Zusammenfassung
Hernien stellen ein häufiges Krankheitsbild dar, bei dem sich Bauchraumbestandteile durch angeborene oder erworbene Lücken aus ihrer ursprünglichen Position heraus verlagern. Am häufigsten handelt es sich um sog. äußere Hernien, bei denen sich parietales Peritoneum ggf. mit Bauchraumbestandteilen durch Schwachstellen der Bauchwand nach außen stülpt und insb. bei Erhöhung des intraabdominellen Drucks (Husten, Pressen, Adipositas, Aszites oder Schwangerschaft) als Vorwölbung tastbar und sichtbar sein kann. Zu den häufigsten äußeren Hernien zählt die Leistenhernie. Weitere wichtige Hernienformen sind die Schenkelhernie, Narbenhernie und Nabelhernie. Je nach Lokalisation können weitere, seltenere Hernienformen unterschieden werden. Die kausale Therapie besteht in der Reposition des Bruchsackinhalts, der Abtragung des Bruchsacks und dem Verschluss der Bruchpforte. Häufig ist die Unterstützung der Bauchwand durch die Einlage eines Netzes indiziert.
Von den äußeren Hernien sind die inneren Hernien abzugrenzen. Diese sind wesentlich seltener und zeichnen sich durch eine Protrusion von Bauchraumbestandteilen durch angeborene oder erworbene Öffnungen innerhalb der Peritonealhöhle (ohne ein Austreten aus dem Bauchraum nach außen) aus. Klinisch fallen sie i.d.R. durch eine Ileussymptomatik auf. Die kausale Therapie stellt auch hier die Operation dar, die meist im Sinne einer Notfalloperation bei hoher Letalitätsrate durchgeführt wird.
Folgende Krankheitsbilder werden in gesonderten Kapiteln behandelt:
Terminologie
Aufbau einer Hernie
- Bruchpforte: Schwachstelle oder Lücke, durch die sich die Hernie schiebt
- Bei äußeren Hernien teilweise zwei unterschiedliche Bruchpforten
- Innere Bruchpforte: Schwachstelle mit Austrittspunkt der Hernie aus dem Bauchraum
- Äußere Bruchpforte: Sichtbarer Austrittspunkt der Hernie an der Bauchwand
- Bei äußeren Hernien teilweise zwei unterschiedliche Bruchpforten
- Bruchsack
- Innere Auskleidung einer Hernie
- Umgibt den Bruchinhalt direkt, meist parietales Peritoneum
- Bruchinhalt
- Inhalt der Hernie
- Kann je nach Lage der Hernie nahezu alle Bauchraumbestandteile enthalten, am häufigsten Omentum oder Dünndarm
Die Bezeichnung einer Hernie erfolgt nach der Lokalisation ihrer Bruchpforte!
Formen einer Hernie
- Komplette Hernie: Vollständig von Peritoneum bedeckte Hernie
- Gleithernie: Anteilig von Peritoneum und extraperitonealen Organanteilen bedeckte Hernie
- Inkomplette Hernie: Partielle Hernie, bei der bspw. nur Teile eines Organs vorfallen (siehe auch: Richter-Hernie)
Reponierbarkeit einer Hernie [1]
- Reponible Hernie: Spontane oder manuelle Verlagerung des Bruchinhalts ist möglich
- Irreponible Hernie: Bruchinhalt lässt sich weder spontan noch manuell verlagern, ist jedoch nicht akut von der Durchblutung abgeschnitten
- Inkarzerierte Hernie: Bruchinhalt ist akut eingeklemmt und von der Durchblutung abgeschnitten (drohender bzw. manifester Gewebeuntergang) [2][3]
Je kleiner die Bruchpforte, umso höher das Risiko einer Inkarzeration!
Die Inkarzeration stellt eine Notfallsituation dar, die ein schnellstmögliches chirurgisches Handeln erfordert!
Äußere Hernien
Diese Sektion gibt einen allgemeinen Überblick über äußere Hernien. Für spezifische Informationen zu den einzelnen Hernienformen wird auf jeweilige Sektionen und Kapitel verwiesen.
