Zusammenfassung
Zu den Psychostimulanzien werden psychoaktive Substanzen mit unterschiedlicher chemischer Struktur zusammengefasst, die hauptsächlich sympathomimetisch wirken. Hauptvertreter sind das Amphetamin („Speed“), seine Derivate (z.B. „Ecstasy“), Methamphetamin („Crystal Meth“), Kokain und das Medikament Methylphenidat. Bei einer Intoxikation kann die sympathische Überstimulation u.a. zu Agitation, Herzrhythmusstörungen und epileptischen Anfällen führen. Insb. Kokain und Methamphetamin haben ein starkes Abhängigkeitspotenzial mit ausgeprägten Entzugssyndromen und Langzeitschäden. Im Folgenden werden primär die illegalen Substanzen beschrieben. Für Informationen zu Psychostimulanzien in der Pharmakotherapie siehe: ADHS - Therapie.
Übersicht
Übersicht der Psychostimulanzien | |
---|---|
Legale Substanzen | Illegale Substanzen |
|
|
Stimulanzien des Amphetamin-Typs
Epidemiologie [4]
Die starke Differenz zwischen Lebenszeit- und 12-Monats-Prävalenz bei Amphetamin und Ecstasy weist auf einen mehrheitlichen Probierkonsum hin.
- Amphetamin
- Lebenszeitprävalenz: 6,1%
- 12-Monats-Prävalenz: 1,4%
- Ecstasy/MDMA
- Lebenszeitprävalenz: 5,6%
- 12-Monats-Prävalenz: 1,0%
- Methamphetamin [5]
- Lebenszeitprävalenz: 1,2%
- 12-Monats-Prävalenz: 0,2%
Wirkstoffe
Zu den Stimulanzien des Amphetamin-Typs werden verschiedene Wirkstoffe gezählt, die sich durch eine sympathomimetische Hauptwirkung auszeichnen.
- Amphetamin
- Szenenamen: „Speed“, „Pep“
- Herstellungsform: I.d.R. als weißes Pulver
- Konsumformen: Oral oder intranasal, sehr selten intravenös
- Substanzen der Ecstasy-Gruppe: MDMA und seine Derivate (u.a. MDA, MDE und MBDB) [5]
- Herstellungsformen
- Kristalle
- Szenename: „Emma“
- Konsumformen: Oral
- Oft in Form von Tabletten (Ecstasy)
- Enthält neben MDMA teils auch andere Substanzen (bspw. Amphetamine, Koffein)
- Szenenamen: „Pille“, „Teil“, „Molly“, „Adam“
- Konsumformen: Oral oder (seltener) intranasal
- Kristalle
- Herstellungsformen
- Methamphetamin [6]
- Szenenamen: „Crystal“, „Crystal Meth“, „Ice“, „Pico“, „Crank“, „Yaba“, „Vint“, „Shishe“ oder „Pervitin“
- Herstellungsformen: I.d.R. als Kristalle oder als weißes Pulver
- Konsumformen: Oral, intranasal, inhalativ oder i.v.
