Zusammenfassung
Harnverhalt stellt einen urologischen Notfall dar, bei dem zwischen akuten und chronischen Formen unterschieden wird. Der akute Harnverhalt äußert sich durch plötzliche Unfähigkeit zur Miktion bei praller Blase, einhergehend mit starken suprapubischen Schmerzen und vegetativer Symptomatik wie Blässe und Unruhe. Im Gegensatz dazu verläuft der chronische Harnverhalt oft schmerzarm oder asymptomatisch, kann aber bspw. zu Überlaufinkontinenz oder postrenalem Nierenversagen führen. Häufigste Ursache bei Männern ist die benigne Prostatahyperplasie; weitere Auslöser bei Männern und Frauen sind Kompression von außen, Harnröhrenstrikturen, Medikamente (Anticholinergika) oder neurologische Störungen wie ein Bandscheibenvorfall. Diagnostisch ist die Sonografie wegweisend, um das Blasenvolumen und einen möglichen Harnstau zu beurteilen. Die Akuttherapie besteht in der sofortigen Blasenentlastung mittels transurethralem oder suprapubischem Katheter. Letzterer ist insb. bei urethralen Verletzungen oder Prostatitis indiziert. Therapeutisch muss die zugrunde liegende Ursache behandelt werden, medikamentös können Alphablocker den Abfluss unterstützen.
Ätiologie
Untere Harnabflussstörung [1][2]
Harnblase
- Harnblasensteine
- Harnblasenkarzinom
- Harnblasentamponade
- Blasenhalsobstruktion
- Harnblasenverletzungen
Exkurs: Harnblasentamponade
- Ursachen
- Hämorrhagische Zystitis
- Blutungen aus der Niere oder den Harnleitern (bspw. bei einem Urothelkarzinom)
- Verletzungen (auch iatrogen nach transurethralen Eingriffen)
- Klinik
- Diagnostik
- Klinische Untersuchung: Palpabler Unterbauchtumor
- Sonografie: Komplette Harnblase mit inhomogenem Material unterschiedlichster Echogenität ausgefüllt, meist jedoch echoreich im Vergleich zum Urin
- Therapie der Harnblasentamponade
- Initiale Schmerztherapie und Gabe von Spasmolytika
- Anlage eines transurethralen Spülkatheters: Ausräumung der Koagel und Spülen der Harnblase mit physiologischer Kochsalzlösung bis zum Sistieren der Blutung
- Bei ausbleibendem Erfolg: Zystoskopie
- Bei Bedarf: Ausräumung der Koagel
- Falls Blutung nicht sistiert: Koagulation der Blutungsquelle
Eine Kontrolle der Gerinnungsparameter (INR, pTT, Thrombozyten) sollte erfolgen, um einer evtl. reduzierten Gerinnungsfähigkeit therapeutisch entgegenzuwirken! Eine Überwachung der Vitalparameter ist erforderlich, um kritische Blutverluste zu erkennen!
