Zusammenfassung
Der Typhus/Paratyphus ist eine Erkrankung, die durch Salmonella enterica Serovar Typhi oder Paratyphi auf fäkal-oralem Wege übertragen wird. Die Krankheit kann Tage, aber auch Monate nach Übertragung ausbrechen (Inkubationszeit 3–60 Tage). Im Stadium I (Stadium incrementi) sind zunächst ein langsamer Fieberanstieg und eine Obstipation(!) typisch. Im Stadium II (Stadium fastigii) dominieren dann die Typhus-charakteristischen Symptome: Kontinua-Fieber, Roseolen auf der Bauchhaut, relative Bradykardie, Benommenheit und erbsbreiartige Stühle. Im Blutbild sind eine Leukopenie und eine absolute Eosinopenie auffällig. Stadium III (Stadium decrementi) geht mit dem Abklingen der Symptome einher. Die Diagnosesicherung gelingt i.d.R. durch einen direkten Erregernachweis aus Blut- und Stuhlkulturen. Behandlungsmethode der Wahl ist die antibiotische Therapie mit Fluorchinolonen (z.B. Ciprofloxacin) über mind. zwei Wochen. Etwa 5% der Erkrankten werden nach Abklingen der Symptome zu infektiösen Salmonellen-Dauerausscheidern.
Epidemiologie
- Weltweit ca. 22 Mio. Fälle pro Jahr
- Hauptsächlich in Gebieten des globalen Südens (Afrika, Südamerika, Südostasien)
- In Deutschland ca. 50–100 Fälle pro Jahr
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Erreger
- Salmonella enterica Serovar Typhi ist der Erreger des Typhus
- Salmonella enterica Serovar Paratyphi ist der Erreger des Paratyphus
- Gramnegative Stäbchen, fakultativ anaerob, peritrich begeißelt
Infektionsweg
- Direkte Infektion: Mensch zu Mensch, häufig über Salmonellen-Dauerausscheider
- Indirekte Infektion: Fäkal-oral → Kontaminierte Lebensmittel und verunreinigtes Wasser (nicht getrennte Trinkwasser- und Abwassersysteme)
Der Mensch ist das Haupterregerreservoir für Salmonella enterica Serovar Typhi!
Pathophysiologie
Infektionszyklus
- Orale Aufnahme: Die für eine Infektion notwendige Erreger-Anzahl beträgt durchschnittlich 105 (Infektionsdosis)
- Einwanderung durch M-Zellen in die Peyer-Plaques
-
Infektion der Makrophagen → Septikämie → Systemerkrankung
- In den Peyer-Plaques infiziert der Erreger Makrophagen und gelangt so in die Organe des retikuloendothelialen Systems (u.a. Lymphknoten, Leber, Milz, Knochenmark) → Unspezifische Allgemeinsymptome
- Weitere Vermehrung des Erregers → Apoptose der infizierten Makrophagen induziert → Erreger erreicht über Blutbahn prinzipiell alle anderen Organe (septische Streuung)
- Über die Gallenblase werden die Erreger erneut in den Verdauungstrakt abgegeben, wo sie entweder ausgeschieden oder erneut in die Peyer-Plaques aufgenommen werden (Rezirkulation)
- Die Typhus-Erreger enthalten zudem Endotoxine, die für die ZNS-Symptomatik (Somnolenz, Koma) verantwortlich sein sollen
Die Typhus-Erreger sind häufig nicht im Stuhl nachzuweisen. Sie befinden sich im Lymphsystem oder aber in der Blutbahn!
Symptomatik
Inkubationszeit
- 3–60 Tage, i.d.R. 1–3 Wochen
Stadienabhängige Symptome
Die Infektion mit Salmonella enterica Serovar Paratyphi verläuft zumeist milder als eine S. Typhi-Infektion. Interessanterweise ist bei einem Typhus das Auftreten von Durchfall nicht typisch. Häufiger kommt es im Rahmen der Infektion zunächst durch Schwellung der Peyer-Plaques im Ileum zu Obstipation und Subileus-Bildern. Erst nach Generalisierung des Erregers stellen sich die übelriechenden, erbsbreiartigen Diarrhöen ein. Der Typhus ist somit nicht mit anderen Gastroenteritiden vergleichbar, die bspw. durch Toxinwirkung oder Adhäsion am Epithel Schaden anrichten.