- Pharmakokinetik
- Hohe Lipophilie
- Lange HWZ von >11 h
- Abbau: Langsam und unvollständig über die Leber
- Historische Verwendung
- Industrielle Herstellung in Deutschland ab den 1930ern (Handelsname: Pervitin®) zur
- Medizinischen Verwendung bei Asthma und Kreislaufschwäche
- Leistungssteigerung in der Militärmedizin, insb. im Zweiten Weltkrieg
- Weiterverwendung im deutschen Militär bis Ende der 1980er
- Steigende illegale Produktion in Mexiko, Bolivien und Ländern des ehemaligen Ostblocks seit den 1970ern
- Aktuell wichtigstes Herkunftsland: Tschechien [7]
- Industrielle Herstellung in Deutschland ab den 1930ern (Handelsname: Pervitin®) zur
Wirkungen und Nebenwirkungen
Zeitlicher Ablauf
- Amphetamin
- Wirkbeginn
- Intravenös: Wenige Sekunden
- Intranasal: Minuten
- Oral: Ca. 30 min
- Wirkdauer: 6–8 h
- Wirkbeginn
- Ecstasy/MDMA
- Wirkbeginn: 30 min nach oraler Einnahme
- Wirkdauer: 3–6 h
- Methamphetamin
- Wirkbeginn
- Inhalativ: Wenige Sekunden
- Intravenös: Wenige Sekunden
- Intranasal: Ca. 10 min
- Oral: Ca. 30 min
- Wirkdauer: Dosisabhängig zwischen 6 und 20 h
- Wirkbeginn
Wirkungen und Nebenwirkungen
Alle Substanzen zeigen ein sympathomimetisches Wirkprinzip mit vermehrter Ausschüttung und Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin . Substanzen der Ecstasy-Gruppe führen insb. auch zu einer vermehrten Serotoninausschüttung/-wirkung. [8]
Die Wirkung von Methamphetamin ist weitaus stärker und länger anhaltend als die von Amphetamin! Grund hierfür ist insb. seine hohe Lipophilie, wodurch die Blut-Hirn-Schranke rascher überwunden wird und zu höheren Konzentrationen im ZNS führt! [8]
Psychisch [6][7]
- (Starke) Euphorie
- Erhöhte Vigilanz und Konzentration
- Gesteigertes Selbstbewusstsein
- Appetitminderung
- (Starke) Libidosteigerung
- Logorrhö
- Vermindertes Schmerzempfinden
- Zusätzlich bei Ecstasy/MDMA
- Milde halluzinogene Wirkung
- Gesteigertes Berührungsempfinden bis hin zu Missempfindungen der Haut bei steigender Dosis
- Sedative und anxiolytische Effekte, entaktogene Wirkung [9]
- Siehe auch
MDMA besitzt dosisabhängig neben einer stimulierenden auch eine halluzinogene Wirkung. Daher wird es häufig auch einer eigenen Substanzklasse zugeordnet, den sog. Entaktogenen!
Körperlich [1][8]
- Allgemein, u.a.
- Mydriasis
- Erhöhung der Körpertemperatur mit vermehrtem Schwitzen
- Motorische Unruhe
- Trismus und Bruxismus
- Übelkeit, Erbrechen
- Elektrolytstörung
- Kardiovaskulär
- Pulmonal: Tachypnoe, Bronchodilatation
- Neurologisch
- Zusätzlich bei Ecstasy/MDMA: Gefahr eines
Psychiatrische Komplikationen [5]
Amphetamin/Methamphetamin
Psychiatrische Komplikationen des Amphetamin-/Methamphetaminkonsums [5] | ||||
---|---|---|---|---|
Auftreten | Dauer | Beschreibung | Medikamentöse Therapie | |
Expansiv-aggressiver Rauschverlauf (insb. bei Methamphetamin) |
|
|
|
|
Intoxikationspsychose |
|
|
| |
Induzierte Psychose |
|
|
|
Ecstasy/MDMA
Psychiatrische Komplikationen des MDMA-/Ecstasykonsums [5] | ||||
---|---|---|---|---|
Auftreten | Dauer | Beschreibung | Medikamentöse Therapie | |
Atypischer Rauschverlauf |
|
|
|
|
Intoxikationspsychose |
|
|
| |
Postintoxikationssyndrom |
|
|
|
|
Induzierte depressive und Angststörung |
|
|
| |
Induzierte Psychose |
|
|
|
|
Körperliche Langzeitschäden
Bei Methamphetamin sind die körperlichen Folgeschäden wesentlich ausgeprägter.
- Gewichtsverlust und Mangelernährung
- Neurotoxizität in serotonergen und dopaminergen Zielgebieten
- Immunschwäche
- Hautjucken/-entzündungen („Speedpickel“, „Crystal Akne“)
- Zahnschäden, Mundsoor und Karies
- Zyklusstörungen
- Organschäden
- Magen: Typ-C-Gastritis bis hin zur Magenperforation
- Herzkreislaufsystem
- Leber, Niere
- Bei intranasalem Konsum: Nasenschleimhautschädigungen
Vorgehen bei Intoxikation
Da bei der Intoxikation mit Psychostimulanzien Mischintoxikationen häufig sind, sollten sedierende Medikamente mit großer Vorsicht und unter engmaschiger Kontrolle verabreicht werden!
