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Anticholinerges Syndrom

Letzte Aktualisierung: 8.9.2021

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Beim anticholinergen Syndrom handelt es sich um einen Symptomkomplex, bei dem durch die Einnahme bzw. Überdosierung anticholinerg wirkender Stoffe im vegetativen Nervensystem ein relativer Mangel an cholinerger Transmission entsteht. Je nach den spezifischen Eigenschaften des aufgenommenen Stoffes (insbesondere der Fettlöslichkeit) resultiert aus der Blockade von Acetylcholinrezeptoren eine Mischung aus zentralnervösen neuropsychiatrischen (u.a. Vigilanzminderung) und peripher-anticholinergen (u.a. Tachykardie) Symptomen. Mit Physostigmin steht ein spezifisches Antidot zur Verfügung, das sowohl diagnostisch als auch therapeutisch eingesetzt wird.

Eine Vielzahl von Substanzen/Substanzgruppen kann ein anticholinerges Syndrom auslösen, zu den häufigsten gehören:

Insbesondere ältere Patienten weisen oftmals bereits ein grundsätzliches cholinerges Defizit auf! Durch die Einnahme anticholinerg wirkender Substanzen steigt - gerade bei Polypharmazie oder zerebraler Vorschädigung - das Risiko für die Entwicklung eines anticholinergen Syndroms! [7][8]

Je nach individueller Anamnese, eingenommener Substanz und Dosis besteht ein klinisches Kontinuum von leichten peripheren anticholinergen Syndromen bis hin zum Vollbild eines anticholinergen Delirs.

Feuerrot, glühend heiß, strohtrocken, total verrückt!

Zum allgemeinen Vorgehen bei akuten Vergiftungen siehe auch: Akute Intoxikationen - AMBOSS-SOP.

  • Diagnostische Kriterien: Mind. ein zentrales und zwei periphere Symptome [1][9]
  • Diagnosesicherung durch Physostigmin-Test [1][10]
    • Prinzip: Probatorische Gabe von Physostigmin → Bei bestehendem anticholinergen Syndrom klinische/apparative Besserung (Test positiv)
    • Anwendung
      1. Injektion von 0,03 mg/kgKG Physostigmin (als Kurzinfusion über 10 min, unter Monitorüberwachung)
      2. Nach 15–20 min: erneute Anamnese (soweit möglich), klinische Untersuchung und EKG-Aufzeichnung
      3. Bewertung des Tests als positiv bei Vorliegen von mind. einem der folgenden Phänomene
        • Zunahme der Reaktivität anhand der Münchner Coma-Skala (MCS) um mind. 1 Stufe
        • Besserung/Normalisierung der sonstigen neuropsychiatrischen Symptomatik (bspw. Abnahme/Sistieren deliranten Verhaltens, Besserung/Sistieren von Orientierungsstörungen)
        • Normalisierung einer Herzrhythmusstörung
        • Rückbildung einer zuvor bestehenden Mydriasis
      4. Bei fehlendem Ansprechen oder bei Symptomrekurrenz nach zunächst positivem Test: Wiederholung der probatorischen Dosierung nach frühestens 15 min (nur bei fehlenden Zeichen einer cholinergen Überstimulation)

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Zum allgemeinen Vorgehen bei akuten Vergiftungen siehe auch: Akute Intoxikationen - AMBOSS-SOP.

Physostigmin ist bei QRS-Verbreiterung kontraindiziert, da es die Herzrhythmusstörungen verschlimmern kann und im schlimmsten Fall zum Herzstillstand führt!

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Anticholinerges Syndrom

Atropin

Ipra- & Tiotropiumbromid

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Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Senne et al.: Rezidivierende Bewusstlosigkeit und Atemstillstand nach Allgemeinanästhesie In: Der Anaesthesist. Band: 52, Nummer: 7, 2003, doi: 10.1007/s00101-003-0486-y . | Open in Read by QxMD p. 608-611.
  2. Haase, Rundshagen: Pharmakotherapie - Physostigmin post OP In: AINS - Anästhesiologie · Intensivmedizin · Notfallmedizin · Schmerztherapie. Band: 42, Nummer: 3, 2007, doi: 10.1055/s-2007-974580 . | Open in Read by QxMD p. 188-189.
  3. Mokhlesi et al.: Adult Toxicology in Critical Care: Part II: Specific Poisonings In: Chest. Band: 123, Nummer: 3, 2003, doi: 10.1378/chest.123.3.897 . | Open in Read by QxMD p. 897-922.
  4. Ludwig et al.: Gefäßmedizin in Klinik und Praxis. Thieme 2010, ISBN: 978-3-131-60372-2 .
  5. Hochreuther et al.: Zentral anticholinerges Syndrom In: Intensivmedizin und Notfallmedizin. Band: 47, Nummer: 3, 2009, doi: 10.1007/s00390-009-0068-6 . | Open in Read by QxMD p. 211-214.
  6. French, Walter: Anticholinergic Plants. Springer 2017, ISBN: 978-3-319-20790-2 , p. 1-13.
  7. Messer, Strasser: Medikamentös induzierte neuropsychiatrische Störungen In: PSYCH up2date. Band: 7, Nummer: 5, 2013, doi: 10.1055/s-0033-1349444 . | Open in Read by QxMD p. 269-284.
  8. Durán et al.: Systematic review of anticholinergic risk scales in older adults In: European Journal of Clinical Pharmacology. Band: 69, Nummer: 7, 2013, doi: 10.1007/s00228-013-1499-3 . | Open in Read by QxMD p. 1485-1496.
  9. Bösel, Schöneberger: Neuro-Intensivmedizin : SOPs und Checklisten für die neurologische und neurochirugische Intensivmedizin. Thieme 2018, ISBN: 978-3-132-40328-4 .
  10. Physostigmin als Antidot .
  11. Antidotarium .
  12. Arens, Kearney: Adverse Effects of Physostigmine. In: Journal of medical toxicology. Band: 15, Nummer: 3, 2019, doi: 10.1007/s13181-019-00697-z . | Open in Read by QxMD p. 184-191.