Zusammenfassung
Cannabis gilt seit dem 01.04.2024 in Deutschland als (teil‑)legalisierte Droge (siehe auch: Cannabisgesetz [CanG] unter Tipps & Links). Die Hauptwirkstoffe THC und Cannabidiol werden aus der Hanfpflanze gewonnen und i.d.R. inhalativ als gedrehte Zigaretten (Joints) oder oral, z.B. in Form von Keksen (sog. Spacecookies), konsumiert. Bei etwa 1% der deutschen Bevölkerung liegt ein Cannabismissbrauch bzw. eine -abhängigkeit vor.
Cannabis besitzt eine euphorisierende und sedativ-anxiolytische Hauptwirkung. Je nach Züchtung können unterschiedlich stark ausgeprägte halluzinogene und psychotische Wirkungen hinzukommen.
In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten möglich. Die Evidenzlage ist hier noch gering, wobei aufgrund der erleichterten Verordnung in den kommenden Jahren eine Verbesserung der Datenlage zu erwarten ist.
Epidemiologie
Cannabiskonsum [1]
- 12-Monats-Prävalenz (Stand 2023)
- Jugendliche (12–17 Jahre): 6,7%
- Junge Erwachsene (18–25 Jahre): 23,5%
- Geschlechterverteilung
- Zeitliche Trends (Zeitraum 2008–2023)
- Junge Erwachsene: Deutlicher Anstieg des Konsums
- Jugendliche: Weitgehend stabile Prävalenzzahlen
Da die Daten auf Selbstauskünften über ein (zum Erhebungszeitpunkt) illegales Verhalten basieren, ist eine Unterschätzung der tatsächlichen Prävalenzen möglich! [1]
Cannabisabhängigkeit [1]
- Prävalenz
- Allgemeines Risiko: Ca. 9% aller Cannabiskonsumierenden
- Jugendliche (12–18 Jahre): 11,7%
Ein Konsumbeginn im Jugendalter geht mit einem erhöhten Abhängigkeitsrisiko einher – insb. bei täglichem Gebrauch! [1]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Herstellungs- und Konsumformen
- Herstellungsformen
- Marihuana (sog. „Gras“): Getrocknete Blätter und Blüten der Hanfpflanze
- Haschisch (sog. „Dope“, „Shit“): Harz der Blütenstände der Hanfpflanze
- Konsumformen
Wirkstoffe und Wirkmechanismus
- Wirkstoffe [2]
- Wirkmechanismus
- THC: Partieller Agonist an spezifischen Cannabinoidrezeptoren (CB1, CB2) [3]
- CB1-Rezeptoren: Insb. im ZNS [2]
- CB2-Rezeptoren: Insb. auf Zellen des Immunsystems
- CBD: Keine primäre Wirkung über CB1-/CB2-Rezeptoren
- Unter anderem Agonist an 5-HT1A-Rezeptoren, TRPV-Rezeptoren
- Negativer allosterischer Modulator am CB1-Rezeptor und schwacher Antagonist am CB2-Rezeptor
- THC: Partieller Agonist an spezifischen Cannabinoidrezeptoren (CB1, CB2) [3]
Wirkungen und Nebenwirkungen
Wirkungen
- Initial: Euphorie (oft mit sog. „Lachflashs“), Entspannung und halluzinogene Effekte
- Im Verlauf: Passivität, Antriebshemmung und gesteigerter Appetit / Heißhungerattacken
- Zeitlicher Ablauf
- Inhalativer Konsum: Wirkeintritt innerhalb weniger Minuten, Wirkmaximum nach 20–30 min, Wirkdauer insg. ca. 2–5 h
- Oraler Konsum: Wirkeintritt nach ca. 45–120 min, Wirkmaximum nach 2–3 h, Wirkdauer insg. ca. 5–10 h
Nebenwirkungen
- Körperlich
- Übelkeit, Erbrechen
- Tachykardie
- Vasodilatation mit konjunktivaler Injektion
- Appetitsteigerung, Mundtrockenheit mit Durstgefühl
- Psychisch
- Ängstliche Verstimmung bis hin zu Panikgefühlen
- Derealisation, Depersonalisation
- Psychotische Symptome
Komplikationen
Körperlich
- Pulmonale Folgeerkrankungen des inhalativen Konsums
- Cannabis-Hyperemesis-Syndrom [4]
- Symptome
- Übelkeit
- Zyklische, massive Brechattacken
- Abdominelle Schmerzen
- Merkmale
- Meist fehlende Linderung durch übliche Antiemetika
- Oft Besserung durch heißes Duschen/Baden
