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Enuresis und funktionelle Harninkontinenz im Kindes- und Jugendalter

Letzte Aktualisierung: 18.2.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Die physiologische Kontinenz entwickelt sich individuell sehr unterschiedlich. Viele Kinder werden bis zum Alter von 3 Jahren tagsüber und bis zum Alter von 5 Jahren auch nachts „trocken“. Einnässen im Schlaf (Enuresis nocturna) und funktionelle Harninkontinenz im Wachzustand können ab einem Alter von ≥5 Jahren nach Ausschluss organischer Ursachen diagnostiziert werden. Die Enuresis nocturna kommt im Grundschulalter noch sehr häufig vor. Sie tritt familiär gehäuft auf und unterliegt meist nur einer zentralen Reifungsverzögerung. Die Spontanheilungsrate ist zwar hoch, das Einnässen kann jedoch familiären Stress bedeuten, die mentale und körperliche Entwicklung beeinträchtigen und soziale Probleme nach sich ziehen. Während die Enuresis nocturna häufiger bei Jungen auftritt, kommt die nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz im Wachzustand (früher Enuresis diurna) häufiger bei Mädchen vor. Zur Diagnose reichen oft bereits die ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung und Symptomtagebücher. Therapeutisch hat die Standard-Urotherapie mit Aufklärung und Einnässkalender hohe Erfolgsraten. Bei Beschwerdepersistenz kann bei der Enuresis nocturna die spezielle Urotherapie mit apparativer Verhaltenstherapie (Klingelgerät) oder Desmopressin helfen. Die spezielle Urotherapie der Harninkontinenz im Wachzustand unterscheidet sich je nach Form der Inkontinenz.

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Definitiontoggle arrow icon

Diagnosekriterien der funktionellen Harninkontinenz [1]

  • Alle vier Kriterien müssen erfüllt sein
    1. Alter ≥5 Jahre
    2. Dauer >3 Monate
    3. Frequenz ≥1×/Monat
      • ≥4×/Monat: Häufig
      • <4×/Monat: Selten
      • <1×/Monat: Symptom, keine Störung
    4. Ausschluss organischer Ursachen
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Epidemiologietoggle arrow icon

Enuresis nocturna [1]

  • Prävalenz: Abhängig vom Alter
    • 7-Jährige: 10%
    • 10-Jährige: 5%
    • 16–17-Jährige: 0,5–1,7%
  • Spontanremissionsrate: Ca. 15%/Jahr
  • Form: Primär > sekundär (ca. 3:1)
  • Geschlecht: > (ca. 2:1)

Funktionelle Harninkontinenz im Wachzustand [1]

  • Prävalenz: Abhängig vom Alter
    • 7-Jährige: 5%
    • 15–17-Jährige: 0,3%
  • Geschlecht: > (3:2) [1]

Von den 7-Jährigen nässen 10% im Schlaf und 5% im Wachzustand ein!

Komorbiditäten

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Pathophysiologietoggle arrow icon

Physiologische Kontinenzentwicklung

  • Große individuelle Unterschiede
  • Typischer zeitlicher Ablauf
    • Stuhlkontinenz
    • Harnkontinenz im Wachzustand
    • Harnkontinenz im Schlaf
  • Empfohlenes elterliches Verhalten
    • Erkennen kindlicher Signale
    • Bei entsprechendem Interesse Toilettentraining ab dem Alter von ca. 18–24 Monaten
    • Spielerische Unterstützung

Enuresis nocturna

  • Bei primärer Form: Genetisch bedingte zentrale Reifungsverzögerung
    • Polygenetisch oder monogenetisch [1][2]
    • 3 Faktoren
      • Nächtliche Polyurie durch ADH-Mangel [3]
      • Fehlende Unterdrückung des Entleerungsreflexes im Schlaf
      • Die durch eine volle Harnblase induzierte Weckreaktion ist unzureichend [4]
  • Bei sekundärer Form: Häufig emotionale Belastung

Nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz im Wachzustand

Risikofaktoren

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Klassifikationtoggle arrow icon

Häufige Formen der funktionellen Harninkontinenz im Wachzustand [1][5]
Subtyp Leitsymptome Ursache Befunde Besonderheiten

Dranginkontinenz

Miktionsaufschub

  • Seltene Miktion (<4×/d)
  • Ausgeprägte Einhaltemanöver
  • Oft bewusste Reduktion der Trinkmenge
  • Habituell
  • Schmerzbedingt

Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination

  • Pressen zu Miktionsbeginn
  • Stockender/unterbrochener Urinfluss
Seltene Formen der funktionellen Harninkontinenz im Wachzustand [1][5]
Subtyp Leitsymptome Ursache Befunde Besonderheiten

Belastungsinkontinenz

  • Bei Kindern sehr selten

Lachinkontinenz

  • Unwillkürlicher Verlust großer Harnmengen ausschließlich beim Lachen
  • Vermutlich zentrale Enthemmung
  • Typische Symptome
  • Oft bei weiblichen Jugendlichen