Therapie bei Amphetamin-Intoxikation [8]
- Allgemein
- Beruhigung, Reizabschirmung (häufig ausreichend!)
- Sicherung von Atemwegen und Vitalfunktionen
- Ggf. primäre Giftelimination: Magenspülung und Gabe von Aktivkohle
- Symptomatisch
-
Psychotische Symptomatik/Sedierung: Antipsychotikum, bspw. Haloperidol
- Ggf. zusätzlich : Benzodiazepine, bspw. Diazepam
- Bei Hypertonie/Vasospasmen: Calciumantagonisten und/oder Nitrate
- Bei epileptischen Anfällen: Anfallssuppressiva
- Ggf. Rehydrierung sowie Elektrolyt- und Azidoseausgleich (siehe auch: Therapie der Hyponatriämie)
- Ggf. kühlende Maßnahmen
-
Psychotische Symptomatik/Sedierung: Antipsychotikum, bspw. Haloperidol
Therapie bei Ecstasy/MDMA-Intoxikation [5][8]
- Allgemein
- Nur bei großen Konsummengen: Primäre Giftelimination (Magenspülung, Gabe von Aktivkohle)
- Nur bei diuretikaresistentem Nierenversagen: Sekundäre Giftelimination (Hämodialyse)
- Symptomatisch
- Bei ängstlich-agitierten und/oder psychotischen Verläufen: Benzodiazepine, bspw. Diazepam
- Bei Hypertonie: Calciumantagonisten
- Bei epileptischen Anfällen: Anfallssuppressiva
- Ggf. Rehydrierung sowie Elektrolyt- und Azidoseausgleich (siehe auch: Therapie der Hyponatriämie)
- Ggf. kühlende Maßnahmen
Die Gabe typischer Antipsychotika ist bei Ecstasy/MDMA-Intoxikation aufgrund von Hinweisen auf eine Exazerbation aversiver psychischer Rauschwirkungen nicht empfohlen. [5]
Die Gabe von Antidepressiva (insb. von SSRI) ist bei Ecstasy-Intoxikation aufgrund der Begünstigung eines lebensbedrohlichen Serotoninsyndroms kontraindiziert!
Therapie bei Methamphetamin-Intoxikation [7]
Bei ausgeprägter sympathoadrenerger Symptomatik ist oft eine intensivmedizinische Behandlung notwendig. Bei Eigen- und Fremdgefährdung hat hingegen die akutpsychiatrische Behandlung Vorrang, sofern keine unmittelbar behandlungsbedürftige somatische Komorbidität vorliegt.
Allgemein
- Engmaschige Überwachung mit Kontrolle von Vitalfunktionen
- Reizabschirmung, beruhigende Ansprache („Talking Down“), möglichst Begleitung durch konstante Bezugsperson
- Bei agitiertem und aggressivem Verhalten siehe: Vorgehen bei fremdaggressivem Verhalten - AMBOSS-SOP
- Mischintoxikationen im toxikologischen Screening beachten
Der Schweregrad einer Methamphetamin-Intoxikation lässt sich insb. am Ausmaß der Tachykardie und Hypertonie beurteilen!
Psychopharmakologische Therapieoptionen
- Zur Sedierung und bei epileptischen Anfällen: Schnellwirksame Benzodiazepine, z.B. Lorazepam , Diazepam oder Midazolam
- Ggf. zusätzlich Antipsychotika
- 1. Wahl: Atypische Antipsychotika Olanzapin oder Risperidon
- 2. Wahl: Typisches Antipsychotikum Haloperidol
Antipsychotika senken die Anfallsschwelle und können die Wahrscheinlichkeit eines epileptischen Anfalls erhöhen, weshalb eine Gabe so kurz und niedrig dosiert wie möglich erfolgen sollte!
