Zusammenfassung
Pruritus bzw. Juckreiz ist eine unangenehme Empfindung der Haut, die häufig eine Abwehrreaktion (z.B. Kratzen oder Reiben) hervorruft. Bei Chronifizierung (>6 Wochen) erlangt der Pruritus oft einen eigenen Krankheitswert und kann die Lebensqualität erheblich beeinflussen. Als Leitsymptom zahlreicher dermatologischer, aber auch internistischer, neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen stellt er eine besondere diagnostische Herausforderung dar. Neben einer ausführlichen Anamnese steht die Inspektion der gesamten Haut im Vordergrund, wobei auf primäre Hauterscheinungen sowie sekundäre Kratzläsionen geachtet werden sollte. Lässt sich der Pruritus anhand von Anamnese und klinischer Untersuchungen nicht sicher ätiologisch zuordnen, sollten weiterführende Untersuchungen (u.a. Labordiagnostik, Bildgebung) durchgeführt werden. Chronischer Pruritus (CP) ist häufig schwer behandelbar. Therapeutisch stehen neben der Therapie der Grunderkrankung symptomatische Maßnahmen zur Verfügung.
Definition
- Pruritus: Unangenehme Empfindung der Haut (Juckreiz), die lokalisiert oder generalisiert auftreten und zu einer Abwehrreaktion (z.B. Kratzen, Reiben, Kneten) führen kann
- Chronischer Pruritus: Seit 6 Wochen bestehender Juckreiz
Der chronische Pruritus kann einerseits Symptom, andererseits auch eigenständige Erkrankung sein, da er auch nach Abheilung der ursächlichen Erkrankung weiterhin bestehen kann!
Epidemiologie
- Prävalenz
- Punktprävalenz: 13,5% [2]
- Lebenszeitprävalenz: 22%
- Inzidenz: 7.000/100.000 Personen pro Jahr
- Alter: Durchschnittsalter ≥60 Jahre
Bei Kindern und Jugendlichen ist chronischer Pruritus signifikant mit dem Auftreten maligner Erkrankungen assoziiert!
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Ursachen von Pruritus
- Dermatologische Erkrankungen, siehe insb.: Mögliche Ursachen eines CP auf läsionaler Haut, aber ggf. auch bei nicht-läsionaler Haut
- Systemische Erkrankungen, siehe: Mögliche Ursachen eines CP auf nicht-läsionaler Haut
- Diverse Medikamente, siehe: Pruritusauslösende Medikamente
- Psychosomatische Einflussfaktoren
- Psychische Komorbiditäten können zu verstärkter Juckempfindung beitragen
- Vermehrter Pruritus bei Stress und belastenden Lebensereignissen
Mögliche Ursachen eines CP auf läsionaler Haut
Entzündliche Dermatosen
| Entzündliche Dermatosen | |||
|---|---|---|---|
| Mögliche Ursache | Klinisches Bild | Weitere diagnostische Besonderheiten | |
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| Atopische Dermatitis |
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| Makulopapulöses Arzneimittelexanthem |
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| Akutes rezidivierendes vesikuläres Ekzem | |||
| Asteatotisches Ekzem / Xerosis cutis |
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| Irritatives Kontaktekzem |
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| Lichen ruber planus |
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| (Extragenitaler) Lichen sclerosus et atrophicus |
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| Transitorische akantholytische Dermatose |