Unteraktive Harnblase

  • Pressen während der gesamten Miktion
  • Unterbrochener Urinfluss
  • Miktionsfrequenz abhängig von der Restharnmenge

Funktionelle Obstruktion des Blasenhalses

  • Pressen während der Miktion
  • Relativ schwacher Urinstrahl
  • Eingeschränkte oder verzögerte Öffnung des Blasenhalses
  • Kaum Erfahrungen zur Therapie im Kindesalter [6]

Gesteigerte diurnale Miktionsfrequenz

  • Harndrang tagsüber
  • Erhöhte Miktionsfrequenz (≥1×/h)
  • Selten Inkontinenz
  • Habituell
  • Typische Symptome
  • Mittleres Erkrankungsalter: 7 Jahre
  • Auslöser sind häufig emotionale Belastungen [1]

Vaginaler Influx (Sonderform )

  • Ausschließlich postmiktionelles Nachträufeln
  • Typische Symptome
  • Harmlos
  • Häufig Korrektur der Sitzposition während der Miktion oder Lösung der Labiensynechie ausreichend

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Sonderform: Bladder and Bowel Dysfunctiontoggle arrow icon

  • Definition: Kombination von Harn- und Stuhlinkontinenz
  • Pathophysiologie
  • Ursache: Häufiger neurogene Störung oder Kindesmisshandlung
  • Komorbiditäten: Häufig psychische Störungen
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Symptomatiktoggle arrow icon

Hauptsymptome

Komorbiditäten [1]

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Diagnostiktoggle arrow icon

Stufendiagnostik [1][7]

Basisdiagnostik

Anamnesebogen, Verhaltensfragebogen und Miktionsprotokoll sind in verschiedenen Sprachen frei verfügbar und unter Tipps & Links zu finden.

Interpretation

  • Kontinuierliche Inkontinenz → Häufig organische Ursache → Intensive somatische Abklärung empfohlen
  • Intermittierende Inkontinenz → Häufig nicht-organische Ursache → Weitere Diagnostik u.a. abhängig von der Symptomatik
    • Nur im Schlaf → Keine weitere Diagnostik erforderlich
    • (Auch) im Wachzustand → Weiterführende Diagnostik empfohlen

Weiterführende Diagnostik

Grenzwerte der Miktion, Sonografie und Uroflowmetrie im Kindesalter
Parameter Grenzwerte
Miktionsfrequenz
Polyurie
  • >4 mL/kgKG/h
  • >1.200 mL/m2KOF/d
Nächtliche Polyurie
  • >130% der berechneten altersentsprechenden Blasenkapazität

Blasenwanddicke

Detrusordicke

  • <1,6 mm: Bei halb voller Blase
  • <2 mm: Bei gering gefüllter Blase

Rektumdurchmesser

  • <35 mm
Blasenkapazität
  • [Alter in Jahren + 1] × 30 mL
  • Erniedrigt: <65%
  • Erhöht: >150%
Restharnmenge
  • Alter <7 Jahre: <20 mL
  • Alter ≥7 Jahre: <10 mL

In der Stufendiagnostik sollen der Subtyp der Harninkontinenz und weitere Störungen diagnostiziert werden!

Da eine kontinuierliche Harninkontinenz fast immer organisch bedingt ist, erfordert sie eine umfangreiche somatische Abklärung!

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Organische Harninkontinenz im Kindes- und Jugendalter

Die organischen Ursachen haben fast immer eine kontinuierliche Harninkontinenz oder ein kontinuierliches Harnträufeln zur Folge!

Sekundäre Harninkontinenz im Kindes- und Jugendalter

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Allgemein

  • Ziele
    • Beseitigung von Komorbiditäten
    • Vollständige Blasenkontrolle
    • Abbau von Sorgen, Ängsten und psychosozialer Belastung
  • Indikation: Individuelle Entscheidung nach Risiko-Nutzen-Abwägung
    • Hohe Spontanheilungsraten (ca. 15%/Jahr)
    • Variabler Leidensdruck
    • Ggf. psychische Komorbiditäten
  • Behandlungsreihenfolge
    1. Therapie relevanter Komorbiditäten
    2. Therapie der Harninkontinenz im Wachzustand
    3. Therapie der Harninkontinenz im Schlaf
  • Hilfsmittel im Alltag: Matratzenschoner, saugfähige und wasserdichte Pyjamahosen, Unterwäsche-Einlagen

Die Behandlung der Komorbiditäten ist für den Therapieerfolg der Harninkontinenz relevant!

Harnwegsinfektionen müssen konsequent behandelt werden, um einen schmerzbedingten Miktionsaufschub zu verhindern!

