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Analkarzinom

Last updated: 30.12.2020

Abstract

Das Analkarzinom ist ein eher seltener Tumor mit zunehmender Inzidenz. Man unterscheidet dabei je nach Lokalisation das Analkanal- und das Analrandkarzinom. Infektionen mit HPV-Typ 16, 18 oder 33 gelten als bedeutsamster Risikofaktor und sind mit über 80% aller Analkarzinome assoziiert. Die Klinik ist häufig unspezifisch; mögliche Symptome sind Blutungen, Juckreiz, Druckgefühl und Schmerzen. Histologisch handelt es sich überwiegend um Plattenepithelkarzinome. Die Therapie erfolgt stadienabhängig. Die Radiochemotherapie mit 5-Fluorouracil und Mitomycin gilt als Standardtherapie.

Stadienabhängig weist das Analkarzinom bei entsprechender Therapie eine relativ gute Prognose auf.

Epidemiologie

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Klassifikation

Mikroskopie und Makroskopie

TNM-Klassifikation des Analkarzinoms nach AJCC (Stand 2020) [1]

TNM-Klassifikation des Analkarzinoms
TNM Anatomische Ausdehnung
TX Primärtumor kann nicht beurteilt werden
T0 Kein Anhalt für Primärtumor
Tis Hochgradige intraepitheliale Läsion (AIN = Anale intraepitheliale Läsion)
T1

Tumor ≤2 cm

T2

Tumor 2–5 cm

T3

Tumor >5 cm

T4

Infiltration benachbarter Strukturen (Blase, Vagina, Prostata oder Knochen, Knorpel, Skelettmuskulatur)

Nx Regionäre Lymphknoten können nicht beurteilt werden
N0 Keine regionären Lymphknotenmetastasen
N1

Metastasen in perirektalen Lymphknoten

N1a

Metastasen in perirektalen Lymphknoten (inguinal, mesorektal, an der A. iliaca interna)

N1b Metastasen in Lymphknoten der A. iliaca externa
N1c Metastasen in N1a-Lymphknoten und in Lymphknoten der A. iliaca externa
M0 Keine Fernmetastasen
M1

Fernmetastasen (meist in Leber, Lunge oder extrapelvinen Lymphknoten)

Symptome/Klinik

Analkarzinome sind in etwa 20% der Fälle Zufallsbefunde im Rahmen anderweitiger analer Inspektionen. Anfangsstadien verlaufen häufig asymptomatisch. Teils sind derb tastbare, nicht schmerzhafte Hautveränderungen vorhanden.

Insb. bei chronischen, schlecht abheilenden Prozessen in der Analregion sollte das Analkarzinom als Diagnose in Betracht gezogen werden!

Stadien

Stadieneinteilung des Analkarzinoms nach AJCC, 8. Edition (Stand 2017) [1]

Einteilung des Analkarzinoms nach AJCC
AJCC-Stadium Primärtumor Regionäre Lymphknoten Fernmetastasen
0 Tis N0 M0
I T1 N0 M0
IIA T2 N0 M0
IIB T3 N0 M0
IIIA T1–2 N1 M0
IIIB T4 N0 M0
IIIC T3–4 N1 M0
IV Jedes T Jedes N M1

Die Therapie des Analkarzinoms erfolgt anhand der Stadieneinteilung nach AJCC!

Stadieneinteilung der UICC

UICC-Stadium

TNM-Klassifikation des Analkarzinoms

Stadium I Bis T1, N0
Stadium II Bis T3, N0
Stadium IIIA Bis T3, N1 oder T4, N0
Stadium IIIB Jedes T, N2 oder N3 oder T4, N1
Stadium IV M1

Diagnostik

Inzisionsbiopsien sollten bei V.a. ein Lokalrezidiv vermieden werden, da das Risiko einer Inkontinenz als Komplikation hoch ist!

Therapie

Stadiengerechte Therapie

Stadiengerechte Therapie des Analkarzinoms
AJCC-Stadium Analkanalkarzinome Analrandkarzinome
I
  • Primär
    • 1. Wahl: Kombinierte Radiochemotherapie oder
    • 2. Wahl: Chirurgische R0-Resektion
  • Nach inkompletter Exzision
    • Kombinierte Radiochemotherapie oder
    • Chirurgische Nachexzision
  • Bei älteren/multimorbiden Patient:innen
  • Chirurgische Exzision mit Sicherheitsabstand 0,5 cm
IIA
  • Kombinierte Radiochemotherapie
  • Bei Kontraindikationen: Chirurgische Exzision
  • Kombinierte Radiochemotherapie oder
  • Chirurgische Exzision mit Sicherheitsabstand 0,5 cm
IIB-IIIC
  • Kombinierte Radiochemotherapie
  • Bei Kontraindikationen: Chirurgische Exzision
IV
Rezidiv
  • Lokales Rezidiv: Chirurgische Exzision
  • Lymphknotenbefall nach Radiochemotherapie: Resektion der betroffenen Lymphknoten
  • Rezidiv mit lokoregionärem Lymphknotenbefall: Rektumexstirpation, ggf. mit erweiterter Resektion und entsprechender Defektdeckung sowie Resektion der betroffenen Lymphknoten
  • Rezidiv mit Fernmetastase: Option einer (möglicherweise kurativen) Resektion in interdisziplinärer Tumorkonferenz klären

Grundlagen

Kombinierte Radiochemotherapie

Protektives Stoma (Kolostoma)

Die Rückverlagerung eines bei der Therapie von Analkarzinomen angelegten protektiven Kolostomas ist lediglich in ca. 50% der Fälle möglich!