Harnröhre
- Vergrößerte Prostata
- Benigne Prostatahyperplasie (häufig)
- Prostatakarzinom
- Akute Prostatitis (selten)
- Harnröhrenstriktur
- Definition: Narbige (bspw. posttraumatische) Veränderung der Harnröhre mit schwachem, gespaltenem Harnstrahl und/oder radiologisch darstellbarer Verengung
- Therapie: Primär Urethrotomia interna
- Für detaillierte Informationen zu Diagnostik und Therapie siehe: Harnröhrenstriktur
- Posteriore Harnröhrenklappen
- Urothelkarzinom der Harnröhre
- Urethritis
- Urolithiasis
- Phimose und Paraphimose
- Harnröhrenverletzung
- Bei liegendem Dauerkatheter: Katheterobstruktion
Von außen
- Zystozele, Urethrozele
- Beckenraumforderung (z.B. Myome, Endometriose)
- Rektale Raumforderung
- Koprostase
Funktionelle Ursachen
Neurogene Funktionsstörungen [1][3][4]
Koordinative Funktionsstörungen
| Differenzierung neurogener koordinativer Blasenfunktionsstörungen [3][5] | ||
|---|---|---|
| Merkmal | Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie | |
| Beteiligte Muskeln | ||
| Pathophysiologie |
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| Hauptrisiken |
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Detrusorunteraktivität/-akontraktilität
- Pathophysiologie: Der Blasenmuskel baut nicht mehr ausreichend Kraft auf → Restharnbildung
- Lokalisation der Läsion: Sakral und infrasakral (S2–S5 und peripher)
- Ursachen und Krankheitsbilder
- Akut
- Chronische/degenerative Erkrankungen
- Iatrogene Schäden: Denervierung des Plexus pelvicus
Medikamenteninduzierter Harnverhalt [1][6]
| Einfluss von Medikamentengruppen auf Detrusor- und Sphinkterfunktion | ||
|---|---|---|
| Mechanismus | Medikamentengruppe | Wirkstoffbeispiele |
| Hemmung des Detrusors |
| |
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| Steigerung des Auslasswiderstandes | ||
| Kombinierte Wirkung |
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Andere
- Primäre Blasenhalsobstruktion: Idiopathische funktionelle Störung, gekennzeichnet durch eine unvollständige Öffnung des Blasenhalses während der Miktion [7]
- Postoperativer Harnverhalt
- Postpartale Miktionsstörung
- Psychische Faktoren [1]
Symptomatik
Akuter Harnverhalt [8]
- Plötzlicher Beginn
- Unfähigkeit zur Miktion bei schmerzhaftem Harndrang
- Suprapubische Schmerzen/Unterbauchschmerzen
- Praller Unterbauchtumor, entsprechend tastbare Harnblase
- Vegetative Symptomatik (Blässe, Unruhe)
- Ggf. akutes Abdomen
- Restharnmenge >500 mL
Chronischer Harnverhalt
- Schleichender Beginn
- Schmerzlose unvollständige Entleerung der Harnblase: Erhaltene Miktionsfähigkeit, jedoch mit [3]
- Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Häufig unterbrochener Harnstrahl und Startschwierigkeiten
- Detrusorunteraktivität: Schwacher Harnstrahl, Restharngefühl, rezidivierende Harnwegsinfektionen
- Erhöhtes Restharnvolumen [9]
- Restharnmenge >1000 mL möglich
- Ggf. tastbare Harnblase
- Überlaufinkontinenz, nächtliche Enuresis [8]
Diagnostik
In der Akutsituation
- Anamnese
- Klinische Untersuchung [1]
- Inspektion und Palpation des Unterbauchs
- Digital-rektale Untersuchung
- ♀: Vaginale Untersuchung
- Sonografie oder POCUS: Harnblase und Nieren [1]
- Laboruntersuchungen
- Urin-Stix und Urinkultur: Zur Beurteilung von HWI, Hämaturie, Glykosurie und Kristallen
- Blutbild, Elektrolyte, Nierenretentionsparameter, Glucose
Bei eindeutigen klinischen Zeichen eines Harnverhalts muss umgehend – vor weiterer Diagnostik – die vollständige Entlastung durch einen Harnblasenkatheter erfolgen!
Zur Ursachenabklärung [1]
- Neurologische Untersuchung
- Laboruntersuchungen, bspw.
- Bildgebung, bspw.