Standard-Urotherapie [7]

  • Definition: Konservative und nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Behandlung einer Harninkontinenz
  • Indikation: Nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz
  • Setting: Ambulant
  • Prinzip: Motivationssteigerung und kognitive Umstrukturierung
  • Maßnahmen
    • Aufklärung
      • Anatomie und Funktion der Harnwege, Störungen und Therapieansätze
      • Große Unterschiede in der individuellen Kontinenzentwicklung
      • Hohe Spontanheilungsraten
    • Anleitung
      • Regelmäßige Miktion und Stuhlgang
      • Sitzposition auf der Toilette
      • Training der Wahrnehmung von Harn- und Stuhldrang
      • Physiologische Trink- und Ernährungsgewohnheiten
    • Einnässkalender
      • Dauer: Mind. 4 Wochen
      • Dokumentation: Toilettengang (Miktion, Stuhlgang), Einnässen, Einkoten/Stuhlschmieren, trockene Nächte/Tage (Strichliste)
    • Unterstützung und Begleitung
      • Vermeidung psychosozialer Konflikte
      • Einbeziehung des Kindes
      • Regelmäßiger Kontakt zum therapeutischen Team
  • Dauer: Abhängig vom Erfolg
    • Keine Symptomatik mehr → Therapieende
    • Reduktion der Symptomfrequenz → Therapiefortsetzung
    • Unveränderte Symptomatik → Spezielle Urotherapie
  • Erfolgsrate: Ca. 60% innerhalb eines Jahres

Bei der Standard-Urotherapie sollte über mind. 4 Wochen ein Einnässkalender geführt werden!

Spezielle Urotherapie der Enuresis nocturna

Apparative Verhaltenstherapie

  • Klingelgerät
    • Indikation: Standard-Urotherapie mind. 4 Wochen ohne Erfolg
    • Funktion: Feuchtigkeitssensor in der Unterwäsche → Löst einen Alarmton und/oder Vibration bei Urinverlust aus → Erwecken des Kindes und bewusst machen des Harndrangs und Urinverlusts → Toilettengang und Ausscheidung des restlichen Urins
    • Dauer: Mind. 6 Wochen bis 14 trockene Nächte hintereinander erreicht werden, max. 16 Wochen
    • Erfolgsquote: Ca. 50–70%

Medikamentöse Therapie [1][3]

  • Indikation: Keine Besserung durch apparative Verhaltenstherapie
  • Desmopressin
    • Darreichungsformen und Dosierung
      • Tabletten
      • Lösung
      • Schmelztabletten
    • Wirkdauer: Ca. 8–10 h
    • Erfolgsquote: 60–80%, hohe Rezidivrate nach (plötzlichem) Absetzen der Medikation
    • Bei Therapieerfolg: Nach 3 Monaten schrittweise reduzieren über mehrere Wochen (jeden 2. Abend, dann jeden 3. Abend), ggf. mehrere Wiederholungen möglich in der davor erfolgreichen Dosierung
    • Bei Therapieversagen: Absetzen, falls keine Besserung nach 2–4 Wochen

Spezielle Urotherapie der funktionellen Harninkontinenz im Wachzustand

Kontinenzschulung

  • Indikation: Therapieresistente Harninkontinenz trotz Standard-Urotherapie und ggf. spezieller Urotherapie
  • Schulungsprogramm in Einzel- oder Gruppentherapie
  • Kombination von Verhaltenstherapie, Pädagogik, Physiotherapie
  • Weitergehende Informationen zur Kontinenzschulung : Unter Tipps & Links
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Patienteninformationentoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

  • F98.-: Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
    • Dieser heterogenen Gruppe von Störungen ist der Beginn in der Kindheit gemeinsam, sonst unterscheiden sie sich jedoch in vieler Hinsicht. Einige der Störungen repräsentieren gut definierte Syndrome, andere sind jedoch nicht mehr als Symptomkomplexe, die hier aber wegen ihrer Häufigkeit und ihrer sozialen Folgen und weil sie anderen Syndromen nicht zugeordnet werden können, aufgeführt werden.
    • Exklusive: Emotional bedingte Schlafstörungen (F51.‑), Geschlechtsidentitätsstörung des Kindesalters (F64.2), Kleine-Levin-Syndrom (G47.8), Perioden von Atemanhalten (R06.88), Zwangsstörung (F42.‑)
    • F98.0-: Nicht-organische Enuresis
      • Diese Störung ist charakterisiert durch unwillkürlichen Harnabgang am Tag und in der Nacht, untypisch für das Entwicklungsalter. Sie ist nicht Folge einer mangelnden Blasenkontrolle aufgrund einer neurologischen Krankheit, epileptischer Anfälle oder einer strukturellen Anomalie der ableitenden Harnwege. Die Enuresis kann von Geburt an bestehen oder nach einer Periode bereits erworbener Blasenkontrolle aufgetreten sein. Die Enuresis kann von einer schweren emotionalen oder Verhaltensstörung begleitet werden.
      • Funktionelle Enuresis
      • Nicht-organische primäre oder sekundäre Enuresis
      • Nicht-organische Harninkontinenz
      • Psychogene Enuresis
      • Exklusive: Enuresis o.n.A. (R32)
      • F98.00: Enuresis nocturna
      • F98.01: Enuresis diurna
      • F98.02: Enuresis nocturna et diurna
      • F98.08: Sonstige und nicht näher bezeichnete nicht-organische Enuresis

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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