Die aufgeführten Informationen richten sich an Studierende sowie Angehörige eines Heilberufes und ersetzen keinen Arztbesuch. Disclaimer aufrufen.

banner image

amboss

Fachwissen für Mediziner im ärztlichen Alltag und Studium

Kostenfrei testen

Schockraummanagement

Letzte Aktualisierung: 15.2.2021

Abstracttoggle arrow icon

Der Schockraum stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen präklinischer und klinischer Patientenversorgung dar. Als wesentlicher Bestandteil einer Notaufnahme ermöglicht er die schnelle Diagnostik und Therapie von lebensbedrohlichen Verletzungen oder Erkrankungen. Bezüglich der personellen, räumlichen, logistischen und materiellen Anforderungen gibt es klare Empfehlungen, bspw. im Rahmen der S3-LeitliniePolytrauma / Schwerverletzten-Behandlung“. Dort wird auch die Wichtigkeit der Entwicklung von Versorgungskonzepten betont, die sich an den lokalen Verhältnissen orientieren und ein koordiniertes und abgestimmtes Zusammenarbeiten ermöglichen. Darüber hinaus sind die Kenntnis und Anwendung von Schockraum-Algorithmen (bspw. ABCDE-Schema, SAMPLE-Schema) essentiell, um die Behandlungsqualität und damit die Überlebenswahrscheinlichkeit kritisch kranker Patient:innen zu verbessern. [1][2][3]

Für die grundlegenden Prinzipien der Schockraumbehandlung siehe: Notfallmanagement - Grundlegende Prinzipien

Der Begriff Schockraumaktivierung bezeichnet die Informierung aller zur Versorgung kritisch kranker Patient:innen erforderlichen Personen (ärztliches und pflegerisches Personal) sowie die Vorbereitung der benötigten diagnostischen und therapeutischen Materialien nach vorangegangener Anmeldung durch die Rettungsleitstelle. Entsprechende Aufnahmekriterien sind durch die S3-LeitliniePolytrauma / Schwerverletzten-Behandlung“ für traumatologische Fälle definiert. Eine vergleichbare Beschreibung für nicht-traumatologische Fälle existiert aktuell nicht, modifizierte Kriterien lassen sich jedoch ableiten .

Anmeldung und Aufnahmekriterien

Aufnahme- bzw. Aktivierungskriterien für den Schockraum

Traumatologische Fälle [1] Nicht-traumatologische Fälle [1][4][5]
  • Empfehlung
    • Sturz aus >3 m Höhe
    • Verkehrsunfall mit
      • Frontalaufprall und Fahrzeugdeformation >50–75 cm
      • Kollisionsbedingte Geschwindigkeitsveränderung >30 km/h [6]
      • Fußgänger-/Zweiradkollision
      • Tod einer Person im Fahrzeug
      • Herausschleudern einer Person aus dem Fahrzeug

Sichtungssysteme [7][8]

Sichtungssysteme dienen der schnellen Ersteinschätzung von Notfällen. Insb. bei hohem Patientenaufkommen können sie dazu genutzt werden, die vorhandenen personellen Ressourcen sinnvoll einzusetzen (bevorzugte Behandlung nach medizinischer Dringlichkeit) .

Manchester Triage System [9]

Manchester Triage System
Kategorie Indikatoren (Beispiele) Zeitfenster
Rot
  • Sofortige Behandlung
  • Primäre Aufnahme über den Schockraum empfohlen
Orange
  • 10 Minuten (sehr hohe Dringlichkeit)
  • Primäre Aufnahme über den Schockraum empfohlen
Gelb
  • 30 Minuten (hohe Dringlichkeit)
Grün
  • 90 Minuten (normale Dringlichkeit)
Blau
  • Minimale Symptomatik
  • 120 Minuten (keine Dringlichkeit)

Fälle der Kategorie „Rot“ (und ggf. „Orange“) sollten primär über den Schockraum aufgenommen werden!