Überblick [2]
- Definition: Ausstülpung von Peritoneum parietale, ggf. mit Bauchraumbestandteilen, durch eine angeborene oder erworbene Schwachstelle der Bauchwand (Bruchpforte) nach außen
- Formen
- Leistenhernie
- Schenkelhernie
- Nabelhernie
- Narbenhernie
- Seltene Hernienformen
Epidemiologie
- Häufigkeitsverteilung
- 95% aller Hernien
- In 75% der Fälle Leistenhernien, gefolgt von Narbenhernien
- Geschlechtsprävalenz: Abhängig von Hernienform [4]
- Leistenhernien: Häufiger bei ♂
- Schenkelhernien: Häufiger bei ♀
Ätiologie
- Angeboren
- Erworben
Risikofaktoren für das Auftreten äußerer Hernien
- Akute bzw. chronische intraabdominelle Druckerhöhung, bspw. durch
- Körperliche Belastung
- Husten (COPD) oder Pressen (Obstipation, Harnverhalt)
- Aszites, Schwangerschaft
- Adipositas [5][6][7]
- Bindegewebsschwäche, bspw. durch
- Höheres Lebensalter
- Kollagenosen
- Alkohol- und Tabakkonsum [8]
- Voroperationen
- Untergewicht
- Traumatische Schädigungen der Bauchwand
- Familiäre Disposition [9]
Klassifikation
EHS-Klassifikation der ventralen Bauchwandhernien [10] | ||||
---|---|---|---|---|
Lokalisation der Hernie | Durchmesser | |||
<2 cm | 2–4 cm | >4 cm | ||
Mittellinie | Epigastrisch | Klein | Mittel | Groß |
Umbilikal | ||||
Lateral | Spieghel-Linie | |||
Lumbal |
- Für die Klassifikation der Leistenhernien siehe: Aachener Klassifikation der Leistenhernie und EHS-Klassifikation der Leistenhernie
- Für die Klassifikation der Narbenhernien siehe: EHS-Klassifikation der Narbenhernien
Symptome/Klinik
- Evtl. Schmerzen (ziehend oder stechend) an der Bruchpforte
- Tastbare und ggf. sichtbare Vorwölbung des Bruchsacks
- Bei inkarzerierten Hernien: Starke Schmerzen und Ileussymptomatik
Diagnostik
- I.d.R. klinisch zu stellende Diagnose (Anamnese, Inspektion, Palpation, Überprüfung der Reponierbarkeit der Hernie)
- Nur im Einzelfall bildgebende Diagnostik (Sonografie, CT/MRT)
Anamnese und körperliche Untersuchung
- Anamnese
- Schilderung der typischen Begleitsymptome
- Beschwerdezunahme bei Belastung
- Risikofaktoren äußerer Hernien
- Körperliche Untersuchung
- Inspektion und Palpation: Schwellung oder Vorwölbung → Überprüfung der Reponierbarkeit der Hernie
- Mögliche Zusatzuntersuchung bei Leistenhernie: Auskultation und ggf. Diaphanoskopie
- Hinweise zur Durchführung: Nach Möglichkeit vergleichende Untersuchung im Liegen und im Stehen
Bildgebende Verfahren
- (Dynamische) Sonografie: Darstellung der Bruchpforte, des Bruchinhalts und der Volumenzunahme bei Valsalva-Manöver i.d.R. möglich
- CT/MRT
- Darstellung der gesamten Bauchwand bei großen Bauchwanddefekten zur besseren Planung
- Differenzialdiagnostischer Ausschluss einer Bauchwandrelaxation möglich [11]
Therapie
Konservative Therapie
- Therapieziel: Beobachtendes Abwarten ohne definitive Versorgung
- Möglich bei
- Asymptomatischen Narbenhernien, Nabelhernien [12], epigastrischen Hernien und parastomalen Hernien [13][14][15][16]
- Asymptomatischen, primären, nicht progredienten Leistenhernien bei Männern [17]
- Zusätzliche Entscheidungsfaktoren, die für eine konservative Therapie sprechen [15]
- Erhöhtes operatives Risiko
- Bauchwandhernien mit hoher Komplexität
- Absolute Kontraindikation: Inkarzerierte Hernien
Bei einer Bauchwandhernie im Erwachsenenalter besteht grundsätzlich eine Operationsindikation!