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| Mastozytose |
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| Nummuläres Ekzem |
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| Persitierende Arthropodenstichreaktion |
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| Polymorphe Lichtdermatose |
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| Psoriasis vulgaris |
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| Seborrhoisches Ekzem |
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| Urtikaria |
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Infektiöse Dermatosen
| Infektiöse Dermatosen | |||
|---|---|---|---|
| Mögliche Ursache | Klinisches Bild | Weitere diagnostische Besonderheiten | |
| |||
| Mykosen |
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| Lauserkrankungen |
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| Skabies |
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| Virale Hautinfektionen (z.B. Herpes zoster) |
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Autoimmundermatosen
| Autoimmundermatosen | |||
|---|---|---|---|
| Mögliche Ursache | Klinisches Bild | Weitere diagnostische Besonderheiten | |
| |||
| Lineare IgA-Dermatose |
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| Dermatitis herpetiformis Duhring |
| ||
Weitere Dermatosen
| Genodermatosen, Schwangerschaftsdermatosen und Neoplasien | |||
|---|---|---|---|
| Mögliche Ursache | Klinisches Bild | Weitere diagnostische Besonderheiten | |
| Genodermatosen | Ichthyosen, z.B. |
| |
| Neurofibromatosen |
| ||
| Schwangerschaftsdermatosen | Atopische Schwangerschaftsdermatose |
| |
| Pemphigoid gestationis |
| ||
| Polymorphe Schwangerschaftsdermatose |
| ||
| Neoplasien |
| ||
Mögliche Ursachen eines CP auf nicht-läsionaler Haut
- Dermatologische Erkrankungen
- Endokrine und metabolische Erkrankungen
- Hepatobiliäre Erkrankungen
- Primär biliäre Cholangitis
- Primär sklerosierende Cholangitis / sekundär sklerosierende Cholangitis
- Cholestase
- Leberzirrhose
- Infektionen
- Wurmerkrankungen
- Hepatitis-C-Infektion
- HIV-Infektion
- Intestinale Parasitose (z.B. Giardiasis)
- Onchozerkose
- Hämatologische und lymphoproliferative Erkrankungen
- Solide Malignome
- Neurologische Erkrankungen
- Hirnabszesse
- Hirninfarkte/Minderperfusion
- Hirntumoren
- Multiple Sklerose
- Lokalisierte Spinalkanalstenosen/Radikulopathien (brachioradialer Pruritus, Notalgia paraesthetica)
- Neuropathien (Post-Zoster-Neuralgie, Small-Fiber-Polyneuropathie, Vulvodynie)
- Psychische und psychosomatische Erkrankungen
- Anorexia nervosa
- Depression
- Schizophrenie
- Somatoformer Pruritus
- Taktile Halluzinosen (z.B. Dermatozoenwahn)
- Schwangerschaft: Schwangerschaftscholestase
Pruritusauslösende Medikamente
- Auslöser eines akuten Pruritus
- Opioide : Codein, Fentanyl, Levomethadon, Morphin und Derivate, Sufentanil, Tramadol
- Antimalariamittel: Chloroquin, Hydroxychloroquin
- Antihypertensivum: Amlodipin
- Antineoplastische Agenzien : Paclitaxel, Carboplatin, Cisplatin, Bleomycin, Gemcitabin
- Desinfektionssubstanz für Dialysegeräte: Ethylenoxid
- Biologicals: Etanercept, Infliximab, Rituximab