Emergency Severity Index [10]

Emergency Severity Index
Kategorie Bedingungen Zeitfenster
1
  • Sofortige Behandlung
  • Primäre Aufnahme über den Schockraum empfohlen
2
  • Pflegerisch: Sofortige Behandlung
  • Ärztlich: 10 Minuten
  • Primäre Aufnahme über den Schockraum empfohlen
3
  • Keine Vorgabe
4
  • Niedriger Ressourcenbedarf *
5
  • Kein Ressourcenbedarf *
Legende

Bradykardie oder Bradypnoe fließen beim Emergency Severity Index nicht in die Beurteilung der Vitalparameter mit ein. Klinisch können sie jedoch ebenso bedrohlich wie Tachykardie oder Tachypnoe sein!

Fälle der Kategorie „1“ (und ggf. „2“) sollten primär über den Schockraum aufgenommen werden!

Team Time Out und Briefing [11]

  • Verantwortlich: Notfallkoordinator:in bzw. Schockraumteamleiter:in
  • Voraussetzung: Ärztliches und pflegerisches Personal vollständig anwesend
  • Mitteilung an das gesamte Schockraumteam
    • Anmelde-Informationen der Rettungsstelle (inkl. prähospitaler Therapie)
    • Geplante diagnostische und therapeutische Maßnahmen (Plan A)
    • Alternative Maßnahmen (Plan B)
    • Zuständigkeiten der Teammitglieder
    • Personalschutzmaßnahmen erforderlich?
      • Infektiologisch (bspw. Schutzbrille, Atemmaske)
      • Radiologisch (bspw. Röntgenschürze)

Vorbereitung: Materielle Ausstattung des Schockraums [4][5]

Erforderliche Geräte im Schockraum vorhanden und einsatzbereit

Erforderliches Material bereitgelegt

Erforderliche Medikamente vorbereitet

Die konkreten Vorbereitungen richten sich nach dem medizinischen Anforderungsprofil (Verletzungsmuster, Erkrankungsschwere) sowie dem jeweiligen Klinikstandard!

Grundlegende Prinzipien der Schockraumbehandlung sind im Kapitel „Notfallmanagement - Grundlegende Prinzipien“ beschrieben!

Die personellen Anforderungen (ärztlich, pflegerisch) für die Versorgung traumatologischer Fälle sind durch die S3-LeitliniePolytrauma / Schwerverletzten-Behandlung“ klar definiert. Da eine vergleichbare Leitlinie für nicht-traumatologische Fälle bisher nicht vorliegt, orientiert sich die Zusammensetzung des Schockraumteams in dieser Hinsicht eher an allgemeinen Kriterien wie Art und Ausmaß der Erkrankung sowie dem jeweiligen klinikinternen Standard. [1][4][7][14][15]

Allgemeine Empfehlungen

  • Festes Schockraumteam (an die jeweiligen Bedürfnisse adaptiert)
  • Vorstrukturierte Pläne (klinikinterne Leitlinien und Absprachen) und/oder spezielles Teamtraining (bspw. ATLS®, ETC®)
  • Klare Verantwortlichkeiten (Aufgabenbereiche gemäß der individuellen Kompetenzen)

Schockraumteamleiter:in

  • Aufgaben
    • Organisation und Koordination
    • Aufgabenverteilung
    • Kontinuierliche Rückmeldung an das Schockraumteam
    • Entscheidungsfindung bei Unstimmigkeiten in der Behandlung
    • Ggf. Kontaktaufnahme mit Angehörigen
  • Anforderungsprofil
    • Erfahrung in der Betreuung kritisch kranker Patient:innen (Notfallmedizin, Schockraumversorgung)
      • Priorisierung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen
      • Überwachung des effektiven Einsatzes der vorhandenen (personellen, materiellen) Ressourcen
      • Vorbereitung der weiteren Patientenversorgung im Anschluss an die Schockraumbehandlung
    • Interdisziplinäre Kompetenz
      • Fachübergreifende medizinische Kenntnis (inkl. Arbeitsweise, Arbeitsabläufe)
      • Fähigkeit zur Teamarbeit und zur Teamführung
    • Kommunikative Fähigkeiten: Klare und direkte Kommunikation
  • Alternativ: (Interdisziplinäre) Führungsgruppe

Durch die Benennung und Kennzeichnung einer verantwortlichen Person für die Schockraumteamleitung können die Abläufe in der Schockraumversorgung und das Behandlungsergebnis verbessert werden!