Manuelle Reposition einer Hernie [2]
- Indikation: Akute Irreponibilität <6 h
- Kontraindikationen
- Inkarzeration
- Dauer der Einklemmung >6 h [4]
- Durchführung
- Ausschluss einer Inkarzeration
- Seiten- oder Rückenlage mit leichter Kopftieflage, ggf. Beine angezogen
- Analgesie
- Umfassen des Bruchsackes mit einer Hand und Ausüben eines kontinuierlichen sanften Drucks
- Behutsames Ausstreichen des Bruchinhaltes in Richtung Bruchpforte mit der anderen Hand
- Anschließende Überwachung: Stationär
- Mögliche Komplikationen
- Periinterventionell
- Verletzung intraabdomineller Strukturen durch Reposition
- Zusätzliche Risiken bei unerkannter Inkarzeration
- Pseudoreposition
- Reposition en bloc
- Reposition bereits nekrotischen Gewebes
- Postinterventionell
- Akute Inkarzerationen: Geringe Rate (ca. 2%)
- Erforderlichkeit einer operativen Therapie aufgrund zunehmender Beschwerden [17]
- Periinterventionell
Die stationäre Überwachung ist nach manuellem Repositionsmanöver obligat!
Bei Hinweisen auf eine Inkarzeration wie Ileus oder akutes Abdomen darf kein Repositionsversuch erfolgen!
Operative Therapie
- Operationsziel: Definitive Versorgung [18][19]
- Verhinderung des Auftretens von
- Schmerz
- Inkarzeration
- Größenzunahme
- Hautdefekten
- Sozialer Ausgrenzung
- Beschwerdelinderung
- Verhinderung des Auftretens von
- Operationsstrategie: Reposition der Hernie und Verschluss der Bruchpforte durch Naht, ggf. mit zusätzlicher Fasziendopplung und/oder spannungsfreier Netzeinlage
- Wahl des Operationszeitpunktes
- Elektive Versorgung bei reponiblen Hernien
- Umgehende Versorgung bei
- Irreponiblen Hernien → Dringliche Operation oder frühelektive Operation
- Z.n. Reposition → Stationäre Überwachung + dringliche Operation oder frühelektive Operation
- Inkarzerierten Hernien → Sofortiger Notfalleingriff
- Ambulante Versorgung
- Prinzipiell möglich nach
- Offener Leisten-/Schenkelhernienoperation
- Nabelhernienreparation mit kleiner Wundfläche
- Nicht möglich nach
- Ausgedehnten Eingriffen, die eine intensivierte Schmerztherapie erfordern
- Operativer Versorgung inkarzerierter Hernien
- Siehe auch: Voraussetzungen für ambulantes Operieren
- Prinzipiell möglich nach
Die Inkarzeration stellt eine Notfallsituation dar, die ein schnellstmögliches chirurgisches Handeln erfordert!
Nahtbasierte Verfahren zur Hernienreparation [2]
- Prinzip: Verschluss des Gewebes durch (fortlaufende) Naht
- Voraussetzung
- Stabiles umliegendes Gewebe
- Gesunde Wundheilung
- Kleiner Fasziendefekt, keine Rezidivhernie
- Vorteil: Reoperation einfacher
- Nachteil: Spannung erzeugt initial Schmerzen, häufiger Rezidive
- Material: Nicht- oder langsam-resorbierbares Nahtmaterial
- Häufig angewandte Techniken
Netzbasierte Verfahren zur Hernienreparation [2]
- Prinzip: Gewebeverstärkung und Absicherung des Bruchlückenverschlusses mithilfe eines Netzes
- Vorteile
- Spannungsfreiheit
- Größere Defekte können verschlossen werden
- Geringere Rezidivrate
- Nachteil: Reoperation aufwendig
- Material
- I.d.R Kohlenstoffpolymere
- Anforderungen an das Material
- Porosität
- Reißfestigkeit/Stabilität
- Intraabdomineller Einsatz: Nur Polytetrafluorethylen, Polyvinylidenfluorid oder beschichtete Netze
- Beständigkeit gegen Strukturveränderung , Dehnbarkeit, Schrumpfung
- Häufig angewandte Techniken
