Zusammenfassung
Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS, Synonym: Gasser-Syndrom) und die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP, Synonym: Moschcowitz-Syndrom) vereinen das Auftreten einer Hämolyse sowie Mikroangiopathien durch Plättchenthromben. Charakteristisch für das HUS ist eine ausgeprägte Nierenbeteiligung, für die TTP eine schwere Thrombozytopenie. Eine sichere Unterscheidung ist nicht immer möglich. Das HUS tritt gehäuft im Kindesalter im Anschluss an eine STEC-Gastroenteritis, vermittelt durch das Shiga-Toxin, auf. Als weitere Ursache für eine thrombotische Mikroangiopathie sind angeborene oder antikörpervermittelte Inaktivierungen einer antithrombotisch wirkenden Protease zu nennen. Der Verdacht ergibt sich durch Symptome des Nierenversagens und den Nachweis einer Thrombozytopenie. In einer solchen Konstellation sollte ein Blutausstrich erfolgen, um den wegweisenden Nachweis von Fragmentozyten zu prüfen. Eine zügige Behandlung zur Abwendung eines terminalen Nierenversagens oder eines letalen Verlaufs ist wichtig. Über einen Plasmaaustausch mit Gabe von Frischplasma wird versucht, die Toxine und Antikörper zu eliminieren und die verminderte Proteaseaktivität zu substituieren.
Für ergänzende Informationen zu Kindern und Jugendlichen siehe: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter.
Epidemiologie
- Häufigkeitsgipfel
- Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS): Meist im Kindesalter zwischen 2 und 5 Jahren
- Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP): Neugeborene (angeboren) oder Jugendliche/Erwachsene (erworben)
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS)
- Synonym: Gasser-Syndrom
- Ursachen
- Häufig: Infektion mit Shigatoxin-bildenden E. coli (STEC) (veraltet: Typisches HUS)
- Selten
- Dysregulation des Komplementsystems (veraltet: Atypisches HUS)
- Infektion mit Shigellen oder Pneumokokken
- Siehe auch: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter
Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP)
- Synonym: Moschcowitz-Syndrom
- Ursache: Qualitativer Mangel an Metalloprotease ADAMTS 13
- Erworben durch Autoantikörperbildung
- Im Rahmen rheumatischer Erkrankungen
- Induziert durch Medikamente (u.a. einige Zytostatika)
- Während der Schwangerschaft (Östrogene)
- Angeboren
- Erworben durch Autoantikörperbildung
Pathophysiologie
Toxinwirkung oder Mangel an antithrombotisch wirkender Metalloprotease ADAMTS 13 (angeboren oder erworben durch Auto-AK) → Bildung von thrombozytenreichen Thromben → Mikroangiopathie (v.a. Niere und Gehirn) sowie Thrombozytopenie, Hämolyse mit Bildung von Fragmentozyten → Akute Nierenschädigung, ZNS-Symptomatik
Symptomatik
- Allgemeine Symptome: Abgeschlagenheit, Fieber, Arthralgien
- Spezifische Symptome
-
Gastrointestinale Symptome
- (Ggf. blutige) Diarrhö
- Übelkeit, Erbrechen
- Abdominelle Schmerzen
-
Hämolytische Anämie
- Abgeschlagenheit, Blässe
- Tachykardie
- Ggf. brauner Urin durch Hämoglobinurie
- Thrombozytopenie, Störung der Thrombozytenaggregation: Petechien, Purpura
-
Akute Nierenschädigung : Oligurie/Anurie mit
- Arterieller Hypertonie
- Peripheren Ödemen
- Neurologische Beeinträchtigung
- Vigilanzminderung, Verwirrtheit, Kopfschmerzen
- Schlaganfall, Koma, epileptischer Anfall
- Kardiale Beeinträchtigung
- Herzrhythmusstörungen
- Akute Herzinsuffizienz
- Zeichen einer myokardialen Ischämie
- Siehe auch: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter
-
Gastrointestinale Symptome
Diagnostik
Klinische Chemie
- Allgemein
- Ausgeprägte Thrombozytopenie
- Hämolytische Anämie: Hämolysezeichen, Polychromasie
-
Nierenschädigung
- Erhöhte Retentionsparameter: Kreatinin↑
- Hämaturie, Proteinurie
- Speziell
- Nachweis von Fragmentozyten im Ausstrich
- Bestimmung der Aktivität der Metalloprotease ADAMTS 13 (ggf. Nachweis Auto-AK)
- Siehe auch: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter
Therapie
Supportive Therapie
Das Krankheitsgeschehen und der genaue Wirkmechanismus der Therapie sind noch nicht ausreichend geklärt. Folgende Therapieoptionen werden empfohlen:
- Gabe von Fresh Frozen Plasma (FFP), Plasmapherese
- Dialyse oder Hämofiltration
- Bei autoimmuner Genese zusätzlich Immunsuppression (Glucocorticoide, Rituximab)
- Bei ausbleibendem Erfolg wird Eculizumab empfohlen (zum Teil erfolgreich während der HUS-Epidemie 2011 eingesetzt)
- Eine antibiotische Therapie kann bei schwereren Verläufen eines HUS infolge STEC-Infektion erfolgen [1][2]
- Siehe auch: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Jugendalter
Eine Thrombozytentransfusion kann zu einer Aggravierung des Krankheitsbildes führen und sollte möglichst unterlassen werden!
