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Hörsturz

Letzte Aktualisierung: 11.1.2021

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Ein Hörsturz ist eine plötzlich einsetzende, schmerzlose, einseitige Innenohrschwerhörigkeit ohne erkennbare Ursache (idiopathisch), die häufig mit Tinnitus und gelegentlich auch mit Schwindel einhergeht. Sehr selten kommt eine beidseitige Hörminderung vor (5%). Eine medikamentöse Therapie mit systemischen oder intratympanalen Glucocorticoiden sollte zeitnah erfolgen. Sowohl Spontanheilungen als auch Rezidive sind möglich. Das Auftreten von vestibulären Symptomen gilt als prognostisch ungünstig.

  • Inzidenz: 160–400/100.000 pro Jahr, Tendenz steigend
  • Häufigkeitsgipfel
    • 50–60 Jahre, Inzidenz abnehmend mit jüngerem Lebensalter (bei Kindern selten)
    • Jahreszeitliche Erkrankungsgipfel: März, Oktober [2]
  • Geschlecht: =

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Pathogenese: Unklar
  • Mögliche Ursachen
    • Durchblutungsstörungen der Cochlea
    • Zelluläre Dysfunktionen der Haarzellen
    • Entzündungen des Innenohrs
  • Assoziation mit psychischen Belastungssituationen

Grad der Schwerhörigkeit [3]

Grad Hörschwelle
Geringgradige Schwerhörigkeit 20–40 dB
Mittelgradige Schwerhörigkeit 40–70 dB
Hochgradige Schwerhörigkeit 70–95 dB
Ertaubung >95 dB

Formen des Hörverlusts [2]

Formen des Hörverlusts Häufigkeit
Isoliert (in bestimmten Frequenzbereichen)
  • Tieffrequenzbereich
35%
  • Mittelfrequenzbereich
5%
  • Hochfrequenzbereich
50%
Pankochleär (über alle Frequenzen) 10%
  • Leitsymptom: Plötzliche einseitige, schmerzlose Innenohrschwerhörigkeit ohne erkennbare Ursache
  • Druckgefühl oder Gefühl von Watte im Ohr
  • Pelziges Gefühl im Bereich um die Ohrmuschel
  • Ggf. zusätzlich

Erstmaßnahmen

Apparative Diagnostik

Ursachenabklärung

Verlaufsuntersuchungen

Zusätzliche Diagnostik bei Schwindel

  • Untersuchung mit der Frenzel-Brille
  • (v)KIT = (videobasierter) Kopfimpulstest
    • Patient wird gebeten, einen festen Punkt (z.B die Nase des Untersuchers) zu fixieren
    • Untersucher nimmt den Kopf des Patienten in beide Hände und dreht diesen rasch jeweils ca. 30° nach rechts und links
    • Normalerweise wird die Drehung sofort durch eine Augenbewegung ausgeglichen
    • Bei Erkrankungen des Vestibularorgans, z.B. einer Neuronitis vestibularis, sieht man eine Korrektursakkade, wenn der Kopf zur erkrankten Seite gedreht wird
    • Vorsicht bei HWS-Erkrankungen!
  • Thermische Vestibularisprüfung

Bei neurologischen und/oder vestibulären Symptomen muss sofort eine Klinikeinweisung erfolgen!

Der Hörsturz ist eine Ausschlussdiagnose!

Erkrankungen des Ohres [2][5]

Weitere mögliche Erkrankungen

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Allgemeines

  • Besteht nach HNO-ärztlicher Vorstellung der Verdacht auf einen Hörsturz
    • Therapieoptionen sollten mit dem Patienten besprochen werden und sich am Beschwerdebild orientieren
    • Zeitnaher Beginn der Therapie mit Glucocorticoiden, noch bevor die Diagnostik beendet ist
  • Bei zusätzlichen neurologischen oder vestibulären Symptomen: Sofortige stationäre Einweisung
  • Spontanremissionsrate: 30–80% [2][5]
  • Minimieren von Stressfaktoren und Lärm
  • Ggf. Attestieren einer Arbeitsunfähigkeit

Es sollten bei jedem Patienten diagnostische Maßnahmen zur Ursachenfindung veranlasst werden!