Die Pharmakotherapie sollte nur begonnen werden, wenn sie unvermeidbar ist und währenddessen ein Monitoring durchgeführt werden kann! Es drohen insb. bei unklaren oder Mischintoxikationen medikamentös induzierte Komplikationen wie Atemdepression oder eine Verschlechterung der Bewusstseinslage!
Notfallmedizinische Therapie
Die Therapie erfolgt symptomorientiert inkl. Monitoring und Sicherung der Vitalparameter. Im Folgenden sind insb. für die Methamphetamin-Intoxikation besonders zu beachtende Punkte dargestellt. Weitere Informationen finden sich in den notfallmedizinischen Fachkapiteln.
- Narkoseeinleitung
- Einsatz nicht-depolarisierender Muskelrelaxanzien wie Rocuronium oder Vecuronium
- Depolarisierende Muskelrelaxanzien wie Succinylcholin sind kontraindiziert!
- Hyperthermie
- Externe Kühlung
- Bei >41 °C Körpertemperatur zusätzlich
- Gabe von Rocuronium oder Vecuronium
- Sicherstellen einer suffizienten Sedierungstiefe und Beatmung
- Ausreichende Volumensubstitution beachten
- Rhabdomyolyse: Volumensubstitution mit Ziel der Urinbildung von >2 mL/kgKG/h
Abhängigkeit
Diagnosekriterien
- Entsprechend den allgemeinen Kriterien
- Mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) unter Tipps & Links
Abhängigkeitspotenzial
Viele Amphetamin- und Ecstasy/MDMA-Konsumenten sind gesellschaftlich gut integrierte „Partykonsument:innen“ – es werden aber auch abhängige Verläufe beschrieben.
- Amphetamin
- Mittelstarkes Abhängigkeitspotenzial mit psychischen und körperlichen Entzugssymptomen
- Teils starker „Rebound-Effekt“ mit Abgeschlagenheit und depressiver Verstimmung bis hin zu Suizidalität
- Ecstasy/MDMA
- Niedrigeres Abhängigkeitspotenzial
- Keine körperliche, ggf. jedoch psychische Entzugssymptomatik möglich [8]
- Methamphetamin [6]
- Schnelle Toleranzentwicklung, hohes psychisches Abhängigkeitspotenzial
- Häufig ausgeprägte psychosoziale und körperliche Folgeschäden
Entzugssymptome
Bei Methamphetamin-Konsum zeigen sich Entzugssymptome stärker und langanhaltender (bis zu Monate) als bei Konsum von Amphetamin oder Ecstasy/MDMA.
- Psychisch
- Gereiztheit, Unruhe
- Hypersomnie, Schlafstörungen
- Antriebslosigkeit, Anhedonie
- Craving
- Depressivität (ggf. verbunden mit Suizidalität)
- Körperlich
- Bradykardie
- Körperliche Schwäche
- Gewichtszunahme
Therapie [5]
- Amphetamin
- Akutbehandlung (im Entzug)
- Ggf. Trizyklika oder Bupropion
- Bei psychotischen Verläufen: Benzodiazepine, Antipsychotika
- Postakutbehandlung
- Gute Evidenz: Verhaltenstherapeutische Interventionen, u.a.
- Geringe Evidenz: Bupropion, Imipramin (keine SSRIs!)
- Akutbehandlung (im Entzug)
- Ecstasy/MDMA: Keine spezifische Pharmakotherapie bekannt [8]
- Methamphetamin, siehe: Methamphetaminabhängigkeit
- Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten
Exkurs: Methamphetaminabhängigkeit
Der Konsum von Methamphetamin bewirkt eine schnelle Toleranzentwicklung mit hohem psychischen Abhängigkeitspotenzial. Es kommt oft zu einer raschen Dosissteigerung und die Abhängigkeit ist häufig mit ausgeprägten psychosozialen Folgeschäden wie beruflicher und sozialer Desintegration verbunden. [6]
Besonderheiten der Diagnostik
Anamnese
- Suchtanamnese
- Psychiatrische Folgeschäden/Komorbiditäten
- Sozialanamnese
- Impfstatus
Körperliche Untersuchung
- Komplette körperliche Untersuchung mit Fokus auf somatische Folgeschäden, z.B.
