Zusammenfassung
Die akute obstruktive Bronchitis bei Kindern und Jugendlichen ist eine virale Infektion insb. der mittleren und größeren Bronchien mit obstruktiver Komponente. Sie wird häufig durch RS- und Rhinoviren verursacht und geht i.d.R. mit Erkältungssymptomen wie leichtem Fieber und Schnupfen einher. Auskultatorisch zeigt sich typischerweise ein exspiratorisches Giemen/Pfeifen, sodass die Diagnosestellung häufig klinisch erfolgt. Bei Kleinkindern zeigen sich oft infektassoziierte Episoden mit anfallsartigem Husten bis zum Erbrechen. Therapeutisch steht die Inhalation von Salbutamol im Vordergrund, bei schwerer Symptomatik kommen systemische Glucocorticoide zum Einsatz.
Treten rezidivierende obstruktive Bronchitiden auf, sollte eine eingehende Anamnese und klinische Untersuchung erfolgen, um ggf. einen medikamentösen Therapieversuch einzuleiten und Differenzialdiagnosen auszuschließen.
Dieses Kapitel widmet sich den besonderen Aspekten der obstruktiven Bronchitis bei Kindern und Jugendlichen, für eine Gesamtübersicht über Bronchitiden siehe: Akute Bronchitis
Definition
- Akute obstruktive Bronchitis: Virale Infektion der unteren Atemwege (insb. mittlere und größere Bronchien) mit Bronchialobstruktion [1]
- Akute Bronchiolitis: Virale Infektion der unteren Atemwege (Bronchiolen und kleine Bronchien) im Säuglingsalter
- Für weitere Informationen siehe auch: Akute Bronchiolitis im Säuglingsalter
Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer obstruktiven Bronchitis und einer Bronchiolitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!
Epidemiologie
- Prävalenz: Ca. 30% aller Kinder <3 Jahren sind mind. 1-mal betroffen [1]
- Häufigkeitsgipfel: Kinder 0–5 Jahre
- Risikofaktoren für schwere Verläufe und/oder rezidivierende Episoden
- Im Säuglings- und Kleinkindalter
- Störungen der Atemwegsentwicklung durch
- Frühgeburtlichkeit (insb. BPD)
- Kongenitale Atemwegsanomalien
- Intrauterine Nikotinexposition
- Störungen der Atemmechanik durch Adipositas und/oder überproportionale Gewichtszunahme im Säuglingsalter
- Störungen der Atemwegsentwicklung durch
- Im gesamten Kindesalter
- Immundefizienz
- Atopie
- Exposition gegenüber Luftschadstoffen und/oder Tabakrauch
- Nicht-gestillte Kinder
- Im Säuglings- und Kleinkindalter
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Ursache: Meist Rhinoviren und RSV [1]
Symptomatik
- Leitsymptom: Exspiratorisches Giemen/Pfeifen und/oder verlängertes Exspirium [1]
- Teils kein exspiratorisches Pfeifen (sog. „silent lung“) bei massiver Überblähung infolge schwerster Obstruktion
- Persistierender Husten – ggf. bis zum Erbrechen
- Schnupfen, ggf. leichtes Fieber
- Zeichen der Dyspnoe: Tachypnoe, Nasenflügeln, Zyanose, Einziehungen
- Ggf. Sauerstoffsättigungsabfälle
- Verlauf: I.d.R. selbstlimitierender Verlauf innerhalb von 1–2 Wochen
Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer obstruktiven Bronchitis und einer Bronchiolitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!
- Für weitere Informationen siehe auch: Akute Bronchiolitis im Säuglingsalter
Diagnostik
Die Diagnosestellung erfolgt hauptsächlich auf Basis von Anamnese und klinischer Untersuchung. [1]
- Immer indiziert: Auskultation
- Bei schwerer Dyspnoe: Bestimmen der Atemfrequenz und Messen der Sauerstoffsättigung mittels Pulsoxymetrie
- Labor
- Großes Blutbild: Insb. im frühen Säuglingsalter zur Differenzialdiagnostik des Fiebers [2]
- Blutgasanalysen und Elektrolyte: In schweren Fällen
- Ggf. Nasen-Rachenabstrich mit Multiplex-PCR und RSV-Schnelltest: Zur Ermittlung einer notwendigen (Kohorten‑)Isolation
- Ggf. Blutkulturen: Nur bei Sepsisverdacht
- Ggf. Allergietest und Bestimmung der Eosinophilenzahl: Bei rezidivierenden obstruktiven Bronchitiden, anderen Allergiesymptomen und/oder positiver Familienanamnese
- Bildgebung: Nur bei schwerem, untypischem Verlauf: Röntgen-Thorax
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnosen der obstruktiven Bronchitis [1][3] | |
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Red Flags | Differenzialdiagnosen |
Plötzliches Auftreten | |
Symptome ab Geburt |
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Keine symptomfreien Intervalle |
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Insb. nächtliche Symptomatik |
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Feuchter produktiver Husten | |
Anfallsartiger Husten |
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Inspiratorischer Stridor |
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Gedeihstörung |
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
- Hospitalisierungskriterien
- (Deutlich) reduzierter Allgemeinzustand, ausgeprägte Dyspnoe bzw. Dyspnoe trotz Inhalationstherapie, schwere bronchiale Obstruktion