Komplikationen
- Niere
- Vaskulär-bedingte rapid progressive Glomerulonephritis
- Chronische Niereninsuffizienz und arterielle Hypertonie
- ZNS: Epileptische Anfälle
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Prognose
Die Prognose ist vor allem vom Therapiebeginn abhängig. Ein frühzeitiger Beginn senkt nicht nur die akuten Komplikationen (Akute Niereninsuffizienz, Koma), sondern verhindert auch die Entwicklung einer chronischen Niereninsuffizienz.
- Typisches hämolytisch-urämisches Syndrom: Geringe Letalität (1–5%)
- Andere Formen: Hohe Letalität (frühe Therapie wichtig), hohes Risiko für terminale Niereninsuffizienz
- Langfristig: Chronische Niereninsuffizienz
Prävention
Meldepflicht
Nach dem Infektionsschutzgesetz ist der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod am enteropathischen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) namentlich meldepflichtig.
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 59-2019-3/3: Caplacizumab bei thrombotisch-thrombozytopenischer Purpura – Die HERCULES-Studie
- Studientelegramm 56-2018-3/3: Nachbericht zum ASH-Kongress 2: Die Kunst der Therapie bei TTP
- Studientelegramm 44-2018-2/3: Zulassung von Caplacizumab bei Thrombotisch-thrombozytopenischer Purpura
Interesse an wöchentlichen Updates zur aktuellen Studienlage im Bereich der Inneren Medizin? Abonniere jetzt das Studientelegramm! Den Link zur Anmeldung findest du am Seitenende unter "Tipps & Links"
Meditricks
In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.
Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS)
Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
Hämolytisch-urämisches Syndrom
- D59.-: Erworbene hämolytische Anämien
- N08.-*: Glomeruläre Krankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- N08.2*: Glomeruläre Krankheiten bei Blutkrankheiten und Störungen mit Beteiligung des Immunsystems
- Glomeruläre Krankheiten bei:
- disseminierter intravasaler Gerinnung [Defibrinationssyndrom] (D65.-†)
- hämolytisch-urämischem Syndrom (D59.3†)
- Kryoglobulinämie (D89.1†)
- Purpura Schoenlein-Henoch (D69.0†)
- Sichelzellenkrankheiten (D57.-†)
- Glomeruläre Krankheiten bei:
- N08.2*: Glomeruläre Krankheiten bei Blutkrankheiten und Störungen mit Beteiligung des Immunsystems
Thrombotische Mikroangiopathie
- M31.-: Sonstige nekrotisierende Vaskulopathien
- M31.1: Thrombotische Mikroangiopathie
- N08.-*: Glomeruläre Krankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- N08.5*: Glomeruläre Krankheiten bei Systemkrankheiten des Bindegewebes
- Glomeruläre Krankheiten bei:
- Goodpasture-Syndrom (M31.0†)
- Granulomatose mit Polyangiitis (M31.3†)
- mikroskopischer Polyangiitis (M31.7†)
- systemischem Lupus erythematodes (M32.1†)
- thrombotischer thrombozytopenischer Purpura (M31.1†)
- Wegener-Granulomatose (M31.3†)
- Glomeruläre Krankheiten bei:
- N08.5*: Glomeruläre Krankheiten bei Systemkrankheiten des Bindegewebes
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.