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Dermatophytosen

Letzte Aktualisierung: 21.10.2024

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Infektionen durch Dermatophyten betreffen klassischerweise Haut, Haare und Nägel und kommen weltweit häufig vor. Je nach Befallsort unterscheidet man Epidermo- und Trichomykosen. Unter Epidermomykosen werden alle Tineaerkrankungen der freien Haut zusammengefasst. Ihr häufigster Vertreter ist die Tinea pedis. Die Trichomykosen hingegen befallen behaarte Körperpartien. Zu ihnen zählt die bei Kindern häufige Tinea capitis, bei der man oberflächliche (Tinea capitis superficialis) von tiefen Befallsmustern (Tinea capitis profunda) unterscheidet. Letztere gehen häufig mit einer ausgeprägten Entzündungsreaktion einher. Die Diagnose sollte vor Therapieeinleitung gesichert und der Erreger klassifiziert sein. Zur Diagnostik stehen neben der Mikroskopie des Nativpräparats die kulturelle Anzucht sowie molekulare Methoden (PCR) zur Verfügung.
Therapeutisch kommen neben Hygienemaßnahmen verschiedene topische und systemische Antimykotika zum Einsatz. Eine antimykotische Therapie ist immer indiziert, da neben einer reduzierten Lebensqualität auch die Gefahr einer Superinfektion bzw. eines Erysipels sowie die Infektionsausbreitung auf Kontaktpersonen besteht.

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Epidemiologietoggle arrow icon

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Dermatophyten sind obligat pathogene Fadenpilze!

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Tinea der freien Hauttoggle arrow icon

Tinea corporis et faciei [3][4]

  • Definition: Dermatophytose der lanugobehaarten Haut einschließlich des Gesichts
  • Erreger
    • Erwachsene: Anthropophile Erreger wie T. rubrum, E. floccosum
    • Kinder (insb. mit Haustieren): Zoophile Erreger wie T. benhamiae , T. mentagrophytes , T. quinckeanum , M. canis [5]
  • Klinisches Bild
    • Initial umschriebene Follikulitis → Ausbreitung entlang des Stratum corneum mit Befall weiterer Haarfollikel
    • Einzelne bis multiple scheibenförmige, erythematöse Plaques mit randständiger Schuppung und Pusteln
    • Zentrifugale Ausbreitung mit abblassendem Zentrum
  • Sonderformen
    • Tinea corporis profunda/Tinea faciei profunda: Meist solitär auftretender Nodus mit tiefer, einschmelzender, granulomatöser Entzündungsreaktion, Allgemeinsymptomatik und Lymphknotenschwellung
    • Tinea corporis gladiatorum: Ausgelöst durch T. tonsurans (anthropophil) mit gehäuftem Vorkommen bei Kontaktsportarten wie Ringen und Judo

Tinea intertriginosa [4][6]

  • Definition: Variante der Tinea corporis im Bereich der Intertrigines (axillär, submammär, in Ellenbeugen und Kniekehlen, inguinal)
  • Erreger
    • Meist T. rubrum
    • Seltener T. interdigitale oder E. floccosum
  • Übertragung: Häufig durch Autoinokulation bei gleichzeitig bestehender Tinea pedis
  • Klinisches Bild
  • Sonderform: Tinea inguinalis
    • Umschriebene Erytheme an der Oberschenkelinnenseite (uni- oder bilateral)
    • Geröteter, schuppender Randsaum und Abblassen des Zentrums mit bräunlicher Verfärbung
    • Befall von Skrotum, Penis oder Vulva häufig, Befall des Gesäßes bei Personen mit sitzender Tätigkeit

Wird Candida albicans als Erreger isoliert, handelt es sich nicht um eine Tinea, sondern um eine Candidose!

Tinea pedis [4][6]

  • Erreger: Überwiegend anthropophile Dermatophyten wie T. rubrum, T. interdigitale, E. floccosum
  • Übertragung
    • Von Mensch zu Mensch
    • Über infektiöses Material auf Schuhen, Strümpfen, Fußboden
  • Klinisches Bild
    • Interdigitale Form (am häufigsten)
    • Squamös-hyperkeratotische Form (Mokassin-Mykose)
    • Vesikulös-dyshidrotische Form: Stark juckende, getrübte Bläschen mit Schuppenkrusten, insb. an Fußgewölbe und medialer Fußkante
  • Komplikationen
  • Prognose
    • Chronischer Verlauf
    • Keine Selbstheilungstendenz

Tinea manuum [3][4][6]