- Rom-IV-Kriterien
- Symptome seit >3 Monaten bestehend; Auftreten der ersten Symptome ≥6 Monate vor der Diagnose
- Dauer einer Episode <1 Woche
- Mind. 3 eigenständige Episoden im letzten Jahr
- Mind. 2 Episoden in den letzten 6 Monaten (Abstand mind. 1 Woche)
- Fehlen von Erbrechen zwischen den Episoden
- Mögliche Komplikationen
- Ausgeprägte Exsikkose
- Elektrolytstörungen
- Akutes prärenales Nierenversagen
- Akuttherapie
- Flüssigkeitssubstitution
- Großflächig auf den Körperstamm aufgetragene Capsaicincreme (0,075%)
- Haloperidol i.m. (Off-Label Use)
- Kausale Therapie: Vollständige Beendigung des Cannabiskonsums
- Symptome
Psychisch [5]
- Erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, u.a.
- Intoxikationspsychose
- Auftreten: Auch bei gelegentlichem Konsum möglich
- Psychotische Symptome, ggf. mit Verwirrtheit und partieller Amnesie nach Ende des Rausches
- Dauer: Stunden bis 2 Tage
- Therapie: Ggf. Benzodiazepine
- Induzierte Psychose
- Auftreten: Meist bei chronischem Konsum
- Ursache: Individuell hohe Disposition für Psychosen vermutet
- Beginn: Unmittelbar nach Cannabiskonsum bis zu 2 Wochen danach
- Dauer: Tage bis Wochen (gelegentlich bis zu 6 Monate)
- Therapie
- Psychoedukation
- Atypische Antipsychotika, ggf. Benzodiazepine (nur kurzzeitig)
- (Chronische) Persönlichkeitsveränderung
- Auftreten: Bei chronischem Konsum
- Amotivationales Syndrom, u.a. mit
- Antriebsstörungen
- Affektverflachung
- Leistungsminderung
- Dauer: Chronischer Verlauf bei starkem Konsum, meist Besserung nach längerer Abstinenz
- Therapie
- Ggf. antriebssteigernde Antidepressiva oder atypische Antipsychotika
- Soziotherapie
- Kognitive Störungen
- Auftreten: Insb. bei chronischem Konsum und Konsumbeginn im jugendlichen Alter
- Anhaltende Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen
- Häufig in Kombination mit amotivationalem Syndrom
- Mögliche Ursachen
- Chronischer Intoxikationszustand
- Neurotoxische Effekte
- Dauer: Nach Abstinenz überwiegend reversibel
- Keine spezifischen Therapiemaßnahmen
Cannabisintoxikation [6]
Symptome
- Allgemein: Kaum akute Toxizität
- Psychisch
- Angst und Agitation (am häufigsten) [4]
- Initial psychische Stimulation mit Euphorie, im Verlauf Sedierung und depressive Symptome
- Halluzinationen
- Flashbacks
- Kardiovaskulär
- Tachykardie (in hohen Dosierungen Bradykardie)
- Initial Hypertonie, im Verlauf Hypotension
- Respiratorisch
- Pharyngitis
- Bronchitis
- Ggf. Atemdepression
- Neurologisch: Epileptische Anfälle
- Gastrointestinal
- Übelkeit
- Erbrechen
Je nach Konsumform ist ein Abklingen der Beschwerden nach 3–5 h (inhalativ) bzw. 8–12 h (oral) zu erwarten! [4]
Therapie bei Cannabisintoxikation
- Supportive Therapie (Beruhigung und Reizabschirmung): I.d.R. ausreichend
- Medikamentöse Therapie [4][6]
- Ggf. Sedierung: Intermittierende Gabe von Benzodiazepinen, bspw. Lorazepam
- Ggf. antipsychotische Medikation, bspw. Haloperidol
- Ggf. antihypotensive Maßnahmen
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Cannabisabhängigkeit
Diagnosekriterien
- Entsprechend den allgemeinen Kriterien
- Mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) unter Tipps & Links
Der Großteil der Cannabiskonsument:innen entwickelt keine Abhängigkeit! [7]
Cannabisentzug [2][8]
- Häufige körperliche Symptome
- Appetit- und Gewichtsverlust
- Schlafstörungen
- Motorische Unruhe, Tremor