Typhus ist keine Durchfallerkrankung, sondern eine Systemerkrankung!
Stadium incrementi (von lat. incrementum = „Anstieg“)
- Erste Krankheitswoche
- Langsam stufenweise steigendes Fieber
- Unspezifische Bauch- und Kopfschmerzen
- Initial Obstipation
- ZNS-Symptome (Somnolenz, Koma)
Bei unklarem Fieber über Tage und Reiseanamnese muss stets auch an einen Typhus gedacht werden!
Stadium fastigii (von lat. fastigium = „Spitze, Gipfel“)
- 2. und 3. Krankheitswoche
- Kontinua-Fieber (Tagesschwankungen ≤1 °C, Temp. immer über 38 °C): Das Typhus-Kontinua-Fieber spricht nur gering auf Antipyretika an und geht i.d.R. nicht mit Schüttelfrost einher!
- Relative Bradykardie
- Roseolen: Bei 30% der Fälle kommt es zu den auf der Bauch- und Brusthaut (meist periumbilikal) lokalisierten, kleinfleckigen, roten Exanthemen
- Typhus-Zunge
- Unspezifische Bauchschmerzen
- Splenomegalie
- Erbsbreiartige Stühle (aufgrund blutig-eitriger Nekrotisierung der Peyer-Plaques)
- Gefahr der Exsikkose aufgrund der Diarrhö
- ZNS-Symptome: Bewusstseinseintrübungen, Somnolenz
Stadium decrementi (von lat. decrementum = „Abnahme“)
- Langsames Abklingen der Symptome
Die Erreger sind oftmals noch im Stuhl, aber nicht mehr im Blut nachweisbar!
Diagnostik
- Blutkulturen: Bakteriämie insb. zu Beginn der Erkrankung (Stadium incrementi)
- Stuhlkulturen: Positiv erst ab der 2.–3. Erkrankungswoche
- Serologie mit AK-Nachweis: Erhöhte Titer erst zu Beginn der 3. Erkrankungswoche (Nachweis ab der 2. Woche möglich)
- Blutbild
- Leukopenie
- Absolute Eosinopenie
- Relative Lymphozytose
Zu Beginn der Erkrankung ist die Blutkultur das entscheidende diagnostische Instrument, Stuhlkulturen sind erst nach 2–3 Wochen positiv!
Therapie
- Antibiotische Therapie
- Erwachsene
- 1. Wahl: Fluorchinolon (z.B. Ciprofloxacin )
- Alternative: Cephalosporin der 3. Generation (z.B. Ceftriaxon )
- Kinder und Jugendliche [1]
- Leichter Verlauf: Azithromycin (pädiatrisch)
- Schwerer Verlauf: Ceftriaxon (pädiatrisch)
- Erwachsene
- Anpassung der Antibiotikatherapie nach Antibiogramm
Aufgrund der zunehmenden Resistenzen gegen Fluorchinolone werden inzwischen vermehrt Cephalosporine in der Therapie eingesetzt!
Der Typhus/Paratyphus ist eine Systemerkrankung, die antibiotisch behandelt werden muss!
Komplikationen
- Gastroenterologisch: Darmblutung und Darmperforation
- Systemisch: Die Typhuserreger können theoretisch jedes Organ befallen und damit u.a. zu Meningitis, Myokarditis und Nierenversagen führen
Salmonellen-Dauerausscheider
Ein Typhus-Dauerausscheider ist eine Person, die noch 10 Wochen nach einer Infektion (auch bei asymptomatischen Verläufen) Salmonella-Typhi-Erreger ausscheidet. Auch bei der Infektion mit Salmonella enteritidis kann die Person einen Dauerausscheider-Status entwickeln.
