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Long-QT-Syndrom

Letzte Aktualisierung: 8.9.2021

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Unter Long-QT-Syndrom (LQTS) werden verschiedene Krankheitsbilder verstanden, die zu einer Verlängerung der QT-Zeit führen und schwere Herzrhythmusstörungen (insb. Torsade-de-Pointes-Tachykardien) auslösen können. Es gibt einerseits angeborene, genetisch bedingte Formen des Long-QT-Syndroms, andererseits tritt es sehr häufig infolge anderer Faktoren als erworbenes Long-QT-Syndrom auf, dessen wichtigste Unterform medikamenteninduziert ist. Klinisch fällt es insb. durch Synkopen oder einen Herzstillstand auf, es kann aber auch lange asymptomatisch verlaufen. Die Diagnose basiert auf dem Nachweis einer QTc-Verlängerung im EKG, typischer Ursachen sowie ggf. einer verantwortlichen Mutation. Therapeutisch sollten vor allem QT-Zeit-verlängernde Faktoren vermieden werden. Beim angeborenen LQTS erfolgt häufig eine medikamentöse Prophylaxe mit Betablockern oder anderen Antiarrhythmika, bei Hochrisikokonstellationen werden ICDs implantiert.

  • Allgemeine Definition: Pathologische Verlängerung der QTc-Zeit [1]
    • Angeborenes LQTS: Nachgewiesene LQTS-Mutation oder Verlängerung der QTc-Zeit ohne sekundäre Ursache [1]
    • Erworbenes LQTS: Verlängerung der QT-Zeit mit bekannter sekundärer Ursache [1]

Bei nachgewiesener LQTS-Mutation wird ein Long-QT-Syndrom unabhängig von der QT-Zeit diagnostiziert!

Grundlagen

  • Definition: Angeborene Störung der ventrikulären Repolarisation durch Veränderung der kardialen Ionenkanäle, die zu einer Verlängerung der QTc-Zeit führen kann [1]
  • Kriterien
    • Verlängerung der QTc-Zeit ohne sekundäre Ursache [2]
    • Nachweis einer LQTS-Mutation
    • Positive Familienanamnese für LQTS oder plötzlichen Herztod
    • Erhöhter Risikoscore (bspw. Schwartz-Score) [1]

Klassifikation [1]

  • Einteilung nach betroffenen Genen (LQTS-1–13)
  • Einteilung in Syndrome: Neben der genetischen Einteilung ist die Klassifikation in verschiedene Syndrome verbreitet
    • Romano-Ward-Syndrom: Autosomal-dominant vererbtes isoliertes LQTS
      • Keine extrakardialen Manifestationen
      • Entspricht den LQTS-Subtypen 1–6 und 9–13
    • Andersen-Tawil-Syndrom: Autosomal-dominant vererbtes LQTS mit extrakardialen Manifestationen
    • Timothy-Syndrom: Autosomal-dominant vererbtes LQTS mit extrakardialen Manifestationen
      • Multisystemerkrankung, zusätzlich u.a. Syndaktylie, kognitive Beeinträchtigung, Autismus möglich
      • Ätiologie: Mutation im CACNA1C-Gen
      • Entspricht LQTS-8
    • Jervell-Lange-Nielsen-Syndrom: Autosomal-rezessiv vererbtes LQTS mit extrakardialen Manifestationen
      • Zusätzlich Innenohrschwerhörigkeit
      • Ätiologie: Mutation im KCNQ-1- oder KCNE-1-Gen

LQTS-1–3 machen zusammen über 75% der Fälle aus, während die übrigen Subtypen 4–13 nur in etwa 5% gefunden werden. In ca. 20% wird keine ursächliche Mutation festgestellt! [4]

Symptome/Klinik [2]

Torsade-de-Pointes-Tachykardien sind die charakteristischen Herzrhythmusstörungen beim Long-QT-Syndrom!

Diagnostik

Schwartz-Score
Parameter Befund und Punktzahl
EKG-Veränderungen
  • QTc
    • ≥480 ms → 3 Punkte
    • 460–479 ms → 2 Punkte
    • 450–459 ms bei männlichem Geschlecht → 1 Punkt
    • ≥480 ms 4 min nach einer Belastung → 1 Punkt
Anamnese
  • Synkope, stressinduziert → 2 Punkte
  • Synkope ohne Auslöser → 1 Punkt
  • Angeborene Innenohrschwerhörigkeit → 0,5 Punkte
Familienanamnese
  • Long-QT-Syndrom bei Familienmitglied → 1 Punkt
  • Unerklärbarer plötzlicher Herztod eines Familienmitglieds <30 Jahre → 0,5 Punkte
Auswertung
  • ≤1 Punkt: Geringe Wahrscheinlichkeit
  • 1,5–3 Punkte: Mittelgradige Wahrscheinlichkeit
  • ≥3,5 Punkte: Sehr hohe Wahrscheinlichkeit

Differenzialdiagnosen [2]

Prophylaxe und Therapie [1]

Die Therapiestrategie bei angeborenem LQTS muss anhand einer individuellen Risikobewertung erfolgen!

