer Relevanz | +++ | ✓ | (✓) | ✓ bzw. (✓) |
Ohne hämodynamische Relevanz | + | — | — | — | |
Chronische Lungenerkrankung | + | — | (✓) | — | |
Schwere Immundefizienz | + | (✓) | (✓) | (✓) | |
Syndromale/neuromuskuläre Erkrankung | + | (✓) | (✓) | (✓) | |
Legende: ✓ = Anwendung empfohlen; (✓) = Anwendung erwägen; — = nicht indiziert; +++ = höchste Priorität ; ++ = hohe Priorität ; + = mittlere Priorität |
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- J21.-: Akute Bronchiolitis
- Inklusive: Mit Bronchospasmus
- J21.0: Akute Bronchiolitis durch Respiratory-Syncytial-Viren [RS-Viren]
- J21.1: Akute Bronchiolitis durch humanes Metapneumovirus
- J21.8: Akute Bronchiolitis durch sonstige näher bezeichnete Erreger
- J21.9: Akute Bronchiolitis, nicht näher bezeichnet
- Bronchiolitis (akut)
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.