- Bauchwandhernien: Onlay-Netzplastik, Sublay-Netzplastik, intraperitoneale Onlay-Mesh-Plastik (IPOM)
- Nabelhernie: Sublay-Netzplastik, präperitoneale umbilikale Mesh-Plastik (PUMP)
- Leistenhernie: TAPP, TEPP, Operation nach Lichtenstein
- Großer Fasziendefekt: Inlay-Netzplastik [20]
Leisten- und Schenkelhernie
Leisten- und Schenkelhernie werden in gesonderten Kapiteln behandelt, siehe
Nabelhernie
Allgemein
- Definition: Faszienlücke im Nabel führt zur Ausstülpung des parietalen Peritoneums und ggf. zur Vorwölbung von Baucheingeweiden (großes Netz, Dünndarm, Dickdarm) durch die Bauchwand
- Synonym: Hernia umbilicalis
- Bruchpforte: Anulus umbilicalis
Ätiologie
- Bei Säuglingen/Kleinkindern
- Persistieren des physiologischen Nabelbruchs, der während der Embryonalperiode besteht
- Insb. bei Frühgeborenen, pulmonalen Infekten, vermehrter Bauchpresse → Steigerung des intraabdominellen Drucks → Ausstülpung des parietalen Peritoneums, bevor sich eine Nabelnarbe bilden kann → Hernienbildung im Bereich des Anulus umbilicalis
- Bei Erwachsenen
- Seltener echte Nabelhernie mit Bruchpforte im Bereich des Anulus umbilicalis
- Meist paraumbilikale Hernie: Hernie mit Bruchpforte neben dem Nabel, i.d.R. ohne Regressionstendenz
- Häufig bei weiblichem Geschlecht, Gravidität, Adipositas, Aszites, rascher Gewichtsabnahme
- Trokarhernie: Nabelhernie nach laparoskopischer Operation mit umbilikalem Port
Symptome/Klinik
- Vorwölbung
- Ggf. Schmerzen in der Nabelregion
Diagnostik
- Klinische Diagnose (Anamnese, Inspektion, Palpation)
- Ggf. Sonografie zur Diagnosebestätigung
Differenzialdiagnosen
- Beim Neugeborenen
- Omphalozele (Nabelschnurhernie)
- Gastroschisis
- Bei Kindern jenseits des Neugeborenenalters und Erwachsenen: Rektusdiastase
Therapie
- Allgemein
- Bei Säuglingen/Kleinkindern: Hohe Rückbildungsrate, daher i.d.R. abwartendes Vorgehen indiziert [12]
- Bei Erwachsenen: Operative Versorgung (sofern das operative Risiko es zulässt) [2]
- Indikation
- Inkarzeration (absolute Indikation)
- Präventiv zur Vermeidung einer Inkarzeration
- Symptomatische Hernien
- Vorgehen
- Bei kleinem Fasziendefekt: Operation nach Spitzy
- Bei größerem Fasziendefekt: Netzbasierte Verfahren zur Hernienoperation, offen oder laparoskopisch
Narbenhernie
Allgemein
- Definition: Hernie im Bereich einer Narbe (i.d.R. Laparotomienarbe), an der sich ein peritonealer Bruchsack durch die Bauchwand schiebt
- Epidemiologie
- Häufigste Form der ventralen Bauchwandhernien
- Auftreten insb. nach medianer Laparotomie
Ätiologie
- Funktionell schwaches Narbengewebe nach chirurgischen Eingriffen
- Risikofaktoren
- Wundinfektion
- Intraabdominelle Druckerhöhung: Adipositas, Bauchpressen, Husten, schweres Heben nach der OP
- Notfalllaparotomie
- Eingriffe bei Bauchaortenaneurysma
- Männliches Geschlecht
- Begünstigende Medikamente (bspw. Glucocorticoide)
Klassifikation [10]
Klassifikation der Narbenhernien nach EHS | |||
---|---|---|---|
Charakteristik | Dokumentation | Kodierung | |
Auf der Mittellinie | Subxiphoidal | M1 | |
Epigastrisch | M2 | ||
Umbilikal | M3 | ||
Infraumbilikal | M4 | ||
Suprapubisch | M5 | ||
Lateral der Mittellinie | Subkostal | L1 | |
Flanke | L2 | ||
Iliakal | L3 | ||
Lumbal | L4 | ||
Breite des Defekts in cm | <4 cm | W1 | |
4–10 cm | W2 | ||
