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Angststörungen

Letzte Aktualisierung: 27.10.2021

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Phobien, die Panikstörung und die generalisierte Angststörung werden meist unter dem Oberbegriff „Angststörungen“ zusammengefasst. Dabei unterscheidet sich das Leitsymptom „Angst“ im Hinblick auf Ausprägung, Intensität, Dauer und potenziell auslösender Situation, wodurch die einzelnen Angststörungen voneinander abgegrenzt werden können. Bei der generalisierten Angststörung liegt Angst bspw. als chronischer Dauerzustand vor, wohingegen eine Panikstörung durch plötzliche, wiederkehrende Angstattacken in unspezifischen Situationen gekennzeichnet ist. Bei phobischen Störungen beschränken sich Ängste auf definierte Objekte oder Situationen, wie bspw. auf öffentliche Plätze (Agoraphobie), soziale Situationen (soziale Phobie) oder Spinnen (spezifische Phobie).

Die Komorbidität mit anderen psychiatrischen Störungen, bspw. anderen Angststörungen oder Depressionen, ist hoch. Da körperliche Symptome wie bspw. Palpitationen oder Zittern oft vorhanden sind, ist die Differenzialdiagnostik hinsichtlich somatischer Erkrankungen sehr wichtig. Therapeutisch stehen mit Psychotherapie (insb. kognitive Verhaltenstherapie) und medikamentöser Behandlung (insb. Antidepressiva) wirksame Mittel zur Verfügung. Ohne Behandlung verlaufen die Angststörungen meist chronisch.

Unterschiede der Angstzustände

Charakter Situation
Phobische Störungen Akut Spezifisch
Panikstörung Akut Unspezifisch
Generalisierte Angststörung Anhaltend Unspezifisch

Phobien (F40)

  • Allgemein [1]
    • Angst wird durch klar definierte und im Grunde ungefährliche Situationen ausgelöst
    • Variable Symptome können das Ausmaß einer Panikattacke erreichen, siehe auch: Symptome bei Phobien
    • Häufig tritt im Vorfeld schon Erwartungsangst auf und es kommt zu Vermeidungsverhalten
    • Deutlicher Leidensdruck wegen Angstsymptomatik oder Vermeidungsverhalten
    • Eigene Angstreaktion wird als unangemessen bewertet
    • Ängste vor Krankheit oder Entstellung werden der hypochondrischen Störung (F45.2) zugeordnet

Agoraphobie (F40.0) [2]

Soziale Phobie (F40.1) [2]

  • Merkmale
    • Furcht oder Vermeidung von Situationen, in denen die Person im Zentrum der Aufmerksamkeit steht
    • Vermeidung von Situationen aufgrund der Befürchtung von
      • Kritischer Bewertung durch Andere
      • Eigener Peinlichkeit
    • Häufig geringes Selbstwertgefühl
    • Siehe auch: Diagnostische Kriterien der sozialen Phobie nach ICD-10
  • Typische Situationen
    • Gespräche mit Vorgesetzten
    • Essen in der Öffentlichkeit
    • Sprechen vor Publikum
    • Wortmeldungen in Kleingruppen

Spezifische (isolierte) Phobie (F40.2) [2]

  • Merkmale
  • Häufige spezifische Phobien
    • Höhe (Akrophobie)
    • Geschlossene Räume (Klaustrophobie)
    • Spinnen (Arachnophobie)
    • Blut (Hämatophobie)
    • Spitze Gegenstände
    • Flugreisen
    • Zahnarztbesuche
    • Urinieren auf öffentlichen Toiletten
    • Donner
    • Genuss bestimmter Speisen

Andere Angststörungen (F41)

Der Begriff „andere Angststörungen“ umfasst die Erkrankungen, bei denen das Leitsymptom „Angst“ ohne festen Bezug zu bestimmten Objekten, Situationen oder Umgebungsbedingungen auftritt.

Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst) (F41.0) [2]

  • Merkmale [2][3]
  • Obligate Charakteristika einer Panikattacke (nach ICD-10) [2]
    • Episode intensiver Angst oder Unbehagen
    • Abrupter Beginn
    • Symptome steigern sich innerhalb weniger Minuten zum Maximum
    • Dauer: I.d.R. 10–30 min [3]
    • Mind. 4 Symptome aus Gemeinsame Symptome der Angststörungen, davon eines vegetativ

Generalisierte Angststörung (F41.1) [2]

Angst und depressive Störung, gemischt (F41.2) [2]

  • Ängstliche und depressive Symptome bestehen gleichzeitig
  • Kombination relativ leichter Symptome
  • Nur wenn eigenständige Diagnose von Angststörung oder depressiver Störung nicht gerechtfertigt ist
  • Keine klare Behandlungsempfehlung [5]
  • Lebenszeitprävalenz (International, Stand 2006): 14–29% [1][6]
  • Jahresprävalenz (Stand 2014): Ca. 15% [1]
    • Gruppe der häufigsten psychischen Erkrankungen [7]
    • Spezifische Phobien haben größten Anteil [1]
    • Bei familiärer Belastung erhöht: Erstgradige Verwandte sind 3–5x häufiger betroffen [8]
    • Nimmt mit zunehmendem Alter ab [1]
  • Mittleres Erkrankungsalter: Insgesamt zwischen 35–41 Jahren [1]
  • Geschlechterverteilung: > (2:1) [1]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Bei der Entstehung von Angststörungen wird von einem komplexen Vulnerabilitäts-Stress-Modell ausgegangen. Meist liegt eine genetische Prädisposition vor, die sich in neurobiologischen Veränderungen zeigen kann. Zusammen mit belastenden Umweltfaktoren und anderen individuellen Stressoren kann ein Störungsbild entstehen. Ein gänzlich einheitlicher Erklärungsansatz für die Ätiologie der Angsterkrankungen existiert nicht.

Gemeinsame Symptome der Angststörungen nach ICD-10 [2]

I.d.R. treten nicht alle Symptome zusammen auf. Das Vorliegen mind. eines der vegetativen Symptome ist zur Diagnosestellung jedoch erforderlich. [2]

  • Vegetativ
  • Thorakal/Abdominell
    • Atemnot
    • Beklemmungsgefühl, Erstickungsgefühl
    • Brustschmerzen
    • Übelkeit, Missempfindungen (bspw. Kribbeln/Unruhegefühl)
  • Psychisch
  • Allgemeine Symptome
    • Hitzewallung, Kältegefühl
    • Gefühllosigkeit oder Parästhesien

Zusätzliche spezielle Symptome nach ICD-10 [2]

Die hier aufgeführten Symptome können prinzipiell bei allen Angststörungen auftreten. Jedoch zählen sie nur bei den hier angegebenen Erkrankungen zu den diagnostisch relevanten Krankheitssymptomen.

  • Bei sozialer Phobie
    • Erröten
    • Zittern
    • (Angst vor) Harn- und Defäkationsdrang
    • Angst zu Erbrechen
  • Bei generalisierter Angststörung
    • Anspannung
      • Muskelverspannungen
      • Ruhelosigkeit
      • Nervosität
      • Kloßgefühl im Hals
    • Unspezifisch
      • Schlafstörungen
      • Konzentrationsstörungen
      • Reizbarkeit
      • Erhöhte Schreckhaftigkeit

Exploration

  • Allgemeine Exploration
  • Kernfragen [1]
    • Angstgefühle
      • In welchen Situationen tritt die Angst auf?
      • Wie lange hält das Angstgefühl an?
      • Gibt es angstfreie Zeiten?
      • Wann sind die Ängste erstmals aufgetaucht?
      • Wie macht sich die Angst bemerkbar?
      • Wodurch nimmt die Angst ab?
    • Angstbesetzte Gedanken
      • Gibt es konkrete Befürchtungen?
      • Gibt es ein Gefühl der ständigen, diffusen Besorgnis?
      • Machen sich andere Menschen ähnlich viele Sorgen?
    • Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten
      • Werden Orte nicht mehr aufgesucht oder bestimmte Situationen/Objekte gemieden?
      • Wird die Lebensqualität durch die Vermeidung beeinträchtigt?
      • Gibt es intensive Vorbereitungen auf eine Situation?

Ausschluss organischer Ursachen [1][3][11]

Somatische Differenzialdiagnosen der Angststörungen müssen ausgeschlossen werden!