  • Erreger: T. rubrum, T. interdigitale, E. floccosum
  • Übertragung: Autoinokulation von infektiösem Haut- und Nagelmaterial bei Tinea pedis et unguium
  • Klinisches Bild: Initial einseitig, im Verlauf ggf. beidseitig
    • Hyperkeratotisch-rhagadiforme Tinea manuum (am häufigsten)
      • Fest haftende, feine Schuppung palmar inkl. Finger und Fingerkuppen
      • Erythematöse, randbetont schuppende Plaques an Hand- und Fingerrücken mit randständigen Pusteln
    • Dyshidrosiforme Tinea manuum: Juckende Bläschen und Pusteln palmar und im Bereich der Hand- und Fingerkanten
  • Sonderform: One-Hand/two-Feet-Mykose mit Befall beider Fußsohlen sowie einer Handfläche

Sonderform: Mykid

  • Definition: Hypererge Reaktion auf Dermatophytenbestandteile als Folge einer antimykotischen Behandlung
  • Klinisches Bild
    • Beidseitig makulopapulöse und dyshidrosiforme Eruptionen an Händen und Füßen
    • Knotige, multiforme Erytheme der Extremitäten
    • Auch generalisierte papulöse, follikuläre Exantheme möglich
  • Prognose: Spontane Rückbildung, sobald bestehende Mykose unter adäquater antimykotischer Therapie abheilt

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Tinea capitistoggle arrow icon

Erreger

  • Erregerspektrum weltweit unterschiedlich und durch Migration im stetigen Wandel
  • Häufigster Erreger in Europa: Microsporum canis (Übertragung häufig durch Katzen)
  • Häufigster Erreger in den USA: Trichophyton tonsurans

Einteilung und klinisches Bild

  • Tinea capitis superficialis
    • Geringe bis fehlende Rötung
    • Runde, feinlamellär schuppende Herde mit abgebrochenen Haaren („Black-Dot-Mykose“ oder „Bild der schlecht gemähten Wiese“) oft einziges Anzeichen
    • Nicht-vernarbende Alopezie
  • Tinea capitis profunda
    • Hochrote Knoten mit eitriger Sekretion und follikulären Pusteln
    • Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Lymphknotenschwellung
    • Spärliche Behaarung mit leicht extrahierbaren Haaren
    • Vernarbende Alopezie als Endzustand
    • Sonderform: Kerion Celsi (griech. Kerion = „Honigwabe“, Celsi = römischer Arzt Aulus Cornelius Celsus, 25–50 nach Christus)
      • Scheibenförmige Ausbreitung mit massiver eitriger Sekretion und knotiger Einschmelzung

Sonderformen

  • Mikrosporie
    • Erreger: Mikrosporumarten, bspw. M. audouinii (anthropophil) oder M. canis (zoophil)
    • Klinisches Bild
      • Meist keine Rötung
      • Nicht-abszedierende, tiefe Follikulitis
      • Kreisrunde Herde mit kurz über dem Haarboden abgebrochenen, glanzlosen Haaren
  • Favus
    • Erreger: T. schoenleinii (anthropophil)
    • Klinisches Bild
      • Um die Haarfollikel angeordnete gelbliche, schüsselförmige Schuppenkrusten (sog. Scutula)
      • Ausbleichen der Haare
      • Abheilung mit narbiger Alopezie

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Diagnostiktoggle arrow icon

Vorgehen bei V.a. Dermatophytose [4][6][8]

  1. Anamnese: Insb. Tierkontakte, Auslandsaufenthalte, betroffene Kontaktpersonen/Familienmitglieder
  2. Klinische Untersuchung: Weitere klinische Manifestationen/befallene Körperareale
  3. Mykologische Diagnostik: Bei allen Betroffenen
    • Mikroskopie des Nativpräparats und Pilzkultur
    • Ggf. zusätzlich oder anschließend PCR