- Tyrosinkinase-Inhibitoren: Imatinib, Erlotinib
- Urikostatika: Allopurinol, Febuxostat
- Auslöser eines chronischen Pruritus
- ACE-Hemmer : Captopril, Enalapril, Lisinopril
- Antiarrhythmika: Amiodaron, Disopyramid, Flecainid
- Antibiotika : Amoxicillin, Ampicillin, Cefotaxim, Ceftriaxon, Ciprofloxacin, Clarithromycin, Clindamycin, Cotrimoxazol, Erythromycin, Gentamicin, Metronidazol, Minocyclin, Ofloxacin, Penicillin, Tetracycline
- Antidepressiva: Citalopram, Clomipramin, Doxepin, Fluoxetin, Imipramin, Lithiumsalze, Maprotilin
- Antidiabetika: Glimepirid, Metformin
- Antihypertensiva: Clonidin, Doxazosin, Methyldopa, Minoxidil, Prazosin, Reserpin
- Antikonvulsiva: Carbamazepin, Clonazepam, Lamotrigin, Phenobarbital, Phenytoin, Topiramat, Valproinsäure
- Nicht-steroidale Antiphlogistika: Acetylsalicylsäure, Celecoxib, Diclofenac, Ibuprofen, Indometacin, Naproxen
- Betablocker: Atenolol, Bisoprolol, Metoprolol, Propranolol
- Parasympatholytika/β2-Adrenozeptor-Agonisten: Ipratropiumbromid, Salmeterol, Terbutalin
- Calciumantagonisten: Amlodipin, Diltiazem, Felodipin, Nifedipin, Nimodipin, Verapamil
- Diuretika: Amilorid, Furosemid, Hydrochlorothiazid, Spironolacton, Triamteren
- Farnesoid-X-Rezeptor(FXR)-Agonist: Obeticholsäure
- Immunsuppressiva: Cyclophosphamid, Mycophenolat-Mofetil, Tacrolimus
- Lipidsenker: Fenofibrat, Fluvastatin, Lovastatin, Pravastatin, Simvastatin
- Neuroleptika: Chlorpromazin, Haloperidol, Risperidon
- Plasmaexpander: Hydroxyethylstärke
- Tranquilizer: Alprazolam, Chlordiazepoxid, Lorazepam, Oxazepam
- Urikostatika/Urikosurika: Allopurinol, Colchicin, Probenecid
Pathophysiologie
- Mögliche Auslöser
- Mechanische/thermische Einflüsse oder Kontakt mit Mediatoren : Aktivierung freier Nervenenden der polymodalen C-Nervenfasern in der Haut → Juckreiz
- Vermehrte Freisetzung von Mediatoren: Bspw. durch
- Juck-Kratz-Zirkel: Starkes Kratzen löst Schmerz aus → Kurzfristige Reduktion des Juckempfindens → Kratzen wird aufrechterhalten → Schädigung der Haut und gesteigerte Entzündung → Verstärkter Pruritus
Klassifikation
Aktuelle Klassifikation (gemäß IFSI) [3]
- Primär: Klinische Einteilung
- Sekundär: Einteilung nach Differenzialdiagnosen
Klinische Einteilung
- Chronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (CPL): Initial Hautveränderungen im Rahmen einer Hauterkrankung
- Chronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler Haut (CPNL): Initial keine Hautveränderungen
- Chronischer Pruritus mit schweren Kratzläsionen: Prominente Kratzläsionen, durch die eine Einteilung in CPL/CPNL nicht möglich ist
Differenzialdiagnostische Einteilung
- Hautkrankheiten mit Pruritus
- Systemische Erkrankungen mit medikamentös bedingtem Pruritus
- Neurologische Erkrankungen mit Pruritus
- Psychische und psychosomatische Erkrankungen mit Pruritus
- Multifaktorieller Pruritus
- Pruritus unklarer Genese
Weitere klinisch gebräuchliche Einteilungen
- Atopischer Pruritus
- Cholestatischer Pruritus (hepatischer Pruritus)
- Diabetogener Pruritus
- Nephrogener Pruritus (urämischer Pruritus)
- Neuropathischer Pruritus: Durch Schädigung der Nervenfasern, z.B.