Traumatologisches Schockraumteam

  • Ärztliche Mindestbesetzung
    • Zwei Vertreter:innen der Chirurgie (fachärztlicher Standard)
    • Ein/eine Vertreter:in der Anästhesie (fachärztlicher Standard)
    • Ein/eine Vertreter:in der Radiologie
  • Pflegerische Mindestbesetzung
    • Zwei chirurgische Pflegekräfte
    • Eine anästhesiologische Pflegekraft
    • Eine medizinisch-technische Radiologiefachkraft (MTRA)

Falls im Rahmen der Schockraumversorgung oberärztliche Unterstützung benötigt wird, sollte diese innerhalb von max. 30 min nach Anforderung verfügbar sein!

Empfohlene ärztliche Teamzusammensetzung nach Versorgungsstufe (erweitertes traumatologisches Schockraumteam)

Fachabteilung ÜTZ RTZ LTZ
Unfallchirurgie
Allgemein- oder Viszeralchirurgie
Anästhesie
Radiologie
Gefäßchirurgie (✓)
Neurochirurgie (✓)
Herz- oder Thoraxchirurgie
Plastische Chirurgie
Augenheilkunde
HNO-Heilkunde
MKG-Chirurgie
Pädiatrie oder Kinderchirurgie
Gynäkologie
Urologie
Legende
  • ✓ = Erforderlich
  • (✓) = Kooperationsvertrag
  • ∞ = Fakultativ erforderlich
  • ∅ = Nicht erforderlich

In überregionalen Traumazentren soll ein qualifizierter Vertreter (Facharztstandard) der erforderlichen Abteilung innerhalb von max. 30 min. nach Anforderung verfügbar sein!

Nicht-traumatologisches Schockraumteam

Die personelle Zusammensetzung des nicht-traumatologischen Schockraumteams orientiert sich aufgrund fehlender Empfehlungen seitens der Fachgesellschaften v.a. am jeweiligen klinikinternen Standard und den medizinischen Anforderungen in der Patientenversorgung. Die genannten Empfehlungen beruhen aktuell auf Expertenmeinungen. [4][5]

  • Mindestbesetzung zur Schockraumversorgung nicht-traumatologischer, kritisch kranker Patient:innen in der zentralen Notaufnahme (ZNA)
    • Ein/eine ZNA-Oberarzt/-ärztin bzw. -Facharzt/-ärztin
    • Ein/eine ZNA-Assistenzarzt/-ärztin
    • Zwei ZNA-Pflegekräfte
  • Kompetenzen des gesamten Teams insb. hinsichtlich
    • Atemwegsmanagement, Beatmung
    • Kreislaufstabilisierung
  • Zusatzweiterbildung(en) des ärztlichen Teams
    • Notfallmedizin
    • Intensivmedizin
    • Klinische Akut- und Notfallmedizin

Eine gute und standardisierte Dokumentation ist (neben der medizinischen Behandlung) bei der Versorgung kritisch kranker bzw. polytraumatisierter Patient:innen von besonderer Wichtigkeit. [14]