- Schwitzen
- Häufige psychische Symptome
- Irritabilität
- Aggression
- Ängste
- Depression
- Dauer [7]
- Beginn: Ca. 12 h nach letztem Konsum
- Können bis zu 3 Wochen anhalten
- Medikamentöse Therapieoptionen
- Selten notwendig
- Bei ausgeprägter Symptomatik (Gabe erfolgt im Off-Label Use) [9]
- Erwachsene: Zeitlich befristet Gabapentin (niedrige Evidenz!)
- Kinder und Jugendliche: Sedierende, niederpotente Antipsychotika, bspw. Chlorprothixen, Promethazin, Melperon
Therapie der Cannabisabhängigkeit [9]
- Allgemeine Grundsätze, siehe: Therapie von Abhängigkeiten
Psychotherapie und Soziotherapie
Kinder und Jugendliche
- Therapieangebote
- Psychoedukation
- Motivierende Interventionen (inkl. motivierender Gesprächsführung)
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
- Kontingenzmanagement
- Familienbasierte Verfahren
- Weitere: Bspw. soziales Kompetenztraining, Ergotherapie, Bewegungstherapie, Erziehungshilfe
- Ab 16 Jahren: Kombinierte Interventionsprogramme
- Setting
- Abhängig u.a. von Schutzbedarf, Motivation und medizinischen Risiken
- Bei stationärer Behandlung: Klinikschulbesuch ermöglichen
- Rahmenbedingungen: Enger Einbezug von Angehörigen oder anderen Bezugspersonen (z.B. Jugendhilfe, Schule)
Im Kindes- und Jugendalter sollten bei der Therapie verhaltenstherapeutische Elemente mit systemisch-familienorientierten Ansätzen kombiniert werden!
Erwachsene
- Therapieangebote
- Motivierende Interventionen (inkl. motivierender Gesprächsführung)
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
- Kontingenzmanagement
- Kombinierte Interventionsprogramme
- Ggf. weitere : Bspw. Psychoedukation, soziales Kompetenztraining, Bewegungstherapie, Ergotherapie
- Unter Einbezug von Familienangehörigen (bspw. Partner:innen)
Die höchste Effektivität bei Erwachsenen weisen Kurzinterventionen mit Kombinationen aus Motivationsförderung, kognitiver Verhaltenstherapie und Kontingenzmanagement auf!
Digitale Therapieverfahren
- Bei vorhandener Veränderungsmotivation: Online-Programm „Quit the Shit“ (siehe: Tipps und Links)
Pharmakotherapie
- Keine spezifische Zulassung zur Entwöhnung oder Rückfallprophylaxe
Medizinisches Cannabis
- Verordnung: In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten unter bestimmten Bedingungen möglich
- Verschreibung im Rahmen eines BtM-Rezepts entfällt seit 01.04.2024 (Ausnahme: Nabilon )
- Verschreibungspflicht bleibt bestehen
- Ggf. Klärung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse
- Siehe auch: BfArM, Medizinisches Cannabis unter Tipps & Links
- Verfügbare Präparate [10]
- Bevorzugt: Fertigarzneien / isolierte Einzelsubstanzen
- Alternativ: Getrocknete Cannabisblüten und ölige Cannabisextrakte
| Verfügbare Cannabis-Präparate zur medizinischen Anwendung [10] | ||||
|---|---|---|---|---|
| Präparat | Wirkstoff | Handelsname | Darreichungsform | Anwendung [10] |
| Nabilon |
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| Nabiximols |
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| Dronabinol (CB1R-Agonist) |
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| Cannabidiol |
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- Nebenwirkungen: Bspw. [14]
- Zentralnervöse Nebenwirkungen wie Schwindel, Somnolenz, Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen
- Gastrointestinale Nebenwirkungen (v.a. Übelkeit, Mundtrockenheit)
- Kontraindikationen: Bspw.