Es muss beachtet werden, dass insb. wiederholte Untersuchungen gesundheitsbezogene Ängste aufrechterhalten und verstärken können! [3]

Testpsychologische Verfahren

Agoraphobie (F40.0)

Kriterium Diagnostische Kriterien der Agoraphobie nach ICD-10 [2]
A
  • Deutliche und anhaltende Furcht vor oder Vermeidung von mind. 2 folgender Situationen
    • Menschenmengen
    • Öffentliche Plätze
    • Allein Reisen
    • Reisen, mit weiter Entfernung von Zuhause
B
  • Seit Auftreten der Störung müssen in den gefürchteten Situationen mind. 2 Symptome, davon mind. eines vegetativ, wenigstens zu einem Zeitpunkt gemeinsam vorhanden gewesen sein
    • Vegetative Symptome
    • Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
      • Atembeschwerden
      • Beklemmungsgefühl
      • Thoraxschmerzen oder -missempfindungen
      • Nausea oder abdominelle Missempfindungen (bspw. Unruhegefühl im Magen)
    • Psychische Symptome
      • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
      • Derealisation oder Depersonalisation
      • Angst vor Kontrollverlust, „verrückt zu werden“ oder „auszuflippen“
      • Angst zu sterben
    • Allgemeine Symptome
      • Hitzewallungen oder Kälteschauer
      • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
C
  • Deutliche emotionale Belastung durch Angstsymptomatik oder Vermeidungsverhalten
  • Bewertung der eigenen Angstreaktion als unangemessen
D
  • Symptome beschränken sich ausschließlich auf betroffene Situationen oder Gedanken an diese

E

  • Ausschluss: Symptome des Kriteriums A sind nicht Folge von Wahn, Sinnestäuschungen oder Symptomen anderer psychiatrischer Erkrankungen oder kulturell akzeptierten Anschauungen
Differenzierungen

Soziale Phobie (F40.1)

Kriterium Diagnostische Kriterien der sozialen Phobie nach ICD-10 [2]
A
  • Entweder 1. oder 2.:
    1. Deutliche Furcht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten
    2. Deutliche Vermeidung, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, oder von Situationen, in denen die Angst besteht, sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten
  • Diese Ängste treten in sozialen Situationen auf, wie Essen, Sprechen oder Begegnung von Bekannten in der Öffentlichkeit sowie Hinzukommen oder Teilnahme an kleinen Gruppen, wie bspw. bei Partys, Konferenzen oder in Klassenräumen
B
  • Seit Auftreten der Störung müssen in den gefürchteten Situationen mind. 2 Symptome, davon mind. eines vegetativ, wenigstens zu einem Zeitpunkt gemeinsam vorhanden gewesen sein
    • Vegetative Symptome
    • Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
      • Atembeschwerden
      • Beklemmungsgefühl
      • Thoraxschmerzen oder -missempfindungen
      • Nausea oder abdominelle Missempfindungen (bspw. Unruhegefühl im Magen)
    • Psychische Symptome
      • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
      • Derealisation oder Depersonalisation
      • Angst vor Kontrollverlust, „verrückt zu werden“ oder „auszuflippen“
      • Angst zu sterben
    • Allgemeine Symptome
      • Hitzewallungen oder Kälteschauer
      • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
  • Plus mind. 1 der folgenden Symptome
    • Erröten oder Zittern
    • Angst zu erbrechen
    • (Angst vor) Harn- oder Defäkationsdrang
C
  • Deutliche emotionale Belastung durch Angstsymptomatik oder Vermeidungsverhalten
  • Bewertung der eigenen Angstreaktion als unangemessen
D
  • Symptome beschränken sich ausschließlich auf betroffene Situationen oder Gedanken an diese
E
  • Ausschluss: Symptome des Kriteriums A sind nicht Folge von Wahn, Sinnestäuschungen oder Symptomen anderer psychiatrischer Erkrankungen oder kulturell akzeptierten Anschauungen

Spezifische (isolierte) Phobie (F40.2)

Kriterium Diagnostische Kriterien der spezifischen (isolierten) Phobie nach ICD-10 [2]
A
  • Entweder 1. oder 2.:
    1. Deutliche Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation, außer Agoraphobie und soziale Phobie
    2. Deutliche Vermeidung solcher Objekte und Situationen, außer Agoraphobie und soziale Phobie
  • Häufige phobische Objekte und Situationen sind Tiere (bspw. Vögel, Insekten), Höhen, Donner, Flugreisen, kleine geschlossene Räume, Anblick von Blut oder Verletzungen, Injektionen, Zahnarzt- und Krankenhausbesuche
B
  • Seit Auftreten der Störung müssen in den gefürchteten Situationen mind. 2 Symptome, davon mind. eines vegetativ, wenigstens zu einem Zeitpunkt gemeinsam vorhanden gewesen sein
    • Vegetative Symptome
    • Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
      • Atembeschwerden
      • Beklemmungsgefühl
      • Thoraxschmerzen oder -missempfindungen
      • Nausea oder abdominelle Missempfindungen (bspw. Unruhegefühl im Magen)
    • Psychische Symptome
      • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
      • Derealisation oder Depersonalisation
      • Angst vor Kontrollverlust, „verrückt zu werden“ oder „auszuflippen“
      • Angst zu sterben
    • Allgemeine Symptome
      • Hitzewallungen oder Kälteschauer
      • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
C
  • Deutlicher Leidensdruck wegen Angstsymptomatik oder Vermeidungsverhalten
  • Bewertung der eigenen Angstreaktion als unangemessen
D
  • Symptome beschränken sich auf betroffene Situationen oder Gedanken an diese