- Körpergewicht
- Beurteilungen von Hautexkoriationen und – bei i.v. Konsum – von Einstichstellen
- Beurteilung von Zahnstatus , Mund- und Nasenschleimhaut
- Hinweise auf Verletzungen durch körperliche Gewalt
- Zusätzlich bei Frauen: Gynäkologische Untersuchung
Kardiologische und pulmonologische Diagnostik
- Blutdruck- und Pulsmessung
- EKG
- TTE/TEE
- Röntgen-Thorax
Labordiagnostik
- Aufnahmelabor
- Blutbild
- CRP, ggf. PCT
- Leberwerte: ALT, AST, γGT
- TSH
- Ggf. weiteres toxikologisches Screening
- Hepatitis-A-, -B-, -C- und HIV-Serologie
- Zusätzlich bei Frauen: β-HCG
- Mikrobiologie
- Urinkultur und Urin-Stix
- Sputumkultur
Therapieangebote [7]
Das Angebot ambulanter, teilstationärer und stationärer Therapieformen für Methamphetaminabhängige ist breit. Die Auswahl der richtigen Maßnahme richtet sich u.a. nach Bedarf, Abstinenzmotivation und sozialem Umfeld der Patient:innen. I.d.R. wird eine stationäre, qualifizierte Entzugsbehandlung empfohlen.
- Ambulant: Selbsthilfe, szenenahe Angebote , ambulante medizinische Rehabilitationsmaßnahmen, Nachsorgeangebote, suchtzentrierte Psychotherapie, betreutes Einzelwohnen oder Wohngemeinschaften
- Stationär: Entgiftungsbehandlung, qualifizierte Entzugsbehandlung , medizinische Rehabilitationsmaßnahmen, Soziotherapien
- Psychotherapeutische Verfahren: Insb. psychoedukative und motivationale Methoden empfohlen
- Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten
Medikamentöse Therapieoptionen des Entzugssyndroms [7]
- Antidepressiva
- Starke psychomotorische Unruhe oder Schlafstörungen: Sedierendes Antidepressivum, z.B. Amitriptylin
- Depression, Angst oder starke Hypersomnie, Abgeschlagenheit: Antriebssteigerndes Antidepressivum, z.B. Bupropion
- Antipsychotika: Zur Behandlung einer Methamphetamin-induzierten Psychose: Atypisches Antipsychotikum, z.B. Risperidon
- Benzodiazepine: Zur Sedierung bei Eigen- und Fremdgefährdung oder bei Methamphetamin-induzierter Psychose intermittierend als Ergänzung zu einem Antipsychotikum, z.B. Lorazepam
- Stimulanz Dexamphetamin Retardpräparat
- Experimenteller Einsatz bei stationärer Entzugsbehandlung im Einzelfall, wenn Patient:innen mehrere erfolglose Abhängigkeitsbehandlungen hinter sich haben
- Nur unter sehr vorsichtiger, individueller Dosistitration
- Absetzen mit Ausschleichschema nach max. dreiwöchiger Anwendung
- Keine Anwendung im ambulanten Setting
- Acetylcystein: Experimenteller Einsatz bei starkem Craving [10]
Bei Gabe von Antipsychotika im Rahmen eines Methamphetamin-Entzugssyndroms ist eine Reevaluation und ggf. ein Ausschleichen nach sechs Monaten empfohlen. Besteht die psychotische Symptomatik nach sechsmonatiger Therapie weiter, so muss differenzialdiagnostisch an eine zugrunde liegende Schizophrenie gedacht werden!
Aufgrund ihres Abhängigkeitspotenzials sind Benzodiazepine zurückhaltend und nur zeitlich begrenzt einzusetzen!