- Psychiatrische Komorbiditäten wie schwere Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen
- Schwere kardiovaskuläre Komorbidität
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Evidenzlage [15][16]
- (Noch) geringe Evidenz für viele Indikationen
- Verbesserung der Datenlage in den kommenden Jahren aufgrund der erleichterten Verordnung zu erwarten
Rechtsmedizinischer Nachweis
- Urin: Je nach Konsumhäufigkeit kann die Nachweisbarkeit zwischen ca. 3 Tagen (Gelegenheitskonsum) bis zu mehreren Wochen (starker Konsum) liegen [2]
- Blut [2]
Studientelegramme zum Thema
- HOMe Studientelegramme Innere Medizin
- Studientelegramm 282-2024-1/3: Non fumar!? Mögliche Gesundheitsfolgen von Cannabis-Legalisierung
- Studientelegramm 202-2022-3/3: Don’t smoke weed and drive – Daten aus Kanada
- Studientelegramm 194-2021-2/3: Cannabiskonsum unter Schwangeren während der COVID-19-Pandemie
- Studientelegramm 65-2019-1/3: Keine Macht den Drogen
- Studientelegramm 52-2018-3/3: “Tu mal lieber die Möhrchen” - No pot for diabetics?
- Studientelegramm 16-2018-2/3: Marihuanakonsum und Verkehrssicherheit
- One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)
- One-Minute Telegram 128-2025-3/3: CBD linked to liver enzyme elevations in healthy adults
- One-Minute Telegram 95-2024-2/3: Cannabis: a menace to heart health?
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Cannabis: THC und CBD
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
F12.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide
- F12.0: Akute Intoxikation [akuter Rausch]
- Rausch o.n.A.
- Trance und Besessenheitszustände bei Intoxikation mit psychotropen Substanzen
- “Horrortrip“ (Angstreise) bei halluzinogenen Substanzen
- Exklusive: Intoxikation im Sinne einer Vergiftung (T36-T50)
- F12.1: Schädlicher Gebrauch
- F12.2: Abhängigkeitssyndrom
- Nicht näher bezeichnete Drogensucht
- F12.3: Entzugssyndrom
- F12.4: Entzugssyndrom mit Delir
- F12.5: Psychotische Störung
- Exklusive: Durch Alkohol oder psychoaktive Substanzen bedingter Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F10-F19, vierte Stelle .7)
- F12.6: Amnestisches Syndrom
- Alkohol- oder substanzbedingte amnestische Störung
- Durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingte Korsakowpsychose
- Nicht näher bezeichnetes Korsakow-Syndrom
- Exklusive: Nicht substanzbedingte(s) Korsakow-Psychose oder -Syndrom (F04)
- F12.7: Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
- Demenz und andere leichtere Formen anhaltender Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten
- Nachhallzustände (Flashbacks)
- Posthalluzinogene Wahrnehmungsstörung
- Residuale affektive Störung
- Residuale Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens
- Verzögert auftretende psychotische Störung durch psychotrope Substanzen bedingt
- Exklusive: Alkohol- oder substanzbedingt:
- Korsakow-Syndrom (F10-F19, vierte Stelle .6)
- Psychotischer Zustand (F10-F19, vierte Stelle .5)
- F12.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
- F12.9: Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
T40.-: Vergiftung durch Betäubungsmittel und Psychodysleptika [Halluzinogene]
- Exklusive: Intoxikation im Sinne von Rausch (F10-F19)
- T40.7: Cannabis (-Derivate)
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.