>10 cm | W3 | ||
Länge des Defekts in cm | Exakte Länge des Defekts | — | |
Rezidiv | Rezidivnarbenhernie: Ja oder nein | — |
Therapie
- Versorgung frühestens 6 Monate nach Laparotomie
- Aufgrund hoher Rezidivrate bei konventionellem direkten Verschluss wird i.d.R. ein spannungsfreier Verschluss mittels Netzeinlage durchgeführt
- Netzbasierte Verfahren zur Hernienreparation [2]
- Goldstandard: Sublay-Netzplastik
- Alternativ (höheres Rezidivrisiko): Onlay-Netzplastik
- Weitere Techniken
Parastomale Hernie
- Definition: Verlagerung von Bauchraumbestandteilen entlang eines Enterostomas
- Epidemiologie: Sehr häufig
- Ätiologie
- Öffnung intraoperativ zu groß angelegt bzw. im Verlauf vergrößert
- Weitere Risikofaktoren
- Adipositas
- Erhöhter Abdominaldruck
- Schlechter Ernährungszustand
- Steroidtherapie
- Befund/Symptome: Sicht- und tastbare Vorwölbung in der Stomaregion , ggf. mit
- Problematischer Stomaversorgung
- Stuhlentleerungsstörung
- Schmerzen
- Bei Inkarzeration: Ileussymptomatik
- Therapie
- Bei Beschwerdefreiheit: Konservatives Prozedere („Watchful Waiting“)
- Stuhlregulation
- Maßgeschneiderte Bauchdeckenbinde
- Tragen schwerer Lasten vermeiden
- Anpassen der Stomaversorgung
- Bei Symptomen: Netzbasierte operative Reposition (bei Inkarzeration als Notfall-OP!) [22]
- Reparation nach Sugarbaker: Netz wird über den nach lateral geführten stomatragenden Darmanteil positioniert und an der Bauchdecke fixiert, sodass ein Tunnel für ca. 6–10 cm Darm entsteht
- Reparation in Schlüsselloch-Technik : Kreisförmig ausgeschnittenes Netz wird um den ausgeleiteten Darm platziert und an der Bauchdecke fixiert
- Reparation in Sandwich-Technik: Kombination aus Reparation nach Sugarbaker und Schlüsselloch-Technik
- 3D-Tunnelnetz-Technik: Tunnelförmiges Netz umfasst stomatragenden Darmabschnitt und innere Bauchdecke, an der es fixiert wird
- Stomaneuanlage
- Bei Beschwerdefreiheit: Konservatives Prozedere („Watchful Waiting“)
- Komplikationen
- Konservatives Prozedere: Inkarzeration
- Operation: Wundkomplikationen, Rezidiv [22]
- Prävention: Prophylaktische Netzverstärkung, ggf. Behandlung von Risikofaktoren [23]
Seltene äußere Hernien
Epigastrische Hernie
- Definition: Herniation mit Bruchpforte im Bereich der supraumbilikalen Linea alba (zwischen Nabel und Xiphoid)
- Bruchinhalt ist meist zunächst nur präperitoneales Fettgewebe, bei größerem Defekt im Verlauf ggf. auch Peritoneum und Organanteile
- Epidemiologie: Nicht selten multiple epigastrische Hernien
- Symptome/Klinik: Typischerweise Oberbauchbeschwerden, die sich insb. bei Anspannung der Bauchdecke oder Veränderung der Körperposition zeigen
- Diagnostik: Klinische Diagnose
- Differenzialdiagnostisch müssen v.a. Erkrankungen von Magen, Duodenum, Pankreas und der Gallenwege ausgeschlossen werden
- Therapie: Operative Versorgung analog zur Nabelhernie
Spieghel-Hernie
- Definition: Laterale Bauchwandhernie durch einen Defekt der sog. Spieghel-Aponeurose , meist an der Kreuzungsstelle mit der Linea arcuata
- Ätiologie/Epidemiologie: Seltene Hernienform, die immer erworben ist und v.a. bei Frauen auftritt
- Symptome/Klinik: Ggf. Vorwölbung im rechten oder linken Unterbauch beim Valsalva-Manöver
- Häufig Inkarzeration als Erstmanifestation
- Diagnostik: Meist zusätzlich zur klinischen Untersuchung Sonografie und/oder CT notwendig