Glucocorticoidtherapie bei Hörsturz

  • Indikation
    • Bei hinreichendem Verdacht auf einen Hörsturz und fehlenden Kontraindikationen: Sofortiger Beginn einer Glucocorticoidtherapie
    • Bei geringer objektiver und subjektiver Beeinträchtigung: Abwarten einer Spontanremission für 2–3 Tage möglich
      • Bei ausbleibender Besserung: Sofortiger Therapiebeginn
  • Durchführung
    • Ambulant: Bei fehlenden Risikofaktoren für Cortisontherapie
    • Stationär
      • Bei ein- oder beidseitiger Ertaubung
      • Bei kontralateral bereits ertaubtem oder hochgradig schwerhörigem Ohr
      • Bei zusätzlicher vestibulärer und/oder neurologischer Symptomatik
      • Bei zu erwartenden Nebenwirkungen durch die Glucocorticoidgabe (Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Glaukom, Depression)
      • Bei starker psychosomatischer Beeinträchtigung
  • Systemische Glucocorticoidgabe
    • Prednisolon hochdosiert
    • Bei Kontraindikationen für die systemische Glucocorticoidgabe oder bei ausbleibender Besserung nach systemischer Gabe kann eine intratympanale Gabe erfolgen
  • Zusätzlich Gabe von Protonenpumpeninhibitoren (wegen Glucocorticoid-Nebenwirkungen)

Weitere Therapieansätze ohne Evidenz (Wirksamkeit nicht bewiesen)

Ein früher Therapiebeginn verbessert die Prognose erheblich! Die Therapie mit Prednisolon sollte spätestens 2 Wochen nach Auftreten der Symptome begonnen werden! [11]

Bei einseitiger Ertaubung, objektivierbarer vestibulärer Symptomatik oder wenn es das „letzthörende“ Ohr ist, sollte in jedem Fall eine stationäre Therapie, ggf. mit Tympanoskopie, erfolgen!

  • Spontanremissionen
    • Innerhalb der ersten Tage möglich, insb. bei primär nur leichtgradigen Hörverlusten
    • Unterschiedliche Literaturangaben von 30% [2] bzw. 50% [12] bis zu 70–80% [5]
  • Beste Prognose: Isolierte Hörverluste im Tief- oder Hochtonbereich [2]
  • Ungünstigste Prognose
    • Bei primär an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit oder pankochleärer Ertaubung
    • Prognoseverschlechterung, je später mit der Therapie begonnen wird
  • Verlauf
    • Rezidivneigung, insb. bei Hörstürzen im Tief- und Mittelfrequenzbereich [1]
    • Bei starker Hörminderung und ausbleibender Besserung: Versorgung mit Hörgeräten notwendig
  • H91.-: Sonstiger Hörverlust

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. S1-Leitlinie Hörsturz (Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust). Stand: 1. Januar 2014. Abgerufen am: 28. November 2016.
  2. Strutz et al.: Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie. 2. Auflage Thieme 2009, ISBN: 978-3-131-16972-3 .
  3. Arnold, Ganzer: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme 1999, ISBN: 978-3-137-40203-9 .
  4. Di Stadio, Ralli: Systemic Lupus Erythematosus and hearing disorders: Literature review and meta-analysis of clinical and temporal bone findings In: Journal of International Medical Research. Band: 45, Nummer: 5, 2017, doi: 10.1177/0300060516688600 . | Open in Read by QxMD p. 1470-1480.
  5. Mrowinski et al.: Audiometrie: Eine Anleitung für die praktische Hörprüfung. Thieme 2001, ISBN: 978-3-132-40107-5 .
  6. Koo et al.: The efficacy and safety of systemic injection of Ginkgo biloba extract, EGb761, in idiopathic sudden sensorineural hearing loss: a randomized placebo-controlled clinical trial In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. Band: 273, Nummer: 9, 2015, doi: 10.1007/s00405-015-3821-4 . | Open in Read by QxMD p. 2433-2441.
  7. Nageris et al.: Magnesium Treatment for Sudden Hearing Loss In: Annals of Otology, Rhinology & Laryngology. Band: 113, Nummer: 8, 2004, doi: 10.1177/000348940411300814 . | Open in Read by QxMD p. 672-675.
  8. Xie et al.: Multivariate analysis of prognostic factors for idiopathic sudden sensorineural hearing loss treated with adjuvant hyperbaric oxygen therapy In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. 2017, doi: 10.1007/s00405-017-4784-4 . | Open in Read by QxMD .
  9. Bianchin et al.: Treatment with HELP-apheresis in patients suffering from sudden sensorineural hearing loss: A prospective, randomized, controlled study In: The Laryngoscope. Band: 120, Nummer: 4, 2010, doi: 10.1002/lary.20835 . | Open in Read by QxMD p. 800-807.
  10. Jensen et al.: Early identification of idiopathic sudden sensorineural hearing loss In: The Nurse Practitioner. Band: 42, Nummer: 9, 2017, doi: 10.1097/01.npr.0000521990.15440.ee . | Open in Read by QxMD p. 10-16.
  11. Probst et al.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde . Thieme 2008, ISBN: 3-131-19031-0 .
  12. Streppel et al.: Heft 29 Hörstörungen und Tinnitus. RKI 2006, ISBN: 3-896-06165-8 .
  13. Carlomagno et al.: The Clinician Faced to Anticochlear Antibodies In: JCR: Journal of Clinical Rheumatology. 2017, doi: 10.1097/rhu.0000000000000609 . | Open in Read by QxMD p. 1.