  • Zeitpunkt: Optimalerweise begleitend zur Schockraumversorgung
  • Wesentlicher Inhalt
  • Vorteile bei Verwendung standardisierter Protokolle (bspw. Notaufnahmeprotokoll der DIVI) [16]
    • Transparenz von Prozess- und Ergebnisqualität
    • Überprüfung und ggf. Korrektur von Behandlungsprozessen möglich
  1. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. Stand: 1. Juli 2016. Abgerufen am: 6. November 2017.
  2. World Health Organization: Basic Emergency Care: Approach to the acutely ill and injured. World Health Organization 2018, ISBN: 978-9-241-51308-1 .
  3. Rossi: Konzepte für eine strukturierte Patientenübergabe In: Notfall + Rettungsmedizin. Band: 23, Nummer: 2, 2019, doi: 10.1007/s10049-019-0599-8 . | Open in Read by QxMD p. 93-98.
  4. Bernhard et al.: Schockraummanagement kritisch erkrankter Patienten In: Der Anaesthesist. Band: 63, Nummer: 2, 2013, doi: 10.1007/s00101-013-2258-7 . | Open in Read by QxMD p. 144-153.
  5. Kumle et al.: Nichttraumatologisches Schockraummanagement In: Notfall + Rettungsmedizin. Band: 22, Nummer: 5, 2019, doi: 10.1007/s10049-019-0613-1 . | Open in Read by QxMD p. 402-414.
  6. Stephan et al.: Evaluation der Aufnahmekriterien von Patienten nach Verkehrsunfall in den Schockraum In: Notfall + Rettungsmedizin. 2020, doi: 10.1007/s10049-020-00695-7 . | Open in Read by QxMD .
  7. Roessler: Patientenversorgung im Schockraum – aktueller Stand In: Roessler M, Spering C, Schmid O, Bauer M, Ross D: Patientenversorgung im Schockraum – aktueller Stand. Nummer: 7-8-2017, 2017, doi: 10.19224/ai2017.414 . | Open in Read by QxMD p. 414-428.
  8. Christ et al.: Modern Triage in the Emergency Department In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2010, doi: 10.3238/arztebl.2010.0892 . | Open in Read by QxMD .
  9. Gräff et al.: The German Version of the Manchester Triage System and Its Quality Criteria – First Assessment of Validity and Reliability In: PLoS ONE. Band: 9, Nummer: 2, 2014, doi: 10.1371/journal.pone.0088995 . | Open in Read by QxMD p. e88995.
  10. Grossmann et al.: Emergency Severity Index In: Notfall + Rettungsmedizin. Band: 12, Nummer: 4, 2009, doi: 10.1007/s10049-009-1156-7 . | Open in Read by QxMD p. 290-292.
  11. Fitzgerald et al.: The World Health Organization trauma checklist versus Trauma Team Time‐out: A perspective In: Emergency Medicine Australasia. Band: 31, Nummer: 5, 2019, doi: 10.1111/1742-6723.13306 . | Open in Read by QxMD p. 882-885.
  12. Prien et al.: Funktionsprüfung des Narkosegerätes zur Gewährleistung der Patientensicherheit- Empfehlung der Kommission für Normung und technische Sicherheit der DGAI In: Anästhesiologie & Intensivmedizin. Nummer: 2-2019, 2019, doi: 10.19224/ai2019.075 . | Open in Read by QxMD p. 75-83.
  13. Maegele: Unkritischer Gebrauch von Tranexamsäure bei Traumapatienten In: Der Unfallchirurg. Band: 119, Nummer: 11, 2016, doi: 10.1007/s00113-016-0236-7 . | Open in Read by QxMD p. 967-972.
  14. Thelen et al.: Schockraummanagement bei traumatologischen Patienten In: Der Anaesthesist. 2019, doi: 10.1007/s00101-018-0523-5 . | Open in Read by QxMD .
  15. Schmitz et al.: Auswirkung der Implementierung eines Schockraumkoordinators auf Prozessparameter der Polytraumaversorgung im Schockraum eines Maximalversorgers In: Der Anaesthesist. 2020, doi: 10.1007/s00101-020-00776-9 . | Open in Read by QxMD .
  16. Walcher et al.: Standardisierte Dokumentation im Schockraum mit dem Kerndatensatz „Notaufnahme“ der DIVI In: Der Unfallchirurg. Band: 115, Nummer: 5, 2012, doi: 10.1007/s00113-012-2220-1 . | Open in Read by QxMD p. 457-464.