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Hirnnerven-Syndrome

Last updated: 18.1.2021

Abstract

Die Untersuchung der Hirnnerven ist essentieller Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Auffälligkeiten in der Prüfung lassen häufig schon eine gute Eingrenzung der Lokalisationshöhe zu. In diesem Kapitel sind die Störungen der Hirnnerven isoliert betrachtet – häufig kommen aber auch mehrere Störungen kombiniert vor (siehe → Syndrome der Schädelbasis).

Übersicht über die Hirnnerven

Ein Merksatz zur Erinnerung der Hirnnerven (von N. I–XII, wobei der Anfangsbuchstabe des einzelnen Wortes für den Anfangsbuchstaben des Hirnnerven steht):

„Onkel Otto operiert tag täglich, aber feiertags vertritt er gerne viele alte Hebammen.“

Hirnnerv Hauptinnervationsgebiete Leitbefunde bei Ausfall
I Nervus olfactorius
  • Sensorisch: Olfaktorische Wahrnehmung
II Nervus opticus
  • Visusverlust/ Erblindung
III Nervus oculomotorius
  • Mydriasis, lichtstarre Pupillen
  • Eingeschränkte Nah-Akkomodationsfähigkeit
IV Nervus trochlearis
  • Schräg stehende, vertikale Doppelbilder
  • Auge zeigt Deviation nach oben innen
  • Kopfzwangshaltung mit Kopfneigung zur gesunden Seite und Bielschowsky-Phänomen
V Nervus trigeminus
VI Nervus abducens
  • Einwärtsschielen des betroffenen Auges
  • Kopfzwangshaltung mit Kopfdrehung in Richtung der betroffenen Seite
VII Nervus facialis
  • Geschmacksstörungen
VIII Nervus vestibulocochlearis
  • Hör- und Gleichgewichtsausfälle
IX Nervus glossopharyngeus
  • Hypästhesie
  • Geschmacksstörungen
  • Motorisch: Obere Speisewegs- und Schlundmuskulatur, Gaumensegel
  • Ggf. Dysphagie
  • Schlaffes Gaumensegel („Kulissenphänomen“)
X Nervus vagus
  • Unterschiedlich stark ausgeprägte Dys- und Parästhesien in den Innervationsgebieten
  • Motorisch: Obere Speisewegs- und Schlundmuskulatur, Kehlkopf, Gaumensegel
  • Vegetativ: Herz, bestimmte Gefäße und Bauchorgane bis zum Cannon-Böhm-Punkt in der linken Kolonflexur
XI Nervus accessorius
  • Kopfdrehung nach kontralateral erschwert
  • Ipsilaterales Schulterheben erschwert
XII Nervus hypoglossus
  • Abweichen der Zunge zur betroffenen Seite

Nervus-oculomotorius-Läsion (III, Okulomotoriusparese)

Der N. oculomotorius versorgt: M. levator palpebrae superioris, M. rectus superior, M. rectus inferior, M. rectus medialis und M. obliquus inferior. Parasympathische Fasern innervieren den M. ciliaris und M. sphincter pupillae.

  • Komplette Ophthalmoplegie
    • Auge zeigt Deviation nach außen unten
    • Ptosis und Mydriasis
    • Nah-Akkommodation gestört
    • Die Patienten beklagen i.d.R. keine Diplopie, weil das Auge durch die Ptosis okkludiert ist
      • Bei inkompletter Parese treten jedoch häufig Doppelbilder auf
  • Ophthalmoplegia interna
    • Bei leichter Druckschädigung des N. oculomotorius werden zunächst die parasympathischen Fasern geschädigt, was zu einer weiten, lichtstarren Pupille und gestörter Nah-Akkommodation bei erhaltener Augenmotilität führt
  • Ophthalmoplegia externa
    • Erhaltene autonome Funktion bei gestörter Augenmotilität

Nervus-trochlearis-Läsion (IV, Trochlearisparese)

  • Klinik: Ausfall des M. obliquus superior (Funktion: Innenrotation, Abduktion und Senkung des Augapfels bei Adduktion) Übergewicht des antagonistischen M. obliquus inferior
    • Fehlende Senkung des Augapfels bei Adduktion → Höherstand des Bulbus bei Adduktion
    • Fehlende Abduktion → Leichte nasale Schielabweichung
    • Fehlende Innenrotation → Verrollung des Auges nach außen
    • Folgen
      • Schräg stehende, vertikale Doppelbilder; stärkste Doppelbilder beim Blick nach nasal unten (z.B. beim Lesen)
      • Zur größten Schielabweichung kommt es bei Kopfneigung zur Seite des paretischen Muskels, da der Bulbus nach oben innen abweicht. Kompensatorisch neigen die Patienten den Kopf zur Gegenseite (Bielschowsky-Phänomen )
  • Ursachen: Gefäßveränderungen (Diabetes mellitus, Hypertonie, Arteriosklerose) oder Traumata

Nervus-trigeminus-Läsion (V, Trigeminusparese)

Komplette N. trigeminus-Läsionen sind selten. Läsionen betreffen häufiger einen der drei Hauptäste (N. ophthalmicus, N. maxillaris und/oder N. mandibularis)

Nervus-abducens-Läsion (VI, Abduzensparese)

Nervus-facialis-Läsion (VII)

Nervus-glossopharyngeus-Läsion (IX)

Nervus-vagus-Läsion (X)

Nervus-accessorius-Läsion (XI)

Nervus-hypoglossus-Läsion (XII)

  • Inaktivitätsatrophie und Faszikulieren der Zunge auf der kranken Seite
  • Durch Überwiegen des Muskeltonus auf der gesunden Seite weicht die Zunge beim Herausstrecken zur kranken Seite ab

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2021

G50.-: Krankheiten des N. trigeminus [V. Hirnnerv]

G51.-: Krankheiten des N. facialis [VII. Hirnnerv]

G52.-: Krankheiten sonstiger Hirnnerven

G53.-:* Krankheiten der Hirnnerven bei anderenorts klassifizierten Krankheiten

Sonstige Hirnnervenaffektionen

S04.-: Verletzung von Hirnnerven

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

Quellen

  1. Masuhr, Neumann: Duale Reihe Neurologie. 6. Auflage Thieme 2007, ISBN: 978-3-131-35946-9 .
  2. Berlit: Klinische Neurologie. 3. Auflage Springer 2011, ISBN: 978-3-642-16920-5 .