- Paraneoplastischer Pruritus
- Prämonitorischer Pruritus: Vor (Monate/Jahre) der auslösenden Grunderkrankung auftretend
- Somatoformer Pruritus
- Aquagener Pruritus
- Genitaler/analer Pruritus
Chronische Prurigo
- Definition: Entzündliche, fibrotische Dermatitis mit
- Chronischem und starkem Pruritus
- Typischen Hautläsionen
- Häufigem und kaum beherrschbarem Kratzen
- Epidemiologie: 210/100.000 (Prävalenz in Deutschland) [5]
- Ätiologie
- Assoziiert mit atopischer Dermatitis, bullösem Pemphigoid und Lichen planus
- Häufig psychische Komorbiditäten, insb. Depression und Angststörungen
- Symptomatik
- Starker Pruritus mit Schlafstörungen und deutlicher Einschränkung der Lebensqualität
- Teilweise erythematöse, im Verlauf hyperpigmentierte und scharf begrenzte Läsionen, ggf. mit Exkoriationen oder Ulzerationen
- Nodi (Prurigo nodularis )
- Papeln (Prurigo papulosa)
- Plaques (Plaque-Prurigo)
- Lineare Läsionen
- Verteilung
- Symmetrisch verteilt, keine Konfluenz
- Insb. Gesäß, Stamm und distale Extremitäten betroffen
- Gesicht, Handflächen und Fußsohlen i.d.R. ausgespart
- Diagnostik
- Klinische Diagnose
- Schweregradeinteilung anhand der Anzahl der Läsionen
- Evaluation der pruritusauslösenden Ursachen entsprechend der Diagnostik bei Pruritus
- Therapie der chronischen Prurigo
- Nicht-medikamentös: Allgemeine Maßnahmen zur Prurituslinderung
- Topische Therapie
- Insb. topische Glucocorticoide, ggf. intraläsionale Gabe
- Topische Calcineurin-Inhibitoren (Off-Label Use)
- Weitere Alternativen: Capsaicin-Creme, Ruxolitinib-Creme (Off-Label Use)
- Fototherapie: Ggf. in Kombination mit anderen Therapieoptionen
- Systemische Therapie
- Insb. Biologicals: Dupilumab und Nemolizumab
- Gabapentin oder Pregabalin (beide Off-Label Use)
- Immunsuppressiva (alle Off-Label Use): Bspw. Ciclosporin [6], Methotrexat, alternativ Azathioprin
- Weitere Alternativen (alle Off-Label Use): Naltrexon, Aprepitant, Antihistaminika, Antidepressiva (SSRI, Mirtazapin)
- Für weitere Dosierungen siehe: Therapie des Pruritus
- Komplikationen: Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken
Symptomatik
- Pruritus
- Lokalisiert oder generalisiert
- Konstant oder intermittierend
- Unterschiedliche Intensität möglich
- Kratzläsionen entsprechend den juckenden Arealen, typischerweise charakteristische Aussparung am Rücken (sog. Schmetterlingszeichen)
- Initial
- Erosionen und Exkoriationen bis hin zu Ulzerationen
- Blutungen, Hämatome, Krusten
- Im Verlauf
- Lichenifikation
- Hyper- und/oder Hypopigmentierungen
- Narben
- Papeln, Plaques, Nodi
- Ggf. polierte Fingernägel, lokalisierter Haarausfall
- Initial
Diagnostik
Anamnese
- Pruritusbezogene Anamnese
- Beschreibung des Pruritus
- Verlauf
- Akut vs. chronisch (>6 Wochen)
- Kontinuierlich oder intermittierend
- Abhängigkeit von der Tageszeit
- Abhängigkeit von der Jahreszeit
- Trigger und mögliche Ursachen aus Sicht der Betroffenen
- Kratzverhalten
- Leidensdruck und Schlafstörungen
- Bisherige Therapien und deren Ansprechen
- Ggf. strukturierten Anamnesebogen verwenden (siehe: Tipps & Links)
- Anamnese zugrunde liegender Faktoren
- Allergien und atopische Erkrankungen
- Reise- und Umfeldanamnese
- Grunderkrankungen und Medikamenteneinnahme (siehe: Pruritusauslösende Medikamente)
- Begleitende Symptome, insb. B-Symptome
- Psychosoziale Anamnese
- Screening auf Depression: 2-Fragen-Test, HADS (siehe auch: Diagnostik bei Depression)
- Screening auf Angststörung: PHQ-4, HADS (siehe auch: Diagnostik bei Angststörungen)
- Belastende Lebensereignisse vor Symptombeginn
Klinische Untersuchung
- Inspektion: Gesamte Haut inkl. Schleimhäute, Capillitium und Haare, Nägel, Anogenitalregion
- Lokalisation und ausgesparte Areale (Schmetterlingszeichen ) beachten
- Morphologie der Hauterscheinung dokumentieren
- Erkrankungsbedingte Hautveränderungen von Kratzläsionen unterscheiden
- Ggf. keine Hautveränderungen vorhanden
- Allgemeine körperliche Untersuchung
Es sollte immer die gesamte Haut untersucht werden, nicht nur die juckenden Stellen!