Panikstörung (episodisch paroxyxmale Angst) (F41.0)

Kriterium Diagnostische Kriterien der Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst) nach ICD-10 [2]
A
  • Wiederholte Panikattacken ohne spezifischen Auslöser (Situation oder Objekt)
    • Spontan auftretend
    • Nicht verbunden mit besonderer Anstrengung, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen
B
  • Eine Panikattacke hat alle folgenden Charakteristika
    • Einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen
    • Abrupter Beginn
    • Sie erreicht innerhalb weniger min ein Maximum und dauert mind. einige min
    • Vorliegen von mind. 4 Symptomen, davon mind. 1 vegetatives Symptom
      • Vegetative Symptome
      • Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
        • Atembeschwerden
        • Beklemmungsgefühl
        • Thoraxschmerzen oder -missempfindungen
        • Nausea oder abdominelle Missempfindungen (bspw. Unruhegefühl im Magen)
      • Psychische Symptome
        • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
        • Derealisation oder Depersonalisation
        • Angst vor Kontrollverlust, „verrückt zu werden“ oder „auszuflippen“
        • Angst zu sterben
      • Allgemeine Symptome
        • Hitzewallungen oder Kälteschauer
        • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
C
  • Ausschluss: Panikattacken treten nicht infolge einer anderen Störung (körperlich oder psychiatrisch) auf
Differenzierungen

Generalisierte Angststörung (F41.1)

Kriterium Diagnostische Kriterien der generalisierten Angststörung nach ICD-10 [2]
A
  • Ein Zeitraum von mind. 6 Monaten mit vorherrschender Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen in Bezug auf alltäglich Ereignisse
B
  • Vorliegen von mind. 4 Symptomen, davon mind. 1 vegetatives Symptom
    • Vegetative Symptome
    • Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
      • Atembeschwerden
      • Beklemmungsgefühl
      • Thoraxschmerzen oder -missempfindungen
      • Nausea oder abdominelle Missempfindungen (bspw. Unruhegefühl im Magen)
    • Psychische Symptome
      • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
      • Derealisation oder Depersonalisation
      • Angst vor Kontrollverlust, „verrückt zu werden“ oder „auszuflippen“
      • Angst zu sterben
    • Allgemeine Symptome
      • Hitzewallungen oder Kälteschauer
      • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
    • Symptome der Anspannung
      • Muskelverspannung, akute und chronische Schmerzen
      • Ruhelosigkeit, Unfähigkeit zu entspannen
      • Gefühl von Aufgedrehtsein, Nervosität, psychischer Anspannung
      • Kloßgefühl im Hals oder Schluckbeschwerden
    • Unspezifische Symptome
      • Übertriebene Reaktionen auf kleinere Überraschungen oder Erschrecktwerden
      • Konzentrationsstörungen, Leeregefühl im Kopf wegen Sorgen oder Angst
      • Anhaltende Reizbarkeit
      • Einschlafstörungen wegen Besorgnissen
C
D
  • Ausschluss von
    • Organischen Krankheiten, bspw. Hyperthyreose
    • Organischen psychischen Störungen
    • Durch psychotrope Substanzen bedingte Störungen

Somatische Differenzialdiagnosen [1][3]

Psychiatrische Differenzialdiagnosen [1][3]

Die aufgeführten Differenzialdiagnosen sind auch häufige Komorbiditäten einer Angststörung.