Rechtsmedizinischer Nachweis
Amphetamine - Rechtsmedizinischer Nachweis | ||
---|---|---|
Serum | Urin | |
Amphetamin | Ca. 8–34 h | 1–4 d |
MDMA/Ecstasy | Ca. 24 h | 1–4 d |
Methamphetamin | Ca. 24 h | 1–7 d |
Hier handelt es sich um ungefähre Angaben, da die genauen Werte individuell und je nach Konsummenge und -frequenz schwanken!
Kokain
Epidemiologie
- Prävalenz von Abhängigkeit [11]
- Gesamt: 0,2%
- In der Altersgruppe 18–29 Jahre: 1%
- Jahresprävalenz des Kokainkonsums
- Jahresprävalenz Gesamtbevölkerung: 0,8% [11]
- Lebenszeitprävalenz des Kokainkonsums
- Gesamtbevölkerung (18–64-Jährige): 3,8% [12]
- Junge Erwachsene in Großstädten: 5–10% [6]
Herstellungs- und Konsumformen
- Gewinnung
- Aus Blättern des Kokastrauches
- Verarbeitung der Kokablätter zu einer Paste
- Gewinnung von Kokainchlorid aus der Paste (entspricht der Pulverform)
- Herstellungsformen
- Konsumformen
Pharmakokinetik
- Bioverfügbarkeit
- i.v. Konsum: 100%
- Andere Konsumformen: Ca. 25%
- Wirkdauer
- Oraler Konsum: Ca. 60 min
- Intranasaler Konsum: Ca. 30 min
- Inhalativer und i.v. Konsum: Ca. 10 min
- Verteilung: Durchdringen der Blut-Hirn-Schranke, dort kurzzeitige Kumulation, dann Verteilung in andere Gewebe
- Wirkmechanismus: Wiederaufnahmehemmung von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin → Dopamin↑ im mesolimbischen Belohnungssystem und daraus resultierende sympathomimetische Wirkung
- Abbau: Im Blutplasma und hepatisch
Wirkungen und Nebenwirkungen
Wirkungen
Kokain wirkt sympathomimetisch. Viele Symptome entsprechen der „Fight-or-Flight“-Reaktion.
- Körperliche Wirkungen
- Kardiovaskulär: Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck, Vasokonstriktion
- Respiratorisch: Tachypnoe, Bronchodilatation
- Weitere: Mydriasis, Anstieg der Körpertemperatur, motorische Unruhe, Appetitlosigkeit
- Psychische Wirkungen
Besonderheiten der Kokainwirkung [6]
- Phasen des Kokainrauschs
- Frühes Rauschstadium
- Klinik: Positiv empfundene Rauschwirkungen, insb. hohes Selbstbewusstsein und starke Euphorie
- Dauer: Sekunden bis wenige Minuten
- Umkehr der psychischen Symptomatik
- Klinik: Noch leicht gehobene Stimmung, gemischt mit ängstlich-paranoiden Gefühlen
- Dauer: 1–2 Stunden
- Abklingender Rausch
- Klinik: Ausgeprägter Angstzustand, Dysphorie, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, bei chronischen Konsumenten häufig verbunden mit Suizidgedanken und ausgeprägtem paranoidem Wahn
- Dauer: z.T. mehrere Stunden anhaltend
- Frühes Rauschstadium
- Sensibilisierung: Zunahme der stimulierenden Wirkung bei regelmäßigem Konsum
Nebenwirkungen
Akute Nebenwirkungen
- Körperlich
- Herzrhythmusstörungen und Myokardinfarkt
- Maligne Hyperthermie
- Tachypnoe bis zum Atemstillstand
- Neurologisch: Tremor, Ataxie, Schlaganfälle, epileptische Anfälle
- Psychisch
Langzeitschäden
- Körperlich
- U.a. Gewichtsverlust, Immunsuppression, toxische Leberschädigung
- Applikationsabhängige Schäden
- Intranasale Anwendung: Nasenschleimhautentzündung, Nekrotisierung im Nasopharyngealbereich , Anosmie
- i.v. Anwendung: Allgemeine Risiken des i.v. Drogenkonsums wie bspw. bakterielle Endokarditis, lokale Abszesse, i.v. übertragbare Erkrankungen wie Hepatitis B und C, HIV
- Neurologisch/Psychiatrisch
- Chronische Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen
- Vielfältige psychiatrische Störungsbilder
Vorgehen bei Intoxikation
Leitlinienempfehlungen gibt es nur für die Behandlung des hypertensiven Notfalls im Rahmen einer Kokainintoxikation. Andere Komplikationen sollten daher symptomorientiert und zurückhaltend behandelt werden. Im Vordergrund stehen supportive Maßnahmen.