- Definition: >10 Wochen nach Erkrankung weiterhin positive Stuhlkulturen
- Häufigkeit: Bis zu 5% der Typhus-Erkrankten werden zu Dauerausscheidern
- Sanierung von Dauerausscheidern: Ciprofloxacin (Fluorchinolon) für 4 Wochen
- Alternative: Ceftriaxon für 2 Wochen
- Folgen
- Dauerausscheider dürfen nicht in der Lebensmittel-Branche arbeiten
- Erhöhtes Risiko für Gallengangskarzinome
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Prävention
Typhus-Impfung [2][3][4]
- Indikation: Keine generelle Impfempfehlung
- Reiseimpfung [5]
- Aufenthalt in Süd- und Zentralasien
- Aufenthalte in Endemiegebieten bei erhöhtem Expositionsrisiko
- Regionen: Länder des Globalen Südens (Hochinzidenzgebiete: Süd- und Zentralasien)
- Weitere reisemedizinische Empfehlungen siehe DTG-Reiseimpfungen-Typhus
- Reiseimpfung [5]
- Impfstoffe
- Totimpfstoff zur intramuskulären (oder subkutanen) Applikation
- Lebendimpfstoff zur Schluckimpfung
- Details und Impfschema: Siehe Typhus-Impfstoffe
Eine durchgemachte Erkrankung bietet keine lebenslange Immunität!
Meldepflicht
- Arztmeldepflicht
- Nach § 6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod
- Nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen) ): Namentliche Arztmeldepflicht zusätzlich bei Ausscheidern
- Labormeldepflicht
- Nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei allen direkten Nachweisen
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Typhus
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
A01.-: Typhus abdominalis und Paratyphus
- A01.0: Typhus abdominalis
- Infektion durch Salmonella typhi
- Typhoides Fieber
- A01.1: Paratyphus A
- A01.2: Paratyphus B
- A01.3: Paratyphus C
- A01.4: Paratyphus, nicht näher bezeichnet
- Infektion durch Salmonella paratyphi o.n.A.
Erkrankungen bei anderenorts klassifizierter Typhus- oder Paratyphus-Infektion
- G01*: Meningitis bei anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten
- Inklusive: Meningitis (bei) (durch):
- Typhus abdominalis (A01.0†)
- Anthrax [Milzbrand] (A22.8†), Gonokokken (A54.8†), Leptospirose (A27.-†), Listerien (A32.1†), Lyme-Krankheit (A69.2†), Meningokokken (A39.0†), Neurosyphilis (A52.1†), Salmonelleninfektion (A02.2†), Syphilis: konnatal (A50.4†), sekundär (A51.4†), tuberkulös (A17.0†)
- Exklusive: Meningoenzephalitis und Meningomyelitis bei anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten (G05.0*)
- Inklusive: Meningitis (bei) (durch):
- I39.-*: Endokarditis und Herzklappenkrankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- Inklusive: Endokardbeteiligung bei:
- Typhus abdominalis (A01.0†)
- Candida-Infektion (B37.6†), chronischer Polyarthritis (M05.3-†), Gonokokken-Infektion (A54.8†), Meningokokken-Infektion (A39.5†), Syphilis (A52.0†), systemischem Lupus erythematodes [Libman-Sacks-Endokarditis] (M32.1†), Tuberkulose (A18.8†)
- I39.0*: Mitralklappenkrankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- I39.1*: Aortenklappenkrankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- I39.2*: Trikuspidalklappenkrankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- I39.3*: Pulmonalklappenkrankheiten bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- I39.4*: Krankheiten mehrerer Herzklappen bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- I39.8*: Endokarditis bei anderenorts klassifizierten Krankheiten, Herzklappe nicht näher bezeichnet
- Inklusive: Endokardbeteiligung bei:
- J17.-*: Pneumonie bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- J17.0*: Pneumonie bei anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten
-
Pneumonie (durch) (bei):
- Typhus abdominalis (A01.0†)
- Aktinomykose (A42.0†), Gonorrhoe (A54.8†), Keuchhusten (A37.-†), Milzbrand (A22.1†), Nokardiose (A43.0†), Salmonelleninfektion (A02.2†), Tularämie (A21.2†)
-
Pneumonie (durch) (bei):
- J17.0*: Pneumonie bei anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten
- M01.-*: Direkte Gelenkinfektionen bei anderenorts klassifizierten infektiösen und parasitären Krankheiten
- Exklusive: Arthritis bei Sarkoidose (M14.8*), Postinfektiöse und reaktive Arthritis (M03.-*)
- M01.3-*: Arthritis bei sonstigen anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten
Sonstiges
- Z22.-: Keimträger von Infektionskrankheiten
- Inklusive: Verdachtsfälle
- Z22.0: Keimträger von Typhus abdominalis
- Z27.-: Notwendigkeit der Impfung [Immunisierung] gegen Kombinationen von Infektionskrankheiten
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.