- Retrograde Urethrografie bei V.a. Veränderungen oder Trauma der Harnröhre
- Beckenultraschall und/oder CT des Abdomens und des Beckens
- MRT des Gehirns und/oder der Wirbelsäule zur Beurteilung neurologischer Ursachen
- Zystoskopie mit Urinzytologie
- Urodynamische Untersuchung, z.B. Uroflowmetrie
- Siehe auch: Apparative Diagnostik in der Urologie
Differenzialdiagnosen
- Unterbauchtumoren anderer Genese
- Anurie anderer Genese
- Differenzialdiagnosen des akuten Abdomens
- Zystitis
- Harnblasentamponade
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Erstmaßnahmen [1][2][4]
- Anlage eines transurethralen Blasenkatheters zur Entlastung der Harnblase
- Alternativ: Suprapubischer Katheter, bspw. bei V.a. urethrale Verletzungen oder frustraner transurethraler Anlage
-
Kontraindikationen
- Massive Antikoagulation
- Schrumpfblase
- Zustand nach vielen abdominellen OPs
- Harnblasentumoren (sowie Tumoren im Punktionsweg)
-
Kontraindikationen
- Behandlung der zugrunde liegenden Ursache einleiten [11]
Bei Patient:innen mit Becken- oder Dammverletzungen oder einer Vorgeschichte von Harnröhrenstrikturen ist bei einer fachfremden Behandlung eine sofortige urologische Konsultation vor dem Versuch einer Blasenkatheterisierung in Betracht zu ziehen!
Eine schnelle und vollständige Entlastung der Harnblase wird empfohlen, da eine allmähliche Dekompression nachweislich keine Komplikationen verhindert! [12]
Weiteres Vorgehen [13]
- Entlassung mit Dauerkatheter und ambulanter Katheterauslassversuch [13]
- Stationäre Aufnahme bei
- Akuter Nierenfunktionseinschränkung
- Komplikationen der Harnblasenentleerung nach Harnverhalt
- Defiziten, die die Katheterhandhabung erschweren
Kausaltherapie
Beseitigung der mechanischen Ursache
- Therapie der Urolithiasis
- Operative Entfernung von Raumforderungen oder Fremdkörpern
- Therapie der Harnblasentamponade
- Therapie des benignen Prostatasyndroms
- Therapie der Prostatitis
- Therapie des Prostatakarzinoms
- Therapie der Harnröhrenstriktur
- Therapie der Phimose
Bei funktioneller Ursache [14]
- Ggf. auslösendes Medikament absetzen oder ersetzen
- Bei Detrusorunteraktivität/-akontraktilität
- Goldstandard: Intermittierender Selbstkatheterismus [5][15][16]
- Alternativ: Suprapubischer Blasenkatheter oder katheterisierbares Stoma
- Bei Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie
- Kombination: Antimuskarinika und intermittierender Selbstkatheterismus
- Alphablocker
Komplikationen
Komplikationen des Harnverhalts
- Akuter Harnverhalt: Hydronephrose mit akuter Nierenfunktionseinschränkung
- Chronischer Harnverhalt
- Hydronephrose
- Überlaufinkontinenz: Tröpfeln aus der Harnröhre bei eingeschränkter Miktion (Ischuria paradoxa), siehe auch: Inkontinenz bei chronischer Harnretention
- Harnwegsinfekt, Pyelonephritis und Sepsis
- (Irreversible) postrenale Nierenfunktionseinschränkung
- Irreversible Harnblasenschädigung (atone Harnblase)
- Urolithiasis
Komplikationen der Harnblasenentleerung nach Harnverhalt [2][17]
- Postobstruktive Diurese
- Definition: Produktion von
- >200 mL/h Urin für 2 h
- oder >3 L Urin in 24 h
- Management
- Selbstlimitierend; Dauer ca. 24 h
- Orale Flüssigkeitszufuhr fördern
- Ggf. stationäre i.v. Flüssigkeitssubstitution
- Komplikationen: Dehydratation, Elektrolytstörungen, Hypovolämie
- Definition: Produktion von
- Hämaturie [12]
- Transiente Hypotonie
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Studientelegramme zum Thema
- Studientelegramm 35-2018-1/3: Fiktion der Sicherheit – Blasenkatheter und nicht-infektiöse Komplikationen
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- R33: Harnverhaltung
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.