Angststörungen zeigen eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen, insb. mit anderen Angststörungen, depressiven Störungen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen! [3]

Allgemein

  • Behandlungsziele [1]
    • Angstsymptomatik reduzieren
    • Vermeidungsverhalten abbauen
    • Rückfallprophylaxe erarbeiten
    • Soziale Integration und berufliche Eingliederung wiederherstellen
  • Grundsätzliches Vorgehen [1][4]
    • Sowohl medikamentöse Therapie als auch Psychotherapie möglich (Ausnahme spezifische Phobie: Alleinige KVT/Expositionstherapie)
    • Präferenz der Patient:innen berücksichtigen
    • Bei unzureichender Wirksamkeit einer Therapieform allein → jeweils andere Therapieform anbieten (ggf. auch zusätzlich)
  • Setting [1][4]
    • Ambulante Behandlung anstreben
    • Stationäre Behandlung erwägen bei

Medikamentöse Therapie [1][8]

Medikamentöse Therapie bei Angststörungen [1][12]
Wirkstoffgruppe Panikstörung/Agoraphobie Soziale Phobie Generalisierte Angststörung
SSRI
SSNRI
Trizyklische Antidepressiva
MAO-Hemmer
Antikonvulsiva
Trizyklisches Anxiolytikum

Azapiron

  • Bei Therapieresistenz zusätzlich zu einem SSRI möglich
    • Buspiron
Benzodiazepine [1]
  • Ausschließlich zur Akutbehandlung bei schweren Angst- und Spannungszuständen: Alprazolam, Clonazepam, Diazepam oder Lorazepam [12]
    • Nur nach intensiver Risiko-Nutzen-Abwägung (insb. Abhängigkeits-/Toleranzentwicklung, Sturzrisiko)
    • Nur in Ausnahmefällen (bspw. Kontraindikation für Standardmedikation, gravierende kardiale Vorerkrankung, Suizidalität)
    • Dosis so gering wie möglich
    • Zeitlich begrenzte Anwendung

Nach eingetretener Remission sollte die medikamentöse Behandlung noch mind. 6–12 Monate fortgeführt werden! [1]

Da insb. Benzodiazepine in Akutsituationen eine schnelle Symptomverbesserung bewirken, kann es bereits nach kurzer Zeit zu einer Fixierung auf die Substanzen und zu einer Abhängigkeit kommen!

Weitere medikamentöse Alternativen [1][12]

Nachfolgende Substanzen können als Off-Label Use bei Nichtansprechen oder Unverträglichkeiten der zugelassenen Medikamente verabereicht werden.

Substanz Panikstörung/Agoraphobie Soziale Phobie Generalisierte Angststörung
Agomelatin +
Quetiapin (+) + [4]
Mirtazapin + + +
Lavendelöl +

Psychotherapie

Übersicht der empfohlenen Psychotherapieverfahren bei Angststörungen [1]
Psychotherapieverfahren Panikstörung/Agoraphobie Generalisierte Angststörung Soziale Phobie Spezifische Phobie
Kognitive Verhaltenstherapie
  • Mittel der 1. Wahl
Psychodynamische Therapie
  • Mittel der 2. Wahl
Systemische Psychotherapie
  • Mittel der 3. Wahl

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

  • Allgemein: Standardverfahren zur Behandlung aller Angststörungen
  • Grundbausteine [8]
    • Konfrontation mit angstbesetzten Situationen oder Stimuli
    • Habituation der Angst durch wiederholtes Üben
    • Inhibitionslernen [13]
      • Korrigierende Erfahrungen → Neue Gedächtnisspur
      • Neue Erfahrungen konkurrieren mit der „alten“, ängstlichen Gedächtnisspur
      • Intensivierung der neuen Erfahrungen fördert Hemmung der „alten“ Angstreaktion
Typische Elemente der KVT bei Angststörungen [3][8][13]
Panikstörung/Agoraphobie Soziale Phobie Generalisierte Angststörung Spezifische Phobie
Psychoedukation und kognitive Vorbereitung
  • Angst ist eine biologisch sinnvolle Grundemotion
  • Physiologische Veränderungen bei Angst (z.B. erhöhter Puls) sind ungefährlich und plausibel
  • Angsthierarchie
  • Verhaltensanalyse
  • Teufelskreis der Angst
Exposition
  • Interozeptive Exposition [13]
  • In-vivo-Exposition
  • Verhaltensexperimente
    • Ggf. mit Videofeedback/Rollenspielen
  • In-vivo-Exposition
  • Sorgenexposition [8]
  • In-vivo-Exposition
Virtuelle-Realität-Expositionstherapie [1]
  • Nur begleitend zur Standardtherapie anbieten [1]
  • Bei Phobien betreffend Spinnen, Höhe, Fliegen anbieten [1]
Kognitive Strategien
  • Erkennen und Modifizieren von Kognitionen, die Ängste aufrechterhalten
    • Automatische (dysfunktionale) Gedanken
    • Bedingte Annahmen
    • Grundannahmen
Selbstmanagement und Rückfallprophylaxe
  • Therapeutischer Support wird reduziert
  • Erlernte Übungen sollen selbstständig in den Alltag eingebaut werden
  • Patient:innen werden vorbereitet
    • Angstgedächtnis kann nicht vollständig gelöscht werden
    • Angstsymptomatik kann trotz erfolgreicher Therapie wieder auftreten

Psychodynamische Psychotherapie [1][13]

Grundlage der psychodynamischen Psychotherapie ist die Bearbeitung unbewusster Konflikte (konfliktorientierte Gesprächstherapie).