- Großzügigere stationäre Aufnahme im (frühen) Säuglingsalter
- Unzureichende Hydratation
- Hypoxämie
- Mangelnde ambulante Therapieadhärenz
- (Deutlich) reduzierter Allgemeinzustand, ausgeprägte Dyspnoe bzw. Dyspnoe trotz Inhalationstherapie, schwere bronchiale Obstruktion
- Ausreichende Hydratation
- Motivieren zu trinken
- Flüssigkeitsgabe über transnasale oder orale Magensonde
- I.v. Flüssigkeitssubstitution
- Sicherstellen der Oxygenierung: Bei Hypoxämie (unter Raumluft) Sauerstoffgabe
- Medikamentöse Therapie
-
Salbutamol inhalativ als Dosieraerosol mittels Spacer [4] [1]
- Systemische Gabe von Salbutamol: Nur in Ausnahmefällen (wenn nicht inhaliert werden kann) [4]
- Siehe auch: Kurzwirksame β2-Sympathomimetika und Anticholinergika im Kindes- und Jugendalter
- Bei Säuglingen ggf. plus Ipratropiumbromid inhalativ als Dosieraerosol mittels Spacer [1][5]
- Bei schweren Verläufen: Systemische Glucocorticoide (insb. bei V.a. Asthma bronchiale) [4]
- Ggf. systemische Antibiotika [2]
- Indikationen
- Komplizierte Bronchitis
- Schwere Grunderkrankung
- Fieber >3 Tage und laborchemische Hinweise auf eine bakterielle Infektion
- 1. Wahl : Amoxicillin (pädiatrisch)
- Säuglinge und Kinder ≥1 Monat bis <12 Jahre
- Jugendliche ≥12 Jahre
- Alternativen siehe: Empirische antibiotische Therapie bei pCAP
- Indikationen
- Bei rezidivierender obstruktiver Bronchitis: Dauertherapie(versuch) mit ICS
-
Salbutamol inhalativ als Dosieraerosol mittels Spacer [4] [1]
Eine Therapie mit ICS im Kleinkindalter kann weder die Entstehung eines Asthma bronchiale verhindern noch Einfluss auf den Langzeitverlauf eines Asthmas ausüben. Wohl aber kann die Anzahl der infektbedingten Exazerbationen verringert werden!
Rezidivierende obstruktive Bronchitis
Kommt es im Säuglings- und Kleinkindalter wiederholt zu obstruktiven Episoden, sollten eine eingehende Anamnese und eine klinische Untersuchung erfolgen, um Differenzialdiagnosen auszuschließen, die Prognose abzuschätzen und v.a. einen medikamentösen Therapieversuch zu erwägen, damit dem Kind eine uneingeschränkte Teilhabe ermöglicht werden kann. [1][3]
- Anamnese
- Symptomatik
- Beschreiben der Episoden, gerne mit Videomaterial
- Alter bei Beginn, Häufigkeit, Dauer und Schwere
- Auftreten auch im infektfreien Intervall
- Auftreten insb. nachts
- Auslöser: Allergene, Rauchexposition, Kälte, körperliche Belastung, Lachen/Weinen
- Besonderheiten zur Schwangerschaft: Frühgeburt, „small for gestational age“ (SGA), postnataler Sauerstoff- oder Beatmungsbedarf
- Umfeld: Tabakexposition, Schimmelbelastung, Haustierhaltung
- Atopie in Eigen- oder Familienanamnese
- Symptomatik
- Klinische Untersuchung
- Zeichen chronischer Hypoxie: Uhrglasnägel/Trommelschlegelfinger
- Spezifizierung des Atemgeräusches
- Exspiratorisches Giemen/Brummen
- Inspiratorischer Stridor
- (Inspiratorisches) Schnarchen
- Kombination aus in- und exspiratorischem Atemgeräusch
- Rhinitis (purulent vs. serös)
- Atopische Dermatitis: Effloreszenzen, Augenringe, Hertoghe-Zeichen
- Gedeihstörung
- Mögliche Klassifikationen von Giemen im Säuglings- und Kleinkindalter
- Unterscheidung nach Zeitpunkt und Dauer der Symptomatik
- Unterscheidung von Kindern mit vs. ohne Atopie
- Unterscheidung nach Auslöser
- Diagnostik siehe: Pädiatrische Asthmadiagnostik
- Differenzialdiagnosen siehe: Akute obstruktive Bronchitis bei Kindern und Jugendlichen - Differenzialdiagnosen
- Therapie siehe: Langzeittherapie bei rezidivierender obstruktiver Bronchitis und Asthma bronchiale im Kindes- und Jugendalter
Während Kinder mit rein infektassoziiertem Giemen im Kleinkindalter bis zur Einschulung meistens beschwerdefrei sind, gilt das Giemen durch multiple Triggerfaktoren als Risikofaktor für ein Asthma bronchiale, insb. wenn es zur Einschulung (noch) präsent ist!
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- J20.-: Akute Bronchitis
- Inklusive
- Bronchitis:
- Akut oder subakut (mit): Bronchospasmus, eitrig, fibrinös, membranös, obstruktiv, septisch, Tracheitis
- o.n.A. bei Patienten unter 15 Jahren
- Tracheobronchitis, akut
- Bronchitis:
- Exklusive: Bronchitis:
- J20.0: Akute Bronchitis durch Mycoplasma pneumoniae
- J20.1: Akute Bronchitis durch Haemophilus influenzae
- J20.2: Akute Bronchitis durch Streptokokken
- J20.3: Akute Bronchitis durch Coxsackieviren
- J20.4: Akute Bronchitis durch Parainfluenzaviren
- J20.5: Akute Bronchitis durch Respiratory-Syncytial-Viren [RS-Viren]
- J20.6: Akute Bronchitis durch Rhinoviren
- J20.7: Akute Bronchitis durch ECHO-Viren
- J20.8: Akute Bronchitis durch sonstige näher bezeichnete Erreger
- J20.9: Akute Bronchitis, nicht näher bezeichnet
- Inklusive
- J22: Akute Infektion der unteren Atemwege, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.