- Vorgeschaltete diagnostische Laparoskopie kann ebenfalls sinnvoll sein
- Therapie: I.d.R. absolute OP-Indikation wegen hoher Einklemmungsgefahr
- Offener oder laparoskopischer Zugang möglich
Richter-Hernie
- Definition: Partielle (inkomplette) Darmwandhernie: Nur ein Teil der Darmwand fällt vor und bildet den Bruchinhalt (nicht die gesamte Zirkumferenz des Darmes)
Littré-Hernie
- Definition: Darmwandhernie, die als Bruchsackinhalt ein Meckel-Divertikel enthält
Obturatorhernie (Hernia obturatoria)[2]
- Definition: Hernie mit Bruchpforte durch das Foramen obturatum
- Verlauf gemeinsam mit A., V. und N. obturatorius entlang des Canalis obturatorius (zwischen M. pectineus, M. adductor longus und M. obturatorius externus)
- Ätiologie: Erworbene Hernie, meist durch Erschlaffung des Beckenbodens (Z.n. multiplen Geburten, Bindegewebserschlaffung im Alter)
- Epidemiologie
- Überwiegend Frauen betroffen
- Altersgipfel 60–80 Jahre
- Symptome/Klinik: Schmerzen und Parästhesien im Bereich der Oberschenkelinnenseite durch Irritation des N. obturatorius
- Diagnostik: I.d.R. Sonografie oder CT zur Diagnosesicherung
- Therapie: Indiziert bei Inkarzeration (absolut) oder klinischen Beschwerden (relativ), ggf. bei Zufallsfund
- Präperitonealer oder transperitonealer OP-Zugang
- Ggf. bei großen Defekten Netzeinlage
Hernia ischiadica
- Häufigste Bruchpforte: Foramen ischiadicum majus (90%)
- Hernia suprapiriformis: Austritt oberhalb des M. piriformis (60%)
- Hernia infrapiriformis: Austritt unterhalb des M. piriformis (30%)
- Seltenere Bruchpforte: Foramen ischiadicum minus (10%)
- Hernia spinotuberosa: Austritt zwischen M. piriformis und Lig. sacrotuberale
- Symptome/Klinik
- Bei chronischen, irreponiblen Hernien: Ggf. Ischialgien
- Bei Inkarzeration: Ggf. Stenosesymptome
- Diagnostik: Differenzierung mittels Bildgebung (CT, MRT)
- Therapie: Operative Versorgung offen oder laparoskopisch mit vorsichtiger Reposition wegen Nachbarstrukturen (N. ischiadicus, A. glutea superior und inferior, N. pudendus)
- Versorgung mit Netz empfohlen
Beckenbodenhernie (Hernia perinealis)
- Hernia perinealis anterior (nur bei Frauen): Austritt vor dem M. transversus perinei superficialis, i.d.R. zwischen M. transversus perinei profundus und M. ischiocavernosus
- Hernia perinealis posterior: Austritt hinter dem M. transversus perinei profundus und superficialis
- Hernia ischiorectalis: Austritt durch den M. levator ani in die Fossa ischioanalis
Lendenhernie (Hernia lumbalis) [2]
- Hernia lumbalis superior (Grynfeltt-Hernie): Bruchpforte im Bereich des kostolumbalen Dreiecks zwischen 12. Rippe und M. iliocostalis
- Hernie wird vom M. serratus posterior, M. obliquus internus abdominis und M. obliquus externus abdominis umgeben
- Hernia lumbalis inferior (Petit-Hernie): Bruchpforte im Bereich des iliolumbalen Dreiecks zwischen M. latissimus dorsi, M. obliquus externus und Crista iliaca
Supravesikale Hernie (Hernia supravesicalis) [24]
- Definition: Seltene äußere Hernie der Leistenregion
- Innere Bruchpforte: Fossa supravesicalis
- Äußere Bruchpforte: Anulus inguinalis externus
Innere Hernien
Der folgende Inhalt bezieht sich auf innere Bauchraumhernien! Für Informationen zu Zwerchfellhernien siehe Zwerchfellhernie bzw. Hiatushernie.