Pruritusdokumentation und -messung
- Subjektive Pruritusintensität: Erfassung dient der Verlaufsbeurteilung
- Visuelle Analogskala (VAS)
- Numerische Ratingskala (NRS)
- Verbale Ratingskala (VRS)
- Beschwerdetagebuch: Bei schwerem oder unklarem Verlauf sinnvoll
- Chronische Prurigo: Prurigo Activity and Severity Score
Apparative und laborchemische Diagnostik
Chronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (CPL)
- Je nach vorliegenden Hauterscheinungen
- Bakteriologische und/oder mykologische Abstriche
- Allergologische Diagnostik
- Autoimmunserologie
- Direkte und indirekte Immunfluoreszenz, Zielantigene bei bullösen Autoimmundermatosen (siehe auch: Allgemeine Diagnostik bei blasenbildenden Autoimmundermatosen)
- Nachweis von Skabies-Milben
- Hautbiopsie
Chronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler Haut (CPNL)
- Stufendiagnostik: Schrittweises Vorgehen entsprechend der Häufigkeit der Ursachen
- Basisdiagnostik: Laborchemische Untersuchungen
- Mögliche weiterführende Diagnostik: Entsprechend den Ergebnissen der Basisdiagnostik
- Bildgebung
- Röntgen-Thorax
- Sonografie: Abdomen, Lymphknoten, Schilddrüse
- CT, MRT, MRCP
- Gastroskopie, Koloskopie Ggf. inkl. Biopsien und/oder Untersuchung auf Helicobacter pylori
- Interdisziplinäre Konsile: Bspw. Dermatologie, Neurologie, Psychiatrie, Allergologie, Innere Medizin, Urologie, Gynäkologie
- Bei analem Pruritus: Untersuchung auf Parasiten und/oder Wurmeier, digital-rektale Untersuchung, PSA
- Bei V.a. spezifische Erkrankungen siehe bei den entsprechenden Erkrankungen
- Bildgebung
Trotz umfassender Diagnostik bleibt die Ursache bei 13–50% der Betroffenen ungeklärt! In diesem Fall werden klinische Verlaufskontrollen und ggf. eine Wiederholung der Diagnostik (z.B. 1×/Jahr) empfohlen.
Therapie
Allgemeines
- Individualisierter Therapieansatz: Unter Berücksichtigung von
- Ausprägung des Pruritus und dadurch eingeschränkter Lebensqualität
- Dauer des Pruritus
- Alter, Allgemeinzustand
- Komorbiditäten, Medikation
- Ursache
- Grundsätzliche Therapieprinzipien
- Allgemeine Maßnahmen zur Prurituslinderung
- Ursachensuche und -therapie im Vordergrund
-
Shared Decision Making und symptomorientierte Stufentherapie aufgrund von
- Einsatz von Off-Label-Therapien
- Schlechtem Therapieansprechen
- I.d.R. verzögertem Ansprechen bis zu 12 Wochen
- Indikation/Patientenwunsch bzgl. psychosomatischer Therapie eruieren und diese ggf. einleiten
- Deeskalation bei Therapieerfolg: Langsames Ausschleichen über mind. 4 Wochen
| Stufentherapie des Pruritus | |
|---|---|
| Maßnahmen | |
| 1. Stufe |
|
| 2. Stufe |
|
| 3. Stufe |
|
Chronischer Pruritus kann auch nach erfolgreicher Therapie der auslösenden Erkrankung persistieren!