Systemische Psychotherapie [1]

  • Prinzip: Fokus auf sozialen Kontext innerhalb eines Systems [14]
  • Indikation
    • Aktuelle Leitlinienempfehlung besteht nur für soziale Phobie
    • Nachrangig hinter KVT und psychodynamischer Therapie

Supportive Behandlungsmaßnahmen

Hierzu zählen Maßnahmen, die nicht als alleinstehende Behandlung empfohlen werden, aber eine Therapie unterstützen können (bspw. stützende Gespräche, Entspannungsverfahren oder Ausdauertraining).

Selbsthilfe [1]

Entspannungsverfahren [3]

  • Ziel: Kompetenzaufbau zur Beherrschung körperlicher Symptome
  • Indikation: Insb. bei generalisierter Angststörung
    • Reduktion der erhöhten Grundanspannung [3][4]
    • Als Applied Relaxation im Rahmen einer KVT (laut aktuellen Leitlinienempfehlungen)
  • Relative Kontraindikation: Symptomverschlechterung durch Fokus auf die Körperwahrnehmung (bspw. bei autogenem Training) [4]

Autogenes Training kann durch den Fokus auf die Körperwahrnehmung zu einer Symptomverschlechterung führen und ist daher nicht immer geeignet! [3]

Sport [1]

  • Bei Panikstörung/Agoraphobie als Ergänzung zur Standardtherapie möglich [4]
    • Ausdauertraining (z.B. 3x wöchentlich 5 km Jogging)
    • Wenig Evidenz für spezifische Effekte
  • Gut behandelbar durch [3][7]
    • Frühzeitige und zielgerichtete Therapie
    • Möglichkeit der Therapieumstellung [7]
  • Chronischer Verlauf bei [7]
    • Fehlender Behandlung [4]
    • Komorbiditäten [4]

F40.-: Phobische Störungen

F41.-: Andere Angststörungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen. Stand: 6. April 2021. Abgerufen am: 21. Juli 2021.
  2. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
  3. Schneider: Klinikmanual Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 2. Auflage Springer 2015, ISBN: 978-3-642-54570-2 .
  4. Geiser et al.: Angststörungen In: Der Internist. Band: 53, Nummer: 11, 2012, doi: 10.1007/s00108-012-3069-7 . | Open in Read by QxMD p. 1289-1295.
  5. Domschke: Update Angsterkrankungen – aktueller Stand und neue Entwicklungen In: Der Nervenarzt. Band: 92, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1007/s00115-020-01042-4 . | Open in Read by QxMD p. 415-416.
  6. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. Urban & Fischer 2020, ISBN: 978-3-437-24913-6 .
  7. Ziegler et al.: MAOA gene hypomethylation in panic disorder - reversibility of an epigenetic risk pattern by psychotherapy In: Translational Psychiatry. Band: 6, Nummer: 4, 2016, doi: 10.1038/tp.2016.41 . | Open in Read by QxMD p. e773-e773.
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  9. Mathias Berger: Psychische Erkrankungen. 6. Auflage Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2018, ISBN: 978-3-437-22485-0 .
  10. WHO - World Health Organization: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. 9. Auflage Hogrefe 2019, ISBN: 978-3-456-85992-7 .
  11. Zwanzger et al.: Pharmakotherapie von Angsterkrankungen – Leitliniengerechte Therapie und Neuentwicklungen In: Der Nervenarzt. Band: 92, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1007/s00115-020-01051-3 . | Open in Read by QxMD p. 433-440.
  12. Benkert, Hippius: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. 13. Auflage Springer 2020, ISBN: 978-3-662-61752-6 .
  13. Hoyer, Lueken: Psychotherapie der Angststörungen: State of the Art In: Der Nervenarzt. Band: 92, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1007/s00115-021-01069-1 . | Open in Read by QxMD p. 441-449.
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