Überblick
- Definition: Protrusion von Bauchraumbestandteilen durch angeborene oder erworbene Öffnungen innerhalb der Peritonealhöhle ohne ein Austreten aus dem Bauchraum nach außen [2][25]
- Mögliche Bruchpforten: Meist dort, wo die Lage der Bauchorgane von intra- zu retroperitoneal wechselt [26]
- Paraduodenal (Treitz-Hernie)
- Parazökal
- Foramen omentale
- Transmesenterisch
- Intersigmoidal
- Supravesikal (innere supravesikale Hernie)
Epidemiologie [2]
- Häufigkeitsverteilung
- Ca. 1–5% aller Hernien
- In 53% der Fälle paraduodenale Hernien, gefolgt von ileozökalen Hernien mit 13%
- Geschlechterverhältnis: Insb. Männer in der 4.–6. Lebensdekade
Ätiologie [25]
- Kongenital
- Erworben: Postoperativ , posttraumatisch oder postentzündlich
Symptome/Klinik
Ähnlich der äußeren Hernie mit Zeichen eines mechanischen Ileus
- Übelkeit/Erbrechen
- Wind-/Stuhlverhalt
- Bauchschmerzen
Diagnostik
- Sonografie
- Abdomen-Übersichtsaufnahme
- CT
- Häufig erst intraoperative Diagnosestellung
Differenzialdiagnosen
-
Mechanischer Ileus anderer Genese
- Inkarzeration einer äußeren Hernie
- Bridenileus
- Stenose/Striktur
- Mesenterialischämie
Therapie
- OP-Indikationen und -Dringlichkeit
- Absolute OP-Indikation: Bei Inkarzeration
- Relative OP-Indikation: Bei anhaltenden Beschwerden und V.a. innere Hernie
- Operatives Vorgehen: Mittels Laparotomie oder seltener Laparoskopie
- Eingeklemmte Eingeweide unter Schonung der noch vitalen Organanteile rückverlagern
- Verschluss der Bruchpforte
- Ggf. Resektion avitaler Organe
Die Diagnose einer inneren Hernie ist in der Mehrzahl der Fälle nur durch eine Laparoskopie/Laparotomie zu sichern!
Kommt es bei inneren Hernien zur Inkarzeration, beträgt die Sterblichkeit nahezu 80%!
AMBOSS-Pflegewissen: Hernien
Spezielle präoperative Pflege
I.d.R. handelt es sich bei Hernien-OPs um geplante, elektive Operationen. Unter Umständen können diese ambulant erfolgen, wenn keine Risikofaktoren für einen komplizierten postoperativen Verlauf vorliegen (siehe auch: Voraussetzungen für ambulantes Operieren). Bei inkarzerierten Hernien ist eine Notfalloperation notwendig.
Spezielle präoperative Pflege
Siehe: AMBOSS-Pflegewissen: Präoperative Pflege
- Auf Zeichen der Inkarzeration einer Hernie beobachten: Ärztliches Personal über Symptome informieren und Schmerztherapie nach ärztlicher Anordnung durchführen, insb. nach manueller Reposition
- Bauchschmerzen
- Übelkeit/Erbrechen
- Wind- und/oder Stuhlverhalt
- Fieber
- Bei einer Zwerchfellhernie (zusätzlich) kardiopulmonale Symptome und gastroösophagealer Reflux möglich
- Siehe auch: Ileus - Symptome/Klinik
- Siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Ileus
- Präoperative Hygienemaßnahmen im OP-Gebiet: Es gelten die hausinternen Standards!
- Präoperative Nahrungskarenz und ggf. Abführmaßnahmen: Nach ärztlicher Anordnung und hausinternem Standard
Spezielle postoperative Pflege
Siehe: AMBOSS-Pflegewissen: Postoperative Pflege
Beobachten/Überwachen
- Schmerzen
- Stuhlgang
- Postoperative Hodenschwellung bei Männern
- Temperatur
- Postoperative Komplikationen
- Allgemeine chirurgische Komplikationen wie bspw. Blutungen, (chronische) Schmerzen, Wundinfektionen
- Darmverletzung
- Beeinträchtigte Hodendurchblutung
- Netzinfektionen nach intraoperativer Netzeinlage
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Mobilisation/Positionierung
- Positionierung
- Insb. nach Leisten- und Schenkelhernien-OP bei Männern: Ggf. Hodenhochlagerung
- Hodenbänkchen
- Unmittelbar postoperativ nach Leistenhernien-OP: Auflegen eines Sandsacks nach ärztlicher Anordnung zur Prophylaxe von Nachblutung und Serombildung
- Insb. nach Leisten- und Schenkelhernien-OP bei Männern: Ggf. Hodenhochlagerung
- Erstmobilisation: Nach ärztlicher Anordnung
- I.d.R. noch am OP-Tag
- Aufstehen über die Seite, aus dem Liegen zunächst ins Sitzen an der Bettkante
- Patient:in dreht sich im Bett zur Bettkante, über die er/sie aufstehen möchte
- Auf der Seite liegend wird der oben liegende, frei bewegliche Arm genutzt, um den Oberkörper von der Matratze weg in die sitzende Position zu drücken
- Die Beine sollten hier zeitgleich über die Bettkante geführt werden (wenn nötig, mit Unterstützung einer Pflegefachkraft), um eine fließende und schmerzarme Bewegung zu gewährleisten
Körperpflege/Prophylaxen
- Körperpflege: Bedarfsgerecht
- Prophylaxen: Bedarfsgerecht, insb.