Durchführung der mykologischen Diagnostik

  • Materialgewinnung
    • Pausieren einer bereits begonnenen topischen oder systemischen Therapie ca. 2 Wochen vor Diagnostik
    • Desinfektion mit 70%-igem Ethylalkohol (zur Reduktion von Begleitkeimen)
    • Entnahme von Schuppen und/oder Epilation von Haaren aus dem Randbereich mit sterilen Instrumenten
  • Mikroskopie des Direkt-/Nativpräparats: Dient dem Erregernachweis
    • Untersuchungsmaterial auf Objektträger mit 1–2 Tropfen 20%iger Kaliumhydroxid-Lösung (KOH) versetzen
    • Inkubation in feuchter Kammer über 60 min und anschließende Mikroskopie des Nativpräparats
  • Pilzkultur: Dient der Erregerbestimmung
    • Haare und Schuppen werden auf Selektivnährboden (mit Cycloheximid) und einem nicht-selektiven Nährboden (bspw. Sabouraud-Glucose-Agar) bei 26–32 °C über 4 Wochen bebrütet
    • Beurteilung u.a. anhand speziestypischer makroskopischer und mikroskopischer Merkmale sowie biochemischer Eigenschaften
  • PCR: Direktnachweis im klinischen Material, ggf. ergänzend zur Pilzkultur
  • Fakultative Diagnostikverfahren
    • Histologie: Materialgewinnung mittels Biopsie, insb. bei tiefer Trichophytie sinnvoll
    • Wood-Licht-Lampe: Orientierende UV-Licht-Untersuchung verdächtiger Hautareale
      • Grünliche Fluoreszenz: Mikrosporie
      • Blau-weiße Fluoreszenz: T. schoenleinii
    • Trichoskopie: Dermatoskopie der Kopfhaut
      • Black Dots: Kadaverisierte Haare in den Follikelöffnungen
      • Kommahaare: Kleine C-förmig gekrümmte, abgebrochene Haarschäfte
      • Korkenzieherhaare

Bei schuppenden Hautveränderungen sollte eine Mykose ausgeschlossen werden!

Enge Kontaktpersonen sollten auch untersucht werden!

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Differenzialdiagnosen aller Tinea-Formen

Weitere Differenzialdiagnosen der Tinea corporis

Weitere Differenzialdiagnosen der Tinea intertriginosa

Weitere Differenzialdiagnosen der Tinea pedis und Tinea manuum

Weitere Differenzialdiagnosen der Tinea capitis

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Lokaltherapie [6][9]

Eine Lokaltherapie ist immer indiziert!

Systemtherapie [6][9]

Die Tinea capitis wird immer systemisch und topisch behandelt!

Die systemische Therapie der Tinea capitis erfolgt immer als Off-Label Use! Das zugelassene Griseofulvin ist in Deutschland aktuell nicht erhältlich!

Insb. Terbinafin und Itraconazol haben diverse Arzneimittelwechselwirkungen – unbedingt die Fachinformationen beachten!

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Präventiontoggle arrow icon

Vermeidung einer Primärinfektion [6][7][9]

  • Aufklärung über Übertragungswege
  • Tragen von Badeschlappen in öffentlichen Sanitäranlagen
  • Gründliches Abtrocknen der Füße, insb. der Zehenzwischenräume
  • Barfußlaufen auf Hotelzimmerteppichen vermeiden

Vermeidung einer Übertragung/Reinfektion [6][7][9]

  • Persönliche Maßnahmen
    • Desinfektion/Entsorgung von persönlichen Hygieneutensilien und Textilien
    • Desinfektion von Einrichtungsgegenständen und Möbeln
    • Regelmäßiges Waschen aller Textilien (bei mind. 60 °C)
    • Kein Friseurbesuch bis zur nachgewiesenen Erregerfreiheit
  • Kindergarten-/Schulbesuch
    • Bei zoophilen Erregern: Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen sofort nach Beginn einer suffizienten systemischen und topischen Therapie möglich
    • Bei anthropophilen Erregern : Einwöchige Isolation zu Hause
  • Behandlung von Kontaktpersonen und Haustieren
    • Bei asymptomatischen Kontaktpersonen: Lokale antimykotische Therapie ausreichend
    • Bei symptomatischen Kontaktpersonen: Lokale und ggf. systemische antimykotische Therapie
    • Therapie von Haustieren durch Veterinärmediziner:innen (asymptomatischer Befall möglich)

Auch asymptomatisch Infizierte können insb. anthropophile Erreger übertragen und sollten daher behandelt werden! Bei geringer Sporenlast ist eine topische Behandlung ausreichend!

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Meldepflichttoggle arrow icon

Nach § 7 Abs. 2 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) besteht keine Meldepflicht für Dermatophytosen im Allgemeinen. In Gemeinschaftseinrichtungen gelten gesonderte Richtlinien:

  • Meldepflicht für Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen nach § 34 IfSG [14]
    • Meldepflicht beim Auftreten von ≥2 gleichartigen, schwerwiegenden Erkrankungen, wenn als deren Ursache Krankheitserreger wahrscheinlich sind (§ 34 Abs. 6 IfSG)
    • Anordnung von Schutzmaßnahmen durch die zuständige Behörde, falls die Gefahr einer Weiterverbreitung durch Krankheitserreger in Gemeinschaftseinrichtungen besteht (§ 34 Abs. 9 IfSG)
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Patienteninformationentoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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