Allgemeine Maßnahmen zur Prurituslinderung
- Hauttrockenheit vermeiden
- Meiden/reduzieren von
- Topische Basistherapie: Täglich anwenden
- Juckreizhemmende Präparate verwenden
- Cremes/Lotionen mit Harnstoff, Menthol, Polidocanol, Tanninen
- Fett-feuchte Umschläge, Schwarzteeumschläge
- Lebensstil: Anspannung und Stress meiden
- Patientenschulungen: Bspw. Neurodermitisschulung
Topische Therapie
- Topische Basistherapie [7]
- An den Hautzustand angepasste Externa (Wasser-in-Öl- oder Öl-in-Wasser-Cremes bzw. -Emulsionen)
- Auf rückfeuchtende und rückfettende Inhaltsstoffe achten (z.B. Urea, Milchsäure, Glycerin, Mandelöl, Sheabutter)
- Topische Lokalanästhetika
- Menthol oder Polidocanol
- Ggf. Lidocain
- Topische Glucocorticoide
- Nur bei steroidsensitiven Hauterkrankungen oder Prurigo
- Bspw. Betamethason
- Capsaicin: Bei lokalisiertem Pruritus und brachioradialem Pruritus sowie Notalgia parästhetica erwägen
- Topische Calcineurin-Inhibitoren: Bei inflammatorischen Hauterkrankungen oder Prurigo erwägen (Off-Label Use außer bei atopischer Dermatitis)
- Bspw. Pimecrolimus
Fototherapie
- Wirkweise [8]
- Ausschüttung pruritogener Mediatoren ↓
- Rezeptoren für pruritogene Mediatoren ↓
- Reduktion der kutanen purizeptiven Nerven
- Indikation
- CPL aufgrund inflammatorischer Dermatosen
- Chronische Prurigo
- CPNL aufgrund einiger systemischen Erkrankungen
- Durchführung
- UVB-Fototherapie: Insb. Schmalspektrumtherapie (311 nm)
- UVA-Fototherapie: Insb. PUVA
- Excimer-Laser
Systemische Therapie
- Antihistaminika: Insb. bei Urtikaria, bei anderen Ursachen Einsatz erwägen
- H1R-Antagonisten der 2. Generation verwenden
- Siehe auch: Therapie der Urtikaria
- Glucocorticoide: Nur kurzfristig in Ausnahmefällen bei extremem Leidensdruck
- Gabapentinoide: Insb. bei nephrogenem und neuropathischem Pruritus, ggf. auch bei anderen Formen
- Auf ausreichend lange Therapiedauer achten (8–12 Wochen)
- Gabapentin (Off-Label Use)
- Pregabalin (Off-Label Use)
- Opioidrezeptor-Agonisten/-Antagonisten: Ggf. bei bestimmten Pruritusformen erwägen
- Antidepressiva
- SSRI, z.B. Paroxetin (Off-Label Use)
- Ggf. Mirtazapin oder Doxepin erwägen (beide Off-Label Use)
Therapie entsprechend der Ursache
Nephrogener Pruritus
- 1. Wahl
- Bei Hämodialyse: Difelikefalin
- Gabapentin oder Pregabalin (beide Off-Label Use)
- 2. Wahl: UVB-Fototherapie (Off-Label Use)
- 3. Wahl: Naltrexon oder Naloxon
Weitere ursachenspezifische Therapien
- Pruritus bei Lebererkrankungen: Cholestatischer Pruritus
- Pruritus bei Mycosis fungoides/Sézary-Syndrom: Therapie der kutanen Lymphome
- Neuropathischer Pruritus
- Pruritus nach Wasserkontakt: Therapie des aquagenen Pruritus
- Pruritus bei Schwangerschaftsdermatosen
Pruritus unklarer Genese
- 1. Wahl
- H1-Antihistaminika
- Gabapentin oder Pregabalin (beide Off-Label Use)
- 2. Wahl: Paroxetin (Off-Label Use)
- 3. Wahl: Mirtazapin (Off-Label Use)
- 4. Wahl: UVB-Schmalspektrumtherapie (Off-Label Use)
- 5. Wahl: Naloxon oder Naltrexon (beide Off-Label Use)
Psychosomatische Therapie
- Indikationen
- Somatoformer Pruritus
- Psychische Komorbiditäten
- Automatisiertes Kratzen und gestörte Pruritusbewältigung
- Therapiemöglichkeiten
- Bei psychiatrischen Komorbiditäten siehe bspw.:
-
Psychotherapie bei somatoformem Pruritus
- Verhaltenstherapie (Habit-Reversal-Training, Führen von Kratz-Tagebüchern)
- Kognitive Verfahren (z.B. Entkatastrophisieren, Ablenkungsstrategien)
- Entspannungsverfahren (z.B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung)
- Siehe auch: Therapie somatoformer Störungen, Hinweise zur Gesprächsführung bei Patient:innen mit somatoformen Störungen
AMBOSS-Pflegewissen: Pruritus
Die spezielle Pflege bei Juckreiz richtet sich nach der vorliegenden Grunderkrankung. Insb. die Beratung der Patient:innen und die Überwachung des Verlaufs stehen im Vordergrund.