Ernährung
- Kostaufbau nach ärztlicher Anordnung, i.d.R. noch am OP-Tag
Beratung
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- K42.- :Hernia umbilicalis
- Inklusive: Hernia paraumbilicalis
- Exklusive: Omphalozele (Q79.2)
- K42.0: Hernia umbilicalis mit Einklemmung, ohne Gangrän
- Hernia umbilicalis: inkarzeriert, irreponibel, stranguliert, Verschluss verursachend (jeweils ohne Gangrän)
- K42.1: Hernia umbilicalis mit Gangrän
- Hernia umbilicalis gangraenosa
- K42.9: Hernia umbilicalis ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Hernia umbilicalis o.n.A.
- K43.-: Hernia ventralis
- K43.0: Narbenhernie mit Einklemmung, ohne Gangrän
- Narbenhernie: inkarzeriert, irreponibel, stranguliert, Verschluss verursachend (jeweils ohne Gangrän)
- K43.1: Narbenhernie mit Gangrän
- K43.2: Narbenhernie ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Narbenhernie o.n.A.
- K43.3: Parastomale Hernie mit Einklemmung, ohne Gangrän
- Parastomale Hernie: inkarzeriert, irreponibel, stranguliert, Verschluss verursachend (jeweils ohne Gangrän)
- K43.4: Parastomale Hernie mit Gangrän
- K43.5: Parastomale Hernie ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Parastomale Hernie o.n.A.
- K43.6-: Sonstige und nicht näher bezeichnete Hernia ventralis mit Einklemmung, ohne Gangrän
- Jede unter K43.6- aufgeführte Hernie: inkarzeriert, irreponibel, stranguliert, Verschluss verursachend (jeweils ohne Gangrän)
- K43.60: Epigastrische Hernie mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K43.68: Sonstige Hernia ventralis mit Einklemmung, ohne Gangrän
- Hernie: hypogastrisch, Mittellinien-, Spieghel-, subxiphoidal
- K43.69: Nicht näher bezeichnete Hernia ventralis mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K43.7-: Sonstige und nicht näher bezeichnete Hernia ventralis mit Gangrän
- K43.9-: Sonstige und nicht näher bezeichnete Hernia ventralis ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- K43.90: Epigastrische Hernie ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- K43.98: Sonstige Hernia ventralis ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Hernie: hypogastrisch, Mittellinien-, Spieghel-, subxiphoidal
- K43.99: Nicht näher bezeichnete Hernia ventralis ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Hernia ventralis o.n.A.
- K43.0: Narbenhernie mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K45.-: Sonstige abdominale Hernien
- Inklusive: Hernia
- abdominalis, näher bezeichnete Lokalisation, andernorts nicht klassifiziert
- ischiadica
- lumbalis
- obturatoria
- pudendalis
- retroperitonealis
- K45.0: Sonstige näher bezeichnete abdominale Hernien mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K45.1: Sonstige näher bezeichnete abdominale Hernien mit Gangrän
- K45.8: Sonstige näher bezeichnete abdominale Hernien ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Inklusive: Hernia
- K46.-: Nicht näher bezeichnete abdominale Hernie
- Inklusive
- Enterozele
- Epiplozele
- Hernie:
- interstitiell
- intestinal
- intraabdominal
- o.n.A.
- Exklusive: Vaginale Enterozele (N81.5)
- K46.0: Nicht näher bezeichnete abdominale Hernie mit Einklemmung, ohne Gangrän
- K46.1: Nicht näher bezeichnete abdominale Hernie mit Gangrän
- K46.9: Nicht näher bezeichnete abdominale Hernie ohne Einklemmung und ohne Gangrän
- Abdominale Hernie o.n.A.
- Inklusive
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.