- Allgemeine Therapiemaßnahmen
- Engmaschige Überwachung mit Kontrolle von Vitalfunktionen
- Ggf. Rehydrierung und Elektrolytausgleich
- Bei Hyperthermie: Physikalische Maßnahmen , Beruhigung und sedierende Maßnahmen
- Ggf. Therapie von Mischintoxikationen
- Beruhigende Ansprache („Talking Down“)
- Medikamentöse Therapieoptionen
- Agitation/Psychomotorische Unruhe/Panikattacken: Diazepam
- Psychotische Symptomatik: Haloperidol
- Epileptische Anfälle: Diazepam
-
Hypertensiver Notfall [13]
- Initial: Sedierung mit einem Benzodiazepin, bspw. Midazolam i.v.
- Wenn zusätzlich eine antihypertensive Therapie erforderlich ist: Clonidin i.v. oder Nitroprussid i.v.
- Umstritten: Betablocker [14][15]
Auch die Hypertonie und Tachykardie normalisieren sich i.d.R. bei ausreichender Sedierung mit Benzodiazepinen!
Abhängigkeit
Diagnosekriterien
- Entsprechend den allgemeinen Kriterien
- Mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) unter Tipps & Links
Entzugssymptome
- Dauer
- Gipfel in den ersten 4 d der Abstinenz
- Ausgeprägtes Craving noch nach Monaten
- Körperlich: Eher unspezifisch und schwach ausgeprägt
- Psychisch
- Starkes Craving
- Ängste, Depression , Antriebslosigkeit
- Insomnie oder vermehrtes Schlafbedürfnis
- Psychomotorische Verlangsamung oder Unruhe
- Albträume
Therapie der Kokainabhängigkeit
- Therapieangebote
- Ambulante, teilstationäre und stationäre Entzugs- und Entwöhnungstherapien verfügbar
- Selbsthilfegruppen
- Medikamentöse Therapieoptionen des Kokainentzugssyndroms
- Starke depressive Verstimmung und Craving: Trizyklische Antidepressiva
- Agitation/Psychomotorische Unruhe: Benzodiazepine
- Psychoseartige Zustände: Antipsychotika
- Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten
Rechtsmedizinischer Nachweis
AMBOSS-Podcast zum Thema
Medizinisches Engagement: Hinschauen und Handeln (November 2023)
Interesse an noch mehr Medizinwissen zum Hören? Abonniere jetzt den AMBOSS-Podcast über deinen Podcast-Anbieter oder den Link am Seitenende unter „Tipps & Links“.
Studientelegramme zum Thema
- One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)
- One-Minute Telegram 115-2025-1/3: Morning coffee: think fast, live long!
Hast du Interesse an regelmäßigen Updates zu aktuellen Studien aus dem Bereich der Inneren Medizin? Dann abonniere das Studien-Telegramm! Den Link zur Anmeldung sowie zu weiteren spannenden AMBOSS-Formaten findest du am Seitenende unter „Tipps & Links“.
Meditricks
In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.
Kaffee und Koffein
Methylphenidat
Amphetamine: Speed & Crystal Meth
Kokain (und Crack)
MDMA (Ecstasy-Gruppe)
Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
F14.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain
- F14.0: Akute Intoxikation [akuter Rausch]
- Rausch o.n.A.