Beobachten/Überwachen
Der Verlauf wird systematisch erfasst und dokumentiert. Folgende Leitstruktur eignet sich:
- Skalen zur Qualifizierung des Juckreizes: Analog zur Schmerzerfassung einsetzbar
- Haut: Neu aufgetretene oder zu-/abnehmende
- Rötungen
- Pusteln, Quaddeln
- Trockenheit
- Kratzspuren
- Auslöser: Gemeinsam mit den Patient:innen besprechen, ob Auslöser bekannt sind bzw. identifiziert werden können, bspw.
- (Neu angesetzte) Medikamente
- Nahrungsmittel
- Stress
- Schwitzen
- Kontakt zu allergenen Materialien
- Trockene Umgebungsluft
Medikamentöse Therapie
- Siehe auch: Therapie bei Pruritus
- Topisch und/oder systemisch (p.o. oder seltener i.v.)
- Aufgaben der Pflegefachkraft
- Durchführung und Überwachung der medikamentösen Therapie, insb. Beobachtung und Dokumentation des Therapieerfolges
- Bedarfsmedikation verabreichen
- Ggf. Unterstützung bei der Applikation von Cremes und Salben , insb. auf schwer zu erreichende Körperstellen
Körperpflege
- Physiologischen pH-Wert der Haut aufrechterhalten durch
- Ausgewählte Hautpflegeprodukte (inkl. Handseife)
- Händewaschen und -desinfektion nur, wenn tatsächlich nötig
- Kontakt mit Chemikalien, bspw. in Putzmitteln, vermeiden
- Fingernägel kurz und sauber halten
- Nur kurz und lauwarm duschen
- Beim Abtrocknen der Haut: Tupfen, nicht reiben
- Raue (bspw. Wolle) und eng anliegende Kleidung vermeiden
- Atmungsaktive Kleidung aus unbehandelter Naturfaser bevorzugen
- Waschmittel für empfindliche Haut benutzen, Weichspüler meiden
Ernährung
- Bekannte Allergene meiden
- Meiden von Lebensmitteln, die die Durchblutung der Haut fördern
Beratung
- Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen erläutern
- Alternativstrategien zum Kratzen aufzeigen
- Juckende Hautareale mit der flachen Hand oder mit Gegenständen, die keine Verletzungen verursachen können, bearbeiten , bspw.
- Klopfen
- Drücken
- Massieren
- Kneten
- Ablenkung
- Entspannungstechniken
- Kühlen, z.B. mit feuchten Umschlägen oder Kühlpacks
- Bei starkem Juckreiz nachts ggf.
- Baumwollhandschuhe tragen
- Juckende Stellen prophylaktisch verbinden
- Juckende Hautareale mit der flachen Hand oder mit Gegenständen, die keine Verletzungen verursachen können, bearbeiten , bspw.
- Individuelle Auslöser identifizieren
- Juckreiztagebuch führen
- Zusammenhänge zwischen möglichen Auslösern und Juckreiz erläutern
- Strategien entwickeln, die identifizierten Auslöser zu meiden
- Schulungen zum Umgang mit Juckreiz empfehlen
Komplikationen
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- L29.-: Pruritus
- Exklusive: Neurotische Exkoriation (L98.1), Psychogener Pruritus (F45.8)
- L29.0: Pruritus ani
- L29.1: Pruritus scrotalis
- L29.2: Pruritus vulvae
- L29.3: Pruritus anogenitalis, nicht näher bezeichnet
- L29.8: Sonstiger Pruritus
- L29.9: Pruritus, nicht näher bezeichnet
- Juckreiz o.n.A.
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.