Chirurgische Therapie (Rektumexstirpation )

  • Indikationen
    • Histologisch gesicherter Resttumor nach Radiochemotherapie
    • Tumorrezidiv (lokoregionär) nach Radiochemotherapie
    • Downstaging bei fortgeschrittenen, die Nachbarorgane infiltrierenden Tumoren nach Radiochemotherapie
    • Persistierende Fisteln oder Ulzerationen nach abgeschlossener Radiochemotherapie

Präoperatives Management

Operatives Vorgehen

  • Operationsschritte
    • Mobilisation des Rektums
    • Verschluss des Anus → Elliptisches Umschneiden des Anus
    • Fossa ischiorectalis: Ausräumung des Fettgewebskörpers und der Lymphknoten
    • Durchtrennen des Lig. anococcygeum
    • Durchtrennen des M. levator ani
    • Exzision des Beckenbodens → Ggf. plastische Deckung des Defekts (bspw. mit vertikalem Rektus-abdominis-Lappen, Gluteus- oder Grazilis-Flap)
    • Wundverschluss
    • Anlage des endständigen Kolostomas
  • Siehe auch: Rektumexstirpation - Grundlagen

Postoperatives Management

Palliative Therapie

Komplikationen

Komplikationen des Analkarzinoms

Komplikationen der Rektumexstirpation

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Nachsorge

Prognose

  • Rezidivrisiko: 20–30%
  • 5-Jahres-Überleben [2]
  • Prognostisch ungünstige Faktoren
    • Lymphknotenmetastasen (N+)
    • Tumorgröße >5 cm bzw. fortgeschrittener Lokalbefund
    • Männliches Geschlecht
    • HIV-Infektion
    • Wenig differenziertes Tumorgewebe in der histologischen Untersuchung

Prävention

HPV-Impfung als Präventionsmaßnahme

  • Kann die Inzidenz der Vorstufen des Analkarzinoms senken
    • STIKO empfiehlt für Deutschland eine Impfung für alle Kinder zwischen dem 9. und 14. Lebensjahr
    • Impfstoff Gardasil® ist auch für die Prävention von Präkanzerosen im Analbereich erprobt und zugelassen
    • European AIDS Clinical Society empfiehlt die Impfung für HIV-Infizierte zwischen dem 9. und 40. Lebensjahr

Analkarzinom-Screening

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2021

  • C21.-: Bösartige Neubildung des Anus und Analkanals
    • C21.0: Anus, nicht näher bezeichnet
    • Exklusive:
    • C21.1: Analkanal/Sphincter ani
    • C21.2: Kloakenregion
    • C21.8: Rektum, Anus und Analkanal, mehrere Teilbereiche überlappend
      • Anorektaler Übergang
      • Anorektum
      • Bösartige Neubildung des Rektums, des Anus und des Analkanals, deren Ursprungsort nicht unter den Kategorien C20-C21.2 klassifiziert werden kann

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

Quellen

  1. Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Analkanal- und Analrandkarzinomen. Stand: 12. Oktober 2020. Abgerufen am: 22. Oktober 2020.
  2. Sailer et al.: Expertise Koloproktologie. Georg Thieme Verlag 2016, ISBN: 978-3-131-77231-2 .
  3. Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag 2012, ISBN: 978-3-981-46602-7 .
  4. Siewert: Chirurgie. 8. Auflage Springer 2006, ISBN: 978-3-540-30450-0 .
  5. Flasnoecker (Hrsg.): TIM, Thieme's Innere Medizin. 1. Auflage Thieme 1999, ISBN: 978-3-131-12361-9 .
  6. Raptis et al.: Differenzialdiagnose und interdisziplinäre Therapie des Analkarzinoms In: Deutsches Ärzteblatt. Band: 112, Nummer: 14, 2015, .
  7. S2k-Leitlinie Anale Dysplasien und Analkarzinom bei HIV-Infizierten: Prävention, Diagnostik und Therapie. Stand: 30. September 2013. Abgerufen am: 24. Oktober 2016.
  8. Jähne et al.: Was gibt es Neues in der Chirurgie?. ecomed Medizin 2015, ISBN: 978-3-609-76997-4 .
  9. Herold et al.: Analkarzinom - klinische Präsentation, Diagnostik, Staging In: Der Onkologe. Band: 18, Nummer: 8, 2012, doi: 10.1007/s000761-012-2263-5 . | Open in Read by QxMD p. 666-671.