- Trance und Besessenheitszustände bei Intoxikation mit psychotropen Substanzen
- „Horrortrip“ (Angstreise) bei halluzinogenen Substanzen
- Exklusive: Intoxikation im Sinne einer Vergiftung (T36-T50)
- F14.1: Schädlicher Gebrauch
- F14.2: Abhängigkeitssyndrom
- Nicht näher bezeichnete Drogensucht
- F14.3: Entzugssyndrom
- F14.4: Entzugssyndrom mit Delir
- F14.5: Psychotische Störung
- Exklusive: Durch Alkohol oder psychoaktive Substanzen bedingter Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F10-F19, vierte Stelle .7)
- F14.6: Amnestisches Syndrom
- Alkohol- oder substanzbedingte amnestische Störung
- Durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingte Korsakow-Psychose
- Nicht näher bezeichnetes Korsakow-Syndrom
- Exklusive: Nicht substanzbedingte(s) Korsakow-Psychose oder -Syndrom (F04)
- F14.7: Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
- Demenz und andere leichtere Formen anhaltender Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten
- Nachhallzustände (Flashbacks)
- Posthalluzinogene Wahrnehmungsstörung
- Residuale affektive Störung
- Residuale Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens
- Verzögert auftretende psychotische Störung durch psychotrope Substanzen bedingt
- Exklusive: Alkohol- oder substanzbedingt:
- Korsakow-Syndrom (F10-F19, vierte Stelle .6)
- Psychotischer Zustand (F10-F19, vierte Stelle .5)
- F14.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
- F14.9: Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
F15.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulanzien, einschließlich Koffein
- F15.0: Akute Intoxikation [akuter Rausch]
- Rausch o.n.A.
- Trance und Besessenheitszustände bei Intoxikation mit psychotropen Substanzen
- „Horrortrip“ (Angstreise) bei halluzinogenen Substanzen
- Exklusive: Intoxikation im Sinne einer Vergiftung (T36-T50)
- F15.1: Schädlicher Gebrauch
- F15.2: Abhängigkeitssyndrom
- Nicht näher bezeichnete Drogensucht
- F15.3: Entzugssyndrom
- F15.4: Entzugssyndrom mit Delir
- F15.5: Psychotische Störung
- Exklusive: Durch Alkohol oder psychoaktive Substanzen bedingter Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F10-F19, vierte Stelle .7)
- F15.6: Amnestisches Syndrom
- Alkohol- oder substanzbedingte amnestische Störung
- Durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingte Korsakow-Psychose
- Nicht näher bezeichnetes Korsakow-Syndrom
- Exklusive: Nicht substanzbedingte(s) Korsakow-Psychose oder -Syndrom (F04)
- F15.7: Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
- Demenz und andere leichtere Formen anhaltender Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten
- Nachhallzustände (Flashbacks)
- Posthalluzinogene Wahrnehmungsstörung
- Residuale affektive Störung
- Residuale Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens
- Verzögert auftretende psychotische Störung durch psychotrope Substanzen bedingt
- Exklusive: Alkohol- oder substanzbedingt:
- Korsakow-Syndrom (F10-F19, vierte Stelle .6)
- Psychotischer Zustand (F10-F19, vierte Stelle .5)
- F15.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
- F15.9: Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
T40.-: Vergiftung durch Betäubungsmittel und Psychodysleptika [Halluzinogene]
- Exklusive: Intoxikation im Sinne von Rausch (F10-F19)
- T40.5: Kokain
T43.-: Vergiftung durch psychotrope Substanzen, anderenorts nicht klassifiziert
- Exklusive
- Appetitzügler (T50.5)
- Barbiturate (T42.3)
- Benzodiazepine (T42.4)
- Intoxikation im Sinne von Rausch (F10-F19)
- Methaqualon (T42.6)
- Psychodysleptika [Halluzinogene] (T40.7-T40.9)
- T43.6: Psychostimulanzien mit Missbrauchspotenzial
- T43.8: Sonstige psychotrope Substanzen, anderenorts nicht klassifiziert
- T43.9: Psychotrope Substanz, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.