Unbehandelt stirbt etwa die Hälfte der symptomatischen Personen mit einem angeborenen LQTS innerhalb von 10 Jahren! [4]

Grundlagen [2]

Medikamenteninduziertes Long-QT-Syndrom [8]

Torsade des pointes sind lebensbedrohliche Rhythmusstörungen, daher ist eine umsichtige Medikation zur Prävention unerlässlich!

Diagnostische Kriterien einer verlängerten QT-Zeit

  1. Korrigierte QT-Zeit (QTc) >470 ms bei Frauen bzw. QTc >450 ms bei Männern
  2. Einnahme mind. eines Medikaments mit Potenzial zur QT-Zeit-Verlängerung
  3. Nachweisliche QT-Zeit-Veränderung >30 ms nach Ansetzen bzw. Absetzen einer verdächtigten Medikation

Risikokonstellationen einer verlängerten QT-Zeit

Prävention einer verlängerten QT-Zeit

  • EKG-Kontrollen: In allen Risikofällen!
    • I.d.R. vor Einleitung einer Risikomedikation und 4–7 Tage nach Therapiebeginn ausreichend
    • Jedoch engmaschigere Kontrolle und ggf. Monitoring bei als hochriskant einzuschätzenden Situationen
    • Absetzen des Medikaments bei Überschreiten des QTc-Grenzwertes (>470 ms)
  • Weitere Grundsätze
    • Vermeiden einer Medikation mit mehr als einem QT-Zeit verlängernden Medikament
    • Elektrolytstörungen vermeiden (CAVE: Diuretika!)
  • Häufigkeit riskanter Kombinationstherapien: Ca. 5–10 % [9]
  • Potenzierende Genuss- und Nahrungsmittel: Grapefruitsaft, Kaffee, Alkohol und Nikotin können das Risiko erhöhen
  • Pharmakokinetik: Insb. (schnelle) intravenöse Gaben von riskanten Wirkstoffen können akute Rhythmusstörungen hervorrufen
  • CYP3A4-Inhibitoren: Kombination aus QT-Zeit verlängerndem Medikament und einem Inhibitor potenziert das Risiko; einige Wirkstoffe sind sowohl CYP3A4-Inhibitoren als auch QT-Zeit verlängernd
Wirkstoffe mit Potential zur QT-Verlängerung
Antiarrhythmika
Antibiotika
Antimykotika
Antihistaminika
Antidepressiva
Antipsychotika
Sedativa
  • Methadon, insb. das Razemat , Tiaprid, Chloralhydrat
Triptane
Parkinson-Medikation
Malaria-Medikation
Weitere
Legende: Markiert sind besonders relevante Medikamente

Bei akuter Erkrankung und erforderlicher Verordnung einer Risikomedikation unbedingt die bestehende Medikation im Hinblick auf Risikofaktoren für Torsade des pointes und QT-Verlängerung prüfen!

  1. Dietel et al.: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage Thieme 2020, ISBN: 978-3-132-43524-7 .
  2. Haverkamp et al.: Medikamentenbedingte QT-Verlängerung und Torsade de pointes - Ein multidisziplinäres Problem In: Deutsches Ärzteblatt. Band: 99, Nummer: 28-29, 2002, p. A1972 ff..
  3. Curtis et al.: Prescription of QT-prolonging drugs in a cohort of about 5 million outpatients In: The American Journal of Medicine. Nummer: 114 (2), 2003, doi: 10.1016/S0002-9343(02)01455-9 . | Open in Read by QxMD p. 135-141.
  4. Priori et al.: 2015 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death In: European Heart Journal. Band: 36, Nummer: 41, 2015, doi: 10.1093/eurheartj/ehv316 . | Open in Read by QxMD p. 2793-2867.
  5. Wilde, Amin: Clinical Spectrum of SCN5A Mutations In: JACC: Clinical Electrophysiology. Band: 4, Nummer: 5, 2018, doi: 10.1016/j.jacep.2018.03.006 . | Open in Read by QxMD p. 569-579.
  6. Ackerman et al.: HRS/EHRA Expert Consensus Statement on the State of Genetic Testing for the Channelopathies and Cardiomyopathies: This document was developed as a partnership between the Heart Rhythm Society (HRS) and the European Heart Rhythm Association (EHRA) In: Europace. Band: 13, Nummer: 8, 2011, doi: 10.1093/europace/eur245 . | Open in Read by QxMD p. 1077-1109.
  7. Hofman et al.: Diagnostic criteria for congenital long QT syndrome in the era of molecular genetics: do we need a scoring system? In: European Heart Journal. Band: 28, Nummer: 5, 2006, doi: 10.1093/eurheartj/ehl355 . | Open in Read by QxMD p. 575-580.
  8. Karow: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2021. 29. Auflage Thomas Karow (Verlag) 2020, ISBN: 978-3-982-12231-1 .
  9. Bos et al.: Left Cardiac Sympathetic Denervation in Long QT Syndrome In: Circulation: Arrhythmia and Electrophysiology. Band: 6, Nummer: 4, 2013, doi: 10.1161/circep.113.000102 . | Open in Read by QxMD p. 705-711.